Rüttenauer | Die Enkelin der Liselotte | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 102 Seiten

Rüttenauer Die Enkelin der Liselotte


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8496-4487-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 102 Seiten

ISBN: 978-3-8496-4487-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Die 'Die Enkelin der Liselotte' ist eine politische Heiratsgeschichte. Wie die meisten von Rüttenauers literarischen Werken spielt auch diese zu einem großen Teil in Frankreich.

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Fünftes Kapitel. Die Andere



Ihre Schwester war an einen Buchbinder in der Sankt-Jakobsgasse jenseits des Flusses verheiratet. Also bog sie am Chorende von Sankt Merry rechter Hand in die Fuchsgasse ein und stand nach wenigen Schritten auf dem Greveplatz vor dem Stadthaus, wo zwischen einer zahlreichen gaffenden Menge ein ungeheures Schaffort aufragte, dessen Balken gerade von einem Dutzend in Blau und Rot, den Stadtfarben gekleideten Arbeitern mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen wurden. »Der arme schöne Graf Anton«, murmelte das Nönnchen; es kannte denjenigen wohl, dem diese schauerlichen Zurüstungen galten.

Von den unheimlichen Hammerschlägen in ihren Ohren gemartert, drückte Nanette sich durch die Menge, die ihr größtenteils ehrfurchtsvoll Platz machte und erreichte glücklich die Brücke von Nôtre-Dâme, die sie aber, obwohl es ihr nächster Weg gewesen wäre, aus einem damals vielverbreiteten Aberglauben nicht überschritt, sondern der abwärts gelegenen Brücke der Wechsler zustrebte, wo denn überdies auch einige Goldschmiede und Geschmeidehändler ihre Buden hatten, in deren Fenstern es schöne Neuigkeiten zu sehen gab.

Aber auch durch diesen neuen Umweg verkürzte sie nur ihre Reise, indem sie am Eingang der letzteren Brücke, dem Gerichtshof und Gefängnis des gefürchteten Châtelet gegenüber, plötzlich vor sich die Karosse des Herzogs von Richelieu erblickte. Sie erkannte dessen Wappen auf dem Wagenschlag. Das Gefährt hielt eben an, und Nanette trat unverweilt näher, während ihre Hand unter den Falten ihres blaugrauen Klostergewands nach dem Briefe ihrer Herrin tastete.

In diesem Augenblick öffnete sich der Schlag der herzoglichen Karosse. Ein junger Mann von kaum mittlerer Größe, von sehniger Magerkeit des Gesichts und der Glieder, im dunkelfarbig einfachen Kavalierkostüm, trat mit elastischer Bewegung heraus und war mit großer Zuvorkommenheit einer Dame behilflich, die ihm folgte.

Der Anblick dieser Gefährtin hinderte die Nonne, vollends nahe zu treten und ihre Mission zu erfüllen. Die Unbekannte aber, ebenfalls im dunkel-bescheidenen Kleid, hatte sich derart den Kopf mit schwarzen Schleiertüchern eingewickelt, daß ihr Gesicht davon vollständig vermummt wurde. Die Nanette begriff, daß jetzt nicht der Augenblick sei, sich bemerkbar zu machen.

»Wenn Euch Eure Laune vielleicht ein wenig teuer zu stehen kommt,« hörte sie den Herzog von Richelieu zu seiner Dame sagen, der er den Arm bot, »so gebt wenigstens mir keine Schuld daran. Aber noch einmal: eine unglaubliche Tollheit von Euch, in diesem belebten Stadtviertel Euch auf der Straße zeigen zu wollen.«

Die Vermummte flüsterte etwas dagegen, was aber Nanette nicht verstehen konnte.

»Mit Eurem Kopfweh,« antwortete in brüskem Ton der jugendliche Herzog. »Der Hafer sticht Euch. Ihr seid abenteuersüchtig ... Also, umkehren, nach Hause.«

Die letzten Worte waren an den Kutscher gerichtet. Dann nahmen jene beiden den Weg über die Brücke in der Richtung gegen die vielgiebeligen schwärzlichen Massen des gotischen Parlamentspalastes, aus dessen Mitte die Palastkapelle der alten französischen Könige (dieselben hatten vor dem Parlament hier ihre Residenz) mit dem steilen gezackten Dach und dem pfeilförmigen schlanken Türmchen wie ein heiliges Ausrufungszeichen des frommen Mittelalters aufragte.

Was der junge Herzog und seine noch jugendhaftere vermummte Dame indessen sprachen, blieb dem ihnen auf dem Fuße folgenden Nönnchen einstweilen unverständlich.

Plötzlich aber entstand ein unerwarteter Auftritt. Ein Bürger, in der entgegengesetzten Richtung über die Brücke schlendernd und an der vorgebundenen weißen Schürze als Barbier oder Bader erkenntlich, hielt mit einem Ruck vor der vermummten Dame an, indem er ihr, gleich einem, der nicht recht bei Trost ist, ins Gesicht stiert, von dem indes wenig mehr als ein zierlich gebildetes feinrückiges Näschen von leiser Krümmung nebst ein paar über das seltsame Gebaren des Bürgers höchst erschrockene Augen zu sehen waren.

