E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Saller Und Hedi springt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3726-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Vom Bauhaus-Bestseller-Autor Tom Saller!
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3726-5
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Saller, geboren 1967, hat Medizin studiert und arbeitet als Psychotherapeut. 2018 erschien sein Debütroman Wenn Martha tanzt rund ums Bauhaus und wurde umgehend ein großer Erfolg. Und Hedi springt ist sein fünfter Roman. Tom Saller lebt in Wipperfürth, einer kleinen Stadt im Bergischen Land.
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Zwei Seelen
Hans ist Nationalsozialist. Gestrandeter Nationalsozialist. Und Soldat. Im Unterschied zu Hedi und den übrigen Flüchtlingen lebt er schon länger im Lager.
»Ich habe mich bei einer Übung verletzt«, erklärt er, »bin lange Zeit nicht transportfähig gewesen. Glück im Unglück, wenn du so willst, denn so bin ich nicht an die Ostfront verlegt worden. Stattdessen sind wir beide uns begegnet.«
Hedi, die Unberührte, die Unbefleckte, die im wie Männer und Frauen miteinander umgehen maximal Unerfahrene. Sie betrachtet ihn ein wenig zerstreut.
Wie immer geschieht es ohne ihr Dazutun, ist einfach da. Als stände sie auf einem Berggipfel, und plötzlich lichtete sich der Nebel, sodass man weit in die Landschaft blicken kann, liegen Hans’ Gedanken klar vor ihr. Allerdings ist sie unsicher, ob ihr gefällt, was sie sieht.
Lange, heiße Sommertage. Eine sanfte Brise weht vom Meer. Die Menschen genießen die Wärme, die laue Luft. Eine winzige Atempause nach sechs Jahren Grauen und Tod.
Sie sitzen im Sand, mit Blick auf die Nordsee. Die Dämmerung senkt sich herab. Es scheint, als wären sie die einzigen Menschen auf der Welt. Hans schnitzt an einem Stück Treibholz.
»Trägst du den Dolch immer bei dir?«, fragt Hedi, den Blick auf die scharfe Klinge gerichtet.
Hans nickt. »Ehrensache. Hab ihn bei der Aufnahme in die Schutzstaffel verliehen bekommen. Wie die Uniform ist er Verpflichtung und Auszeichnung zugleich. Ich trenne mich nie von ihm.«
»Du trägst keine Uniform«, sagt sie.
Hans grinst. Er zeigt nach vorn. »Da liegt sie, mit Steinen beschwert auf dem Meeresgrund. Seit Kurzem bin ich Zivilist, selbst ernannter«, fügt er hinzu.
»Den Dolch behältst du, und die Uniform entsorgst du?«
»Das verstehst du nicht«, antwortet Hans, mit einem Mal missmutig. Er wirft das Holzstück beiseite und verstaut den Dolch in seiner Umhängetasche. Er zieht einen kleinen Packen rechteckig geschnittenen Zeitungspapiers hervor, außerdem einen Beutel mit getrockneten Brombeerblättern. Innerhalb weniger Sekunden ist die Selbstgedrehte fertig. Ein Feuerzeug schnappt auf. Für einen Moment liegen Hans’ Züge im orangen Schein der Flamme. Er raucht schweigend. Schließlich fragt er: »Mal ziehen?«
Hedi schüttelt den Kopf.
Stumm raucht Hans weiter, die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. Als die Glut heruntergebrannt ist, drückt er den Stummel im Sand aus. Es ist dunkel geworden, das Meer eine bleifarbene Fläche. Einzig wenn ein Wellenkamm bricht, blitzt am Rand eine Schaumkrone auf, bevor die Woge schließlich träge am Strand ausläuft. Mit der einen Hand berührt Hans Hedis Taille, mit der anderen umfasst er ihren Nacken. Er beugt sich hinüber und küsst sie.
Nach wie vor weiß Hedi nicht, ob ihr gefällt, was sie bei Hans gesehen hat und was jetzt seinen Lauf nimmt.
Vielleicht hat es mit dem Tod zu tun, dem allgegenwärtigen der zurückliegenden Jahre. Und mit dem Überleben. So seltsam, so zufällig. Ein fragwürdiges Geschenk.
Der Wind frischt auf. Hedi zieht die Strickjacke vorn zusammen. Vermutlich ist Hans nicht besser oder schlechter als andere Männer, denkt sie, aber wenigstens da. Zögernd erwidert sie seinen Kuss. Ein Akt der Sehnsucht, des Schmerzes, des Verlorenseins. Ringsum undurchdringliche Schwärze, die Sterne weit entfernt. Hedi, die Unberührte, die Unbefleckte und die bald darauf nicht nur Geküsste.
»Muss ich mich jetzt schlecht fühlen?«, fragt sie hinterher.
»Nein«, antwortet Hans, »im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.«
Sie schlafen nicht noch einmal miteinander. Nicht, dass Hans es nicht versucht hätte. Aber Hedi hat ihn abgewiesen, ist sich unsicher, hat über seine Worte nachgedacht. Auch im Krieg ist nicht alles erlaubt. Was ist also mit der Liebe?
Nicht lange danach übergibt sie sich. Jeden Morgen. Der Arzt im Lazarett ist ihr nicht sonderlich sympathisch gewesen. Zu männlich. Mit manchen Dingen wendet man sich ohnehin besser an eine Frau. In dem Fall an die alte Frau, halb Deutsche, halb Georgierin, an die sich alle wenden. Die Alte legt ihr die Hände auf den Bauch, tastet sie ab. Sie schließt die Augen, hält inne. Für einen Moment wirkt es, als wäre sie da und gleichzeitig weit entfernt. Lauschte nicht nur in Hedis Körper, sondern dem Leben selbst.
