Ruffato | Mama, es geht mir gut | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Ruffato Mama, es geht mir gut


2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86241-604-2
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-86241-604-2
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Romanzyklus »Vorläufige Hölle« verleiht Luiz Ruffato den Armen, den einfachen Leuten, den Migranten eine Stimme. Er hebt sie aus ihrer literarischen Vergessenheit und lässt so die Geschichte des brasilianischen Proletariats wiederauferstehen. Innere Monologe wechseln mit poetischen Passagen, mit Szenen von dramatischer Intensität. Unprätentiös, frei von Sozialromantik und auf höchstem literarischen Niveau. Ruffatos Saga des proletarischen Brasilien ist nüchtern, schmerzhaft und kompromisslos.

Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Familie italienischer Immigranten auf. Er arbeitete u.a. als Verkäufer und Klempner und studierte Journalismus. Im Jahr 2001 veröffentlichte er den Roman »Es waren viele Pferde« (Assoziation A, 2012), der von der Kritik enthusiastisch aufgenommen wurde und die brasilianische Literatur revolutionierte. Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Romanzyklus »Vorläufige Hölle«. Luiz Ruffato lebt in São Paulo.
Ruffato Mama, es geht mir gut jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Eine Fabel


André, kleiner André, Andrezim, schwere Geburt, bis zu ihrem letzten Atemzug schwitzte »Tantchen« Maria Zoccoli bei der Erinnerung: An die, die durch ihre Hände zur Welt kamen und durchkamen, der Schwierigste kam in der Hocke, und wie schmerzten sie die vielen Ungeborenen!, furchtbare Abgänge, Missgeburten, Krüppel, Totgeburten, eine Saat von Engelchen bei den Bananenstauden hinter den Häusern der kleinen Parzellen rund um Rodeiro, so viele! Doch Andrezim nicht, der strotzte vor Leben, aber die alte Micheletta ließ er fast umkommen, eine zierliche Frau, blutarm und zartblau, so weiß, immer im Bett, schlaff, trächtig, »krank« jedes Jahr, ihre Jugend durch den Unterleib verrinnend, zwanzig Jahre lang schwanger, gelähmt, dreizehn Geburten – acht Mädchen –, »Wollbäume« in jener giftigen Sprache der Hauptstraße, groß, Baumwollhaar, blond, dicke Apfelbäckchen in gepunkteten Kleidchen, listige Mienen in kurzen Hosen. Praktisch veranlagt pflegte der Vater, der alte Micheletto, die Säuglinge eigenhändig zu päppeln: Brüllte der Balg nach sechs, sieben Monaten zur Stillzeit noch immer, sattelte er an einem Freitag sein Pferd und ging im Sonntagsstaat auf die Gasse, den neuen Micheletto anzumelden, im Kopf Namen umherwürfelnd. Vor dem zuständigen Notar und dessen Frage »Wie soll es heißen?« wand er sich dann und griff, um nicht als Hinterwäldler zu erscheinen, auf den erstbesten Verwandten zurück, ehrte ihn auf diese Weise und war erleichtert. Sonntagnachmittags stellte er seine ein Meter achtzig auf den Hof, strich den Kindern über den Kopf, die Hände voll Bonbons, streichelte die Hunde und legte sich dann hin, den in den Zimmern der Damen aus der Rua do Quiabo zurückgelassenen Schlaf nachzuholen. Und es waren so viele Namen, so viele Gesichter und so wenig Verstand, dass er gar nicht erst versuchte, die Gesichtszüge jedes einzelnen der kleinen Wesen zu behalten, die durch die Flure des Hauses wuselten. Wenn es sein musste, rief er »Bub, mach und tu«, »Mädchen, dies und das«, hegte mehr Zärtlichkeit für das Vieh und den Acker als für die Brut, denn Erstere machen zwar Arbeit, doch auch zufrieden, und Letztere nichts als Verdruss.

