Rutherford | Schloss der Lügen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Rutherford Schloss der Lügen


1. Auflage, Ungekürzte Ausgabe 2025
ISBN: 978-3-03880-194-8
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-03880-194-8
Verlag: Arctis ein Imprint der Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Romance und gefahrliche Geheimnisse, ein verrottendes Schloss und brodelnde Spannung. Mara Rutherfords Erzahlung ist so durchzogen von Schrecken und Hoffnung, dass sie noch lange nachhallt.« Rebecca Ross, Autorin des New York Times-Bestsellers Divine Rivals Sie haben die blutige Pest überlebt - doch der Horror hat noch lange kein Ende. Seit Jahren wütet in Goslind eine tödliche Seuche; der König hat sich mit seinem gesamten Hofstaat im Schloss verbarrikadiert. Während er langsam dem Wahnsinn verfällt, versuchen alle anderen verzweifelt, das Maskenspiel aufrecht zu erhalten und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Doch die Vorräte schwinden und Prinzessin Imogens Sorge, dass ihr größtes Geheimnis auffliegen könnte, wächst mit jedem Tag. Bei einem Fluchtversuch aus dem Schloss trifft sie auf Nico Mott, einen jungen Totengräber auf der Suche nach Überlebenden. Gemeinsam beginnen sie, das Netz der Lügen, das sie umgibt, zu durchbrechen - doch die Pest hat Monster geschaffen, die nur auf frisches Blut warten ... »Diese wunderbar schaurige Erzählung verbindet Mystery, Horror und Romance miteinander. [...] Herrlich stimmungsvoll, Gänsehaut pur.« Kirkus Reviews »Rutherford verbindet Romance, gestohlene und falsche Identitäten und eine Atmosphäre voll schwelender Angst zu einer unheimlichen, apokalyptischen Lektüre.« Publishers Weekly

Mara Rutherford arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie feststellte, dass fantastische Welten ihr viel lieber sind als die Realität. Sie stammt aus Kalifornien, studierte Kulturwissenschaften in London und hat danach mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen an vielen verschiedenen Orten auf der Welt gelebt. A Multitude of Dreams ist ihr fünftes Jugendbuch.
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Kapitel 1


Eldridge Hall war auf Lügen gebaut.

Seraphina stand am Sims des einzigen Fensters in der obersten Kammer des höchsten Schlossturmes, wo es sogar an den windstillsten Tagen zog. Doch selbst das Fenster war eine Lüge – vor Jahren war es in aller Hast mit Brettern vernagelt worden, und ein Fenster, durch das man nichts sah, war eben nur eine weitere Wand. Jeden Augenblick würde die Ebenholzuhr im Großen Saal drei dröhnende Schläge von sich geben und ein weiteres verschwenderisches Mahl ankündigen, das sich das Königreich nicht leisten konnte.

Die tatsächliche Uhrzeit spielte kaum noch eine Rolle; der Uhrmacher war schon vor Jahren an der Mori Roja gestorben, und falls es noch jemanden außerhalb des Schlosses gab, der sie reparieren konnte, würde der König niemals die Gesundheit seiner geliebten jüngsten Tochter aufs Spiel setzen, um denjenigen zu finden.

Als Seraphina die Treppe zum Speisesaal herunterstieg, summte sie die Melodie eines Kinderliedes aus der Zeit bevor die Pest die Stadt erreichte. Am Königshof wurde sie als Mori Roja bezeichnet, doch jenseits der Schlossmauern nannte man sie die Blutigen Drei.

Es war eine Tatsache: Die Drei war die unseligste aller Zahlen. Drei war die Anzahl der missgünstigen älteren Schwestern, die Seraphina hatte, es war die Anzahl der Besuche, die sie dem wahnsinnigen König täglich in seinen Gemächern abstatten musste, drei war die Anzahl der Tage, die es brauchte, bis ein Mensch an der Mori Roja starb.

Und drei war die Uhrzeit, die die Ebenholzuhr, ebenso hartnäckig in ihrer Realitätsverweigerung wie der König, schon seit Jahren stündlich schlug.

Als sie den Speisesaal betrat, straffte Seraphina die Schultern und reckte das königliche Kinn. Stühle schabten über den Boden, die Lords und Ladys erhoben sich zum Gruß. Hinter dem exquisit geschliffenen Kristall und dem feinen, beinahe durchscheinenden Porzellan war der König schon halb von seinem Stuhl aufgestanden, um sie mit einem seiner Küsse zu beglücken, die gleichzeitig zu feucht wie auch zu trocken waren.

