Rumpl | Schwarzer Jasmin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Rumpl Schwarzer Jasmin

Roman
2020
ISBN: 978-3-7117-5434-9
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7117-5434-9
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Journalist Jakob und die Sozialarbeiterin Julia haben sich ein Ultimatum gestellt: Ihre Beziehung steht am Scheideweg. Der tunesische Flüchtling Eymen schwankt zwischen den Verlockungen des westlichen Lebens und seiner religiösen Überzeugung. Und der Polizist Frank übernimmt einen letzten großen Fall vor seiner Rente. Er und sein Team müssen sich gegen ihre opportunistische Vorgesetzte und für die Sicherheit entscheiden: Sie stoßen auf Eymen, der in Julias Beratungsstelle aufgetaucht ist, als möglichen Gefährder, den es zu fassen gilt, bevor er zuschlägt. Die Wege dieser so unterschiedlichen Figuren scheinen schicksalhaft verwoben und alles läuft auf ein dramatisches Finale hinaus ... Zwischen der tunesischen Jasminrevolution, die den kurzen Arabischen Frühling auslöste, und der Fluchtbewegung nach Europa siedelt Manfred Rumpl seinen spannenden und vielschichtigen Thriller an.

Manfred Rumpl, 1960 in der Steiermark geboren, jobbte in verschiedenen Sparten in Österreich und Deutschland, bevor er in Graz und Wien Philosophie studierte und mit einer Arbeit über Baudelaire abschloss. Für seine Romane erhielt er unter anderem den 'aspekte'-Literaturpreis des ZDF und den Deutschen Kritikerpreis. Manfred Rumpl lebt in Wien und in der Steiermark. Im Picus Verlag erschien 2015 'Reisende in Sachen Relativität', ein Roman über Erwin Schrödinger, 2016 'Dieser Tage', im Frühjahr 2018 'Finns Irrfahrt'. 2020 erschien 'Schwarzer Jasmin'.
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QUESLATIA, TUNESIEN, 2010


Rashid blieb ziemlich gelassen. Er flippte nicht aus, wie Eymen befürchtet hatte. Er wollte eine Wiedergutmachung. Einen Lkw und Geld, um den Verlust zu kompensieren. Er wusste um das Risiko. Es war nicht das erste Mal, dass er in diesen unsicheren Zeiten eine Ladung verlor. Sicher war nur eins, der Dinar musste rollen und Alkohol in Strömen fließen, damit der Aufstand gegen die Regierung nicht zum Erliegen kam. Also musste Eymen, der es ja schließlich verbockt hatte, sehen, wo und wie er einen Lkw beschaffen konnte.

Karim wurde als vermisst gemeldet, wie so viele in diesen Tagen.

Eymen hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Ein paar Tage lang verkroch er sich bei der Mutter und den Geschwistern, wie früher manchmal, und spielte mit dem Smartphone. Er gab Geld, wenn er angesprochen wurde, um seine Ruhe zu haben. Er überlegte, seinen Vater um Hilfe zu bitten. Aber dieser Vater war irgendwo, nur nicht hier, wo er gebraucht wurde. Und überhaupt, wie sollte ihm ein alter Krüppel helfen, der es nicht schaffte, sein eigenes Leben und das der Familie auf die Reihe zu kriegen.

In den Nächten lag er wach, das Atmen der Geschwister in den Ohren, und wälzte seine Gedanken im Kreis. Mit den Gewinnen aus den Drogengeschäften konnte er sich ein Mofa leisten. Aber einen Lkw? Rashid war gutmütig, das war sein Naturell. Er würde aber dennoch nicht ewig darauf warten, bis er bekam, was ihm zustand.

Ein Gedanke kam ihm immer wieder, obwohl er ihn zur Seite schob. Warum nicht gleich in die Offensive gehen, wenn er schon nicht wusste, wie er es anstellen sollte, sein Gesicht zu wahren? Niemand würde ihm Geld oder einen Lkw leihen. In Zeiten, in denen vieles auf dem Spiel stand, durfte man nicht lange fackeln. Jeder musste sehen, wo er blieb. Wenn er nicht lieferte, wäre er womöglich bald geliefert. Dass Rashid auch anders konnte, wenn es darauf ankam, war vielleicht mehr als nur ein Gerücht, das er besser nicht auf die Probe stellte.

