E-Book, Deutsch, 356 Seiten
Rylee Praegressus
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1141-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 356 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1141-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nur wenige Menschen überleben die Kollision mit dem Kometen. Die Regierung von Yeruda erklärt Frauen unter zwanzig Jahren zum wertvollsten Gut. Nur sie sichern den Fortbestand der Menschheit. Zu ihnen gehört Addy von Blum, gerade mal achtzehn. Doch Addy wird wegen Mordes angeklagt. Sie weiß, dass sie unschuldig ist, und fügt sich dennoch dem Urteil. Sie durchschreitet das Portal und bringt damit das abgekartete Spiel der Mächtigen durcheinander. Addy entfesselt eine Macht, deren Tragweite mehr als nur die Menschheit betrifft: Praegressus erwacht!
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Nikolas saß am Tisch, als sein Freund Lugh nur in Unterhose in die Küche schlurfte, sich an der Kaffeemaschine bediente und bei einer ungeschickten Bewegung erst einmal den Zuckertopf umwarf. »Verdammt!«, fluchte er in sich hinein, während er sich mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte abstützte, um zu überlegen, wie er den Zucker noch retten konnte. Nikolas beobachtete ihn mit einem Schmunzeln. »Na, Tiger? Super, dass du den Wasserhahn repariert hast. Mich würde aber interessieren, wo du die Ersatzteile herbekommen hast?« »Niki?« Lugh wirbelte herum. Die Müdigkeit verflog schlagartig. »Ich hatte dich gar nicht ... was machst du hier?« Er wandte sich wieder dem Zuckerproblem zu. »Sag bloß, du bist schon von der Arbeit zurück«, knurrte er, dabei wischte er die feinen Körner über die Handkante in den Topf zurück. »Addy«, gab er knapp von sich. Lugh fuhr sich mit der Hand durch das braune strubbelige Haar, ohne es zu bändigen. »Eddie? Wer ist das?« »Nein. Sie.« »Sie?« Für Lugh war es eindeutig noch zu früh, um philosophische Diskussionen zu führen. Das war ihm anzusehen. »Sie heißt Addy ... mit einem A ... ach, egal. Das Mädchen, das heute verurteilt wurde.« Nikolas lehnte sich zurück, die Beine übereinandergeschlagen beobachtete er interessiert, wie Lugh mit dem Zeigefinger einzelne Zuckerkrümel von der Arbeitsplatte in den Behälter schob. »Ein Mädchen mit dem Namen Addy«, brabbelte er unverständlich vor sich her, während er nach etwas suchte. Die Stirn runzelnd griff er nach dem Kaffeelöffel auf der Spüle. »Ein ungewöhnlicher Name. Besonders für ein Mädchen. Findest du nicht auch?« Dann ... als er begriff, richtete er sich ruckartig auf. »Verurteilt?« Er glaubte, sich verhört zu haben. »Wieso wurde sie verurteilt? In der heutigen Zeit sollten sie sich überlegen, ob sie Mädchen und Frauen nicht eher in das Institut schicken.« »Sie selbst wählte den Tod«, verschärfte Nikolas das Thema. Lugh drehte sich so heftig um, dass diesmal sein Unterarm den Zuckertopf erwischte und ganz von der Arbeitsfläche fegte. »Scheiße!«, stieß er noch lauter als zuvor aus. Zu seinem Ärger war er nicht schnell genug. Er konnte nur noch zusehen, wie das Porzellantöpfchen auf den Boden zuraste. Er starrte Nikolas an, als das Gefäß zersprang und die braunen Krümel sich wie Millionen kleiner Bernsteine über den Fußboden verteilten. Frustriert über seine Tollpatschigkeit sackten die Schultern herunter.
Nikolas war froh über die unbeabsichtigte Showeinlage seines Freundes. Lenkte sie ihn doch für einen Moment von der Gerichtsverhandlung ab.
»War es letzte Nacht anstrengend?«, neckte er den Freund, der noch immer perplex dastand und das Unglück nicht fassen konnte. Nikolas erhob sich, reckte sich kurz, bevor er einen Besen aus der kleinen Kammer neben der Tür holte. Als er ansetzte, den Boden zu kehren, straffte Lugh die Schultern und legte die Hände in seine Hüfte. »Was hast du damit vor?« Energisch deutete er mit dem Kinn auf den Besen, während sein Blick sich verdüsterte. »Den Zucker zusammenkehren?«, erklärte der Freund mit überraschter Miene. »Bist du verrückt«, schrie Lugh ihn an, dessen Laune gerade in den Keller abrutschte. »Das Zeug ist wertvoll! Pack das Ding gefälligst weg.« Dabei stellte er sich zwischen Nikolas und den Zucker auf dem Boden. Nikolas atmete hörbar aus. »Wenn du meinst …« Er stellte den Besen in die Kammer zurück. Dann wandte er sich wieder Lugh zu. »Und was machen wir dagegen?« Er nahm den Becher vom Tisch und trank seinen Tee aus. »Mir fällt schon was ein, wie ich die Scherben vom Zucker trenne. Doch du fasst hier nichts an. Ist das klar?« »Das meinte ich nicht«, genervt verdrehte Nikolas die Augen. Wenn sein Mitbewohner schlecht gelaunt aufstand, gab es keine guten Aussichten auf ein vernünftiges Gespräch. Lugh wandte sich mit verblüffter Miene dem Freund zu. »Was dann?