Rumiz | Der unendliche Faden | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 147, 236 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

Rumiz Der unendliche Faden

Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-99037-105-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas

E-Book, Deutsch, Band 147, 236 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

ISBN: 978-3-99037-105-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Rumiz sucht nach den Wurzeln eines offenen, barmherzigen und in die Zukunft gerichteten Europa - und findet sie in den Klöstern der Benediktiner. Der Wanderer Paolo Rumiz spürt den Jüngern des heiligen Benedikt von Nursia, dem Schutzpatron Europas, nach. Er besucht sie in ihren Abteien im Veneto, in der Lombardei, in Südtirol, in der Schweiz und in der Normandie, in Bayern, Belgien, Niederösterreich und Ungarn. Er spricht mit den Ordensleuten und fndet in ihren Prinzipien eine positive Kraft - gerade heute, da Abgrenzung und Abschottung die Utopie der Gründer zu zerstören drohen. Europa, über Jahrhunderte geprägt von Invasionen und Migrationswellen, muss ein Raum der Gastlichkeit bleiben. Ein Raum, der auf ein menschenwürdiges Wirtschaften und der Hände Arbeit baut, auf die Freude an der Gemeinschaft, den Respekt gegenüber der Natur und vor allem auf Barmherzigkeit.

Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest, ist mit seinen eigenwilligen Büchern der erfolgreichste Reiseschriftsteller Italiens. Er berichtete für die Tageszeitung 'La Repubblica' über den Afghanistan-und den Jugoslawien-Krieg. Zahlreiche Preise für sein journalistisches Engagement. Unzählige Essays, Romane und Erzählungen über seine Reisen innerhalb Italiens und an die entlegensten Orte Europas. Bei Folio sind erschienen: Der Leuchtturm (2017), Die Seele des Flusses (2018) und Via Appia (2019).
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Weitere Infos & Material


Norcia, April 2017
Bologna, zehn Monate später

1. Das Glück im Kleinen / Praglia, Veneto
2. Hopfen und Weihrauch / Sankt Ottilien, Deutschland
3. Geduldig den Faden aufrollen / Viboldone, Lombardei

4. Gottes Triller / Muri-Gries, Südtirol

5. Die Lichtmaschine / Marienberg, Südtirol

6. Die Apotheke der Seele / St. Gallen, Schweiz
7. Klavier und Flüstern / Cîteaux, Frankreich
8. Der Dämon des Mittags / Saint-Wandrille, Frankreich

9. Schwalben und Braukessel / Orval, Belgien
10. Die Wunderkammer / Altötting, Deutschland

11. Der Vorläufer des Om / Niederaltaich, Deutschland

12. Die Tyrannei der Sonne / Göttweig, Österreich
13. Die Horde und die Steppe / Pannonhalma, Ungarn

14. Die Symphonie / Camerino, Marken

15. Der unendliche Faden / San Giorgio Maggiore, Venedig


Norcia, April 2017


Nach den Ruinen der Dörfer waren keine Menschen mehr zu sehen und die Berge wurden rau und unwegsam. Von einem windgepeitschten Sattel stiegen wir im Nebel langsam durch eine verschneite Rinne ab; als wir unten ankamen, durchbrach ein Sonnenstrahl das Grau, funkelte an einem immergrünen Himmel und offenbarte zur Rechten die schneeweißen Berge der Prophetin Sibylle und zur Linken, umrahmt von Hügeln, eine unerwartete, weite, fast mongolisch anmutende Senke, mit vor Schmelzwasser gurgelnden Bächen und einem Rasenteppich mit Büscheln von Krokussen, Nieswurz und Schlüsselblumen, im Schutz des Kreisrunds der Berge.

Diese verzauberte und von unten unsichtbare Ebene namens Pian Grande, die man in diesem April unbedingt barfuß durchlaufen musste, um die Stimme der Erde zu vernehmen, diese Steppe, in der es schon jetzt von Leben wimmelte und in der im Mai eine in Europa einzigartige Blütenpracht explodieren würde – Gelb, Violett, Rot und Blau von Linsen, Mohn und Lilien –, lag in der Mitte der Bruchlinie, an der der Apennin gebebt hatte, und gleichzeitig genau in der Mitte der Halbinsel inmitten des Mittelmeers.

Wir wussten, von 1000 Metern oberhalb der Almen, von dem verschneiten Kamm eines Berges, den man – wahrscheinlich, um die Götter der Tiefe günstig zu stimmen – Redentore (Erlöser) getauft hatte, sah man im Nordosten die blaue Tafel der Adria und im Südwesten, hinter dem Terminillo, die Küste des Tyrrhenischen Meeres. Und auf dem Berghang, der weiß und gleichmäßig geneigt war wie der Ararat oder der Ätna, sah man die lange Narbe des Apennin, die – wenn man die Böschung auf halber Höhe überquerte – die Menschen in Form eines Erdrutsches warnte, der einen kahlen Felsen zurückgelassen hatte. Die einzige Ortschaft – das befestigte Castelluccio, das nur noch eine Ruine war – am Grund der Senke bestätigte die Vorherrschaft des Gebirges.

