E-Book, Deutsch, 359 Seiten
Rüttenauer Meine schönsten Novellen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8496-4483-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 359 Seiten
ISBN: 978-3-8496-4483-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieser Sammelband bietet die schönsten Novellen des 1940 in München verstorbenen Schriftstellers. Inhalt: Pandolfino Der geschundene Marsyas Unter dem Feigenbaum Napolitanische Sittlichkeit Der Heilige und der Papst Der nackte Kaiser und der heilige Jovinian Gerechtigkeit muß sein Der feurige Wagen Wie ein toter Bräutigam zu einem lebendigen wurde Die Frau mit den zwei Geköpften Von einem, der sich für den Ritter Blaubart hielt Das Hündchen Kors und Napoleon der Große Die Dose des Herzogs von Savoyen Der Beichtvater als Finanzberater Die gerettete Ehe Der gute Erzbischof Der Feldmarschall als Polizeisergeant Die beiden Minister Vorteil der Nullen Unterirdische Mächte Der Schutzengel des Königs Das Wunder des Abbé Cochin Die kostbare Cafetière Von einem, der es krumm nahm Aristokraten »Eine feine Art« Der Graf von Hoorn Wie der Engländer den Franzosen überführte Die Novize Der Fuchs und die Wölfe Der Papst und der Abt Gerechtigkeit Der Botschafter Das Duell des Prinzen Der Ritter, das Weib und die Schlange
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Unter dem Feigenbaum
Vor den Toren von Forli erhob sich einst, die Stadt beherrschend, das schwermassige Kastell von Rivaldino, und in dessen gut gehegtem Garten an der hintersten Mauer, bei dem gewaltigen quadratischen Eckturm, stand, halb aus dem Gemäuer hervorgewachsen und gegen die Nordwinde wohlgeschützt, ein uralter Feigenbaum, dessen honigsüße Feigen seit Menschengedenken berühmt waren weit im Land. Zweimal in sieben Jahren aber hat, wenn auch sehr uneigentlich gesprochen, dieser Baum bittergiftige Frucht getragen. Unter ihm wurde am 13. August 1493 auf Anstiften der Caterina Sforza, Gräfin von Forli und Immola, deren verhätschelter Günstling Giacomo Fevo, nachdem er sieben Jahre das Land und seine Fürstin beherrscht hatte, von einem seiner Hauptleute mit Namen Gianghetti meuchlings ermordet, weil er der jungen Gräfin zu mächtig und mit seinem anmaßenden Wesen unbequem geworden war; und eine zwar anders geartete, aber vielleicht noch viel schauervollere Szene sah dieser Baum mit dem schlangenartig verschlungenen Geäst im Sommer nach jenem blutigen Ausstand der Brüder Orsi, bei dem der Graf Girolamo Riario, der Gemahl der Caterina Sforza, in so entsetzlicher Weise seinen Tod gefunden hat.
Ausgangs Juli war's diesmal, als eines Morgens in der Frühe der Gouverneur von Rivaldino, Tomaso Bruzzone, durch einen berittenen Boten die Nachricht erhielt, daß seine Herrin auf dem Wege sei, ihn auf dem Kastell zu besuchen, worüber er in eine Aufregung geriet, die ihn selber in Erstaunen setzte. Er hatte es sich bisher nicht eingestehen wollen, der gereifte ernste Mann, ausgangs der vierziger Jahre, nun aber konnte er sich's nicht mehr verhehlen, schaudernd ward es ihm zur Gewißheit: er hegte für die angesagte Besucherin heimliche Gefühle im Herzen, die mit seinem Dienstverhältnis zu ihr nichts zu tun hatten, ja eigentlich damit in Widerspruch standen. Was bei ihren Verwandten in Mailand und Bologna wie nicht weniger am römischen Hof längst geredet wurde, daß die schöne Gräfin von Forli zur Zeit das gefährlichste Weib sei durch ganz Italien, ein Weib, dessen verführerischer Macht kein Mann zu widerstehen vermöge, das war ihm nun selber zur Erfahrung geworden, seitdem es ihm am verflossenen 14. April geglückt war, mit eigener höchster Lebensgefahr seine Herrin von schimpflichem Tod zu erretten; mit Grausen dachte er zurück an jene entsetzliche Nacht.
