E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Rutz Zukunft Deutschland
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-451-84089-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bestehen in einer gefahrvollen Welt
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-451-84089-0
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Rutz, geb. 1951, ist politischer Journalist und war u.a. Chefredakteur des Fernsehsenders SAT.1 und der Wochenzeitung Rheinischer Merkur. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Fernsehfilme. Armin Laschet, geboren 1961 in Aachen, ist seit Juni 2017 Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Der CDU-Politiker war zuvor Bundestagsabgeordneter (1994 bis 1998) und Europaabgeordenter (1999 bis 2005). Von 2005 bis 2010 war er Minister in der Landesregierung von Jürgen Rüttgers. Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag ist er seit 2010. Bis 2016 war Laschet Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Laschet ist Jurist und gelernter Journalist. Er war unter anderem für das Bayerische Fernsehen tätig und war Chefredakteur der Kirchenzeitung Aachen. Laschet ist verheiratet und hat drei Kinder. geb. 1955, war 25 Jahre in Politik und Diplomatie tätig, u.a. als Bundesministerin für Bildung und Forschung (2005-2013) sowie als Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl (2014-2018). Heute ist sie international tätig, nimmt seit 2014 eine Gastprofessur an der Shanghai International Studies University wahr und ist u.a. die Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft in Berlin. Otmar D. Wiestler, geb. 1956, ist Vorsitzender und wissenschaftliches Mitglied des Stiftungsvorstandes des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.
Weitere Infos & Material
Annette Schavan
Die Kraft der Religionen
… und ihr Gestaltungspotenzial für eine friedliche Welt
Die Zeit eilt Gott und seiner Ewigkeit entgegen,
nicht der Vergangenheit und dem Untergang.
Karl Rahner
Ein globales Ethos
Es gibt keinen Frieden unter den Nationen ohne den Frieden unter den Religionen, darauf hat Hans Küng, ein Pionier des interreligiösen Dialogs, vor über 30 Jahren hingewiesen. Wenige Wochen nach den Anschlägen des 11. September 2001 warb Küng in einer Rede vor der UN-Vollversammlung für ein globales Ethos:
Die Globalisierung braucht ein globales Ethos, nicht als zusätzliche Last, sondern als Grundlage und Hilfe für die Menschen, für die Zivilgesellschaft. Einige Politologen sagen für das 21. Jahrhundert einen »Zusammenprall der Kulturen« voraus. Dagegen setzen wir unsere anders geartete Zukunftsvision; nicht einfach ein optimistisches Ideal, sondern eine realistische Hoffnungsvision: Die Religionen und Kulturen der Welt, im Zusammenspiel mit allen Menschen guten Willens, können einen solchen Zusammenprall vermeiden helfen, vorausgesetzt, sie verwirklichen die folgenden Einsichten: Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden der Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog der Religionen. Kein Dialog der Religionen ohne globale ethische Standards. Kein Überleben unseres Globus in Frieden und Gerechtigkeit ohne ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auf der Grundlage globaler ethischer Standards.1Wenn wir das hören, erschrecken wir! Und wir erinnern uns. Es gibt ein Parlament der Weltreligionen, das zuletzt im August 2023 in Chicago getagt hat. Erstmals tagte es 1993, wozu Hans Küng die »Erklärung zum Weltethos« vorlegte. Seither hat es als eine globale unterreligiöse Organisation acht Veranstaltungen gegeben.
Hans Küng war wirklich ein Pionier und hat seine Vision vom globalen Ethos vielfach beschrieben und in verschiedene politisch relevante Handlungsfelder entfaltet. Die Stiftung WELTETHOS in Tübingen pflegt sein theologisches Erbe und wirbt für seine Vision eines globalen Ethos.
Wir erschrecken zugleich, weil wir von einem solchen Ethos heute so weit entfernt sind wie seit Jahrzehnten nicht. Das Jahr 1993 liegt wenige Jahre nach der die Welt bewegenden Wiedervereinigung Europas im Jahr 1990. Das war eine Zeit des Aufbruchs und der Zuversicht, dass die Freiheit eine weltweite Attraktivität gewinnen werde, der niemand widerstehen kann. Davon waren wir überzeugt – ich auch.