« »Was machen wir mit Addy? Wir können sie nicht einfach sterben lassen. Zudem ...« Er zögerte kurz. »… sie ist hübsch.« Er errötete leicht, sodass ein kaum sichtbares Grinsen über Lughs Miene huschte. »Aha«, entgegnet er gedehnt. »Daher weht der Wind.« Lugh durchschaute seinen Freund. Sie kannten sich seit dem Einschlag, hatten viel gemeinsam durchgemacht. »Wie alt ist diese ... Addy?«, wollte Lugh wissen. »Achtzehn.« Lughs Augenbrauen schossen in die Höhe. »Ein Grund mehr sie in das Institut zu stecken. Soweit mir bekannt ist, wird jedes Mädchen zwischen fünfzehn und neunzehn Jahre dort untergebracht. Man munkelt, sie sollen dort von diesen alten Säcken deren wertvolles Gamet erhalten.« Kurz hielt er inne. Er war zu weit gegangen. Die alte Wunde seines Kumpels war noch längst nicht verheilt. Vielleicht würde er diesmal erfahren, was Nikolas seit geraumer Zeit so sehr plagte und jedes Mal aus der Fassung brachte, sobald das Institut auch nur erwähnt wurde. »Ich meine ... wurde nicht kürzlich ein Gesetz erlassen, das verbietet, Mädchen unter zwanzig in den Tod zu schicken?« Nikolas verzog die Mundwinkel. »Ein Baby von solch einem ...« Er brachte es nicht fertig, den Satz zu beenden. »Bist du schon mal dort gewesen?«, fragte er Lugh, da ihm der Gedanke an die Einrichtung sichtbar Unbehagen bereitete. Lugh schüttelte kaum merklich den Kopf. »Das Institut gleicht einem Hochsicherheitsgefängnis, in dessen Zellen junge und hochschwangere Mädchen vor sich hin vegetieren. Kontakt untereinander wird ihnen nur kurzfristig zugestanden. Niemand von diesen Genopologen will das Risiko eingehen, dass sie sich zusammentun. Sie könnten ja einen Fluchtplan schmieden«, spöttelte er. Lugh lauschte interessiert. Als Nikolas nicht weitersprach, gab er sich einen Ruck. »Woher hast du die Information? Kaum jemand weiß etwas über diese Einrichtung, geschweige denn, was genau darin vor sich geht.« Nikolas druckste herum. Es war ihm sichtlich unangenehm, darüber zu sprechen. »Niki?«, bohrte Lugh nach. »Es gibt etwas, das du mir verheimlichst. Wir hatten damals geschworen, uns alles zu erzählen. Es reicht aus, wenn die Regierung schon kaum mit der Wahrheit herausrückt.« Nikolas wiegte den Kopf hin und her, als müsse er seine nächsten Worte abwiegen. »Meine Schwester ... sie hatten meine kleine Lillie dort hingebracht.« Wasser sammelte sich in seinem Augenwinkel. Durch das Muttermal unter dem linken Auge in Form einer Träne wirkte Nikolas noch trauriger. Zügig wischte er sich mit dem Handrücken über das Gesicht. »Lillie floh. Mein Schwesterlein war hochschwanger, Lugh. Dabei war sie erst sechzehn! Mit dem dicken Bauch kam sie nicht weit. Während die Ärzte sie zurück ins Institut zerrten, schrie sie die grauenvollen Dinge, die man ihr angetan hatte, in die Welt hinaus. Menschenversuche. Unfreiwillige Schwangerschaften. Es stand alles in der Zeitung. Ein Reporter wurde aufmerksam, als er ihre Schreie hörte. Obwohl die Berichterstattung über das Institut unter Strafe gestellt ist, veröffentlichte er dennoch einen Artikel. Ich suchte den Reporter auf. Er spielte mir die Tonaufnahmen vor, die er auf der Straße machen konnte.« Er schluckte den Kloß im Hals herunter. »Lillie hatte keine Chance.« Nikolas wandte sich ab. Auch Lugh musste das erst einmal verdauen. Nun konnte er nachvollziehen, weshalb sein bester Freund nie darüber reden wollte. Lugh war immer der Meinung gewesen, Lillie wäre umgekommen, als während des Einschlags das Dach der Schule einstürzte. Alle acht Klassen, darunter auch Lillies Klassenzimmer, wurden unter Schutt begraben. »Wie sind sie auf Lillie aufmerksam geworden?« In diesem Moment verfluchte Lugh sich selbst. Er wollte seinen Freund nicht noch tiefer in die Trauer schicken. »Ich ... äh ... du brauchst nicht ... wenn du nicht willst ...« Nikolas winkte ab. »Schon gut. Ich hatte es bisher niemandem erzählt, da ich den Gedanken an ihren Verlust nicht ertragen konnte.« Er kramte in seiner Jeans und zog aus der Gesäßtasche einen Zettel heraus. Den reichte er Lugh. Die Farben hatten in den letzten Jahren an Intensität verloren. Die Falze taten ihr Übriges dazu bei, dass auf dem Foto kaum noch etwas zu erkennen war. Er hielt einen Zeitungsartikel in der Hand, der das eingestürzte Schulgebäude zeigte. Lugh überflog den Artikel. »In dem Artikel steht, dass es wenige Überlebende gab. Sie waren ins Krankenhaus gebracht worden. Sogar einige Namen werden im Text genannt, damit Verwandte sich melden können.« Er las stumm weiter, als ihm ein Name ins Auge stach. Lillie Sorokin. »Hast du dich dort gemeldet?« »Was denkst du denn«, schnaubte Niki. »Sie sagten, dass es sich bei dem Namen um einen Irrtum handelte. Eine Lillie Sorokin wurde nicht eingeliefert. Die Schwester hatte sich...