Eines Nachts schreckte er aus dem Halbschlaf hoch und wusste, was zu tun war. Er sah und hörte sich im Dunkeln um. Nichts. Nur das Säuseln der schlafenden Geschwister und die Silhouetten ihrer Körper unter den rauen Wolldecken.

Er musste sein Leben selbst in die Hand nehmen. Er durfte es nicht denen überlassen, die sich, wenn es darauf ankam, nur um die eigenen Interessen kümmerten. Immerhin wusste er über Dinge Bescheid, die Rashid eine Menge Geld einbrachten. Gelänge es ihm, dieses Wissen für sich zu nutzen, könnte er bald selbst in einer höheren Liga spielen. Es war an der Zeit, die Rolle des Balljungen loszuwerden und sich zum Spielmacher in eigener Sache zu mausern.

Er suchte Ahmed, der in den Bergen dabei gewesen war, als sie die kostbare Fracht verloren geben und um ihr Leben laufen hatte müssen. Keine Nacht, in der er seitdem nicht aus dem Schlaf fuhr, weil etwas auf sein Gesicht tropfte. Es tropfte auf seine Augen, etwas Klebriges, und hinderte ihn daran, sie zu öffnen. Er konnte sich nicht bewegen, sosehr er es auch wollte. Wenn er es endlich schaffte, zu sich zu kommen, schreckte er hoch, in Schweiß gebadet, und suchte verstört nach Karim.

Da waren aber nur die Geschwister um ihn. Sie wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden. Da war kein Blut in seinem Gesicht oder an den Händen! Er war erleichtert, beruhigte alle, legte sich bald wieder hin.

Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie Ahmed und er sich aus der Misere befreien konnten. Als fernab, es dämmerte bereits, der erste Muezzin seine Stimme erhob, Hähne krähten und Hunde anschlugen, war er sich seiner Sache sicher.

Endlich stöberte er Ahmed auf. Der hatte sich bei einem seiner Cousins verkrochen. Weit draußen, am anderen Ende des Kaffs. Sie rauchten Haschisch, hörten ihre Musik und redeten sich so lange ein, dass sie einen guten Plan hatten, bis sie es glaubten. Es war ja nicht viel anders, als daran zu glauben, dass Allah dafür sorgte, dass Recht geschah.

Eymen hatte natürlich mitbekommen, von wem Rashid die Ware bekam. Er bezog den Alkohol von mehreren Quellen gemäß dem Grundsatz, ein flexibles Lieferantennetz könne Ausfälle kompensieren, vor allem in Krisenzeiten.

Es würde, sagten sich die Freunde, nicht auffallen, wenn Eymen, was er doch schon in Rashids Auftrag getan hatte, mit Rashids Partnern Kontakt aufnahm, um eigenständig eine Extraladung zu ordern.

Sie würden die ganze Sache auf eigene Faust abwickeln und Rashid mit dem Erlös den Verlust des Lkws und der Ladung ersetzen. Danach, beschlossen sie, würden sie nur mehr in die eigenen Taschen wirtschaften.

»Konkurrenz«, plapperte Ahmed Eymen nach, »belebt das Geschäft!« Das würde Rashid einsehen müssen, befanden sie, der ohnehin nicht mehr der Jüngste war.

Die Ladung war rasch bestellt. Um den Plan in die Tat umzusetzen, mussten sie einen Lkw besorgen. Viele Lkws fuhren die Strecke bis in die Berge und wieder zurück. Sie brachten Dinge, die es dort nicht zu kaufen gab, Kühlschränke, Fernseher, Computer, Herde, eine Menge altes Zeug – etwas Neues konnte sich niemand leisten – und fuhren, mit Gemüse und Obst beladen, nach Kairouan und Tunis zurück.

In der letzten Nacht vor dem Jahreswechsel hofften sie an der Ausfallstraße nach Kairouan auf Beute.

Ahmed war ziemlich nervös. Er konnte nicht stillhalten in der Senke neben der Schotterstraße kurz vor einer Kurve, wo sie auf einen Lkw warteten, der ihren Zwecken entsprechen würde. Die Nacht war klar, die Sicht sehr gut. Das Licht des Mondes und der Milchstraße versilberte die Landschaft. Auf dem Hügel in der Ferne strahlten die Lichter ihrer schäbigen Stadt.

Die Bergkette im Hintergrund glich einem riesigen Tier, das, wie sie selbst, auf der Lauer lag.

