Ruffato | Das Buch der Unmöglichkeiten | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Ruffato Das Buch der Unmöglichkeiten

Vorläufige Hölle, Bd. 4
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86241-628-8
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vorläufige Hölle, Bd. 4

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-86241-628-8
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von Hoffnung getrieben, von Mühsal beladen, oft in Enttäuschung endend: Die Binnenmigration vom Land in die Großstadt und das Leben der einfachen Leute sind das große Thema von Luiz Ruffato. Der Roman entwirft das Porträt einer zerrissenen Generation, die vielleicht als letzte noch glaubte, dass Zukunft auch Fortschritt bedeutet.

Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Migrantenfamilie auf. Sein Großstadtroman 'Es waren viele Pferde' revolutionierte die brasilianische Literatur und wurde von der Kritik enthusiastisch aufgenommen. Zwischen 2005 und 2011 verfasste Ruffato den fünfbändigen Zyklus 'Vorläufige Hölle'. Seine Romane gelten als Klassiker der modernen brasilianischen Literatur. Luiz Ruffato lebt heute in São Paulo.
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SÃO PAULO
3. JULI, SAMSTAG


Ein rundes Gesicht lugte durchs Fenster, die Äuglein zusammengekniffen, Gelobt sei der Herr Jesus Christus!, kam raus, einen gedrungenen, dicken Leib balancierend, gekrönt von ein paar struppigen grauen Haaren, zu einem Knoten gebunden, ein weiß gepunktetes, langes Kleid bedeckt Arme und Beine, Gelobt sei der Herr Jesus Christus!, das Vorhängeschloss aufgeschlossen, die Kette, drei Mal ums Gitter gewickelt, abgemacht, Dass ihr tatsächlich gekommen seid! Nicht leicht zu finden, nicht wahr?, sie umarmte ihn, Tränen in den Augen, Gott, ich kann es noch gar nicht fassen!, auf kranken Füßen voran, Als euer Brief kam, konnten wir es nicht fassen … Ist das Luís Augusto? Ist der groß geworden! Gott segne dich, Junge! Nelly hat mich schon vorgewarnt … als ich ihn das letzte Mal gesehen habe … so winzig noch … Du liebe Zeit, lass uns reingehen, immer nur reinspaziert … Und selbst? Frierst du, Junge? Ich kann es noch gar nicht fassen!, den schmalen Gang entlang, rechts eine riesige, verputzte Mauer, links drei Türen, drei Fenster, drei auf drei Meter, dahinter die Mauer. Darüber noch eine Wohnung mit eigenem Eingang.

Im Wohnzimmer, feucht, winzig, an der Wand eine Rotbauchdrossel im Käfig, liegt auf dem Sofa der Alte, zieht unter der Wolldecke seine magere, faltige Hand voller Altersflecken hervor, lässt sie zitternd schweben, Gevatter Raul!, mühsam kommt seine Stimme hervorgekratzt, Gevatter Raul hallt es im zahnlosen Mund nach, Wie lang ist das her, Olegário!, Und Luís Augusto … Lass dich segnen, Junge!, Raul, schau nur, was aus mir geworden ist, jammert er, Dabei geht es ihm jetzt sogar gut, Gott sei Dank, wenn du wüsstest, was wir durchgemacht haben …, sagt die alte Frau, gut, von wegen, Gevatter Raul, dass ich nicht lache … nicht einmal pinkeln kann ich alleine … nicht kacken … Herrje, Mann, drück dich nicht so aus! Eisiger Wind kneift in die Ohren, Willst du was essen?, fragt sie und schleppt sich in die Küche. An der Tür kratzt der Pudel, winselt, ausgesperrt hinters Haus mit den Mücken und seinem Gestank. Still, Pitoco! Die funzelnden Glühbirnen überziehen die Freude des Morgens mit Grauschleier.