Es gibt ikonische Bilder aus dieser Zeit. Es gibt auch Bilder aus den Jahren 1979/80, auf denen der damalige Papst Johannes Paul II. in Polen zu sehen ist – mit dem damaligen polnischen Präsidenten Jaruzelski, mit Menschenmassen bei Gottesdiensten in seiner Heimat und dem so entscheidenden Bild, das ihn mit den Werftarbeitern in Danzig zeigt. »Fürchtet Euch nicht« – das hat er ihnen zugerufen und sie ermutigt in ihrem Freiheitskampf. 10 Jahre haben Christen gekämpft und gebetet – auch in Kirchen der damaligen DDR.
Die Montagsgebete waren für die Menschen eine Quelle ihrer Kraft und ihres Durchhaltevermögens. Die 1980er Jahre sind eine Dekade einer umfassenden Freiheitsbewegung in den Ländern Osteuropas gewesen. Europa sollte wieder vereinigt und »auf beiden Lungenflügeln atmen« – in den Worten von Papst Johannes Paul II zitiert. Das hat sein langes Pontifikat geprägt. So politisch relevant können Impulse aus Religionen zur richtigen Zeit sein.
Alle Zeichen auf Konfrontation
Der Sprung in diese Tage fällt schwer. Es ist eine Zeit, in der alle Zeichen auf Konfrontation stehen. Von einem globalen Ethos spricht niemand mehr. Wer davon redet, gilt als Idealist, Gutmensch oder aus der Zeit gefallen. Die Enzykliken von Papst Franziskus »Laudato sì« und »Fratelli tutti« sind zwei Dokumente, die an ein globales Ethos erinnern und daran, dass nur so die großen Zukunftsfragen der Welt beantwortet werden und die damit verbundenen Probleme gelöst werden können. Nur gemeinsam!
An Gemeinsamkeiten arbeiten derzeit aber nur wenige. Die anderen basteln an einer neuen Weltordnung. Papst Franziskus hat es so formuliert: »Gott gebe es, dass es am Ende nicht mehr ›die Anderen‹, sondern nur ein ›Wir‹ gibt.«2 Am Ende seines Lebens hat er vermutlich nicht nur an seinen körperlichen Gebrechen gelitten, sondern auch daran, wie sich die Welt immer mehr von dem entfernt, was für eine gute Zukunft notwendig ist. Wir kommen dem »Wir« nicht nur nicht näher; wir entfernen uns immer weiter davon. Bereits getroffene Vereinbarungen der Solidarität werden aufgekündigt. Die Überzeugung, dass es ein globales Ethos braucht – für den Frieden und für das Überleben der Menschheit – ist derzeit nicht en vogue.
Die Religionen und der Frieden
Zu den Prioritäten des Pontifikats von Papst Franziskus gehörte, die Religionen zu einem aktiven Dienst für den Frieden in der Welt zu bewegen. Die ersten Monate des Pontifikats von Papst Leo XIV. zeigen eine Kontinuität dieser Bemühungen – um den Frieden und die Kraft der Religionen für den Frieden.
Nicht vergessen dürfen wir dabei, dass Spannungen zwischen Politik und Religionen auch zu allen Zeiten zu Verfolgung, Gewalt und Terror führten. Wer durch die ehemaligen jüdischen Ghettos in europäischen Städten wie Prag, Venedig und Rom geht, wird an die Pogrome und gesellschaftlichen Exklusionen gegenüber der jüdischen Bürgerschaft erinnert. In der Sala Regia im Apostolischen Haus in Rom, in der der Papst das diplomatische Korps zum Neujahrsempfang begrüßt, sind Gemälde vom Massenmord an den Protestanten in der Bartholomäusnacht 1572 in Frankreich und von der Schlacht von Lepanto zu sehen, in der 1571 die christlichen Mittelmeerstaaten die Flotte des Osmanischen Reiches besiegten. Die Kreuzzüge und die Begegnungen christlicher Missionare mit indigenen Völkern stehen für Fanatismus und Gewalt. Heute ist es der islamistische Terror, der die Welt erschüttert. So stehen Hamas und Hisbollah in ihrem Kampf gegen die Existenz des Staates Israel für Barbarei, Terror und Menschenverachtung.