»Vater.« Sie verneigte sich mit dem leichten Knicks, den sie nur mit Mühe gelernt hatte. »Ihr seht gut aus heute Abend.«

»Nicht so gut wie du, Liebes. Ist sie nicht bezaubernd, Lord Greymont? Lord Greymont?« Der König lief wankend im Kreis, als er unter den jungen Edelmännern nach seinem Favoriten suchte. »Ah, da seid Ihr ja. Sieht meine Tochter heute Abend nicht bezaubernd aus?«

»Blühend wie eine Rose«, versicherte Lord Greymont Seraphina mit einer Verbeugung. »Bitte erlaubt mir, Euch zu Eurem Stuhl zu geleiten.«

Sie biss sich in die Wange, die schon ganz wund war von ihren Anstrengungen, nicht jedes Mal aufzustöhnen, wenn sie sich verstellen musste. Lord Greymont war wie alle anderen jungen Männer auf Eldridge Hall, will heißen, er war gut aussehend, reich und todlangweilig.

»Ihr seht immer bezaubernd aus«, flüsterte er; sein Atem auf ihrer bloßen Schulter war ebenso unangenehm wie Haut auf warmer Milch. »Aber ich muss sagen, dieses rosa Kleid schmeichelt Eurem Teint.« Seine Augen verweilten einen Moment zu lange auf ihrem grazilen Dekolleté.

Sie hob eine sorgfältig gezupfte Augenbraue. »Und Ihr seht so schneidig aus wie immer. Obwohl wir alle ein wenig blass sind, findet Ihr nicht?«

»Das ist eben unvermeidlich, wenn man jahrelang nicht an die frische Luft geht.« Er verscheuchte eine getigerte Katze von Seraphinas Stuhl. Ohne Zugang zur Außenwelt, wo Raubtiere ihre Zahl in Schach gehalten hätten, hatten sich die Katzen in den letzten Jahren hemmungslos vermehrt und waren überall im Schloss. Seraphina setzte sich und gestattete Greymont, ihren Stuhl heranzurücken. Ohne zu fragen, nahm er neben ihr Platz. »Freut Ihr Euch auf das Fest zu Eurem zwanzigsten Geburtstag?«

»Eine Dame schätzt es nicht, an ihr Alter erinnert zu werden.« Es klang wie etwas, das eine Prinzessin erwidern würde. In Wahrheit war sie siebzehneinhalb und feierte ihren Geburtstag am liebsten mit einem Picknick.

Warum Lord Greymont ihr in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit schenkte, galt es noch herauszufinden. »Verzeiht, Eure Hoheit. Aber, wenn ich mich erdreisten darf, Ihr seid jetzt noch schöner als an dem Tag, an dem ich Euch kennengelernt habe.«

Sie erinnerte sich noch gut daran. Sie war kaum vierzehn gewesen, ungeschliffen und unterernährt, und war vor Schatten zurückgeschreckt, als handle es sich um Gespenster. Obwohl sein Kompliment kaum dreist zu nennen war, zeigte sie mit Schmollmund und niedergeschlagenen Augen angemessen weibliches Verhalten – eine groteske Kombination aus Sittsamkeit und Geziertheit, wie sie gelernt hatte.

»Habt Ihr bereits ein Kostüm gewählt?«, fragte er.

»Nein, aber meine Schwestern schmieden bestimmt schon Pläne.« Sie blickte zu den jungen Frauen am Ende der Tafel. Wie erwartet kicherten sie hinter vorgehaltener Hand, das Rouge auf ihren Wangen wirkte im Kerzenschein beinahe grell.

Lord Greymont räusperte sich und rückte näher. »Ich weiß, es ist ein wenig verfrüht, aber dürfte ich um den ersten Tanz bitten?«

»Mein Geburtstag ist erst in drei Wochen.«

»Wohl wahr, aber in zwei Wochen seid Ihr bestimmt ausgebucht. Ich möchte nicht riskieren, Euch an unseren geschätzten Lord Spottington zu verlieren.«

Seraphina seufzte. »Lord fragt doch nur, weil sein Vater es verlangt. Er selbst ist ungefähr so ehrgeizig wie eine Gartenschnecke.«

Lord Greymont grinste. »Unterschätzt ihn nicht, Eure Hoheit. Selbst eine anspruchslose Gartenschnecke hat Ziele, so langsam sie auch sein mag.«

»Wenn Lord Pottington eine Schnecke ist, was bin ich dann? Ein Blatt?«

Lord Greymonts Augen wanderten zu seinem adligen Konkurrenten, der Seraphinas ältester Schwester wild gestikulierend etwas erklärte. Er war unbeholfen und plump – und ja, auch mit fünfundzwanzig hatte er noch unreine Haut – aber Seraphina gab nicht viel auf den äußeren Schein. Auch er war nur eine Lüge, wie alles hier.

»Ihr, Prinzessin, seid weit davon entfernt, Blattwerk zu sein.«

»Ihr habt mich bereits mit einer Blume verglichen«, erwiderte sie.

