Ruffato | Feindliche Welt | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Ruffato Feindliche Welt


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86241-605-9
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-86241-605-9
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zé Pintos Gasse, eines der Armenviertel der Textilindustriestadt Cataguases im Landesinneren Brasiliens, ist Dreh- und Angelpunkt dieses zweiten Teils des Romanzyklus »Vorläufige Hölle«. Sie ist Zwischenstation und vorübergehende Heimat derjenigen, die aus dem kargen, archaischen Leben auf dem Land in das Elend der Städte ziehen. Wohnstätte der Dienstboten und Industriearbeiter, Ausgangspunkt der nächsten Migration. Ziel der vergeblichen Rückkehr. Mit geradezu körperlicher Empathie stellt Luiz Ruffatos Projekt einer Geschichte des brasilianischen Proletariats Individuen in den Vordergrund, die umgeben von einer großen und feindlichen Welt im Sog der Geschichte zu überleben versuchen.

Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Migrantenfamilie auf. Er arbeitete u.a. als Verkäufer und Mechaniker und studierte Journalismus. Im Jahr 1998 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Drei Jahre später folgte der Roman »Es waren viele Pferde«, der die brasilianische Literatur revolutionierte, von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und u.a. mit dem Prêmio Machado de Assis der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde. Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Zyklus »Vorläufige Hölle«, dessen erster Band »Mama, es geht mir gut« 2013 bei Assoziation A auf Deutsch erschien. Luiz Ruffato lebt in São Paulo.
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Die letzten Arbeiter strömen eilig aus der Fabrikhalle von Manufatora, Frohe Weihnachten!, Frohe Weihnachten!, verabschieden sich aufgekratzt, der wolkenlose Nachmittag leert sich. Betäubt von der vom Straßenpflaster zurückstrahlenden Hitze, schnappt Luzimar sich sein Fahrrad und fährt langsam durch Vila Domingos Lopes (strampelt im Zickzack von Laden zu Laden), , die Rua do Comércio hinauf (Lichter umkränzen die Schaufenster, ein keuchender Weihnachtsmann verneigt sich rot ho ho ho), , überquert angespannt die Neue Brücke (darunter fett der Rio Pomba), , überquert in Gedanken den kleinen Platz (Jungs schieben träge einen Kinderfußball hin und her), , kommt nach Vila Teresa, , er tritt die Pedale ins Leere!, , er steigt ab, wütend, boxt den Sattel, , am Rinnstein gegenüber dem Haus von Gildo und Gilmar steht ein grüner 1300er Käfer, Nummernschild von São Paulo, eine Frau kehrt den Bürgersteig, Die Finger entwirren die Fahrradkette, er geht hinüber, »Dona Marta?«, sie kneift die Augen zusammen hinter zerkratzten Gläsern, stützt sich mit dem Unterarm auf den Reisigbesen, »Erinnern Sie sich nicht mehr an mich? Luzimar … Sohn von Marildo … und Dona Zulmira … Wir haben da hinten gewohnt, in der Gasse von Zé Pinto.« »Ach je, ich erinnere mich! Natürlich erinnere ich mich! Jesses!, wie bist du … was bist du groß geworden!, ein richtiger Mann schon … Wie die Zeit doch vergeht! Deine Mutter?« »Es geht … Wäscht immer noch Wäsche für andere Leute.« »Ach je!, so viele Jahre! Und deine Schwester?, die … die …« »Hélia.« »Ja, Hélia, ist sie verheiratet?« »Sie hat doch bei Ihnen Nähen gelernt, nicht wahr?« »Ja …« »Hat geheiratet … drei Kinder …« Die Frau wischt sich mit der Hand über die Stirn, steckt weiße Strähnen zurück unter das Kopftuch. »Ja also, Frau Marta, ich kam gerade vorbei, hab das Auto gesehen … dachte, das sind sicher Leute aus São Paulo …« »Hast du gesehen? Das gehört Gildo … stell dir mal vor!, ist die ganze Strecke mit dem Auto gefahren, so weit … Wie gefährlich, um Gottes Willen!« »Ist er da?« »Gott sei Dank ist er gut angekommen. Soll ich ihn rufen?« »Wenn’s keine Umstände macht …« »Sind doch keine Umstände, um Gottes Willen!« Mühsam steigt sie die eine Stufe hinauf und verschwindet im Schatten mit ihren Warzen.

Luzimar wischt sich in der Hosentasche das getrocknete Kettenfett von den Fingern, wischt sich die winzigen Baum-wollflusen aus den Haaren, vom Hemd, von der Hose.

Gildo erscheint in der Tür, schläfrig.

»Luzimar!«

»Hey Gildo!«

Sie umarmen sich.

»Luzimar, Junge! Los, komm herein …«

»Gut … Also ich muss nur … Ist gut … Aber … Nur kurz … Ich hab’ noch was zu erledigen heute …«

Gildo kräftig – Bermudajeans, ausgeblichenes T-Shirt mit Werbung, Gummilatschen – führt Luzimar ins Haus. Reißt hastig die Fenster auf und zieht die Hüllen aus einfachem Stoff, die zum Schutz vor Staub über den Sesseln und dem Sofa liegen, herunter, wirft sie zusammengeknüllt auf den noch verschlossenen Karton mit dem Fernseher. Nimmt ungeduldig den herzförmigen Aschenbecher und die einsame Plastikmargerite von der marmornen Couchtischplatte, stellt beides unter dem winzigen Weihnachtsbaum ab, der blinkende Farben gegen die Wand wirft, an der in einen schmierigen ovalen Rahmen gezwängt das gemalte Porträt von Herrn Marciano hängt.

