E-Book, Deutsch, Band 46, 260 Seiten
Ruso / Bender / Kanitscheider Nachhaltigkeit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6779-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
das Fortbestehen komplexer Systeme
E-Book, Deutsch, Band 46, 260 Seiten
Reihe: Matreier Gespräche zur Kulturethologie
ISBN: 978-3-7568-6779-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Sorge um die Stabilität von Natur, Klima, Gesellschaft und Wirtschaft ist seit jeher mitbestimmend für unser Denken und Handeln. Doch scheint eine langanhaltende Stabilität für menschliche Kulturen unerreichbar zu sein, während der Mensch zunehmend seine physische Umwelt bewusst ebenso wie unbewusst verändert. Seit der Neuzeit wird der Begriff der "Nachhaltigkeit" verwendet, um Handlungsprinzipien zu beschreiben, die Stabilität im Sinne von Dauerhaftigkeit anstreben. Dies geschah zunächst in der Forstwissenschaft. Mit Ende des 20. Jahrhunderts erhielt der Begriff "Nachhaltigkeit" eine politische Implikation und zielt nun auf eine beständige Nutzbarkeit des Lebensraumes zur dauerhaften Befriedigung der (menschlichen) Bedürfnisse. Er wird dabei auf eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension ausgedehnt, wobei die Definitionen keineswegs einheitlich sind. Im weiteren Sinn kann die Frage nach der Nachhaltigkeit von Prozessen und Interventionen bei allen komplexen Systemen gestellt werden. In diesem Band setzen sich 12 Beiträge der 46. Matreier Gespräche 2022 mit verschiedenen Phänomenen der Nachhaltigkeit auseinander, um interdisziplinäre Querverbindungen zu schaffen, die entsprechende Grenzen und Entwicklungspotentiale aufzeigen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vorwort
Die Sorge um die Stabilität von Natur, Klima, Gesellschaft und Wirtschaft ist seit jeher mitbestimmend für unser Denken und Handeln. Doch scheint eine langanhaltende Stabilität für menschliche Kulturen unerreichbar zu sein, nicht zuletzt weil der Mensch zunehmend seine physische Umwelt bewusst ebenso wie unbewusst verändert. Seit der Neuzeit wird der Begriff der ‚Nachhaltigkeit‘ verwendet, um Handlungsprinzipien zu beschreiben, die Stabilität im Sinne von Dauerhaftigkeit anstreben. Das Adjektiv ‚nachhaltend‘ wurde zunächst im Bereich der Forstwirtschaft eingeführt. Die ‚nachhaltende Nutzung‘ der Wälder (von Carlowitz 1713, ‚Sylvicultura Oeconomica‘) sollte das gänzliche Abholzen verhindern und die natürliche Regenerationsfähigkeit des Waldes gewährleisten, indem immer nur so viel Holz entnommen wird, wie nachwachsen kann (Hartig 1804, ‚Anweisung zur Taxation der Forste‘). Mit Ende des 20. Jahrhunderts erhielt der Begriff ‚Nachhaltigkeit‘ – speziell durch den Club of Rome und die 1983 von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission für Umwelt und Entwicklung – eine politische Implikation und bezeichnet nun vor allem solche Maximen, die eine Stabilität der Nutzbarkeit des Lebensraumes zur dauerhaften Befriedigung der (menschlichen) Bedürfnisse gewährleisten sollen. Er wird dabei auf eine ökologische, soziale und ökonomische Dimension ausgedehnt, wobei die Definitionen keineswegs einheitlich sind. Gemeinsam ist jedoch allen Verwendungen, dass Nachhaltigkeit stets auf Auswirkung gegenwärtigen Handelns auf die Zukunft abstellt und somit ein zeitlicher Bezug gegeben ist; Ressourcen geschützt werden sollen; der Fortbestand eines Systems sichergestellt werden soll. Heute wird von Nachhaltigkeit meist im ökologischen Zusammenhang der natürlichen Regeneration der beteiligten Systeme gesprochen, und somit findet die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Begriff