Als er seinen Wein in dem geschliffenen Kristallkelch schwenkte, fiel Seraphina auf, dass der Goldrand angeschlagen und abgeblättert war. »Ist etwa kein Kompliment?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich habe ewig keine Rose mehr gesehen.«

»Dann werde ich es zu meiner Lebensaufgabe machen, Euch eine zu bringen.«

Fast hätte sie geschnaubt, doch dann erinnerte sie sich daran, dass eine Prinzessin niemals schnauben würde. »Bitte vergeudet Eure Zeit nicht mit etwas so Trivialem wie einer Rose.«

»Womit sollte ich sie Eurer Meinung nach denn sonst verschwenden? Es ist ja nicht etwa so, dass ich hier im Schloss etwas Sinnvolles tue.«

Seraphina trank einen Schluck ihres Weins, der stark mit Wasser verdünnt war. Allmählich ging der Wein wohl zur Neige. Wehe dem armen Diener, der dem König diese Nachricht überbringen musste. Sie sprach leiser, damit Lord Greymont sich zu ihr herüberbeugen musste. Nicht, weil sie seine Nähe suchte – sondern weil sie es genoss, andere ihrem Willen zu unterwerfen, nachdem sie es selbst so viele Jahre lang hatte tun müssen. Außerdem roch er gut nach parfümierter Seife, und das war schon mehr, als sie von den Jungen in ihrer Kindheit behaupten konnte.

»Und was würdet Ihr tun, wenn Ihr nicht im Schloss festsitzen würdet?«

Er sah sich um, und sie bemerkte grüne Sprenkel in seinen braunen Augen. Sie überlegte, ob er sie fragen würde, was sie mit meinte. Niemand durfte auf die Posse anspielen, die sie alle aufführten, schon gar nicht in Anwesenheit des Königs. Doch als Lord Greymont antwortete, waren seine Mundwinkel leicht nach oben gezogen. »Ich würde gern die Welt bereisen. Ich glaube, Segeln würde mir gefallen. Nein, ich , dass mir Segeln gefallen würde.«

Sie wurde unwillkürlich lebhafter. »Habt Ihr den Ozean schon einmal gesehen?«

»Ja. Sogar mehr als einmal.«

Also doch nicht so langweilig, wie sie angenommen hatte. »Euch stand ein Schiff zur Verfügung?«

Er nickte. »Tanzt an Eurem Geburtstag mit mir, dann werde ich Euch alles erzählen.«

Sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, ihre Verärgerung in neckische Worte zu kleiden, den spitzen Unterton konnte sie jedoch nicht lange unterdrücken. »So lange würdet Ihr mich warten lassen?«

Etwas in seinen Augen veränderte sich, sein Lächeln bekam etwas Boshaftes. Er wusste etwas, das sie auf der Stelle erfahren wollte, aber er würde es als Lockmittel einsetzen. Keine Lüge, bloß noch mehr Spielchen. Zum Glück war Seraphina gut im Spielen und konnte geduldig sein, wenn der Preis etwas war, das sie wollte.

»Das Warten wird sich lohnen«, säuselte er. »Versprochen.«

Der Wein war wohl doch stärker, als sie angenommen hatte, Seraphina war warm und leicht schwindlig. Was würden die Mädchen zu Hause sagen, wenn sie sie so sehen könnten, in dem schönen rosa Kleid und in Gesellschaft eines gut aussehenden Mannes?

Unter dem Tisch zwickte sie sich fest ins Handgelenk; das tat sie immer, wenn sie sich dabei ertappte, dass sie auch nur einen Moment ihrer Zeit auf Eldridge genoss. Glücklich zu sein, war Bequemlichkeit, und Bequemlichkeit bedeutete Akzeptanz. Doch solange sie noch atmete, würde sie dieses Leben niemals als ihres akzeptieren.

Abgesehen davon spielte es mittlerweile keine Rolle mehr, was die Mädchen zu Hause von irgendetwas hielten. Die Mädchen zu Hause waren alle...


Rutherford, Mara
Mara Rutherford arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie feststellte, dass fantastische Welten ihr viel lieber sind als die Realität. Sie stammt aus Kalifornien, studierte Kulturwissenschaften in London und hat danach mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen an vielen verschiedenen Orten auf der Welt gelebt. A Curious Kind of Magic ist bereits ihr fünftes Jugendbuch.

Max, Claudia
Claudia Max studierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Literaturübersetzen mit dem Schwerpunkt Anglistik/Amerikanistik. Seit 2008 ist sie freiberufliche Literaturübersetzerin und hat bisher ca. 70 Werke aus dem Englischen übertragen. 2010 war sie Stipendiatin der Berliner Übersetzerwerkstatt, ihre Arbeit wurde mehrfach mit Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet. 2023 wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt in Berlin, arbeitet aber überall, denn am liebsten ist sie auf Reisen – in Büchern und in der Welt.

Mara Rutherford arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie feststellte, dass fantastische Welten ihr viel lieber sind als die Realität. Sie stammt aus Kalifornien, studierte Kulturwissenschaften in London und hat danach mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen an vielen verschiedenen Orten auf der Welt gelebt. A Curious Kind of Magic ist bereits ihr fünftes Jugendbuch.



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