E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Rutz In Sorge um Europa
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-81946-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bausteine für eine gemeinsame Identität
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-451-81946-9
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Europa¨ische Union wird von diversen Krisen erschu¨ttert: Der Brexit lässt die EU erodieren, Nationalisten erstarken in vielen Parlamenten, Europa ist von Mächten umgeben, die seine politische Einheit zerstören wollen. Inspiriert von Romano Guardinis bedeutender Europa-Rede von 1962 legen die Autoren dieses Bandes ein Bekenntnis zur großen Einigungsidee eines werteverbundenen europäischen Kontinents ab und zeigen fruchtbare Perspektiven auf. Mit Beiträgen von Wolf Biermann, Monika Grütters, Romano Guardini, Andreas Rödder, Michael Rutz, Patricia Schlesinger und Peter Wittig.
Autoren/Hrsg.
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Romano Guardini
Europa – Wirklichkeit und Aufgabe
Rede nach der Verleihung des »Praemium Erasmianum« zu Brüssel am 28. April 1962
Ew. Königliche Hoheit! Meine Damen und Herren!
Die Verleihung des Erasmus-Preises bedeutet für mich eine hohe und aufs Lebhafteste empfundene Ehre – darüber hinaus eine Bestätigung besonderer Art, über die ich gleich noch Genaueres sagen möchte. Vor allem bitte ich aber Ew. Königliche Hoheit als den Regenten der Stiftung des »Praemium Erasmianum«, sowie auch dessen Kuratorium, meinen angelegentlichsten Dank entgegennehmen zu wollen. Die empfangene Ehre wird für mich die Verpflichtung bedeuten, meine Bemühungen um das Werden eines lebendigen europäischen Bewusstseins fortzusetzen.
Über den Europa-Gedanken etwas Hörenswertes zu sagen, ist, nachdem so viel des Bedeutenden in Wort und Schrift gesagt worden ist, nicht leicht. Erlauben Sie mir, von eigener Erfahrung auszugehen. Wenn man alt geworden ist, dann darf man das wohl, falls man sich bemüht, nicht pedantisch zu werden.
Meine Eltern waren Italiener und leidenschaftliche Patrioten. Eine wirtschaftliche Unternehmung führte meinen Vater nach Deutschland; aber auch da suchte er für sein Land zu wirken, indem er die ihm übertragene konsularische Aufgabe mit einer Anteilnahme erfüllte, die über seine Pflichten weit hinausging. Ich selbst stand, als wir nach Deutschland kamen, im ersten Kindesalter. Zu Hause wurde Italienisch gesprochen; die Sprache der Schule und der geistigen Bildung aber war das Deutsche. Und dieses gewann, wie es nicht anders sein konnte, die Oberhand als die Sprache, in der Wissen und Lebenskenntnis zuflossen. Später war es auch die Sprache der Universitäten, die ich besuchte, und in der sich eigenes Schaffen zu entfalten begann.
Aus der ganzen Situation entstand aber ein schwer empfundener Konflikt, als zum bloßen Wissensdrang das Problem des Berufes hinzukam. Und zwar durch die Frage, in welchem Lande dieser Beruf ausgeübt werden solle; denn »Beruf« ist ja meistens mit Prüfungen, Berechtigungen, mit gesellschaftlichem Zusammenhang verbunden und bezieht sich daher auf ein bestimmtes Land. Vom Geistigen her gesehen musste ich diesen Beruf in Deutschland ausüben, denn meine Bildung und Lebensvorstellungen waren deutsch; ja ich dachte auf Deutsch, denn man denkt ja in einer Sprache. Auf der anderen Seite aber war die Verbindung mit Italien immer lebendig, und für meine Eltern war es die Heimat, und also das Land, in welchem ihrer Meinung nach ihr Sohn leben und arbeiten sollte.