Verstohlen schleppt sich die Stille durch den Raum, tastet sich mit gespaltener Zunge durch die Luft, klebrig, schmierig, so weit entfernt von dem Anderen, der Kindheit, als sie auf dem Boden im Hof hockten und gar nicht merkten, wie die Stunden über den Seiten der Heftchen vergingen, die Gildo und Gilmar immer an der Bude des Italieners an der Praça Rui Barbosa kauften, oder im Gras des Bolzplatzes liegend den sich auflösenden Wolken zusahen und nachdachten, nachdachten, nachdachten … Nun waren sie Fremde.

»Und São Paulo?«, fragt Luzimar.

»São Paulo?«

Dona Marta kommt eifrig herbei: »Ich mach euch mal Kaffee.«

»Kaffee, Mutter? Ach was! Es ist Bier im Kühlschrank, bring das mal her, es gibt was zu feiern, nicht wahr?«

»In Ordnung … aber nur einen kleinen Schluck … Ich hab’ noch was zu erledigen heute …«

»Kaffee, bei der Hitze! Die Mutter! Und du?«

»Gott sei Dank alles in Ordnung.«

»Was gibt’s Neues?«

»Neues? Hier gibt es nichts Neues …«

»Na, das ist auch wieder wahr. Sieben Jahre bin ich schon weg … und was hat sich verändert? Nichts, gar nichts …«

»Ja …«

Dona Marta kommt mit einem Bier und einem Flaschenöffner. »Machst du mal auf, Gildo? Ich hab keine Kraft mehr in den Fingern … das Rheuma …« Sie kommt mit den Gläsern zurück, stellt sie auf das Couchtischchen, verschwindet im Haus. »Lass uns anstoßen!«

»Auf uns!«

»Auf uns!«

»Wann bist du denn weg aus der Gasse, Luzimar?«

»So vor zehn oder elf Jahren …«

»So lange schon?«

»Ja … so ungefähr …«

»So lange haben wir uns nicht mehr gesehen?«

»Kann sein … Das heißt, am Anfang bin ich immer noch mal hier vorbeigekommen, weißt du noch? Dann ist Herr Marciano gestorben … ihr seid nach São Paulo …«

»Manchmal hab ich deinen Vater gesehen, den Herrn …«

»Marlindo.«

»Ja genau! Manchmal habe ich ihn gesehen, wenn er da vor der Schule sein Popcorn verkauft hat … Ich hab’ nach dir gefragt …«

»Ist ’ne Weile her, was?«

»Und ob! Gleich als Papa gestorben war, hat Onkel Gesualdo uns mit nach São Paulo genommen … Erst mich … dann Gilmar …«

»Und der?«

»Gilmar? Hab ihn schon länger nicht mehr gesehen …«

»Geht es ihm gut?«

»Na klar … weißt doch, Fußballer … für Palmeiras … ausgeliehen irgendwo ins Landesinnere von São Paulo … Ich glaube, er musste am Meniskus operiert werden … Manchmal meldet er sich … Aber er ist nie lang irgendwo …«

»Er konnte verdammt gut spielen …«

»Und ob! Hätte er das nicht mit dem Knie …«

Gildo leert die Flasche und ruft: »Mutter, bring noch eine!«

»Und du, wo arbeitest du?«

»Manufatora.«

»Manufatora?«

»Ja, Watte … Weißt du, das Zeug, das man benutzt, um Jod aufzutragen …«

»Ah, und was machst du da?«

»Ich …«

Dona Marta bringt eine neue Flasche, nimmt die leere mit.

»Verpackung.«

»Verpackung?«

Gildo steht auf.

»Hast du den Fernseher gesehen, den ich meiner Mutter mitgebracht habe? Ganz neu! Teuer! Aber sie hat ihn verdient, findest du nicht? Immer hier so alleine, die Arme … Ein bisschen Ablenkung wenigstens …«

Er geht zum Fenster, atmet die Nachmittagsluft ein. Niedergeschlagen.

Füllt wieder die Gläser.

Der Betrieb auf der Straße hat abgenommen. Hin und wieder ein Auto, ein Omnibus, ein Fahrrad, hastige Schritte auf dem Bürgersteig, Stimmen, die nicht zu verstehen sind.

Langsam versinkt die Sonne hinter der Arbeitersiedlung.

Luzimar steht auf, »Ich muss dann mal«, Gildo erwidert: »Nein, nein, lass uns doch noch einen trinken, hast du es eilig? Setz dich ruhig wieder.«

»Erinnerst du dich noch an Isaías?«

»Isaías?, dein Cousin?«, fragt Luzimar und setzt sich wieder hin.

»Ja, der, dem du den Arm gebrochen hast.«

»Ich?«

»Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast ihn gestoßen … er ist den ganzen...


Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Migrantenfamilie auf. Er arbeitete u.a. als Verkäufer und Mechaniker und studierte Journalismus. Im Jahr 1998 veröffentlichte er einen ersten Band mit Kurzgeschichten. Drei Jahre später folgte der Roman »Es waren viele Pferde«, der die brasilianische Literatur revolutionierte, von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und u.a. mit dem Prêmio Machado de Assis der brasilianischen Nationalbibliothek ausgezeichnet wurde. Zwischen 2005 und 2011 schrieb Luiz Ruffato den fünfbändigen Zyklus »Vorläufige Hölle«, dessen erster Band »Mama, es geht mir gut« 2013 bei Assoziation A auf Deutsch erschien. Luiz Ruffato lebt in São Paulo.



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