vor allem in Disziplinen statt, die sich mit ökosozialen Themen beschäftigen, wie Biologie, Geographie, Technik usw. Im weiteren Sinn kann die Frage nach der Nachhaltigkeit von Prozessen und Interventionen jedoch bei allen komplexen Systemen gestellt werden. So hat sich mit Beginn des 21. Jahrhundert die universitäre Disziplin der ‚Nachhaltigkeitswissenschaft‘ implementiert, die an der Schnittstelle von Natur- mit den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften operiert. Die 46. Matreier Gespräche setzten sich in diesem Sinne mit verschiedenen Phänomenen der Nachhaltigkeit auseinander, um Querverbindungen zwischen möglichst vielen Wissenschaftsdisziplinen zu schaffen, welche entsprechende Grenzen und Entwicklungspotentiale aufzeigen. Die Tagung war ursprünglich für Dezember 2020 terminiert und musste aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie zweimal verschoben werden. Sie fand schließlich unter immer noch erschwerten Bedingungen vom 22. bis 26. April 2022 in Matrei vor Ort statt. Einige ursprünglich zugesagte Präsentationen sind ausgefallen. Der wissenschaftliche Leiter Oliver Bender hat versucht, diese Ausfälle durch zusätzliche Vorträge ansatzweise zu kompensieren. Insgesamt zwölf Beiträge wurden schließlich für den vorliegenden Tagungsband aufbereitet. Die einleitende Abhandlung von Oliver Bender bietet eine Einführung in die Nachhaltigkeit mit Ausblicken und Hinweisen auf viele beteiligte Wissenschaftsdisziplinen in einer integrierenden Perspektive. Sie befasst sich mit der Entwicklung und Operationalisierung des modernen Nachhaltigkeitskonzepts, den aktuellen Problem- und Handlungsfeldern sowie rezenten Lösungsansätzen. Schließlich wird unter Berücksichtigung des kulturethologischen Aspekts erörtert, warum das aktuelle Bemühen um eine globale nachhaltige Entwicklung dennoch zu scheitern droht. Der Beitrag von Max Liedtke untersucht Nachhaltigkeit in der Kultur anhand ihres Subsystems Schule. Er skizziert die Schule mit ihren evolutionären Wurzeln als nachhaltige Institution, welche die Kulturtradition organisiert und Kultur zum Funktionieren bringt. Im Gegensatz dazu diskutiert Andreas Mehl Nachhaltigkeit in der Antike im Umgang mit ideellen Gütern und natürlichen Ressourcen anhand von drei Beispielen: Landwirtschaft, Sklavenhaltung und Thermenanlagen. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass die damit angestrebten Zustände der Nachhaltigkeit auf Dauerhaftigkeit ausgerichtet und damit ‚anti-evolutionär‘ waren, somit als kulturethologische (Verlaufs-)formen nicht mit solchen der biologischen Evolution gleichgesetzt werden dürfen. Dagmar Schmauks zeigt in gewohnt virtuoser Manier anhand einer Vielzahl von Beispielen von ‚Zitat bis Parodie‘, wie man Texte mehr oder weniger kreativ wiederverwendet. Diese Art von kultureller Nachhaltigkeit erscheint in ihren diversen Verlaufsformen sehr wohl evolutionär. Ein Beitrag von Oliver Bender nimmt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zum Anlass, anhand eines bereits länger schwelenden Konfliktes Nachhaltigkeit in der Geopolitik zu thematisieren. Er bespricht auf Basis einer langen Vorgeschichte, der konkreten Auslösesituation und der aktuellen Kriegslage die schädlichen Auswirkungen des Kriegs auf die zukünftige geopolitische Lage sowie auf die allgemeinen Bemühungen der Weltgemeinschaft um eine nachhaltige Entwicklung. Der philosophisch-normative Essay von Michaela Koch propagiert einen Perspektivwechsel von einem derzeit vorherrschenden anthropozentrischen Gesellschaftsbild hin zu einer inklusiven Gesellschaft aller Lebewesen. Eine Umkehrung des menschlichen Expansionsdranges und ein neues, nicht nur auf die eigene Art bezogenes Verständnis von evolutionärem Erfolg sollen nicht allein das Überleben, sondern auch ein ‚gutes Leben für alle‘ auf dem Planeten ermöglichen. Helmwart Hierdeis und Achim Würker erörtern nachhaltige Wirkungen von Psychoanalytischer Therapie und Psychoanalytischer Pädagogik. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei der möglichen Verbesserung individueller Lebensbewältigung und damit einer positiven, durch die ‚Dialektik der Aufklärung‘ immer wieder bedrohten Kulturentwicklung. Christa Sütterlin diskutiert die Nachhaltigkeit öffentlicher Kulturdenkmäler vorrangig anhand ihrer Funktionen. Als empirische Basis fungiert eine ‚Wiener Identitätstopographie‘, die bis in das 18. Jahrhundert zurückgeführt wird. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Denkmäler im Rahmen einer ‚Erinnerungskultur‘ dem kulturellen Zusammenhalt von Großgesellschaften wie auch der Symbolidentifikation von Angehörigen verschiedener Gruppen dienen. Hans Winkler spürt ökologischen und evolutionären Mechanismen ‚beobachtbarer‘ Nachhaltigkeit in der Biologie nach. Das Fortbestehen der Beutepopulationen von ‚Wölfen und Viren‘ wird einerseits auf diverse Beschränkungen der Räuber und andererseits auf räumlich strukturierte Beziehungen zurückgeführt. In kulturethologischer Perspektive drängt sich der Schluss auf, dass menschliche Nachhaltigkeit kaum gegeben sei beziehungsweise starke gesellschaftlich-kulturelle Regulative benötige. Oliver Bender untersucht in einem Beispiel aus der Geographie, inwieweit der österreichische Tourismus in den letzten 50 Jahren zur nachhaltigen Regionalentwicklung im Ländlichen Raum beitragen konnte. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass der Fremdenverkehr nicht das propagierte Allheilmittel sein kann, solange sein Aufkommen und seine Wertschöpfung saisonal und vor allem räumlich in zunehmendem Maße ungleich verteilt sind. Hinzu kommt, dass der alpine Wintermassentourismus niemals ökologisch nachhaltig war und dies im anthropogenen Klimawandel auch immer weniger sein kann. Den Band beschließen zwei Beiträge von Thomas Simon und Hans Winkler, die in ökonomischer und ökologischer Sichtweise den nachhaltigen Umgang mit Wäldern behandeln. Auf der Konferenz war die Dialektik des Themas in einer Doppelkonferenz dargestellt worden. Das Verhalten des Menschen gegenüber dem Wald ist exemplarisch für das allgemeine Verständnis von Nachhaltigkeit und jener komplexen Systeme, die dadurch erhalten werden sollen. Nach Ansicht beider Autoren müssen Naturwissenschaft und Ökonomie weiterhin um einen Konsens ringen, wenn sie zu einer notwendigen neuen Kultur des Umgangs mit unserem Planeten beitragen wollen. Die Beiträge zu den 46. Matreier Gesprächen zeigten einmal mehr auf, wie vielschichtig sich Nachhaltigkeit als Konzept präsentiert. Anhand der empirischen Befunde wurden Chancen und Limitationen für nachhaltige Entwicklungen in vielen Bereichen und Disziplinen nachgewiesen. Zweifellos kreuzt das Konzept der Nachhaltigkeit die Grenzen von Natur- und Technikwissenschaften einerseits sowie von Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften andererseits. Die Kulturethologie versucht ihrerseits, die Evolution von natur- und kulturwissenschaftlichen Phänomenen zu vergleichen und zu parallelisieren. Doch die bei den Gesprächen diskutierten empirischen Befunde blieben letztlich uneindeutig, inwieweit dies hinsichtlich der verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit...