Das ist schon lange her, mehr als ein halbes Jahrhundert. Und so weiß ich nicht, ob ein junger Mensch heute diese Frage so empfinden würde, wie ich sie empfinden musste. Wahrscheinlich nicht, denn vieles ist seitdem geschehen – in der großen Welt draußen, durch Kriege, Vertreibungen und Fluchten; aber auch in der inneren, im Wandel des Denkens und Empfindens. Damals jedenfalls war die Bindung an das eigene Land durch alles das, was patriotische Ehre und Verpflichtung hieß, sehr stark. Und so bedeutete es für mich die Möglichkeit einer anständigen Lösung dieses Konfliktes, als mir die europäische Idee aufging. Nun konnte ich die italienische Staatszugehörigkeit aufgeben und die deutsche erwerben, konnte mich der deutschen Geistesgemeinschaft anschließen, ohne eine Treue zu brechen, denn der Schritt geschah innerhalb eines Zusammenhangs, der beide Bereiche umfasste, und der hieß »Europa«. Ich habe den Schritt nach Deutschland im Bewusstsein getan, Europäer zu sein. Und das ist nicht eine Interpretation ex post, sondern das war mir wirklich bewusst.
In den Jahren 1956–1960 ist eine interessante Arbeit erschienen: »Der Verrat im XX. Jahrhundert« von Margret Boveri. Über die historischen Fundierungen habe ich kein Urteil; jedenfalls ist es ein sehr gescheites Buch und spricht von einer größeren Tiefe her, als bloßes Wissen sie erschließen kann. Denn wenn in ihm von »Verrat« gesprochen wird, so darf das nicht die Tatsache verbergen, dass es im Grunde von der Möglichkeit der Treue handelt. Ich weiß, dem Wort haftet allerlei Sentimentalität an; ich weiß auch, dass es viel missbraucht worden ist, oft gerade von solchen, die selbst keine Treue übten, jedoch Leute nötig hatten, auf die sie sich verlassen konnten. Es muss aber Treue geben; die Ehre des Menschen hängt daran, dass etwas sei, für das er bereit ist, sich wirklich einzusetzen – das, worin seine Wurzeln liegen: Heimat und Lebensgemeinschaft.
Auf der anderen Seite erleben wir aber die historische Stunde, in welcher die Grenzen jener Bereiche, in denen noch vor vierzig oder fünfzig Jahren die Treue wurzelte, nämlich die Nationen, sich lockern. Der Raum, in dem der Mensch existiert, wird größer. Schon der junge Mensch lernt heute, in Erdteilen, ja global zu denken. Schon er fühlt, dass etwas, was hier in seiner Stadt geschieht, in alle Städte hineinwirkt; dass das, was sein Land betrifft, alle Länder angeht. Er weiß, es gibt keine weißen Stellen auf der Erdkarte mehr. Wo er diesen Erdbezug erfährt, ist eine Frage der Lebenssituation: in Wissenschaft oder Technik, Kunst oder Politik oder Wirtschaft –, irgendwo empfindet er den Ruf der Erdweite, und, wenn er wach ist, auch eine Verantwortung für sie, wenn er diese auch, in den meisten Fällen, nicht zu formulieren wüsste.
Der Philosoph Georg Simmel, den ich in Berlin noch hören konnte, hat in seiner Soziologie den Satz aufgestellt: Wenn in einem bestimmten Bereich eine Anzahl in sich geschlossener, kleinerer soziologischer Gebilde sich befänden, dann stünden sie einander zunächst in Misstrauen, ja Feindschaft gegenüber. Die Energie dieser Selbstabschließung lockere sich in dem Maße, als ein größerer Zusammenhang deutlich werde, der von außen her einen Druck auf sie ausübe. Und das geschieht heute hinsichtlich der Nationen. Sie erscheinen als Teile der Kontinente, von denen die maßgebenden geschichtlichen Initiativen auszugehen beginnen. Und es wird bereits ein noch größerer Zusammenhang deutlich, nämlich der Erdraum als Ganzes – deswegen, weil jener Bereich sich zur Geltung bringt, der die Erde umgibt, nämlich der Weltraum, und nicht nur in einem abstrakten, theoretischen Sinne, sondern als etwas, das uns real angeht. Dass, um ein Beispiel zu nehmen, das Nachrichtenwesen sich Stützpunkte im Weltraum schafft, um auf der Erde besser arbeiten zu können, ist wie ein symbolischer Vorgang.
