Buch, Deutsch, 190 Seiten, PB, Format (B × H): 141 mm x 214 mm, Gewicht: 226 g
Mit den Guerillas im Dschungel Zentralindiens
Buch, Deutsch, 190 Seiten, PB, Format (B × H): 141 mm x 214 mm, Gewicht: 226 g
ISBN: 978-3-88975-180-5
Verlag: Zambon Verlag + Vertrieb
Arundhati Roy ging in den Dschungel
Indiens und verbrachte mehrere
Monate mit den dort gegen den
Landraub kämpfenden Guerilleros der Urbevölkerung,
den Adivasis. Im vorliegenden
Buch schildert sie ihre „Wanderung mit den
Genossen im Dschungel Indiens“. Mehr als
80% der Bevölkerung Indiens lebt immer
noch in absoluter Armut. Das Märchen des
wirtschaftlichen Aufschwungs Indiens gibt
es nur für eine Minderheit. Roy positioniert
sich auf der Seite der Armen. Das Buch
ist ein Muss für Jeden, der sich nicht von
ökonomischen Zahlen blenden lassen will
und das tatsächliche Indien kennen lernen
möchte.
Arundhati Roy (geb. 1961 in Kerala), Schriftstellerin, Gesellschaftskritikerin
und Friedensaktivistin, hat sich besonders für die Urbevölkerung Indiens
eingesetzt. Sie kämpft für globale Gerechtigkeit, gegen die Umweltzerstörung
und für Alternativen zum Kapitalismus.
Ihr hartnäckiger Einsatz gegen die nukleare Aufrüstung Indiens und Pakistans,
gegen die von den USA geführten Kriege sowie ihre Ablehnung des
israelischen Terrors gegen die Palästinenser, machte sie zur Zielscheibe
internationaler medialer Rufmordkampagnen. In den vergangenen Jahren
hat sie sich immer mehr den gewaltigen Problemen Indiens zugewandt,
u.a. dem Kashmir-Konfl ikt, dem wachsenden Hindu-Faschismus, der Anna-
Hazare-Bewegung und vor allem der Operation „Green Hunt“, wie dieser
Krieg gegen die Ärmsten der Armen von der indischen Regierung zynisch
benannt wird. In allen diesen Fragen vertritt sie unbeirrt ihren oppositionellen
Standpunkt, der sie nicht nur beim indischen Establishment so gründlich
verhasst gemacht hat.
Arundhati Roy schreibt Romane, Drehbücher und politische Essays. Der
renommierte Booker-Literaturpreis wurde zum ersten Mal in der Literaturgeschichte
für einen indischen Roman verliehen. Arundhati Roy erhielt
1997 den Preis für ihren Roman „Der Gott der kleinen Dinge“.
Weitere Infos & Material
Indiens Stimme des Gewissens
Vor einem halben Jahr stieß ich im Internet auf Arundhati Roys Artikel „Wandern mit den Genossen“, den ich ausgezeichnet fand und für unsere Asienseite im Web (http://www.tlaxcala-int.org/ article.asp?reference=1954) übersetzte. Erst im Laufe der Arbeit bemerkte ich, dass es sich um eine Frau handelte. Googelte und sah, was sie sonst noch alles geschrieben hatte und auch ihr Bild. Nun, Intelligenz gepaart mit Schönheit ist immer faszinierend. Natürlich besorgte ich mir auch gleich „Der Gott der kleinen Dinge“ (1999 in Deutschland, 1997 in England, 1998 in Schweden und diese Ausgabe, von Gunilla Lundberg glänzend übersetzt, habe ich gelesen). Und die Lektüre war umwerfend. Die Charaktere mit feinem Strich gezeichnet - keine grobe Schwarz-Weiß-Malerei - und doch werden sie außerordentlich lebendig. Sie zeigen ihren wahren Charakter durch ihr Tun. Innere Monologe und Dialoge, Vor- und Rückblenden, Totale und Vogelperspektive, zarte Natur- und Landschaftsbilder wechseln mit der Turbulenz auf Straßen und Märkten. Vor unseren Augen entsteht ein Bild von Indien mit seinen inneren und äußeren Widersprüchen, wie es lebendiger nicht sein könnte. Eine zentrale Stellung nimmt das Kastenwesen ein, im Grunde natürlich eine Frage von Arm und Reich, Herren und Knechten, aber dennoch so viel mehr. Seine Brutalität, seine menschenverachtende, menschenzerstörende und vergiftende Natur wird einem erschreckend nahe gebracht. Vor allem auch die Tatsache, wie tief es sitzt, wie es quasi mit der Muttermilch eingesogen wird, wie irrational und in seinen Auswirkungen so verheerend real es ist. Und man versteht, dass dieses zudem religiös verbrämte System nicht leichter Hand abgestreift werden kann, sondern dass wirklich radikale Maßnahmen ergriffen werden müssten, um es aus der Welt zu schaffen. Dass dies vor allem auch das Werk der Armen, der Indigenen, der Dalits selbst sein muss, die zusammen 80% der indischen Gesellschaft ausmachen; denn die hohen Kasten werden den Teufel tun, es zu ändern. Für sie ist es die beste aller Welten. Dieser Roman ist ein Meisterwerk und hat zu Recht seine Preise gewonnen, vor allem 1997 den renommierten Booker Prize. Irgendwo las ich, dass Arundhati Roy gesagt hatte, sie wolle keinen Roman mehr schreiben, weil dieses Buch sie ganz krank gemacht habe. Und das verstand ich gut, weil es einerseits teilweise autobiographisch ist und andererseits mit Herzblut geschrieben wurde. Doch 2007 hat sie ihre Meinung geändert und gab bekannt, dass sie an einem neuen Roman arbeite. Dafür können wir ihr nur dankbar sein. Obwohl die Autorin in der Oberschicht aufgewachsen ist, hat ihr Gerechtigkeitssinn - der deutlich auch im Buch zutage tritt - sie konsequent auf einen anderen Weg geführt. Bis hin zu ihrem Bekenntnis, dass sie auf der anderen Seite der „roten Linie“ stehe. Aber es begann Schritt für Schritt. 