E-Book, Deutsch, Band 1, 316 Seiten
Reihe: Fated Shadow
Rylee Fated Shadow
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7396-5929-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Jagd
E-Book, Deutsch, Band 1, 316 Seiten
Reihe: Fated Shadow
ISBN: 978-3-7396-5929-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hätte mir jemand diese Geschichte aufgetischt, ich hätte mich genauso verhalten - ich schwör's! Beginnen wir doch einfach am Anfang. Mein Name ist Aveline. Ich komme aus Inverness, der kleinen Stadt in Schottland, die durch das Monster von Loch Ness Berühmtheit erlangte. Ich hatte angenommen, mit meinem Freund David würde sich mein Leben zum Positiven verändern. Und das wäre auch wohl so gekommen ... ... wenn da nicht Samael und Azrael gewesen wären. Mit denen geriet meine Welt aus den Fugen. Denn diese beiden Herren waren nicht das, was sie vorgaben zu sein und sie ließen nichts unversucht, mich in Teufels Küche zu bringen. Warum sie es auf mich abgesehen hatten, war mir indes anfangs nicht klar - bis ich erfuhr, dass sie hinter dem her waren, was ich IN mir trug ...
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Reise ins Ungewisse
Heute war Sonntag und Avelines großer Tag. Sie würde Inverness verlassen. Ob für länger oder nicht, darüber hatte sie sich keine Gedanken gemacht. Sie mochte Inverness. Schließlich wurde sie hier geboren. Es war ihre Heimatstadt. Hier kannte sie sich bestens aus, hatte einige Touristen um ein paar Pfund erleichtert, ohne jemals geschnappt zu werden. Nessie, besser bekannt als das Ungeheuer von Loch Ness, war ihr hier zwar noch nicht begegnet, doch dafür Jessy, deren Frohnatur es Aveline angetan hatte. Aveline störte es nicht, dass ihre Freundin einige Pfunde zu viel auf den Rippen hatte. Jessy wirkte sehr jung, was ihrer Größe von einen Meter zweiundfünfzig anzurechnen war. Ihre lustig umher wippenden Korkenzieherlocken, die kleinen dicken Finger und rosige Wangen, rundeten das Bild eines naiven Kleinkinds ab. Ihr wahres Alter hatte sie Aveline nie verraten. Jessy half ihr auf die Beine, stand immer zu ihr, egal, in welcher Lebenslage sie sich befand. Die quirlige junge Frau hatte Aveline bei sich aufgenommen, als diese ganz unten angekommen war, und hatte nie nach dem Warum gefragt. Nun schien ein neuer Lebensabschnitt für Aveline zu beginnen. »Jessy, du bist immer mein Schutzengel in der Not gewesen. Das werde ich dir nie vergessen.« Aveline spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Jessys meerblaue Augen wurden groß wie Ozeane und ebenso feucht. Die beiden Frauen fielen sich in die Arme. Dabei musste Jessy sich auf die Zehenspitzen stellen, damit ihre Hände um Avelines Hals greifen konnten. Dicke Tränen liefen an ihren Wangen hinunter. Eigentlich wollte Aveline Jessy nicht wieder loslassen. Wer konnte wissen, wann sie sich wiedersehen würden? »Du musst einsteigen, Ava. Sonst fährt der Zug ohne dich ab«, schniefte ihr die beste Freundin ins Ohr.
