E-Book, Deutsch, Band 2019, 280 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
Salle Phantastische Storys 19: Rapid Transit
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-328-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2019, 280 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
ISBN: 978-3-95719-328-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alfons Winkelmann
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Dennis-Cassady-Trilogie
Rapid Transit
Während er am letzten Tag des Indian Summer auf die Douglas-El, die Douglas-Hochbahn, wartete, sah Dennis Cassidy, wie die Frau langsam und gnadenlos in dem Bereich unterhalb des Bahnsteigs erstochen wurde. Mehrere Minuten lang hatte er nichts ahnend dort gestanden und sich überlegt, ob er sich das Wochenende freinehmen und hoch nach Fallon Ridge abhauen sollte, um noch die Reste der World Series auf einem Großbildschirm anzuschauen (denn, machen wir uns schließlich nichts vor, wenn er beschissene neunzig werden würde … die Chancen, die Spiele in Wrigley Field zu sehen, stünden … Teufel, die Chicago Cubs würden immer auf einen Durchmarsch in den Playoffs glotzen wie ein pickeliger Vierzehnjähriger, der eine Hand tief in der Hose vergraben hatte und über dem Playmate des Monats sabberte), und er bemerkte sie erst, als er nach dem Zug Ausschau hielt. Sie hatte keinen Laut von sich gegeben. Er stand hinter einer Plakatwand mit einer Reklame für eine Zigarettenmarke. Die Plakatwand zeigte eine Frau mit wunderschönen roten Lippen und passendem Nagellack, die durch ein Fernglas auf eine Zigarettenpackung schaute. Die Aufschrift unter der Werbung besagte: Wahrlich. Sie haben sie gefunden. Mit einem jähen Stich einer morbiden Faszination, die ihm wie ein Eiswürfel an einem heißen Tag den Rücken hinabglitt, bemerkte er, dass er eine perfekte Sicht hatte.
Die Jeans der Frau – er war sich sicher, dass sie Mitte zwanzig sein musste –, waren bis auf die Knie heruntergezogen worden, und Blut lief in feinen Rinnsalen einen ihrer Schenkel hinab. Die Natriumdampflampen der Western Avenue warfen einen violetten Dunst auf das Feld, jene Art von Dunst, den man im Sommer in der Abenddämmerung sieht, wenn Regen im Anmarsch ist, und darin erschien das Blut irgendwie lebendig und ölig.
Ihre Brüste waren groß, aber er konnte nicht sagen, ob sie attraktiv war. Denn ihr Gesicht war angstverzerrt, die Augen waren riesengroß, die Nasenflügel aufgebläht, das blonde Haar war von Schmutz verklebt. Das alles umgab eine schwarze Mundhöhle, aus der kein Laut kam. Cassadys Augen glitten zurück zu ihren gespreizten Beinen und den perfekten Schenkeln. Sie waren wirklich perfekt, abgesehen von dem hässlichen Blutrinnsal, das sehr der Skizze eines Arztes von der Krampfader eines alten Sackes ähnelte.
Das Stechen, das er anfangs gespürt hatte, wurde jetzt stärker; er hatte das Gefühl, als würde sein ganzer Körper einschlafen wollen. Es überlief ihn in Wellen, wie damals, als er bei Massie’s hypnotisiert worden war und sein Freund Frank daneben gesessen und gelacht hatte. Der außergewöhnliche Hypnotiseur (so hatte er sich genannt, doch der Typ war in Wirklichkeit bloß ein billiger Prahlhans mit einem aufgebauschten Toupet gewesen) hatte zu Cassady gesagt: „Sie werden schläfrig. Sie spüren ein Kitzeln in den Fingern, ein Kitzeln in den Zehen …“, und so einen Scheiß. Er hatte sich angehört wie eine Tunte, und am Ende war Cassady hypnotisiert und wurde Neil Diamond, küsste alte Frauen und ließ das Mikrofonkabel über sein Geschlechtsteil rutschen.
Aber er war nicht eingeschlafen. Er verspürte sowohl Aufregung als auch Neugier auf das, was da unter ihm geschah und was letzten Endes dabei herauskäme. Er fühlte sich genauso, wie sich Leute fühlen, die ein langweiliges Leben führten und auf die Bremse traten, wenn sie ein Autowrack sahen, oder sich nach einem Ladenüberfall in der Haddon Street herumtrieben, um zu sehen, wie viele Schusswunden der fünfzigjährige polnische Einwanderer im Körper hatte, nachdem seine Kasse geleert worden war, und vielleicht ihr Gesicht in den Fünf-Uhr-Nachrichten zu sehen. Er musste sein Gesicht allerdings nicht in den Nachrichten sehen, überhaupt nicht.
Cassady dachte an jenen Song von Don Mclean, den er und Sarah sich in der Highschool angehört hatten: „I feel the trembling tingle of a sleepless night …“ – „Ich spüre den bebenden Kitzel einer schlaflosen Nacht …“
Nur, dass das Mädchen in dem Song kastanienbraune Haare hatte, die über ihr Kissen fielen.
Das Feld unten befand sich im frühen Stadium eines Vorgangs, von dem Cassady nichts wusste. Eine limettengrüne Bauhütte stand am anderen Ende des Feldes, auf deren Seite Myers and Sons, Winnetka, in dreidimensionalen blauen Buchstaben stand. Dahinter war die monolithische Überführung der Hochbahn über die Gleise der Burlington Northern’s Eisenbahn etwa zwanzig Fuß westlich; die beiden Schwellenpaare schnitten das Feld effektiv und fast vollkommen ab. Er hörte den Mann unter ihm grunzen. Wie das Geräusch eines Autos mit leerer Batterie, das angelassen wurde.