Folgendergestalt aber haben sich damals die Dinge abgespielt.
Die Verschwörung der beiden Bruder Orsi, Ludovico und Cecco, gegen den Grafen Girolamo Riario war trotz großen Anhangs so geheim betrieben worden, daß der Graf und seine Familie ahnungslos geblieben waren. Und dann am Abend des 14. April, als der Graf mit seinem Kanzler im sogenannten Nymphensaal des Schlosses in einer Beratung zusammensaß, trat plötzlich Cecco Orsi in den Saal. Daran war noch nichts Auffallendes, er hatte in seiner Eigenschaft als Schloßhauptmann allzeit freien Zutritt. Sich verbeugend näherte er sich dem Grafen, um ihm, wie er sagte, einen wichtigen Brief eines Freundes zu zeigen. Er hielt den Brief in der linken Hand, aber seine Rechte griff nicht nach der Hand des Grafen, die ihm dieser zum Willkomm freundlich entgegenstreckte, sondern faßte nach dem Dolch unter dem Mantel, und kurz zustoßend traf er den Grafen mitten in die Brust. »Verräter«, schrie Herr Girolamo und flüchtete sich hinter den schwer eichenen Tisch; aber da stürzten auch schon Ludovico Orsi und zwei weitere Mitverschworene in den Saal, und bald, nach kurzem Ringen, lag der Graf entseelt am Boden. Der Kanzler war entwischt. Cecco Orsi aber riß den Fensterflügel auf und verkündete seinem Anhang, der unten den ganzen Platz erfüllte, den Tod des Tyrannen; ein tausendfaches wildes Freudengeschrei erhob sich in der Menge. Der tote Graf hatte keine Freunde mehr – außer einem, dem Messer Tomaso Bruzzone, aber der saß als Gouverneur auf Rivaldino und ließ sich nichts träumen von den grausigen Vorgängen in der Stadt; alle andern hielten es mit den Aufständischen, seine nächsten Günstlinge sogar bemächtigten sich seines blutenden Körpers und warfen ihn, wie man wütenden Hunden einen Fraß zuwirft, hinunter aufs Pflaster, wo alsbald die tobende Menge über ihn herfiel, ihn seiner kostbaren Kleider beraubte und den nackten Leib in unflätigster Weise schändete.
Unterdessen suchten die beiden Brüder Orsi und ihre Gehilfen nach der Gräfin, auch ihren Leichnam forderte der Pöbel. Aber ob man gleich alle Gemächer und alle Winkel durchstöberte, alle Kästen zertrümmerte und selbst die Matratzen zerschnitt, Caterina Sforza war nicht aufzufinden.
Diese Bastardtochter des Herzogs von Mailand war jedenfalls, wie man sie auch beurteilen möge, ein außerordentliches Weib ersten Ranges. Alle noch so ungeheuerlichen Ungereimtheiten der Renaissance, alles Schöne und Starke, wie alles Unheimliche und Schreckliche der Zeit war in ihr verkörpert. Ein Gesandter der Republik des Heiligen Markus nannte sie in einem Schreiben an seine Signoria » la semenza di la serpe indiavolata«, den Samen der Schlange, die den Menschen um das Paradies gebracht hat; aber der fromme Maler Piero di Cosimo hat sie gemalt mit einem Heiligenschein um das stolze Haupt, auf einem Bilde, das noch heut im Museum zu Altenburg zu sehen ist. Sie war fromm, wie ihre Zeit die Frömmigkeit verstand. Sie hat zu Forli (und zu Immola, das ihr ebenfalls gehörte) prachtvolle Kirchen gebaut und reiche Klöster gestiftet. Ihre Lieblingsstiftung aber war das Kloster der Klarissinnen bei San Biagio zu Forli, deren Nonnen sie eine besonders liebe Patronin war und die sie oft zu besuchen pflegte. Und siehe, das hat ihr Segen gebracht, denn in diesem Kloster verweilte sie, während ihre wildgewordenen lieben Untertanen im Schloß ihr Bett durchwühlten und alles zu oberst und zu unterst kehrten, weil sie ihr an die stolze Seele wollten und an den schlohweißen Leib, mit dem sie sich ein ganz besonderes Gaudium versprachen. Sie aber hatte in der Dämmerung, in einfacher Aufmachung und tief verschleiert, auch nur von einer einzigen Kammerfrau begleitet, das Schloß verlassen, um die frommen Töchter der Heiligen Clara zu einem Zuspruch zu besuchen. Dort im Kloster traf sie die Nachricht des Vorgefallenen.