Aveline drückte sie noch einmal fest an sich, bis Jessy sie von sich wegschob und vor die Einstiegsstufen des Zuges dirigierte. Es gab nur einen Grund für Aveline, Inverness und ihre beste Freundin zu verlassen. Dieser Grund hieß David. Langsam drehte sie sich ein letztes Mal zu Jessy um. Ihre rechte Hand führte sie zur Kette, die sie um den Hals trug. Vorsichtig umschlossen ihre Finger den kleinen Anhänger. Sie nahm die Reisetasche, die nur wenige Kleidungsstücke barg auf, um den Rat ihrer Freundin zu folgen, um in den Zug einzusteigen, der sie nach London bringen sollte. Ein letztes Mal nickte Aveline ihrer besten Freundin zu. »Danke für das Abschiedsgeschenk. Es ist sehr hübsch. Ich werde es immer tragen und nie abnehmen!« Ihr Blick wanderte zum Anhänger in ihrer Handfläche, der am Ende der langen silbernen Kette baumelte. Gerade mal so groß wie der kleine Fingernagel, war in seinem milchig weißen Kristall eine knorrige Eiche filigran eingearbeitet. »Ich werde dich vermissen.« Nur mühsam unterdrückte sie ein Schluchzen. »Du rufst mich einmal pro Woche an. Verstanden? Ich will immer wissen, wie es dir geht. Gib Bescheid, wenn du die Adresse kennst. Du tendierst dazu, in Schwierigkeiten zu kommen. Und wenn das geschehen sollte ...« Jessy versuchte eine ernste Miene aufzusetzen, doch in ihren blauen Augen bildete sich bereits wieder ein See. Sie schluckte ihre Tränen herunter. »Du weißt, du kannst immer auf mich zählen!« Jessy seufzte schwer, als sie ein weiteres Taschentuch zückte, um ihre Augen zu trocknen, bevor sie laut in das Tuch schnäuzte. »Du siehst aus wie eine Schildkröte, wenn du weinst. Das ist dir doch klar, oder?« Kam es schluchzend aus Jessy heraus. Sie brachen beide in ein erlösendes Lachen aus. »Glaubst du denn, du siehst besser aus?« Wieder rann eine Träne an Avelines Wange hinunter. Sofort wischte sie sie mit dem Arm weg, hoffend, dass ihr Make-up nicht verschmierte. »Vergiss mich nicht«, krächzte Jessy, der fast die Stimme versagte, was Aveline einen Kloß im Hals bescherte. Sie hielt dieses Gefühl nicht mehr aus, rückte den Riemen ihrer Tasche über der Schulter zurecht, verschwand durch die Tür und begann im Großraumwaggon nach ihrem Platz zu suchen. Ihr neues Ziel London lag noch fast acht Stunden Zugfahrt entfernt. Aveline hatte einen Fensterplatz reserviert. Jessy fand sie sofort. Beide sahen sich durch die leicht verschmutzte Scheibe an. Die Freundin legte ihre Hand an das Glas. Aveline tat es ihr gleich. »Gute Reise, Ava! Und lass bald etwas von dir hören!« Hörte sie die glockenhelle Stimme, die sich dumpf an die geschlossene Scheibe zu heften versuchte. Mit einem Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam verschwand Jessys Statur in der Ferne. Nachdem ihre Freundin und der Bahnhof aus dem Sichtfeld verschwunden waren, verstaute Aveline ihre Tasche im Gepäckfach über dem Sitz. Ihr Blick schweifte durch den Waggon. Das Großraumabteil schien fast ausgebucht zu sein. Nur der Platz neben ihr am Gang sowie die Reihe vor ihr, waren nicht belegt. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich in den Sitz fallen und starrte aus dem Fenster.
