Ruederer | Das Erwachen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 259 Seiten

Ruederer Das Erwachen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3443-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 259 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3443-8
Verlag: Jazzybee Verlag
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Ein Münchner Roman bis zum Jahre 1848. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.

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Fünftes Kapitel.



Das »e«.

Die Magd, die den Eindringling im altmodischen, schwarzen Rock und ausgebauchten Zylinderhut mit unsicheren Blicken musterte, als wisse sie nicht, sei es ein Herr oder ein Mann, meinte, nachdem sie Namen und Stand zweimal buchstabiert hatte, er solle mal stehenbleiben. So ohne weiteres ließen der Herr Reichsarchivdirektor nicht jeden hinein, besonders wenn keine Rekommandierung mitgebracht werde. Sie schien mit dieser Wendung dem unbekannten Besuche so was Ähnliches herauskitzeln zu wollen, denn sie machte eine Pause voll herrischer Erwartung. Da aber der Luegecker doch unmöglich den Faist als Referenz aufgeben konnte, ließ sie ihn mit einem Blicke der Verachtung für so viel läppisches Gebahren stehen und klopfte mit größter Behutsamkeit an eine hohe Türe zur linken Hand. Dort verschwand sie für lange Zeit auf ein kräftiges »Herein«, das etwas vom Tone eines Regimentskommandeurs vor der Front aufwies. Auf solche Art hatte der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft zwischen offenstehender Haustüre und Vestibül Gelegenheit, entblößten Hauptes den ersten schüchternen Blick in das Heiligtum zu werfen, von dem ihm schon so viel erzählt worden war. Prächtig genug ließ es sich an. Er sah dem Eingang direkt gegenüber eine breite, mit einem Podeste versehene Treppe, der braunlackierte, von Messinggesimsen gekrönte Eisenstäbe als Geländer dienten. Dahinter ragte als ausgiebige Lichtquelle für den weißgetünchten Raum ein hohes Fenster in das obere Stockwerk hinauf. Zu beiden Seiten des von einem durchsichtigen Mullvorhang bedeckten Glases hingen zwei schmale, lebensgroße Bilder von Kavalieren im Jagdkostüm, wie sie auch so ähnlich im Festsaal der Haupt-Schützengesellschaft prangten. Nur mit dem Unterschied, daß die Herren da viel nobler gekleidet waren und Waldhörner um die Brust geschlungen hatten, deren mächtige Schalltrichter bei der Auferweckung der Toten am Tage des Jüngsten Gerichts ausgiebige Dienste leisten konnten. Der Luegecker wollte sich eben dorthin, wo die Treppe anstieg, in eine andre Leinwand versenken, die goldumrahmt drei nackte Frauenzimmer mit einem Schäferbuben darstellte, eine ganz kuriose Geschichte, wie er derlei noch nie gesehen hatte, da kam die Magd aus dem Zimmer zurück und bedeutete ihm, er würde angenommen. Als darauf der verlegene Mann eine Biegung nach links machen wollte, winkte sie ab und meinte, so schnell gehe das nicht. Hier auf dem Vorplatz habe er zu warten, bis ihn der Herr Reichsarchivdirektor in eigener Person rufen würden. Damit schlug sie die Haustüre zu und verschwand den Gang hinunter, der, an jedem Ende ein kleineres Fenster aufweisend, das Erdgeschoß in zwei Hälften teilte. Eine Einladung, so lange einen der sechs gepolsterten Stühle mit den hohen Lehnen zu benützen, die gleichmäßig verteilt an den Wänden des Vestibüls herumstanden, hatte sie nicht erlassen. Aber der Wirt der Haupt-Schützengesellschaft hätte, auch wenn eine solche ergangen wäre, nie und nimmer gewagt, ihr zu folgen. Es war ihm schon vom Augenblicke an, da er nach langem Sträuben endlich seinen Stock nahm und über den Dultplatz die Brienner und Ludwigstraße hinauswanderte, bei der ganzen Sache nicht wohl zumute. Jetzt aber, wo der hohe Herr so ausgiebig warten ließ, wußte er erst recht nicht, was er anfangen sollte. Und doch war ihm, je länger es dauerte, diese Verzögerung ganz willkommen. Er konnte den Schweiß von der Stirne wischen und sich so langsam wieder in der äußeren Erscheinung zusammenstellen, er konnte sogar noch einmal überprüfen, was er alles zu sagen hatte. Deshalb zog er ganz im geheimen einen Zettel heraus, indem er bald auf ihn, bald auf die Türe sah, aus der der Gewaltige treten mußte. Vernahm er aber das geringste Geräusch im Hause, dann knitterte er das Papier zusammen, da er meinte, jetzt sei es so weit. Erst nachdem Ruhe eingetreten war, holte er es wieder hervor und schaute auf die grobzügigen Buchstaben, die es bedeckten.