, sagt sie schließlich, »schwanger. In meiner Sprache bedeutet das .«
Nach der Untersuchung geht Hedi zurück zu ihrer Unterkunft. Sie lebt nicht wie die anderen in einer der Baracken, hat sich stattdessen auf dem Gelände einen kleinen Verschlag, ehemals ein Stall, hergerichtet. Die Luft im Inneren ist stickig, die Sonne brennt auf die ungehobelten Bretterwände. Immer noch stinkt es nach Hühnerkot. Trotzdem – Hauptsache, sie ist allein. Sie legt sich auf das Feldbett, ein Fundstück aus einem Lagerraum voller ausrangierter Möbel.
Martha hat nie mit ihr über diese Dinge gesprochen, ein einziges Mal mit seltsam verlegener Miene erklärt, sie selbst sei schon vor der Hochzeit in anderen Umständen gewesen. Deutlich vorher. Es scheint, als habe sie sich verschluckt.
»Genau genommen bist du schon auf der Welt gewesen«, sagt sie und räuspert sich heftig. »Deshalb trägst du meinen Namen, Wetzlaff, und nicht den von Johann, Styp.«
Hedi ist die Situation peinlich gewesen. Wie es allen jungen Menschen peinlich ist, wenn ihre Eltern mit ihnen über … reden. Sie fragt nicht nach. Und bleibt ohne Wissen.
Wie es funktioniert.
Oder auch nicht.
Oder eben doch.
»Ich bin schwanger«, sagt Hedi.
»Schwanger«, erwidert Hans zurückhaltend, »bist du sicher?«
Hedi nickt. Manchmal empfindet sie Sprache als Geschenk. An anderen Tagen kommt sie ihr recht überflüssig vor.
Im gleichen Maß, wie sich ihr Bauch rundet, wird Hans’ Gesicht länger. Und nachdenklicher. Erstmals erkundigt er sich nach ihrer Familie. Bislang hat sie ihn nicht interessiert, ihre Familie. Es war einfacher so: nur Hedi und er.
»Wo sind sie alle?«, will er wissen.
»Nicht mehr da«, antwortet Hedi und senkt den Kopf. »Bevor wir uns begegnet sind, habe ich Kontakt zum aufgenommen. Das Haus meiner Großeltern hat einen Volltreffer abbekommen. Sie wurden verschüttet. Sind tot.« Ihre Stimme wird leiser. »Johann gilt als vermisst, ist wahrscheinlich gefallen. Und Mama …« Sie stockt. »Mama ist mit der untergegangen.«
»Es gibt wirklich niemanden, zu dem du gehen könntest?«, fragt Hans nach.
»Nein. Da ist lediglich eine entfernte Verwandte im Westen Deutschlands. Ich habe sie noch nie gesehen. Sie lebt im Bergischen, wo immer das sein mag.«
Auch Hans weiß nicht, wo das ist. Es klingt weit weg. Ein Zeichen? Er nimmt Hedis Hand und streichelt sie. »Vielleicht ein guter Ort für einen Neuanfang«, sagt er, »was meinst du?«
»Am nächsten Tag war er verschwunden«, sagt Hedi, »ich habe ihn nie wiedergesehen. Aber ab und zu höre ich noch seine Stimme, die sagt: ›Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.‹«
»Das Dreckschwein!«
Anna mag aussehen wie ein Engel. Ihre Ausdrucksweise entspricht dem nicht.
Hedi denkt an die Männer vor der Baracke. Das halbe Dutzend schmutziger Zigaretten. Sie mustert Annas zerschlissenen Morgenrock.
Ein gefallener Engel. Zweifelsohne.
Sie hört Geduhns Stimme, die verkündet, die Suche nach einer Unterkunft sei ähnlich schwierig wie seinerzeit die von Maria und Josef in Bethlehem. Hedi legt die Hand auf den Bauch. Da sind die Worte der alten Frau in Oksbøl, im Lager. Sie fasst sich ein Herz und gleichzeitig einen Entschluss.
»Wollen wir Freundinnen sein?«
Anna runzelt die Stirn, als hätte Hedi ihr ein unmoralisches Angebot gemacht. Sie zieht die Flasche aus der Tasche. Öffnet sie. Trinkt. Setzt sie ab. Schließlich antwortet sie: »Bist du verrückt? Weißt du, was ich bin?«
Hedi lächelt. Zaghaft. »Ein guter Mensch?«
Sie stehen vor der Baracke. Anna hat gemeint, sie brauche dringend frische Luft. Zwei Frauen, die in ihren viel zu großen Wehrmachtsmänteln zu versinken drohen.
»Hast du nach Hans gesucht?«, fragt Anna.
»Nein«, antwortet Hedi, »ich habe ihn nicht vermisst. Um ehrlich zu sein, es war, als hätte es ihn nie gegeben.«
Für einen Moment wirkt es, als ginge Annas Blick nach innen. Sie zündet sich eine Zigarette an, inhaliert und stößt den Rauch wieder aus. Ihr kondensierter Atem und der Zigarettenqualm mischen sich. Eine Nebelwolke entsteht. »Als du vorhin von Hans erzählt hast, hast du dich an einer Stelle seltsam ausgedrückt.«
»Wieso?«, fragt Hedi.
»Du hast gesagt, irgendetwas sei geschehen, ohne dein Dazutun. Plötzlich habest du ›gesehen‹, was Hans vorhatte.«
Hedi nickt....




