Rygiert | Herzensräuber | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Rygiert Herzensräuber

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20289-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-20289-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Buch zu lesen ist die schönste Art, sich sein Herz stehlen zu lassen!

Tobias’ Buchantiquariat läuft nicht besonders gut, noch dazu hat er gerade eine schmerzliche Trennung hinter sich. Als er im Urlaub einen liebenswerten spanischen Straßenhund aufliest, beschließt er kurzerhand, ihn mit nach Heidelberg zu nehmen. Wie sich herausstellt, hat Zola die Gabe, für jeden Menschen die richtigen Bücher zu finden – denn in jedem »Herzensräuber« erschnuppert er die Gefühle, die die bisherigen Leser darin hinterlassen haben. So bringt er nicht nur Tobias’ Geschäft auf Vordermann, sondern nach und nach auch dessen chaotisches Liebesleben …
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1

Der neue Mensch

Ich träume …

Wohlig recke ich mich seiner Hand entgegen, damit er mich dort kraulen kann, wo es am schönsten ist: am Bauch, an der Brust und in den Beugen meine Vorderläufe. Weich und warm liege ich in meinem Körbchen, meine Welt ist in Ordnung, auch wenn mein Magen knurrt, denn ich weiß, es dauert nicht mehr lange, dann füllt er mein Schälchen auf. Schon jetzt strömt mir der Speichel ins Maul. Nur noch eine kleine Weile so daliegen, mich der Streichelhand hingeben, den Augenblick genießen. Aber was stößt mich denn da so unsanft in die Seite, wieder und wieder? Das kann nicht mein Mensch sein, ganz unmöglich! Und während die Tritte heftiger werden, verblasst seine Gegenwart, und mit dem Erwachen fällt die Wirklichkeit wieder über mich her. Ich liege in der Höhle über der Brandung, das Körbchen ist für immer verloren, denn mein erster Mensch ist nicht mehr.

Der Morgenwind weht die Neuigkeiten des noch jungen Tages herein. Da ist ein Geruch, ein bestimmter, der mich hellwach werden lässt, während die Tritte gegen meine abgemagerten Rippen immer heftiger werden. Es ist natürlich Tschakko, der Anführer des Rudels, dem ich mich angeschlossen habe, nachdem ich mein Zuhause verlor. Er will, dass ich die Kuhle räume. Es ist das einzige mit Sand gefüllte Lager in dieser verdammten Höhle, die ansonsten uneben ist und kantig. Ich denke nicht daran, diesen bequemen Platz aufzugeben. Schon gar nicht wegen Tschakko. Ich ziehe meine Lefze hoch, gerade so weit, dass mein Eckzahn zum Vorschein kommt, und werfe ihm einen gefährlichen Blick aus halb geöffneten Lidern zu. Aus den Tiefen meiner Brust lasse ich ein Knurren erklingen, das jedem vernünftigen Hund die Haare zu Berge stehen ließe.

Hörst du das, Tschakko? So klingt das bei einem echten Macho.

Er weicht zurück. Na bitte. Noch ein paar Tage, und das Rudel wird ihm den Rücken kehren und mir folgen, falls ich es darauf anlege. Als ob mir daran etwas gelegen wäre. Ich bin kein Rudelhund. Ich bin ein Menschenhund.

Da ist er wieder, dieser Duft. Unverkennbar nach Mensch. Auch Tschakko hat es bemerkt. Mein Herz beginnt wie wild zu pochen. Es ist sein Duft. Doch das ist nicht möglich, ich weiß es. Er hat aufgehört zu sein, der Tod hat ihn von innen zerfressen, langsam und unaufhörlich. Ich wusste es, lange bevor er es ahnte. Die Menschen sind so hilflos. Sie wissen so wenig. Ihr Geruchssinn ist besorgniserregend. Und doch sind sie mächtig. Wir gehören zusammen, Mensch und Hund. Nur gemeinsam können wir das Leben meistern.

Doch woher nur kommt sein Geruch? Ich hebe den Kopf und sauge die Luft ein. Schnüffle, wittere. Schmecke sie ganz hinten in meiner Kehle. Tschakko hat kein Interesse mehr an meiner Kuhle, und so kann auch ich ohne Ehrverlust aufstehen, zum Rand der Höhle gehen, dem Geruch folgen. Mit einem Stich der Enttäuschung muss ich mir eingestehen: Es ist nicht der Duft meines ersten Menschen. Er ist seinem nur ähnlich. Sehr ähnlich. Und je mehr ich von ihm in der Nase habe, auf der Zunge und an meinem Gaumen schmecke, desto aufgeregter werde ich. Doch auf einmal ist er verschwunden. Weg. Der Wind hat ihn fortgeweht. War er überhaupt da, oder habe ich auch ihn nur geträumt?