Sie zieht den roten Resopaltisch heran, setzt den Jungen auf einen Hocker, den Rücken zur Wand, stellt ihm eine Emailletasse mit lauwarmem Kaffee mit Milch hin, Brot mit Margarine, Iss nur, mein Junge, iss. Der Vater im Türrahmen, Kaffeetasse in der rechten Hand, die linke bequem in der Hosentasche, pustet, nippt. Ein Elend, flüstert sie, sogar auf die Toilette muss ich ihm helfen … Ein Drama! noch einmal und schluckt den Kaffee, Was kann man sich Schlimmeres vorstellen?, das ganze Zimmer ausfüllend aufs Spülbecken abgestützt. Die Wohnung stinkt: Medizin, Exkremente, Urin. Wie viele Jahre schon, wie lange schon eigentlich! Zwei Schlaganfälle, stell dir mal vor! Zwei! War ein gesunder Mann, fleißig … Das Mädchen schläft heute noch in dem Bett, das er ihr mit dem Taschenmesser geschnitzt hat, erinnerst du dich? Und ob ich mich erinnere! Wie könnte ich so was vergessen? Was mir heute noch Halt gibt, ist die Kirche, ich bin Adventistin geworden, du weißt. Er nicht: hat sich von der Religion losgesagt, reine Dickköpfigkeit. Heult, lästert Gott, aber was soll ich machen, ich frage, was soll ich denn machen? Das Leben ist eine Prüfung … Genug, Junge? Willst du noch was? Was? Nein? Rauchen?! Hast du immer noch nicht damit aufgehört? Das gefällt Gott nicht, weißt du, man muss dagegen ankämpfen. Draußen kannst du, vor der Tür im Durchgang … Pitoco, aus! He. Schade, dass es hier so beengt ist, sonst könnten hier alle … kann es aber leider nicht anbieten, sieht man ja … geht nicht … wie eine Streichholzschachtel … Aber nein, ich muss wirklich zu Juca, meinem Bruder, kannst du dir vorstellen, wie lange ich ihn nicht gesehen habe? Gut und gerne zehn Jahre, bestimmt! Aber der Junge bleibt doch, oder? Der Junge bleibt … Gut, dass er mal nach São Paulo kommt … gut für ihn … Wird es eines Tages gebrauchen können … man weiß ja nie … Jedenfalls kann man sich nicht für immer in Cataguases einigeln … muss sich auf den Weg machen, die Welt sehen … Ach, könnte ich! Aber leider, der arme Kerl hier … Wir hatten ja keine Ahnung, wie sehr

Nelly mit Brille, Kaffeebecher, am Tisch, faltet die Zeitung zusammen.

— Der Junge, Nelly!

Die Patin ganz außer Atem, verschwitzt, schiebt den Bub in den Rauch, der durch die halb offene Tür in den Arbeitsbereich hinter der Küche zieht.

— Guto?!

Die Augen gesenkt zu der Frau:

— Dona Nelly, Grüße von meiner Mutter …

— Herrje, fast schon ein junger Mann!

Und mit einem Zug an der Zigarette: »Die Reise? Ist dir schlecht geworden? Jânua hat mir mal erzählt, dass dein Magen nicht mitmacht … Wie bitte? Nein? Habt ihr die richtige Metro genommen? Hatte dein Vater Angst? Wo ist er eigentlich? Schon weg? Wo wohnt denn dein Onkel?«

Die Alte streicht mit den Fingerspitzen über die Fliesen: »Nelly, du musst Indiara sagen, sie soll die Küche besser putzen … Die ganze Wand fettig! Schau!«

— São Bernardo, glaube ich …

— Waren hier beide, mit ihm. Kommt am Donnerstag wieder.

Nelly in seidenen cremefarbenen Morgenrock, Plüsch an Kragen und Bündchen:

— Setz dich doch, Guto, im Wohnzimmer, wenn du willst, mach ruhig den Fernseher an. Ich gehe mich nur rasch duschen, muss auch gleich weg … arbeiten … Fühl dich wie zu Hause. Natália schläft noch,

— Heute, aber erst gegen drei …

— aber Nílson steht gleich auf. Ihr werdet euch gut verstehen … Er ist ein sehr

— aussichtslos ist es mit ihm!