Die Pistole in Ahmeds Hand zitterte ein wenig, bemerkte Eymen. Seine Pistole lag kühl, ruhig und hart in seiner Rechten. Im Mondlicht glänzten die Läufe matt.

Sie waren alles so oft im Detail durchgegangen, dass nun nichts schiefgehen konnte. Diese Pistolen zu besorgen, ohne dass Rashid, der noch immer auf die Entschädigung wartete, etwas davon mitbekam, war ein Kinderspiel gewesen. Wer im Dunstkreis von Kneipen aufgewachsen war wie Eymen, der wusste, wo und wie man sich so etwas beschaffte. Und die Revolte hatte eine Menge Waffen in Umlauf gebracht.

Hätte sich Mohamed Bouazizi eine solche Pistole besorgt, statt des Brandbeschleunigers, dachte Eymen, und hätte sich damit für die Schikanen am Gouverneur von Sidi Bouzid gerächt, anstatt Hand an sich zu legen, es wäre nur gerecht gewesen!

Sie bekamen ihre Chance schneller, als sie gehofft hatten. Nach einer halben Stunde näherte sich ein großer Wagen mit Ladefläche. Kein Wagen fuhr vor ihm, so weit sie sahen, und keiner folgte ihm, wenn sie über die Hochebene blickten. Die Staubfahne des Lkws verlor sich in der Dunkelheit.

Eymen nickte Ahmed zu.

Der packte seine Pistole fest, um sein Zittern in den Griff zu bekommen, das sich verstärkte, je näher der Lkw kam.

Sobald sie sahen, dass nur einer im Führerhaus hockte, spulten sie alles so ab, wie sie es einstudiert hatten. Ahmed steckte die Pistole am Rücken in den Hosenbund. Er humpelte auf die Straße, als der Wagen zur engsten Stelle der Kurve kam, und winkte, die Arme über dem Kopf, um zu zeigen, dass er harmlos war und Hilfe brauchte.

Er tauchte so plötzlich im Lichtkegel des Lkws auf, dass der Fahrer eine Vollbremsung hinlegen musste, um ihn nicht zu überfahren.

Er stolperte und stürzte vor die Stoßstange in den tiefen Staub der Straße. Er spürte die Kraft der Maschine, die über ihm aufheulte, als sie mit einem Ruck stehen blieb, und die Stoßstange an seiner Schulter, als das Chassis nachschwang, indes er sich aufrappeln wollte: ein Stoß, der ihn ein zweites Mal in den Staub zwang.

Der Fahrer kuppelte aus und zog die Handbremse an. Er stieß die Tür auf, schwang sich mit einer wuchtigen Bewegung auf die Straße. Er umrundete die Motorhaube des Hanomag, um zu sehen, was geschehen war.

Ahmed kam hoch. Er hielt ihm die rechte Hand hin und ließ sich von der Masse des Fremden hochziehen. Er fluchte, während der Fremde in Lachen ausbrach, weil – »Allah sei Dank!« – nichts passiert war.

»Was machst du …?« … hier, wollte er wohl fragen, als ihm Eymen den Knauf der Pistole in den Nacken schlug. Es knackste, als würde er alle Fingerknöchel zugleich überdehnen, was er oft machte, wenn er unter Strom stand.

Ein trauriges Seufzen. Es hörte sich so an, als wäre der Mann sehr müde und könnte jetzt endlich schlafen. Er landete auf dem Bauch im Staub.

Sie zerrten den massigen Körper in den Straßengraben, wälzten ihn auf die Seite und ließen ihn liegen.

Eymen setzte sich ans Steuer. Er klatschte Ahmeds Hand...


Manfred Rumpl, 1960 in der Steiermark geboren, jobbte in verschiedenen Sparten in Österreich und Deutschland, bevor er in Graz und Wien Philosophie studierte und mit einer Arbeit über Baudelaire abschloss. Für seine Romane erhielt er unter anderem den "aspekte"-Literaturpreis des ZDF und den Deutschen Kritikerpreis. Manfred Rumpl lebt in Wien und in der Steiermark. Im Picus Verlag erschien 2015 "Reisende in Sachen Relativität", ein Roman über Erwin Schrödinger, 2016 "Dieser Tage", im Frühjahr 2018 "Finns Irrfahrt". 2020 erschien "Schwarzer Jasmin".



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