Die waren von seiner Frau geschrieben und gaben genau an, was er alles zu sagen hatte. Der Herr Reichsarchivdirektor möchten es nicht für ungut nehmen, wenn ein einfacher Bürger, in Gestalt des Joseph Luegecker, ihm in aller Ehrerbietung einen praktischen Vorschlag unterbreite. Man lebe in der Zeit der Geschäfte, und Geschäfte wollten eben gemacht sein, sonst kämen keine Geschäfte dabei heraus. Gewiß, ein so hoher Herr kümmere sich wenig um Geldangelegenheiten, um gewisse Vorteile, aber andere Leute müßten das dafür um so mehr tun, schon aus dem Grunde, damit sie zu leben hätten. Der Stand des Petenten sage genug; er sei als eine Art Einführung zu betrachten. Das Gasthaus zur Schießstätte läge dicht bei den Wiesen, die des hohen Herrn seliger Herr Schwiegervater von seinem seligen Herrn Vater ererbt habe. So wie sie jetzt sich ausbreiteten, wären sie überall und nirgends auf der Welt; mit andern Worten: sie böten keinen höheren Wert als den, den das Heu jedes Jahr bringe. Das sei aber naturgemäß jammerbar wenig und in keinem Verhältnis zu den großen Zinsen, die da verloren gingen. Auch seien sie wohl zu weit vom Besitztum des gnädigsten Herrn entfernt, als daß er je einen praktischen Gebrauch davon werde machen können. Da wollte denn der Luegecker in aller Ehrerbietigkeit anfragen, ob das so bleiben solle. Eine Einmischung sei ihm ferne, aber er bäte doch submissest, daß der Herr Reichsarchivdirektor, wenn er je die wertlosen Objekte losschlage, an ihn denke, der da draußen bescheiden wirtschafte. Er habe das nötige Kleingeld beisammen, um was Anständiges bieten zu können, er sei ein niemals vorbestrafter Mensch, der zwar noch nicht lange in München lebe, aber seine Reputation habe, nötigenfalls auch seine Referenzen. Drum möchte man ungeniert einen Preis nennen; über die Höhe würde man schon einig werden. Ärgernis hoffe der Luegecker durch diese Frage keines zu erwecken, denn eine bescheidene, höfliche Anfrage verdiene auch die entsprechende Antwort. Außerdem kaufe heutzutag jedermann; selbst der König tue es und tausche, wenn er was bauen wolle.

Diesen letzten Satz, meinte Frau Therese, könnte er weglassen, wenn der Besitzer sich bereits gefügig zeigte. Im übrigen werde ja, wie immer auf der Welt, ein Wort das andere ergeben. Nur eines müsse er unbedingt beherzigen. So lebhaft, so angenehm die Unterhaltung sich gestalten möge, unter keinen Umständen dürfe er davon was verraten, daß der Bahnhof vom Hackerbräu weg zur Stadt gerückt werden sollte. Denn das sei das Geheimnis, auf dem sich das ganze Geschäft aufbaue. Erführe der Reichsarchivdirektor vorher davon, dann würde er nie ja sagen, erführe er's aber hinterher, wenn alles verbrieft war, dann konnte es ganz Wurst sein. Denn, was mal unterschrieben vorlag, durfte nicht ausradiert werden, auch wenn der Verkäufer der allmächtigste Mann des ganzen Landes war. So meinte die Frau und schrieb, damit der Luegecker ja keine Dummheit begehe, noch eigens unter einen festen Strich die Warnung: Nichts vom Bahnhof sagen! Sie hatte das außerdem persönlich so oft wiederholt und ihn dabei mit den grauen Augen so fest angeschaut, daß ihr Mann diesen Wink fast ebenso auswendig hersagte wie das andere Geschreibsel des Zettels. Auf diese Weise lief er direkt Gefahr, das eine vor dem andern herauszustoßen und die Warnung bei der Begrüßung des Reichsarchivdirektors an die Spitze zu setzen.

Freilich hatte er zuerst noch so manches dagegengeredet. Ob ein so wohlinformierter Herr, der seine Finger doch überall drin hatte, nicht längst davon wisse, ob er nicht gerade so gescheit sei wie die Frau Therese Luegecker und ihr sauberer Unterhändler. Das werde man sehen, lautete die prompte Antwort; jetzt käme es mal auf den Versuch an. Aber der Luegecker war noch nicht zufrieden. Ob dann halt die Bahn auch wirklich ihre Geleise hereinstrecke, ob die Lokomotiven wahrhaftig bis zur Schießstatt führen oder ob sie etwa halben Weges stehen blieben? Nicht daß man etwa petschiert dasitze mit den Grundstücken und bis zum Tage der Auferstehung warte, um alles Geld wieder mobilisieren zu können. Darüber solle er sich gefälligst keine Gedanken machen, erwiderte Frau Therese. Und der Faist, den man wieder freundlich abklatschte, weil er sonst zu gefährlich gewesen wäre, fügte ermutigende Worte bei. Drücke der Verkehr wirklich nicht von außen herein, so werde er schon hinaus drücken; die Stadt wachse ja täglich, drum sei es, wie man auch daran mäkle, ein Geschäft. Das glaubte der Luegecker selbst, indessen hatte er immer noch Bedenken vorzubringen. Solche waren ihm während der paar Monate seines Aufenthalts in der Stadt gar reichlich aufgestiegen, und er zögerte nicht, sie vor seinem Abmarsch noch einmal zum besten zu geben.

Die Bürger hier trugen nämlich, wohin er auch kam, so ein Gehabe zur Schau, daß er ihnen jedesmal am liebsten die eigene Türe vor der Nase zugeschlagen hätte oder auf der Schwelle noch umgekehrt wäre. Zum Beispiel der junge Gaiglbräu, der erst vor einem Jahre das väterliche Anwesen übernommen hatte. Wie empfing ihn der Mensch, wie hochmütig, wie patzig! Gewiß, er war so gnädig, seine saure Kletzenbrüh' abzugeben. Ein schöner Ochs, wenn er nicht so viel Geschäftssinn gehabt hätte. Überhaupt, da fehlte es nicht. Profit zu machen, verstanden die Herren. Und das Geld nahmen sie auch. Aber sie taten so, als ob das eine Gnade wäre. »Meinetwegen«, brummte der Biersieder und verschob kaum seine schwarzseidene Mütze, worauf farbige Blumen gestickt waren. Und die junge Madam, die dabeistand, um den Schlüsselbund an der...



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