Im gleichen Augenblick entsteht aber für den Einzelnen die Frage: Kann ich unmittelbar im Raum des Kontinents existieren? Ist die Über-Nationalität so geartet, dass ich in ihr auch Heimat und Ehre haben kann? Wo ist der Raum der Treue als Gegenpol für die Weite des Ausgreifens und der großen Verantwortung?
Hier gewinnt die Nation eine neue Bedeutung.
Es gibt eine Weise, kontinental, gar global zu fühlen, die interessant sein mag, aber die Menschen heimatlos macht und einen bestimmten Appell des Ehrgefühls nicht erfüllt. Daraus entsteht der Kosmopolit, als jener Mensch, der nirgendwo mit seinem Leben einsteht, weil er anderswo ebenso gut existieren kann. Dieser Ort der lebendigen Einwurzelung ist die Nation – nicht in ihrer früheren, abgeschlossenen Form, sondern so, dass sie mit den anderen Nationen zusammen im Kontinent eingeordnet ist; mit Geschichte gesättigte Form charakteristischen Lebens, die aber ein Organ in umfassenderen Zusammenhängen bildet. Von ihr her haben wir den holländischen, belgischen, französischen, deutschen Europäer.
Wir sind gewohnt, meine Damen und Herren, Europa als Erdteil anzusehen und es also in eine Reihe mit so mächtigen Gebilden wie Amerika, Asien, Afrika zu stellen – ist das berechtigt? Diese kleine Halbinsel am Koloss Asien? Als Antwort auf die Frage könnte zunächst auf die Größe ihrer Bevölkerung hingewiesen werden, sobald das Ganze in Betracht gezogen wird; auf ihre vereinigte wissenschaftliche, industrielle, künstlerische Leistung. Das sind sicher gewichtige Momente. Aber die anderen Kontinente haben Reserven an noch ungenütztem Raum, den wir nicht mehr haben, und unerschlossenen Naturschätzen, ein Potential künftiger Volksvermehrung, und einen Willen zu wissenschaftlich-technischem Fortschritt, welche die Bedeutung der europäischen Zahlen mit jedem Jahr weiter vermindern müssen.
Gibt es aber eine Leistung, die Europa in besonderer Weise zugewiesen ist, und von anderen Erdteilen wohl auch, aber wohl nicht gerade so gut vollbracht werden könnte? Ich möchte die Antwort von einem Problem her suchen, das mich seit langem beunruhigt und sicher auch Ihnen vertraut ist. Sehen Sie, die Frage, ob die wissenschaftliche Forschung voranarbeiten werde, ist kein Problem; in ihr wirkt ein so starker innerer Antrieb, dass sie wie von selbst vorangeht. Von der Technik her kann man das Gleiche sagen; sie entwickelt sich mit Konsequenz aus sich selbst, manchmal haben wir das Gefühl, mit einer zu starken Konsequenz. Aus Wissenschaft und Technik entsteht eine Macht des Menschen über die Natur – und, sofern es lebendige Natur ist, über das Menschenwesen selbst, die in immer rascherem Zeitmaß sich steigert. Das bedeutet ein Fortschreiten zu stets größerer Unabhängigkeit und weiterem Weltbezug.
Das Problem aber, das jedem, dem es aufgegangen ist, aufs Ernsteste beschäftigen muss, lautet: Ist diese Formel nicht primitiv? Setzt sie nicht in einer zu einfachen Weise die quantitative Steigerung der Macht mit dem existenziellen Wachstum des Menschen gleich? In welchem Verhältnis steht der Anstieg der Macht zur Menschlichkeit des Menschen? Wir tun gut, uns an ein Grundgesetz der Kulturphilosophie zu erinnern, dass es keine...