Ich stehe am Rand der Höhle, spitze die Ohren und sondiere die Lage: Da sind die üblichen Morgengeräusche von Pepes Bar dort hinten, ganz am anderen Ende des ewig weiten Strandes, und der ekelhafte Geruch nach dieser schwarzen Brühe, die Menschen dort so gerne trinken. Ich orte außerdem Zigarettenrauch und stelle bedauernd fest, dass Pepe heute offenbar eine ganz besonders miese Laune hat, die er aus jeder einzelnen seiner Poren verbreitet. Dass auch Pilar bereits in der Küche ist, höre ich an der Art, wie mit Geschirr geklappert wird, auch sie hat heute keinen guten Tag.

Ein Lieferwagen nähert sich. Am Motorengeräusch erkenne ich, wem der gehört, und ich weiß auch, was er geladen hat. Sein Besitzer war ein Freund meines ersten Menschen. Wir haben ihm die Post gebracht, und fast immer haben sich die beiden gemeinsam auf die Bank vor seinem Haus gesetzt, um bei einer Zigarette ein bisschen zu plaudern. Ob er sich daran noch erinnert? Meine Eingeweide ziehen sich schmerzhaft zusammen, seit Tagen habe ich nichts Vernünftiges mehr gefressen. Seit Felipe tot ist, will mich keiner mehr kennen. Ein Hund ohne Mensch ist nämlich nichts wert.

Mit ein paar Sätzen bin ich unten am Strand. Vielleicht fällt heute etwas für mich ab? Das Motorengeräusch erstirbt, die Heckklappe wird geöffnet, und mir wird ganz flau: Eine Kiste voll mit duftendem fangfrischem Fisch wird in Pepes Küche getragen. Makrelen! Während ich mir noch einen Plan zurechtlege, wie ich Pepe davon überzeugen könnte, mir die Abfälle zu überlassen, haben es auch Tschakko und die anderen Köter bemerkt. Wie eine wilde Meute jagen sie an mir vorbei. Sollen sie doch rennen, die dummen Tölen. Es ist viel zu weit. Sie werden die Bar nicht rechtzeitig erreichen, das Fischauto wird längst wieder fort sein, die Kiste in Pepes Kühlschrank verschwunden. Alles, was sie mit ihrem aufdringlichen Getue ausrichten werden, ist, dass Pepe wütend wird und uns alle verjagt. Diese Strandhunde haben einfach keinen Stil.

Verärgert wende ich mich ab. Ich schnüffle hier und dort an einem leeren Plastikbecher, einem vom Wind verwehten Einwickelpapier. Eine große Trostlosigkeit überfällt mich. Ich lecke ausgiebig die rechte Vorderpfote, mit der ich gestern in eine scharfe Muschel getreten bin. Was soll nur aus mir werden?! Ich habe es so satt, Mülleimer nach Essbarem zu durchsuchen und aus schmutzigen Drecklachen zu trinken, von denen man Bauchweh bekommt. Ich bin nicht geschaffen für dieses Streunerleben. Ich brauche dringend einen neuen Menschen.

Und auf einmal ist er wieder da, der Duft. Es ist ein Mann, und er kann nicht weit entfernt sein. Sein Geruch ist freundlich, aber auch ein bisschen traurig. Ich kenne das. Mein erster Mensch war genauso. An dieser Art Kummer ist immer eine Frau schuld.

Er kommt aus der Richtung des Leuchtturms den Strand entlanggeschlendert. Noch hat er mich nicht bemerkt. Jetzt heißt es, auf der Hut zu sein. Gut, dass Tschakkos Meute an Pepes Strandbar beschäftigt ist. Nicht auszudenken, wenn sie sich jetzt auf diesen Menschen hier stürzen würden. Ich versuche, genauso gelassen zu schlendern wie er. Aus Erfahrung weiß ich, dass es gut ist, die Bewegungen der Menschen zu imitieren. Er bleibt stehen und sieht hinaus aufs Meer? Ich tue dasselbe, auch wenn dort außer Wasser und Wellen nicht viel zu sehen ist. Ich halte die Nase in die Brise, es riecht nach Algen und nach den Motoren der Fischerboote, nach Abfällen, die vor Tagen ins Meer geworfen und hier angeschwemmt wurden. Wenn es einer wissen wollte, könnte ich ihm erzählen, wer gestern hier an welcher Stelle saß und dass dort hinter den angeschwemmten Planken ein Liebespaar heute Nacht beieinanderlag. Jeder hat seine Markierung hinterlassen inklusive seiner Gefühlsfarben, bis ins kleinste Detail. Ich weiß genau, welche Dramen sich an diesem Ort abgespielt haben und wer hier glücklich war. Aber mich fragt ja keiner …