— netter Junge … Mutter!

— Ich will mich dann mal um das Essen kümmern. Wo isst der Junge?

— Wo er Lust hat, Mutter, wo er will!

Guto verschwand auf den Treppenabsatz. Tief verhüllt stieg der Morgen grau über die Rua das Monções. Dahinter türmten sich schmuddelige rote Dächer. Fern das Nadelkissen der Hochhäuser. Häuser und Gebäude und Busse. Dunkel drückte eine Wolke schwer auf den Horizont. Auf dem Handlauf des Mäuerchens schwarze Rußkrusten. Die Veilchen, verblüht, in Margarinetöpfe gepflanzt, vertrockneten vor sich hin. Kalte Hände, die abgetragene Jacke half nicht gegen die Kälte, die ihn schaudern ließ. Schon nach zehn Uhr und er hatte Angst.

Er gab sich neugierig – wohl eher verwundert als neugierig. Der Junge ihm gegenüber, angeblich fünfzehn, das Gesicht von aufbrechenden Pickeln und Mitessern gezeichnet, unansehnlich, unförmig, schüchtern, schwach, nicht richtig arm gekleidet, immerhin sauber und ordentlich, sauber, aber total aus der Zeit, einer anderen Umgebung. Seine Haut eiferte bleich dem verwaschenen Jersey-Hemd nach, die grüne Jacke, zu groß für die schmalen Schultern, hing über der Hose aus Tergal () von undefinierbarer Farbe, Turnschuhe in traurigem Zustand. Luís Augusto, mein Patenkind, sagte die Großmutter und deutete mit dem Schaumlöffel auf ihn, den sie dann gleich wieder zurück in das siedende Öl steckte. Nilson, Gesichtsausdruck wie »Das glaube ich nicht!«, lange, gelockte Haare, über den Lippen Flaum, blaue Turnhosen, weißes Achselhemd, barfuß, dachte, es könnte nicht schaden und fragte direkt Und? Cousin? Gefällt dir São Paulo? und schob sich zwei Pommes mit der Hand in den Mund. Hör auf damit!, schimpfte die Alte, Das gehört sich nicht!

— Kann er nicht sprechen, der Cousin, Oma?

— Warum setzt du dich nicht hin und isst mit ihm zu Mittag?

— Ich bin gerade erst aufgewacht, Oma … Ich geh dann mal hoch … Musik hören … Wenn du Lust hast … Ach was … der sagt eh nix.

Ein Blitz sollte in seine Schulter einschlagen, wünschte sich Guto, ein Krater sich unter seinen Füßen auftun, wie nachts im schummerigen Dunkel seines Zimmers die raue Stimme des Pastors aus den Lautsprechern in der Halle der Pfingstkirchler nebenan drohte. Was wollte er hier unter Fremden, die ihn erniedrigten, auf ihn herabsahen? Die alte Patin mit ihren winzigen Äuglein versuchte ja noch, freundlich zu ihm zu sein, vielleicht weil sie sich, ebenso fremd, einfühlen konnte, oder weil er für sie ihre in nach Naphtalin riechende Schubladen geräumte...


Luiz Ruffato wurde 1961 in Cataguases im brasilianischen Bundesstaat Minais Gerais geboren und wuchs in einer armen Migrantenfamilie auf. Sein Großstadtroman "Es waren viele Pferde" revolutionierte die brasilianische Literatur und wurde von der Kritik enthusiastisch aufgenommen. Zwischen 2005 und 2011 verfasste Ruffato den fünfbändigen Zyklus "Vorläufige Hölle". Seine Romane gelten als Klassiker der modernen brasilianischen Literatur. Luiz Ruffato lebt heute in São Paulo.



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