Vielleicht hatte die Frau ja Glück und der Typ hatte eine leere Batterie, dachte Cassady, dann würde sie nicht in irgendeiner Abtreibungsklinik in der Division Street landen und dem Arzt erzählen: „Ja, es war mein Freund, und ja, ich weiß, ich hätte eher kommen sollen, aber …“
„… es war Ihnen peinlich“, würde der Arzt den Satz vollenden. „Stimmt’s? Nun, dann machen Sie sich keine Sorgen, setzen Sie einfach die Füße auf die Stützen, der Schlauch wird nicht allzu sehr wehtun …“
Die Menschen, die von neun bis achtzehn Uhr dreißig in dem Gebäude arbeiteten, machten Bilderrahmen. Mondlicht ergoss sich über mehrere Fenster in der zweiten Etage. Er konnte vage eine kleine Flasche Jergens Handlotion erkennen, wie ein winziger Wachposten, der ihn vom Fensterbrett aus anzustarren schien. Sämtliche Fenster schienen ihn anzustarren. Ein fast leerer CTA-Bus mit einer Reklame für Nobody Does It Better Channel Two-News at 5,6, & 10 durchbrach die Nacht, fuhr brummend keine vier Meter von den beiden Gestalten auf dem Feld entfernt vorüber. Die Augen des Fahrers spiegelten die starre Dunkelheit der Fenster des Gebäudes wider, wie sie direkt geradeaus zur Nordseite und zu den besseren Gegenden hinausstarrten. Der Mann – mein Gott! Cassady hatte kaum auf ihn geachtet – sah hoch, als der Bus vorbeizischte. Er hatte ein volles und unrasiertes Gesicht und weiße Haare sprenkelten seinen Bart. Breite Schultern schoben sich unter einem karierten Hemd hervor, und seine verschmutzten Hemdschöße baumelten aus dem offenen Hosenstall seiner Wrangler. Der Mann trug außerdem ein Paar rote Keds-Basketball-Schuhe, die quietschten, wenn er seine Haltung in den schlammigen Reifenspuren auf dem Boden veränderte. Seine Zähne waren schief.
Cassady war fasziniert von der Klarheit, mit der er die Dinge sah. Es war, als würde er auf dem Gangplatz in der sechsten Reihe des Hub-Filmtheaters sitzen, sicher in der Dunkelheit, und sich Popcorn in den Mund stopfen, während irgendein B-Movie-Messerstecher auf ein B-Movie-Starlet einstach … das Ganze mit spanischen Untertiteln.
Die Frau trat jetzt nach dem Mann, der immer noch zur Straße blickte. Er stolperte heulend rückwärts, allerdings eher aus Überraschung als aus Wut. Die Frau kam stolpernd hoch, die Jeans immer noch um die Knie. Die beiden bewegten sich in einer trunkenen Pavane, der Mann versuchte, das Gleichgewicht zurückzugewinnen, wobei er heftig mit den Armen ruderte. Die Frau versuchte, sich abzuwenden, und ihr Mund erinnerte ihn an eine klaffende Wunde.
Später würde sich Cassidy an alles erinnern, was folgte, als wäre es mit grausamer Langsamkeit geschehen; als ob das Feld unsichtbar mit Glyzerin überflutet worden wäre. Alles, was folgte … das Anschwellen von Muskeln, das Herausreißen von Fleisch, das Blinzeln von Augen, das Aufblähen und Abschwellen von Lungen, während Luft geholt und ein Kreischen ausgestoßen wurde, das alles geschah in Zeitlupe. Einzelbilder in einem großartigen Film. Er konnte sich fast selbst in Zeitlupe atmen sehen. Der Mann kam erneut heran, plötzlich ein Messer in der linken Hand haltend – Cassady dachte an ein Stilett, das sein Vater, ein pensionierter Polizist der Monroe Street, ihm einmal gezeigt hatte. Als er den Auslöseknopf gedrückt hatte, war lautlos eine fünfzehn Zentimeter lange Klinge herausgesprungen, fähig, Fleisch und Knochen gleichermaßen durchzuschneiden, presste man es in jemandes Rücken und ratsch!, geht es durch dessen Wirbelsäule wie durch Butter –, und er hörte erneut das langsame Knattern des Hub-Filmprojektors.
Die Frau machte drei Schritte rückwärts, bevor sie mit einem feuchten Klatscher zu Boden stürzte. Eine Straßenlampe in der Nähe der Ecke flackerte zwei Mal und erlosch dann. Der Arm des Mannes fuhr in abgerissenen Blitzen herab, als ob ein Stück Film verlangsamt und dann spasmisch beschleunigt würde, oder vielleicht war die Szene auch schlecht geschnitten und hastig herausgebracht worden, damit irgendwelcher Profit eingestrichen werden konnte. Das riesige Messer fuhr zwei Mal in die rechte Brust der Frau. Blut von einer reichen Purpurfärbung im Dunst der Straßenlampe befleckte ihre Bluse. Ein dritter Stoß, begleitet von einem erbärmlichen Sauggeräusch (als wäre das Messer genau in dasselbe Loch gefahren wie zuvor), und das purpurfarbene Blut spritzte in alle Richtungen. Es hatte den Effekt eines Wasserschlauchs, der mit dem Daumen über der Öffnung angestellt wird. Der Mann war durchtränkt, seine Hose und sein Hemd zeigten hier und da glänzende Streifen, und die Ejakulation von Blut trieb ihn zu noch größerer Raserei an.
Dann, erst dann, kreischte die Frau tatsächlich. Es war der Laut von etwas, das in der Falle saß, ein Kind, das mit seinen Eltern zeltete, tritt in eine Fuchsfalle, die zuschnappt und sich um sein winziges Bein legt, die winzigen...