Jetzt hat er mich gesehen. Mein Herzschlag setzt kurz aus. Doch in seinen Duft mischt sich keine Angst, keine Abwehr. Weder stockt sein Schritt, noch weicht er aus. Sein Duft sagt: Ich bin erfreut, dich zu sehen. Er sagt: Was bist du für einer?

Ich bin der, den du an deiner Seite brauchst, denke ich und gehe weiter langsam auf ihn zu. Mein Schwanz wedelt heftig. Mein Herz schlägt schneller. Dieser Mensch riecht so unverhofft wunderbar, nach Freundschaft, nach einem Zuhause.

Als uns nur noch wenige Hundelängen voneinander trennen, bleibt er stehen. Sofort verharre auch ich. Langsam geht er in die Knie und streckt die Hand aus. Nach mir? Ja, nach mir! Ist es eine Einladung? Es ist eine Einladung! Vorsichtig setze ich meine wunde Pfote auf und verfolge aufmerksam jede seiner Regungen. Dann stehe ich vor ihm. Meine Schnauze berührt fast seine ausgestreckte Hand. Tief sauge ich ihr Aroma ein. Wie wohl das tut. Es ist ein guter Geruch. Ein liebevoller Geruch. Ein Geruch mit Zukunft …

Er hebt die Hand über meinen Kopf, und ich weiche unwillkürlich zurück. Ich will es nicht, doch es ist stärker als ich. Zu oft in den letzten Wochen haben mich Menschenhände geschlagen. Ich will mich vor dieser Hand nicht wegducken, ich weiß, dass sie mich nicht schlagen wird. Doch ich kann nicht anders.

Er hat es verstanden, murmelt beruhigende Worte. Die Hand senkt sich wieder, und er dreht sie um, formt sie zu einer Schale. Ganz sachte mache ich mich lang und lege meinen Kopf in diese Schale. Dabei blicke ich ihm in die Augen, unverwandt, ohne zu blinzeln. Er hat gute Augen, und er schaut nicht weg. Er hält den Blick, ich fühle an meiner Kehle das Blut in seiner Hand pulsieren, sehe, wie seine Pupillen weich werden und weit. Ich sehe ihn lächeln und höre ihn freundliche Worte sagen und wünsche mir, dass dieser Augenblick niemals vergeht. Ich blicke ihm in die Augen und denke, so intensiv ich nur kann: Sei mein Freund. Und: Wir gehören zusammen. In seinen Geruch mischt sich eine neue Note. Und ich bin sicher: Er hat mich verstanden.

In diesem Moment bricht die Hölle über uns herein. Tschakko und seine Meute haben uns entdeckt. Kläffend umtanzen sie uns, Lili erdreistet sich gar, an meinem neuen Menschen, der sich erschrocken erhoben hat, emporzuspringen wie ein irre gewordener Vollgummiball. Mit aufgestelltem Nackenhaar fahre ich dazwischen, dass der Bande Hören und Sehen vergeht. Sie sind zu sechst, doch die Gegenwart des neuen Menschen verleiht mir Riesenkräfte. Meine Zähne erwischen Tschakkos schlappes Ohr, jetzt ist es...


Rygiert, Beate
Beate Rygiert studierte Theater- und Musikwissenschaft sowie Italienische Literatur in München und Florenz und arbeitete anschließend als Theaterdramaturgin, ehe sie den Sprung in die künstlerische Selbstständigkeit wagte. Nach Studien an der Kunstakademie Stuttgart, der Filmakademie Ludwigsburg und der New York Film Academy schrieb sie Bücher und Drehbücher, für die sie renommierte Preise wie den Würth-Literaturpreis und den Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis erhielt. Beate Rygiert reist gern und viel und hat eine Leidenschaft für gute Geschichten. Zu Hause ist sie in einem idyllischen Dorf im Schwarzwald.



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