Während die malerische Landschaft Schottlands mit ihren saftigen grünen Hügeln an ihr vorbeizog, lachte draußen die Sonne. Doch sie konnte kein Lächeln auf das Gesicht der jungen Frau zaubern. »Ist hier noch frei?« Eine tiefe, fast heiser klingende Stimme riss Aveline plötzlich aus ihren Gedanken. Ein junger Mann, mit dunklem, schulterlangen Haar, das oben kurz geschnitten war, sah sie fragend an. Sie schätzte das Alter des Mannes um die Zwanzig. Er schaute sie aus schwarzen Augen an, die gut zu seinem leicht mongolisch angehauchten Aussehen passten. Er trug eine beige-farbene Workerjeans. Dazu ein verschlissenes Unterhemd, das vermutlich einmal weiß gewesen war. Es hatte schon seit Längerem keine Waschmaschine mehr von innen gesehen. Sie nickte knapp. Er schmiss seine Tasche auf den Boden. Wortlos fläzte er sich in den Sitz neben ihr. Eine dichte Wolke aus kaltem Zigarettenrauch und Alkohol hüllte sie ein. Aveline drückte ihren Rücken tiefer in das harte Polster des Sitzplatzes, hoffend, so, dem Geruch entgehen zu können. Zu ihrem Bedauern konnte sie dem nicht ausweichen. »Hallo. Ich bin Samael, und du bist ...?« Er reichte ihr seine Hand, die sie kurz musterte. Ihr fielen sofort die gelben Fingerkuppen auf. Sie vermutete, dass es vom vielen Rauchen herrührte. »Nicht interessiert«, rümpfte sie die Nase. Dann starrte sie schweigend aus dem Fenster, um ihre Botschaft noch zu unterstreichen. Innerlich betete sie, dass er sie in Ruhe lassen würde. »Na gut. Dann eben nicht. Doch wir werden bestimmt noch viel Spaß auf dieser Reise haben.« Avelines Augen weiteten sich. Jetzt hatte er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie starrte ihn verwundert an. ›Was meinte er damit, wir würden Spaß haben?‹ Überlegte sie und spürte, wie das Blut in immer schneller werdenden Tempo durch ihre Adern rauschte. »Ach ja? Wie das?« Die Frage kam arroganter herüber, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. »Wohin fährst du?« Er ließ sich nicht beirren. »London.« Schoss sie ihm knapp entgegen. Er grinste. »Ah. London. Eine wunderschöne Stadt. Ich fahre nach Edinburgh.« Innerlich atmete sie erleichtert auf. Er würde also früher aus dem Zug steigen.
Samael stützte den Arm auf die Lehne zwischen ihnen, um seinen Oberkörper näher zu ihr zu beugen. Langsam hob er die rechte Hand, dabei streckte er den Zeigefinger vor, der sich gemächlich Avelines Oberarm näherte. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Gleichzeitig begann ihr Puls sich zu beschleunigen. »Was machst du in London?« Nun berührte der gelbe Finger bereits ihren nackten Oberarm. Langsam strich sein Zeigefinger darüber. Es fühlte sich rau an, gleichzeitig kratzte es auf ihrer Haut, wie grobes Schmirgelpapier. Schwielen und Hornhaut bedeckten seine Fingerkuppen. ›Zärtliche Liebhaberhände fühlen sich anders an‹, dachte Aveline. Sie erschauderte. Jedoch mehr vor Ekel, als vor Entzückung. Sein Annäherungsversuch war ihr so unangenehm, dass sie ihren Oberkörper immer mehr gegen das Fenster drängte. Viel Raum ließ sich zwischen ihnen jedoch nicht gewinnen. »Ich ziehe zu meinem Freund«, entgegnete sie schnippisch. Abrupt zog Samael die Hand zurück. Ein überhebliches Grinsen legte sich über Avelines Gesicht. Erleichtert bemerkte sie, wie es ihm unangenehm war, als sie David erwähnte, sodass ihre Körperhaltung sich ein wenig entspannte. »Dein Freund lässt dich den ganzen Weg allein fahren?« Sichtlich darüber erfreut, dass sie sich nicht weiter von ihm zurückziehen konnte, rückte er mit seinem Oberkörper wieder näher zu ihr herüber. »Ich hätte es nie zugelassen, dass du alleine reist.« Er grinste sie spitzbübisch an. Erneut presste Aveline ihren Rücken in Richtung Fenster, doch die Holzklasse war gnadenlos und wollte einfach nicht nachgeben. Sie spürte einen Würgereiz, während sein unangenehmer Geruch sie in Gänze einzuhüllen schien und ihr jeglichen Sauerstoff zum Atmen nahm. Aveline musste unweigerlich schlucken, als sie...




