Rumpl Ein Echo jener Zeit
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-930-0
Verlag: Droschl, M
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-85420-930-0
Verlag: Droschl, M
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
2012. Der in Syrien untergetauchte und unter dem Schutz der Assads lebende SS-Hauptsturmführer Alois Brunner, Eichmanns Erfüllungsgehilfe und verantwortlich für die Deportationen aus Wien, Berlin, Griechenland, der Slowakei und Südfrankreich, bereitet sich auf seinen 100. Geburtstag vor – und mit ihm ein Netzwerk von Alt- und Neonazis, die sich dieser Symbolfigur, aber auch seiner damals angehäuften geraubten 'Schätze' bedienen wollen.Ausgerechnet Martha, eine junge Journalistin in Wien, der die NS-Zeit wie vielen ihrer Generation sowas von egal ist, die alles darüber gehört hat und der die aktuellen Missstände der Politik wesentlich wichtiger sind als die Geschehnisse des vorigen Jahrhunderts, erhält den Auftrag, eine Serie über Alois Brunner zu schreiben. Die Recherche führt sie als erstes in die Vergangenheit ihrer eigenen Familie nach Fürstenfeld, wo ihre Großmutter, 70 Jahre danach, noch immer ins Schwärmen gerät, wenn sie vom jungen Alois Brunner berichtet, der in einem Nachbardorf aufwuchs. Die Geschichte führt Martha immer häufiger und tiefer in diese steirisch-südburgenländische Welt hinein, an der auch ihr 68er-Vater schon beinahe gescheitert wäre und ihre Mutter tatsächlich zugrunde gegangen ist …Ein Krimi, eine Ermittlungsgeschichte, eine Serie von historischen Verbrechen – und dennoch erzählt mit unaufgeregter Ruhe, mit dem Wissen, dass nicht die Sensationsfakten zählen, sondern das Alltägliche.
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SYRIEN
Seit Jahren erwacht er kurz vor dem Morgengrauen. Nun spürt er im Zu-sich-Kommen immer öfter einen Schmerz, der durch seinen alten Körper bis ins Innerste seiner Knochen schneidet. In besseren Zeiten hat er die Tage mit einem unerbittlichen Optimismus begonnen. Einst Herr über das Schicksal vieler, bleibt ihm jetzt nur mehr das eigene Leben, das immer hinfälliger wird, je mehr sich jene anderen von seinen Nachstellungen erholen. Er registriert deutlich, dass er diesmal selbst an die Reihe kommt. Sobald der Morgen graut, werden sie kommen und ihn holen. Man wird ihn verhören, schlagen, foltern und schließlich, obwohl er nichts gesteht, weil es weder etwas zu gestehen noch zu bereuen gibt, im Garten an dem Baum, der noch viel älter ist als er, einfach aufknüpfen. An der Zeder, unter der er oft stundenlang im Rollstuhl sitzt und döst: Ein Greis, der mit sich hadert, weil seine Arbeit wie eines jeden Menschen Werk unvollendet bleibt. Vieles steigt in den Nächten in ihm hoch. Erinnerungen geistern durch sein Bewusstsein, die auf einmal in Frage stellen, was doch immer selbstverständlich war. Dann muss er so rasch wie möglich aufwachen, nach unten aus dem Bett kriechen, mit Hilfe der Krücken aufstehen, sich zum Rollstuhl schleppen, in die Küche fahren und auf die Krankenschwester warten, die sich seit zehn Jahren um ihn kümmert. Der alte Präsident selbst hat sie für ihn abgestellt, per Erlass auf Lebenszeit, nachdem er in einer Woche zwei Mal gestürzt ist und sich am Bein und an der Schulter verletzt hat. Falls er es nicht schafft, aus dem Bett zu kommen, bevor das Krähen der Hähne die Dämmerung zerreißt, muss er den Tagesanbruch wehrlos über sich ergehen lassen. Was immer den Frühaufsteher in seiner Jugend dazu getrieben hat, die Tage entschlossen in Angriff zu nehmen, nun lähmt ihn die Vorstellung, mit nichts zu einem Ende zu kommen. Sobald sich die Echos, die von den Bergen widerhallen, in eine Art Gelächter verwandeln, beschleunigt sich sein Puls. Als würde er von seinen Feinden verhöhnt werden. Aber wer würde das