Bis in unsere Tage hinein gibt es die fatale Vereinnahmung von Religion – auch im Christentum – durch die Kriegstreiber dieser Welt. So nennt der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill Putins Angriffskrieg auf die Ukraine einen »heiligen Krieg«, den Putin gegen »das Böse« und gegen den Westen führe. Der Westen verkörpert nach Kyrills Auffassung das Böse und die Abkehr vom Heiligen sowie den Verfall christlicher Werte. Vom Frieden der Religionen und einem wirksamen Dienst der Religionen für den Frieden sind wir weit entfernt. Die verheerenden Konsequenzen der afghanischen Talibanherrschaft, speziell für die Frauen, stehen ebenso für den Missbrauch von Religion wie der Angriff auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021. Da waren Kreuze zu sehen und Bibelzitate zu hören. Eine extreme politische Rechte kaperte gleichsam christliche Zeichen und Worte der Bibel für Gewalt und Aufruhr gegen einen demokratisch legitimierten Regierungswechsel.
Können Religionen angesichts solcher aktuellen Entwicklungen als überzeugende Kräfte für den Frieden und für gute Zukunftsperspektiven gesehen werden?
Die Friedensnobelpreisträgerin, Menschenrechtsaktivistin, Politikerin und gläubige Muslima Tawakkol Karmann aus dem Jemen sagte 2016 beim Friedenstreffen in Assisi:
Es gibt keine Verbindung zwischen Terror und Religion. Aber: es gibt eine Verbindung zwischen Terror und Ungerechtigkeit, Terror und Korruption, Terror und Unterentwicklung und fehlenden religiösen Reformen. Gott und alle Werte, die uns die Religionen lehren, haben mit Frieden zu tun und Liebe. Es gibt keine Verbindung zwischen Gott und Gewalt, zwischen Religion und Gewalt.Ihre Worte erinnern an das Buch Jesaja (32,17), in dem es heißt, dass der Friede ein Werk der Gerechtigkeit ist. Darauf nahm der frühere Kardinalstaatssekretär Casaroli Bezug, als er erklärte: »In Wirklichkeit sieht die Kirche den Frieden vor allem als Problem der Sozialethik, d. h. als moralische Verpflichtung und Verantwortung.«
Eine heutige Friedensethik handelt deshalb nicht allein vom Verzicht auf Waffen. Eberhard Schockenhoff nennt in seiner Friedensethik für eine globalisierte Welt als Säulen eines gerechten Friedens den weltweiten Schutz der Menschenrechte, die Förderung der Demokratie, wirtschaftliche Zusammenarbeit und den Ausbau supranationaler Verflechtung.
Diese Wege zum Frieden zeigen eine anspruchsvolle, vielgestaltige Aufgabe, die sich mit dem Rückfall in Nationalismen und Konzepten einer Entkoppelung von Staaten schwerlich vereinbaren lässt. Nationale und kulturelle Egoismen führen dazu, dass die Zahl regionaler Konflikte zunimmt und der Weltfrieden immer brüchiger wird.
Die Weltkirche hat im 20. Jahrhundert bemerkenswerte Impulse für Frieden und Solidarität gesetzt. Dafür stehen die Reden der Päpste vor nationalen und internationalen Parlamenten ebenso wie konkrete Initiativen zur Völkerverständigung. Herausragend ist die Entscheidung von Papst Paul VI. 1965, zunächst nach Israel und dann, in der Schlussphase des II. Vatikanischen Konzils, nach New York zu reisen und dort eine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu halten. Diese Rede, wie die aller nachfolgenden Päpste vor der UN,...