Er baute seine Familie aus zwischen Axthieben und Brandrodung, Pflug und Hacke, tief hinten in einem engen Tal auf halbem Weg zwischen Rodeiro und der dahinter aufragenden Serra da Onça, dazwischen Três Vendas so ziemlich am Ufer des hastig dahinfließenden Rio Xopotó: Ein Loch vom Erlös harter Arbeit, Sonne auf Sonne im Rücken, in steilen Kaffeeplantagen von Piau, von Gott, Vater und Mutter verlassen, verloren, besessen die Wege zwischen den Pflanzreihen jätend und schließlich auch bei der Ernte im Einsatz, um dann endlich stolz Schein auf Schein dieses von Jauguatiricas und männerarmdicken Jararacuçus, Waldhirschen, Wildhunden, Fröschen und Gürteltieren, Affen und Wölfen beherrschte Dickicht Schwarz auf Weiß in Besitz nehmen zu können. Er begann damit, Bäume zu fällen und die Stümpfe herunterzubrennen, mit dickem Bambus Wasser aus einer Quelle zu fassen und Steine zu hauen zur Befestigung der Fundamente für das Haus mit sechs Zimmern, die Hände fiebernd vor Schwielen, die Schultern krustig von grindigem Blut. Er zog Wände aus Balken und Querbalken hoch, deckte das Dach, schaffte auf Eselsrücken Ziegel und Schindeln aus »Onkel« Antônio Finettos Ziegelei heran, um dieses Ende der Welt urbar zu machen. Und verschlang als Gefangener seiner Obsession sieben Monate Leben in der weiten Einsamkeit des Paradieses mit Arbeit, vom Brüllen des die Nacht verscheuchenden Morgens, bis ihm die Finger vor Müdigkeit juckten, denn die Zeit drängte. Im Schein der Laterne mühte er sich mit Tischlerei, fertigte Tische, Schemel, Truhen, Hocker, Kleider- und Vorratsschränke. Als er schließlich die Fron für beendet erklärt hatte, trat er, gleich einer Erscheinung, auf die Hauptstraße, eingezwängt in meerblauen Sonntagsstaat, den er bei Singulani hatte anfertigen lassen, vor Unbeholfenheit flatternd und die Füße in die Folter der noch neu knarzenden Stiefel gepresst, von Haus zu Haus auf der Suche nach seiner Eva, die mit ihm diese von Stimmen noch jungfräuliche Welt besiedeln sollte. Nicht lang brauchte er, bis ihm ein Mädchen aus der Familie der Bicio gefiel, Chiara, gerade kein Kind mehr, vierzehn und mit breiten Hüften, die Gebärfreude versprachen, obwohl sie selbst schmal und verschüchtert, von Sommersprossen übersät und nicht sehr hell war im Kopf, wie er später herausfinden sollte, als es zu spät war, den Handel noch zu widerrufen.