wagen? Ist er jedoch erst einmal in der Vertikalen, fällt das von ihm ab, wie fast immer alles von ihm abgefallen ist. Wenn endlich die Sonne über die Berge steigt, wird ihn sogar das Gejammer des Muezzins kalt lassen, an das er sich nach Jahrzehnten in diesem Land noch nicht gewöhnt hat. Er war zeitlebens ein nüchterner Mann ohne jeden Hang zur Sentimentalität, der es niemals so weit hätte bringen können, wenn er sich nicht selbst in der Gewalt gehabt hätte; und dennoch hört er auf einmal, wie die Kirchenglocken aus dem Dorf seiner Kindheit das Geschrei des Muezzins übertönen, und sieht den Kirchturm über die Felder leuchten. Ein Heimkehrer, der sich sicher ist, mit Begeisterung empfangen zu werden. An diesem Morgen sitzt er einfach nur da, im elektrischen Rollstuhl am Fenster, denkt an die gefährliche Reise und wartet darauf, dass es draußen hell wird. Er könnte Licht machen, sich das Glasauge einsetzen, die schwarze Augenklappe überziehen, durch die Küche schlurfen, um die Steifheit aus den Gliedern zu vertreiben; aber er zieht es vor, einfach reglos sitzen zu bleiben. Jede Bewegung seiner dürren Beine lässt ihn spüren, dass er sich schon wieder nass gemacht hat, was ihn daran erinnert, wie er früher dafür gesorgt hat, dass andere sich in die Hosen machen. Bei Verhören, Razzien, Appellen und Selektionen: Kinder, Frauen und Männer, starr vor Angst oder zu Tode erschöpft von den Schikanen, die er allen angedeihen ließ, die nur irgendwie im Verdacht standen, jüdisch zu sein. Ihn ärgert, dass er ihr gestern verboten hat, ihm eine Windel anzulegen. Du darfst mich nicht ernst nehmen, murmelt er. Die meiste Zeit brabbelt er vor sich hin und führt Selbstgespräche, die an jeden und niemanden gerichtet sind. Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, ich bin ein alter, harmloser Mann, ein uralter sogar, und du musst nur tun, was du für richtig hältst, auch gegen meinen Willen, so wie ich stets getan hab, was ich für richtig gehalten habe … Widerwillig löst er den Blick des einen Auges, das in diesem Zwielicht nur Konturen wahrnimmt, von den Urinflecken auf seinem Pyjama, hebt den kahlen Kopf, der seit langem zu schrumpfen scheint, und sucht die ersten Strahlen der über die dunstigen Berge steigenden Sonne. Als ihm eine seiner Spezialitäten, für die er berüchtigt war, in den Sinn kommt, die sogenannte Hosenkontrolle, verzieht sich sein Mund: Verdächtige Subjekte, die aufgegriffen wurden, mussten an Ort und Stelle Hosen und Unterhosen runterlassen, damit man ihr Geschlecht inspizieren konnte. Oft geschah dies auf der Straße, mitten am Tag, vor den Augen anderer. Waren sie beschnitten, wurden sie unverzüglich verhaftet und deportiert. Warum friert er beim Anblick der Sonne? Als würde sie jeden Moment über den Buckel des Berges zurückrollen und in die Abgründe der Wälder sinken. Feuer, murmelt er, Höllenfeuer, und reibt sich die klammen Hände. Gibt es eine Hölle? Aber er hat sie doch mit dem Rattern der Züge zur Hölle fahren lassen: Fahrt doch endlich alle zur Hölle! Das hat er in verängstigte Gesichter geschrien, obwohl er vom Geschwätz der Pfaffen nichts hielt, kreischend und Speichel verspritzend, bevor er zugeschlagen hat, mit der Faust, dem Pistolenknauf oder Gewehrkolben. Seit der junge Assad am Ruder ist, befürchtet er einen Anschlag auf sein Leben. Es wäre nicht das erste Mal. Der alte Präsident hat das Haus in den Bergen Tag und Nacht von vier erfahrenen Soldaten bewachen lassen. Der wusste noch, was er ihm schuldig war. Er späht mit seinem halbblinden Auge ins Glas des Fensters, wo sich die Zufahrt und die Häuser der Nachbarn spiegeln. Aber sein Sohn ist der Meinung, für diese Aufgabe seien keine vier Männer vonnöten, sondern lediglich zwei Halbwüchsige. Der Nachfolger gibt nichts mehr auf das Leben