Wir befanden uns in einer grandiosen Einsamkeit, wir waren die einzigen Lebewesen in dieser tibetisch anmutenden Ebene, und wir reagierten auf dieses Privileg mit einer nervösen und argwöhnischen Euphorie. In den Alpen gab es nichts Vergleichbares. Nirgendwo sonst vereinigten sich Angst und Verzauberung, Hölle und Paradies, Tellurisches und Fruchtbares, Finsternis und Licht auf derart intime Weise und garantierten den Zyklus des Lebens. Ich dachte, über diese Vermählung müsse man noch vor Frühlingsbeginn berichten. Ich bin in den Alpen aufgewachsen, doch als Erwachsener habe ich mich vom Apennin bezaubern lassen. Dieses antike, mittelalterliche, weibliche, barbarische Gebirge mit seinem intensiven Geschmack ist meine zweite Heimat geworden.

Überall neues Leben, die Luft vibrierte von Trillern, Pfeifen und Zwitschern. In den Bächen paarten sich die Kröten. Die Maulwürfe hatten wieder zu wühlen begonnen und hinterließen auf dem samtenen Gras braune Erdhaufen, einer nach dem anderen, wie bei einer Naht. Es war ein Luxus, all das in vollkommener Einsamkeit erleben zu dürfen, doch der Luxus war nur möglich, weil das Gelände aufgrund der Erdbebengefahr militärische Sperrzone war. In Castelluccio durfte man keine Zelte aufstellen, ohne Genehmigung durfte man dort nicht einmal auf- und abgehen. Sogar der Öko- und Abenteuer-Tourismus war aus Sicherheitsgründen verbannt worden. Doch wir besaßen einen Passagierschein für das Paradies und betraten es in einem einzigartigen Augenblick: als die Ebene noch im Winterschlaf lag und bereits die wahnsinnigen Farben des Frühlings explodierten.

Schnee, Sterne und Steppe. Der Schoß einer Welt, die Tausende Male einen neuen Anfang hervorgebracht hatte. Zumindest seit dem Zeitpunkt vor Tausenden Jahren, als Völker aus Zentralasien sich hier mit ihren Herden und ihrem Saatgut – Dinkel, Platterbsen und mit ihnen die Wildblumen, die ein einzigartiges Habitat vorfanden – niedergelassen hatten, ahnend, dass Persephone und Ceres, die Göttinnen der Unterwelt und des Ackerbaus, einander auf dem Gebirgskamm, dem Rückgrat der neuen Welt, die Hand reichten. Das Mysterium wurde von einer dritten Frau besiegelt: von Sibylle, der flüsternden Muttergöttin, der Herrin des Landes in der Mitte.

Wir stiegen zum Rand der Senke, zu einem Pass auf, wo die Sicht bis zum Terminillo, dem Gran Sasso und der Senke von Assisi reichte. Wir zogen die Schuhe aus, es war Zeit für einen Imbiss, rücklings legten wir uns ins niedrige Gras, der Wind kitzelte unsere Zehen. Hinter uns lag eine lange Reihe von Zerstörungen, die die tektonische Aktivität in der Welt der Menschen angerichtet hatte. Nur die Berge standen noch. Wir waren durch verfallene Dörfer gewandert, die dem Aufruhr der Erdschichten zum Opfer gefallen waren, sich an ein Gelände klammerten, das einem Blätterteigkuchen glich.

Das Gelände war total unwegsam geworden, doch im Zentrum der Zerstörung überlebten die tausend Jahre alten Wege. Amatrice glich Bosnien im Krieg: menschenleere Straßen, evakuierte, getarnte Dörfer, Gestank nach Kerosin und Elend, unversehrte Häuser neben Häusern, die dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Mitten in der Zerstörung das Paradox einer brünstigen Natur, am Abend fiel das Licht der Scheinwerfer auf Hunderte Kröten, die sich auf dem noch warmen Asphalt paarten.