Den Sonntag hielt sich der alte Micheletto frei, um sich, außer den Gottesdienst in der São-Sebastião-Kirche zu besuchen, um Händel zu kümmern, das Pferd zu beschlagen, Vorräte bei Maneco Linhares und Kleinkram im Laden des Türken zu kaufen, Reis in der Maschine zu schälen, bei Pivatto einen zu trinken, Kälber und Ferkel zu tauschen, bestellte Enteneier oder eine Wildente auszuliefern, für Frauengeschichten, dies und das und noch mehr. An einem solchen Tag richteten Andrés Augen ihr Licht auf den Vater: Zwei riesige, lange Arme hoben ihn auf die Schultern des Riesen, der schon halb betrunken über den Platz stakste, stolz auf das Faultier in den Baumkronen deutete, den vorwitzigen Äffchen Popcorn hinstreute und nach den schläfrigen streunenden Hunden trat. Der Tabakgeruch aus seinem üppigen, rötlichen Schnurrbart über seinem Mund legte sich über seine schon schütteren blonden Haare, die blauen Augen, die Kleidung aus schlichter Baumwolle, drang in alle Poren, in alles, dazu noch der saure Geruch nach Cachaça, der ihn betäubte, seinen Blick zum Verstummen brachte, wie alt war er da?, zwei? oder drei? Wie oft würde ihn dieser Mann noch streicheln?, der so groß war, dass er fürchtete, er werde mit dem Kopf gegen die Wolken stoßen, und so schweigsam, dass er erschrak, wenn er seine Stimme vernahm, und so seltsam, dass Bekannte, die ihm begegneten, den Boden absuchten und schnalzten, was eine Begrüßung sein sollte und doch keine war, und das so verbohrt, dass sie ihn mieden auf der Straße, ein Mann, dessen ganzes Augenmerk seinen von Ebenholzpflöcken und Stacheldraht eingefriedeten Ländereien galt, hinter deren Tor, dort, wo früher der schmutzige Wald, Steine, Erosionsrinnen und Termitenhügel und nun Weiden für Zebus und Gyr-Rinder waren, Zitronenhaine, Limonen, Tangerinen, Apfelsinen, Zedernfrüchte, Mandarinen, Tabak, Mais, Kaffee, Zuckerrohr, Gemüse, Reis, Avocados, Mangos, Jakobsfrucht und auch Hühner, Enten, Hunde und Katzen. Später sollte André sich auch an die frühen Morgenstunden erinnern, in denen er, aufgeweckt vom Gesumme der Nacht, durch sein Zimmerfenster zum Ufer hinunter den Vater beobachtete, der, eingehüllt in die Kälte, seinen Blick durch die Dunkelheit über jede einzelne Pflanze, jedes Tier, jede Knospe, jedes Jungtier schweifen ließ, Manns genug, aus dem Gestrüpp herauszutreten und es mit dem Jaguar aufzunehmen, der Nego gerissen hatte, einen verkackten, dahergelaufenen Köter, dumm, opportunistisch, feige, aber Teil seines Besitzes, und ebenso energisch wie in der Lage, für Jahre kein Wort mehr an seine Frau zu richten, nicht einmal bei der Totenmesse, weil er sie für unwillig hielt, männliche Nachkommen hervorzubringen oder, wenn sie sie schon auf die Welt brachte, am Leben zu halten, denn von fünf Jungen kamen nur zwei durch. Die anderen wanderten einer nach dem anderen sieben Hand breit unter die Erde, der Dreijährige vom Biss einer Viper; der Zwölfjährige starb an einer Dorne im Fuß, gegen die nicht einmal Umschläge aus Günsel mit Olivenöl halfen, dunkel wie der glänzende Leib eines schuftenden Schwarzen, der Achtzehnjährige dann melancholisch an von Ameisengift zersetzten Gedärmen. Die Mädchen hingegen, die zu nichts gut waren, fütterte er durch bis zur Hochzeit und stieß sie ab, sobald ihre Regel kam, aus Angst vor dem unvermeidlichen Unglück, das jede Frau unter ihrem Kleid trägt, wie jene, deren Namen man nicht nennt, deren Missgeschick allerdings selbst der Staub auf den Lehmpfaden säuselt. Irgendwann zog ein fliegender Händler durchs Land, die Nase erhoben und schwatzhaft in staubigem Anzug und Schlips und verwinkelter im Ausdruck als die Falten im Gesicht der greisen Italiener, zwei Pappkoffer unter dem Arm, aus denen wie von Zauberhand Feuerzeuge, Nähzeug, Garnrollen und Knöpfe, Haarklammern und Tücher, Spulen und Lockenwickler, unzähliger Kleinkram auftauchten, und klopfte dreist unsinnige Sprüche, Hat der Chef kein Geld? Sollen die Mädels hier nur gierig gucken? He Chef!, kritzelte dann, den Bleistift mit seinen Lippen benetzend, Bestellungen in ein Heft voller Eselsohren, und als schon niemand mehr mit ihm rechnete, rief einer: Der fliegende Händler ist wieder da!, Der fliegende Händler ist da!, Nationalfeiertag. Der Vater stützte sich auf den Stiel seiner Hacke, peilte den Rauch an, der aus dem Schornstein geblasen kam und suchte nach seiner Ältesten, Hat sie jemand gesehen? Stieg vom Maisfeld hinab auf Siebenmeilenstiefeln, ließ die Pferde satteln, steckte seine Pistole in den Hosenbund,...


Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Familie italienischer Immigranten auf. Er arbeitete u.a. als Verkäufer und Klempner und studierte Journalismus. Im Jahr 2001 veröffentlichte er den Roman »Es waren viele Pferde« (Assoziation A, 2012), der von der Kritik enthusiastisch aufgenommen wurde und die brasilianische Literatur revolutionierte. Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Romanzyklus »Vorläufige Hölle«.

Luiz Ruffato lebt in São Paulo.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.