eines Greises, dessen längst fälliger Tod ihm nicht nur Kosten, sondern auch unangenehme journalistische und diplomatische Anfragen ersparen würde. Plötzlich verzieht sich die wie gemeißelte Linie seines Mundes zu einem schiefen Lächeln. Bald hat er Geburtstag, den rundesten aller Geburtstage, der sein Leben adeln wird, ob das nun manchen passt oder nicht. Ständig bringt er die Tage durcheinander, Jahre und Jahrzehnte sogar immer öfter. Fahima wird es ihm sagen, wenn sie endlich kommt, und dann wird es ein Fest zu seinen Ehren geben. Einer dieser Reporter, die früher den Kontakt zu ihm gesucht haben, hat ihm vorgerechnet, dass er für die Vernichtung von Millionen Jahren menschlichen Lebens verantwortlich sei. Milchmädchenrechnung, murmelt er in die Stille der Küche. Er behält den Weg zum Dorf hinüber im Auge, bis er die Gestalt Fahimas auf das Haus zustreben sieht. Für hiesige Verhältnisse ist sie eine moderne Frau, was sie zeigt, indem sie ihr Kopftuch trägt wie europäische Frauen in den Fünfzigerjahren. Sie arbeitet als Krankenschwester im Spital von Aleppo. Die medizinische Versorgung des alten Einsiedlers, der sich einer stationären Behandlung im Spital widersetzt, bringt ihr genug Geld ein, um das Medizinstudium des jüngsten Sohnes in Damaskus zu finanzieren. Angeboten hat ihr diesen Job ein Arzt im Krankenhaus, der irgendwie mit dem Clan der Assads verwandt ist: Alewiten allesamt, die sich als mächtige Minderheit im Land wechselseitig protegieren. Diesmal bringt sie nicht nur Medikamente gegen Bluthochdruck und Probleme mit der Bauchspeicheldrüse mit, sondern auch Nachrichten von den Aufständen gegen die Regierung, die sich seit kurzem wie Lauffeuer im ganzen Land ausbreiten. Es ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis der Aufruhr auch die entlegenen Dörfer in den Bergen erreicht. Viele Syrer haben die Erbdiktatur der Assads satt und gehen nun zu Tausenden auf die Straßen, um gegen den korrupten Staat zu demonstrieren. Die Militärs der Machthaber schlagen brutal zurück und töten inzwischen immer mehr Zivilisten. Sie ist froh, wenn sie dem Chaos der Stadt entkommen und mit dem Bus in die Berge fahren kann, um nach dem Alten zu sehen, der gewöhnlich am Fenster hockt und auf sie wartet. Wer dieser Greis einmal war, weiß sie nicht. Sie kennt nur Gerüchte, die einander widersprechen: Ein Geschäftsmann und Unterstützer der arabischen Ziele soll er gewesen sein, dieser Mister Fischer aus Deutschland, sagen die einen, die Österreich nicht von Deutschland unterscheiden können oder wollen, nichts als ein Antisemit, wissen wiederum die anderen. Fahima gibt nichts auf die Behauptungen von Alten und Dementen, bei denen Gegenwart und Vergangenheit und Wahn und Wirklichkeit zu einem fragwürdigen Ganzen verschmelzen. Sie behandelt diese Patienten wie Kinder, die auch kaum zwischen Spiel und Realität unterscheiden. Bisweilen jedoch verbreitet der Greis mit seinen Bemerkungen eine solche Brutalität, dass sie sich abwenden muss, um von diesem Hass nicht beschmutzt zu werden. Als sie in die Küche tritt, starrt er immer noch nach draußen, während seine verstümmelte Hand über das Fell der Katze streicht, die ins Haus kommt, seit die neue Haushälterin Essensreste für sie auf die Seite stellt. Sie verabreicht ihm die Medikamente, Pillen unterschiedlicher Größe, Farbe und Form, die er mit kleinen Schlucken kaltem Tee einzeln runterspült, wobei seine knochige Hand mit den von chronischer Arthritis gekrümmten Fingern zittert, als kündigte sich ein Erdbeben an. »Fahren Sie ins Bad, damit wir die Sachen wechseln können«, sagt sie. »Du hättest auf einer Windel bestehen müssen«, sagt er, mit dem leisen Vorwurf jener in der Stimme, die wissen, dass sie selbst schuld sind. »Du musst mich überreden, eine anzulegen, wenn...




