Rumjanzewa | Schwiizerdütsch | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Rumjanzewa Schwiizerdütsch

Expedition in eine unbekannte Sprache
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-03820-886-0
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Expedition in eine unbekannte Sprache

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-03820-886-0
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was ist in der Schweiz eigentlich los? Allseits wird Hoch- durch Schweizerdeutsch ersetzt – auch im Geschriebenen. Was steckt dahinter? Ist Schwiizerdütsch eigentlich ein Dialekt oder eine »richtige« Sprache? Was macht es zum Sonderfall weltweit?
Ausgehend von diesen Fragen macht sich Marina Rumjanzewa in ihrem neuen Buch auf eine sprachliche Expedition. Mit dem Blick einer zugezogenen »Ausländerin« und studierten Linguistin zeigt sie scharfsinnig und humorvoll, welche Bedeutung Schweizerdeutsch heute im Alltags- und Berufsleben hat, auch hinter den Kulissen der Schweizer Fernseh- und Zeitungsredaktionen. Begleitet von verschiedenen Sprachspezialisten geht sie dem Phänomen Schweizerdeutsch auf den Grund, betrachtet es in der internationalen Landschaft der Sprachen und Dialekte und durchleuchtet jene globalen Prozesse, die direkte Folgen für die Sprachsituation in der Schweiz hatten. Aus dem Buch erfährt man unter anderem, warum man heute in allen Sprachen in »Stummelsätzen« und mit Fehlern simst, in der Deutschschweiz auch noch in Mundart;oder, warum Plattdeutsch heute offiziell eine Sprache ist;oder, warum die Deutschschweizer eine eigene Schriftsprache im 16. Jahrhundert aufgegeben haben. Die Autorin geht auch der Frage nach, in welche Richtung Schwiizerdütsch sich weiter entwickeln könnte.
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1 Ein falscher Dialekt


Sicher hätte mich das Ganze nie so gepackt, hätte ich zum Zeitpunkt, als sich die ersten radikalen Neuerungen zeigten, nicht bereits bestimmte Sachen gewusst. Einerseits war mir schon aus eigener Erfahrung klar, wie Schweizerdeutsch im realen Leben funktionierte, und andererseits wusste ich noch von meinem Studium, was ein Dialekt als solcher, aus der Sicht der Linguistik, ist.

Und ein Dialekt ist nicht das, was ich von Russland her kannte, wenn Menschen in verschiedenen Landesteilen ein paar Laute eigen aussprechen, ein paar eigene Wörter gebrauchen – so etwas wird »dialektale Färbung« genannt. Ein richtiger Dialekt ist meist in allem eigen – in der Aussprache, in der Grammatik, im Wortschatz. Von der Materie her ist er eigentlich eine selbständige Sprache, nur hat er einige Besonderheiten in der Verwendungsart.

Erstens werden Dialekte nur gesprochen, schreiben tut man in der Standardsprache – ein Grundmerkmal der Dialekte weltweit ist ihre Mündlichkeit. Genau genommen sind »mündliche« Dialekte »gelegentlich schriftlich«, das heisst: Manche Menschen schreiben ab und zu etwas in Mundart – meist kurze Sachen – natürlich jeder auf seine eigene Art, denn Rechtschreiberegeln wie in einer Standardsprache gibt es für Dialekte nicht. Manchmal gibt es in den Mundartregionen Dialektliteratur, doch das ist in der Regel etwas für relativ wenige Fans. Die meisten Menschen, die Dialekt sprechen, können ihn – vor allem in längeren Texten – nur schwer lesen, da sie unter anderem im Mundartlesen nicht geübt sind.

Zweitens, habe ich im Studium gelernt, besteht eine weitere Besonderheit der Dialekte darin, dass sie vorwiegend im Alltag und in informellen Situationen gesprochen werden: Im offiziellen Rahmen, in der Kultur, in den Medien, in der Ausbildung etc., spricht man die Standardsprache. So herrscht in Mundartgebieten die sogenannte , eine Form des gesellschaftlichen Bilinguismus, der Zweisprachigkeit, in der eine ganze Gesellschaft lebt. Dabei haben beide Sprachen unterschiedliche Funktionen, werden in unterschiedlichen Kontexten benutzt und haben dadurch einen unterschiedlichen Status. In der Linguistik werden sie traditionell als und bezeichnet, bezogen auf die Verwendungsbereiche: Dialekte werden mündlich im Alltag gebraucht – in der Standardsprache schreibt man alles und spricht in öffentlich-offiziellen Bereichen.