Ich sah, wie die Erde gähnte und dabei das Maul aufriss wie Leviathan. An manchen Orten war die Zerstörung so gewaltig, dass ein Niesen genügt hätte, um weitere Gebäude zum Einsturz zu bringen. Mit angehaltenem Atem bewegten wir uns unerlaubterweise zwischen baufälligen Mauern und im Nichts hängenden Dachziegeln. Inmitten von Rinnen, Gestrüpp und Grasland erhoben sich die zerstörten Dörfer Cornillo Vecchio und Rocchetta, die Häuser waren auf obszöne Weise aufgerissen. Spitzenvorhänge, Regale, Wiegen, Lampenschirme, zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Die Natur behauptete sich allerdings auch hier, kümmerte sich nicht um die Menschen. Wind, Stille, Gezwitscher, die Spechte hämmerten im Wald.

San Lorenzo und Flaviano: die Apokalypse. Kein Mensch auf der Straße. Das einzige Geräusch war das Knirschen unserer Schuhsohlen. Erschreckend armselige gemauerte Häuser. Die alte Via Salaria war von den Erdrutschen verschüttet worden, die Leitplanken hatten sich aufgrund der Verrenkung des Berges absurd verbogen und die Steinschlagschutznetze waren von herabfallenden Felsen bombardiert worden. Abgebrochene Lichtmasten funkelten über dem Fluss, hingen wie eine Materialseilbahn an den Stromleitungen. Jenseits des Flusses ein mit aktiven Bruchlinien durchsetztes Gelände.

Dann noch ein Geisterdorf, ein unwirkliches Nebeneinander von Narzissen und Schutt, und über diesem dem Erdboden gleichgemachten Dorf der Koloss des Vettore mit seiner unverwechselbaren Sattelform und dem verschneiten Felsvorsprung, der wie ein Bügeleisen das Tal überragt. Auch beim Aufstieg zum Herzen der Sibyllinischen Berge war der Tribut der Zerstörung zu sehen: Spelonga, Arquata, Pretore, dem Erdboden gleichgemacht. Viel schlimmer als Amatrice. Hier wähnte man sich nicht mehr in Bosnien, sondern in Afghanistan unter dem gleichgültigen Schnee des Hindukusch.

Am Rande der Senke von Castelluccio erblickten wir 900 Meter darunter Norcia (lat. Nursia). Die Sicht war begrenzt. Im Licht des Sonnenuntergangs stiegen wir zwischen strohgelben Disteln und Kuhfladen vom Vorjahr über den steil abfallenden Hang zu der befestigten Stadt hinunter. Wie mit einem Paragleiter segelten wir am Rande einer Heide, die an mehreren Stellen von mörderischen Erdrutschen weggerissen worden war, zogen lange Schleifen. Nach einem zweistündigen Marsch stießen wir vor den Toren der Stadt, während die blühenden Mandelbäume in einem wunderbaren goldgelben Licht leuchteten, wieder auf Ruinen. Außerhalb der Mauer die Überlebenden: Gesichter von Samniten, Picenen, Griechen, Byzantinern, Langobarden – italienische Gesichter, in denen sich lange zurückliegende Migrationen spiegelten. Innerhalb der Mauern fast totale Leere. Ein Gemälde von De Chirico.

Ein Kriegerdenkmal gab uns zum ersten Mal den Faden des Knäuels in die Hand. Unter den in Stein gehauenen Namen der eines Triestiner Partisanen, Sergio Forti, Kriegsverdienstmedaille, in dieser Gegend nach unsagbaren Entbehrungen gestorben. Namen wie dieser bestätigten mir, dass es richtig war, so zu reisen – im Maquis, im Buschwerk, zu Fuß –, weil man so in den vergessenen Bauch des Landes eindringt. Auf diese Weise hört man die Ärmsten der Armen, ihre unerhörten Ängste, und man erkennt auch die schmutzige, unverwechselbare Spur des Rassismus, der aus diesen Ängsten entsteht, fast eine Fährte. Man begreift, dass noch genug Zeit ist, sich aufzulehnen, und dass es richtig ist, den Bestien entgegenzutreten, die sich gegen die Schwachen und die Verlierer verschworen haben, um die Wut nach unten abzuladen, die sich sonst nach oben entladen würde. Gegen die Macht.

Wir waren ängstlich und schweigsam, wir wussten nicht, ob unser Gehen den Stunden, den Jahrhunderten oder den geologischen Zeitaltern folgte. „Wie in Aleppo“, hörte ich einen Einwohner der zerstörten...


Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest, ist mit seinen eigenwilligen Büchern der erfolgreichste Reiseschriftsteller Italiens. Er berichtete für die Tageszeitung "La Repubblica" über den Afghanistan-und den Jugoslawien-Krieg. Zahlreiche Preise für sein journalistisches Engagement.
Unzählige Essays, Romane und Erzählungen über seine Reisen innerhalb Italiens und an die entlegensten Orte Europas.
Bei Folio sind erschienen: Der Leuchtturm (2017), Die Seele des Flusses (2018) und Via Appia (2019).



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