Natürlich konnte sie nicht daran denken, zurückzukehren. Aber auch das Kloster war kein ungefährdeter Aufenthalt. Es brauchte nur einer der Verschworenen auf den Gedanken zu kommen, so war sie rettungslos verloren. Nur eine einzige Hoffnung auf sichere Rettung gab es für sie, das war der würdige Tomaso Bruzzone, der Kastellan von Rivaldino, dessen treue Ergebenheit keinem Zweifel unterstand. Zu ihm schickte sie einen Boten und bat ihn um Rat und Beistand. Sie hatte richtig geurteilt und gehandelt. Tomaso Bruzzone kam noch in der Nacht kunstreich als altes Weib vermummt in das Kloster bei San Biagio und brachte die Gräfin, in gleicher Vermummung, glücklich aus der Stadt und auf ihr festes Kastell vor dem Bologneser Tor, von wo sie unverweilt eilige Stafetten ausschickte an den Oheim ihres gemordeten Gemahls, den römischen Papst, an ihre eigenen Verwandten in Mailand und an die Bentivogli zu Bologna, die ihre Verbündeten waren. Aber bis ihr von diesen verschiedenen Seiten her Hilfe werden konnte, verstrich eine geraume Zeit, und unterdessen mußte sie eine Gefangene bleiben auf ihrem eigenen Kastell, von ihren lieben Untertanen hart belagert.
Rivaldino war wohl eine gute Festung mit den neuesten Geschützen und zahlreicher Bemannung, aber gerade deswegen für eine hohe Dame kein sehr vergnüglicher Aufenthaltsort. Die Gräfin ließ sich in dem nördlichen Eckturm, der nach der dreieckigen hohen Gartenterrasse ein Pförtchen hatte (nahe bei jenem Feigenbaum), so gut es gehen wollte, ein Gemach einrichten; aber außer der schönen Aussicht nach allen Seiten hin, besonders hinunter auf ihre aufrührerische Stadt Forli, mangelte es hier an allem und jedem. Hart entbehrte sie ihre gefüllten Wäsche- und Kleiderschränke und ihren mit tausenderlei Notwendigkeiten ausgestatteten Putztisch, denn sie war in diesem Fach eine große Künstlerin und als solche weit berühmt in ganz Italien. Auch ihre Kammerfrauen fehlten ihr, die alte Aufwärterin des Herrn Kastellans bildete die einzige weibliche Bedienung, die ihr zur Verfügung stand. Nein, das war kein Leben für die schöne Caterina Sforza. Sie verstand sich auf viele Künste, nur nicht auf die des Alleinseins.
Zu Messer Tomaso, dem Kastellan oder Gouverneur des Schlosses, war Caterina bis jetzt in keinerlei persönlicher Beziehung gestanden; er war der Dienstmann ihres Gemahls gewesen, seine ganze Anhänglichkeit und Ergebenheit hatte immer ausschließlich dem Grafen gegolten, die Gräfin dagegen war dem soldatischen Mann, dem zum Hofmann soviel wie alles fehlte, fast unbekannt geblieben, von seiner Gesellschaft konnte sie sich wenig versprechen.
Er ließ sie sogar anfangs sein rauhes Wesen nur allzusehr fühlen. Denn als Geschöpf ihres ermordeten Gemahls, dem er angehangen hatte wie ein Hund seinem Herrn, fühlte er sich innerlich mehr als Feind denn als Freund dieses Weibes, die nach seinem Empfinden die Feindin ihres Gemahls gewesen war und durch ihre despotische Herrschaft den Untergang des, wenn auch...