Eine weitere Besonderheit der Dialekte ist, dass nicht die ganze Bevölkerung eines Landes sie spricht. Ihr Gebrauch begrenzt sich tendenziell auf ländliche Gebiete und auf weniger gebildete Bevölkerungsgruppen. Doch da gibt es, wurde mir an der Uni beigebracht, einige Ausnahmen, dazu gehört im deutschsprachigen Raum die Deutschschweiz – dort sprechen alle Bevölkerungsgruppen im Alltag Mundart. Warum das so ist, wurde in meinem kurzen und recht allgemein gehaltenen Dialektologiekurs nicht näher erklärt, ich fragte auch nicht, so sehr interessierte es mich damals nicht.

Und nun kam ich 1990 in die Deutschschweiz und fand hier die Sprachsituation so vor, wie es mir an der Uni in Moskau beigebracht worden war: Es herrschte jene »funktional-differenzierte Diglossie«, wenn sie auch nicht in allem gerade typisch war. So sprachen hier in der Tat alle Menschen unter sich Mundart. Und obwohl ich das theoretisch wusste, war es ein Schlag für mich. Denn ganz konkret bedeutete das, dass ich nichts von dem verstand, was man um mich herum redete.

Es war ganz anders als in Deutschland, wo ich zuvor schon gewesen war. Ich war dort nur in Grossstädten unterwegs und hatte nicht einmal jemanden getroffen, der einen Dialekt sprach. Manchmal hörte ich auf der Strasse jemanden dialektal gefärbt sprechen, doch das konnte ich problemlos verstehen, denn sind allgemein gut verständlich für jemanden, der die Standardsprache beherrscht.

Doch in der Schweiz sprachen alle und überall einen richtigen Dialekt – Bauern wie Professoren, Menschen in einer Bäckerei wie auch Journalisten in einer Zeitungsredaktion. Natürlich wechselte jeder auf Hochdeutsch, wenn man merkte, dass ich Schweizerdeutsch nicht verstand. Mein Mann sowie meine neuen Freunde und Bekannten sprachen mit mir ohnehin nur Hochdeutsch. Doch das änderte nichts daran, dass sich das ganze Leben um mich herum in Mundart abspielte, und das betraf nicht nur praktisch-alltägliche Dinge, sondern zu meiner Überraschung auch alles, was zwischen Menschen privat ablief. Als ich das realisierte, bekam Schweizerdeutsch eine völlig neue Bedeutung für mich.

Als ich mich entschieden hatte, in die Schweiz zu ziehen, hatte ich nämlich gedacht, ich werde hier keine Sprachprobleme haben, mein Deutsch würde mir reichen, Mundart sei sowieso etwas Zweitrangiges, so eine Art »Nebensprache« für die praktischen Sachen des Alltags. Dabei deckte sie, wie ich nun feststellte, auch einen für jede Sprache superwichtigen Bereich ab: die private, zwischenmenschliche Kommunikation. Eigentlich hätte ich mir das schon früher denken können, doch, wenn man so etwas wie eine Diglossie nur theoretisch als abstraktes Modell und nicht aus eigener Erfahrung kennt, kann man sich sehr schlecht vorstellen, was sie für das reale Leben bedeuten kann. Im Laufe der Jahre habe ich noch viel mehr herausgefunden, damals, gerade nach meiner Ankunft, begriff ich erst einmal das Wichtigste: Mundart ist in der Deutschschweiz die »Hauptsprache«, allein mit Hochdeutsch werde ich nie richtig am Leben teilhaben können und für die Menschen immer eine Fremde bleiben. Das wollte ich auf keinen Fall.

Es hiess also, Mundart möglichst schnell wenigstens verstehen zu lernen. Von einer Hamburgerin, die schon lange in der Schweiz lebte, hörte ich aber, dass sie etwa zwei Jahre gebraucht hatte, bis sie definitiv alles verstand. Das war mir zu lang, aber so, wie es aussah, sollte es bei mir auch nicht viel anders werden. Denn alle meine Bekannten wechselten in meiner Anwesenheit konsequent ins Hochdeutsche. Das machte man natürlich aus Rücksicht mir gegenüber, doch diese Rücksicht, wie sehr ich sie auch schätzte, musste ich abblocken, wollte ich das Lernen von Schweizerdeutsch beschleunigen. Deshalb begann ich allen zu sagen, dass ich wegen meines Studiums Mundart schon ziemlich gut verstehen würde. Das stimmte nicht, aber der Trick funktionierte: In meiner Anwesenheit begannen die Menschen wenigstens unter sich Mundart zu sprechen, und das war der Durchbruch – ab da ging es voran.