»Platz da, Lümmel,« herrschte ihr Kavalier den Bader an.

Das weckte diesen aus seiner Erstarrung.

»Verzeihen Eure Gnaden,« rief er mit einer halb zornigen, halb weinerlichen Stimme; »ich bin kein Lümmel; ich bin der Ehemann der zierlichen und ehrsamen Person, die Ihr an Eurem Arm führt.«

Mit diesen Worten wollte er der Vermummten die schützende Hülle vom Gesichte ziehen. Aber ein Faustschlag des Kavaliers traf ihn ins Gesicht, daß ihm ein roter Strahl Blutes aus der Nase schoß und die Dame ängstlich ihr Kleid raffte, das sich aber mit Blut bereits über und über besudelt zeigte.

Der blutende Barbier aber gebärdete sich jetzt wie ein Rasender.

»Meine Frau,« schrie er, »es ist meine Frau. Ich habe sie erkannt. (Und dann an die zusammenlaufende Menge sich wendend.) Greift ihn, Bürger, den Frauenräuber, den Mörder, den Totschläger.«

Die Leute, der Mehrzahl nach geringes Volk, dessen immer mehr sich zusammendrängte, verhielten sich verschiedenartig. Die einen feuerten ernstlich den Barbier zum Handeln an und waren auch bereit, ihn zu unterstützen. Andere fanden ihren Spaß an dem Auftritt. Sie lachten und höhnten. Die jungen Burschen besonders und halbwüchsigen Gassenbuben taten sich hervor mit Ausgelassenheit und Mutwillen.

»Hetz, hetz, Meister Bartseifer, pack sie, nimm dir die H... Schlag ihn nieder, den Räuber.«

So und ähnlich rief es von allen Seiten.

»Kennt Ihr den Mann,« fragte Nanette einen Schlosser im Schurzfell.

»Gewiß,« antwortete dieser, »es ist unser Meister Mathieu aus der Gasse der Frau ohne Kopf, der schon acht Tage wie närrisch herumläuft und sein entlaufenes Weibchen sucht.«

»Sie ist es, sie ist es,« hörte man aus dem Gedränge rufen. »Sie ist es mit Haut und Haar, die schöne Meisterin, die lüsterne Susanne. Man kennt sie am Wiegen ihrer Hüfte, schaut nur hin. Armer Meister Mathieu. Die kriegst du nicht mehr zu schmecken.«

Abermals war es dem Barbier gelungen, sich dem Pärlein zu nähern und nach den Schleierhüllen auszulangen, die sich das Dämchen indessen noch dichter über das Gesicht gezogen hatte. Aber von einem Stoß von der ausgestreckten Faust ihres Begleiters taumelte er fast besinnungslos zurück.

»Hetz, hetz, Meister Mathieu,« rief das Gesindel, »pack sie, reiß ihr die Schleier vom Gesicht, reiß ihr die Röcke vom Leib, dem sauberen Mensch.«

Aber wie auch der Pöbel schrie und lachte und hetzte oder auch ernstlich sich entrüstete über den Kavalier und seine Begleiterin, zum ernstlichen Beistand fand Meister Mathieu niemand bereit.

Nur immer größer wurde der Zulauf, immer dichter das Gedränge. Die Wechsler der Brücke und andere Krämer traten aus ihren Buden. Auch mehrere vornehme Karossen hielten an – es war keine Möglichkeit für sie, weiterzukommen – und aus den Wagenschlägen schauten Frauengesichter und Kavalierköpfe mit gepuderten Perücken. Doch auch unter diesen schien niemand den Herzog von Richelieu zu erkennen, wenigstens wurde er von keiner Seite angerufen.

Dieser mochte indessen die für ihn zum wenigsten lächerliche und für seine Dame mehr als heikle Situation von Minute zu Minute peinlicher empfinden.

Seine Stirn runzelte sich bedrohlich, aus seinen Jünglingsaugen blitzte Zorn und Ingrimm, und die Art, wie er die Dame fester an sich zog, verriet nicht nur Besorgtheit, sondern auch strafenden Unwillen über ihren launenhaften Leichtsinn.

»Heda, Ihr, Mann dort,« rief er einem Wechsler unter seiner Türe zu. »Ein Kommissär, wo finde ich einen königlichen Kommissär.«

»Gleich links drüben, edler Herr,« antwortete dieser, »an der Ecke des Flusses, dem Palast gegenüber wird der Friedensrichter Danton zu Eurer Verfügung sein.«

»Hörst du, du Karikatur von einem Hahnrei,« rief der Herzog dem Bader zu, »wir gehen zum Friedensrichter. Und wirst du jetzt dein schmutziges Maul halten.«

Mit dem jungen Kavalier und seiner vermummten Dame wälzte sich die ganze zusammengelaufene Rotte...



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