Natürlich nicht sofort. Anfangs ging es mir nicht viel anders als damals bei meinem Sprachpraktikum in Moskau: Ich sass unter Menschen irgendwo bei einem Essen oder Glas Wein, und alle um mich herum redeten nonstop über Gott und die Welt, und ich strengte mich nach allen Kräften an und versuchte, etwas zu verstehen, und nach ein paar Stunden begann mein Kopf zu dröhnen, alle Wörter verschmolzen zu einer Sauce, oft bekam ich Kopfschmerzen, gegen Ende eines langen Abends mit vielen Menschen wurde mir fast »trümmlig«. Doch ich erreichte, was ich wollte: Nach einigen Monaten konnte ich mindestens im Grossen und Ganzen verstehen, was man um mich herum redete. Sicher half mir auch, dass ich gewisse grammatikalische und phonetische Gesetzmässigkeiten recht schnell erkannte, da nützte mir mein Studium in der Tat.

Am Anfang meiner Lernattacke holte ich mir noch aus der Bibliothek einen Mundart-Lernkurs. Dabei waren eine Kassette und eine Broschüre mit der Grammatik und mit Beispielen in geschriebener Mundart. Das war das erste Mal, dass ich Schweizerdeutsch als Schriftbild in der graphischen Darstellung sah, und diese irritierte mich dermassen, dass es mehr störte als half. Ich legte die Broschüre zur Seite und konzentrierte mich auf die Kassette, auf der es unter anderem Mani Matters gab. Ich mochte das Lied sofort und studierte es von A bis Z. Das war mein erstes Erfolgserlebnis: Endlich verstand ich von Anfang bis Ende etwas Längeres und Zusammenhängendes in Mundart. Ich versuchte sogar, Schweizerdeutsch auf die Zunge zu kriegen – wiederholte Zeilen, feilte an der Aussprache, lernte fast das ganze Lied auswendig. Das machte ich nach Gehör und musste immer wieder meinen Mann nach der Bedeutung der Wörter fragen. Als er merkte, dass ich mit Mani Matter Mundart »übte«, sagte er als Erstes: »Das ist aber Berndeutsch.«

Das war der falsche Dialekt! Genauer, er war fehl am Platz. Wir lebten eben in Zürich und mein Mann sprach Baseldeutsch. Das war mein nächstes Problem – verschiedene Dialekte, die ich voneinander schlicht nicht unterscheiden konnte. Ich fand es frappierend, wie meine Schweizer Freunde jeden nach der Sprache »lokalisieren« konnten. Wenn man sich etwa an den Namen eines Menschen nicht erinnerte, sagte man: »Weisst du, der grosse Blonde, der Walliser?« – und alle wussten sofort, wer gemeint war.

Doch solche Zuordnungen stiessen bei mir auf taube Ohren. Ich kannte damals das Land noch schlecht und verschiedene Orte, geschweige denn die damit verbundenen »Lebenswelten« und die verschiedenen Dialekte konnte ich mit nichts assoziieren. Ich hörte nur oder oder doch es waren für mich einfach Varianten der gleichen Sprache – vom Schweizerdeutschen. Auf die »Lokalisierung« als solche war ich ohnehin nicht eingestellt – das kannte ich von meiner Muttersprache her nicht.

Russisch ist stark soziokulturell gespalten, die regionalen Färbungen sind aber sehr schwach (aus verschiedenen historischen Gründen, die Hyperzentralisierung des Staates seit dem 16. Jahrhundert ist einer davon). Und...


Rumjanzewa, Marina
Marina Rumjanzewa, 1958 in Moskau geboren und aufgewachsen. Sie absolvierte das Germanistikstudium an der Moskauer Linguistischen Universität. Danach arbeitete sie als Autorin für Moskauer Zeitschriften und Zeitungen und für das Russische Fernsehen. Seit 1990 lebt die Autorin in Zürich und arbeitet für verschiedene Deutsche und Schweizer Medien wie die Neue Zürcher Zeitung, das Schweizer Fernsehen SRF, 3sat sowie das Kulturmagazin du. Sie drehte TV-Dokumentarfilme, unter anderem Tschechow lieben, Die bekannte Unbekannte. Sophie Taeuber Arp oder Das Prinzip Dada.



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