1984 heiratete sie ihren zweiten Mann, den Filmemacher Pradip Krishen, wodurch sie noch enger mit dem Film in Berührung kam, was ja auch ihrem Roman anzumerken ist. Aber weder durch ihre Filmrollen noch durch ihre Drehbücher erregte sie größere Aufmerksamkeit, sondern durch eine Filmkritik an „Banditen- Königin“, die auf der wahren Geschichte einer weiblichen Robin Hood Figur, Phoolan Devi, beruhte, welche auch in Deutschland breitgetreten wurde. Arundhati Roy ergriff Partei für Devi, weil der Film ohne deren Erlaubnis gedreht worden war und sie es empörend und unannehmbar fand, dass „die Massenvergewaltigung an einer noch lebenden Frau nachgestellt wurde.“ Nun ja, in Indien ist es nicht schwer, auf Ungerechtigkeiten zu stoßen. Roy begann sich in Anti-Globalisierungskampagnen zu engagieren, kritisierte den Neo-Imperialismus und die globale Politik der USA, um sich dann auch den kontroversen Fragen der indischen Politik zuzuwenden. Sie wandte sich gegen den Bau von Megastaudämmen und die Aktivitäten riesiger einheimischer und ausländischer Gesellschaften, die sich im Zuge des starken ökonomischen Wachstums auf den Abbau der reichen indischen Bodenschätze stürzten. Und da konnte es nicht ausbleiben, dass Arundhati Roy auf das Schicksal der Menschen stieß, die Opfer dieser Aktivitäten wurden: die Adivasis, die Dalits, die Armen. Wie überall auf der Welt versprach man diesen Menschen das Blaue vom Himmel: Entwicklung, Fortschritt, Arbeitsplätze, Stromversorgung, Schulen, Krankenhäuser und was weiß ich nicht alles. Aber auch das Ergebnis war das gleiche wie überall auf der Welt, sie bekamen Pfennige für ihr Land und ihre Häuser und wurden in Barackenlager ‚umgesiedelt‘, ohne Infrastrukter, ohne Strom und Wasser, und wenn es hoch kam, erhielten sie einen miserablen Job als Kuli. Millionen erlitten dieses Schicksal. Bis sie sich zu wehren begannen. Da griff der Staat zum bewährten Mittel der Gewalt: Zwangsräumungen, Verhaftungen, Mord, Totschlag, Massenvergewaltigungen, Abfackeln hunderter Dörfer, der Felder, der Ernten. Diese massiven Übergriffe führten dann zur bewaffneten Selbstverteidigung und Organisierung in der CPI (Maoist) - der Kommunistischen Partei Indiens (Maoisten). Als dann die USA den „Krieg gegen den Terror“ erfanden, wurde die glorreiche Idee von Indien begierig aufgegriffen. Die Kommunisten wurden mitsamt ihren Sympathisanten zu Terroristen, ihnen wurde offiziell der Krieg erklärt, die „Operation Green Hunt“ (welch eine Obszönität) wurde ins Leben gerufen und obendrein rief man die amerikanischen ‚Experten‘ zu Hilfe. Diesen Hintergrund muss man kennen, um Arundhati Roys starkes Verständnis und Engagement für die Armen, die verfolgte und unterdrückte Urbevölkerung (in Paranthese: Indien hat den größten Prozentsatz an Urbevölkerung auf seinem Territorium: 70 Millionen!), die Minoritäten und den Widerstand im allgemeinen zu verstehen. Mit ihrem zunehmenden Engagement nahm auch das Kesseltreiben gegen sie zu. Alle bewährten Taktiken der Mainstreammedien kamen zum Einsatz. Verhöhnung, Lächerlichmachen, persönliche Anwürfe, Beleidigungen und natürlich Lügen. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Kampagne durch die Reden, die Roy bei ihrem Besuch im Jahr 2008 in Kaschmir hielt. Da hat sogar Wikipedia die Lügen der Medien ins Netz gestellt. Die fette Überschrift eines Absatzes lautet dort „Unterstützung des Kaschmir-Separatismus“, wofür sie von der „Indian National Congress Party“ und der hinduistischen, fundamentalistischen „Bharatiya Janata Party“ kritisiert worden sei. Beides ist gelogen. Roy sagte (wie man hier im Buch nachlesen kann), dass sie für UNO-Resolution von 1947 eintrete, die sowohl von Indien als auch Pakistan akzeptiert wurde, dass nämlich Jammu und Kashmir und das pakistanische Kashmir in einer Volksabstimmung selbst über ihr Schicksal entscheiden dürften, woran sich weder Pakistan noch Indien hielten. Und Arundhati Roy wurde nicht bloß kritisiert, sondern massiv wegen „Aufwiegelung“, „Zustimmung zur Separation“ vom Staat mit Prozessen und Gefängnis bedroht. In diesem Zusammenhang sprach Roy auch davon, dass sie die „rote Linie“ überschritten habe. Doch die hatte sie wahrlich bereits etliche Male zuvor überschritten. 1998/99 kritisierte sie mit scharfen Worten die Nuklearpolitik Indiens, 2001 den Schauprozess gegen die angeblichen Attentäter auf das indische Parlament, 2003 trat sie gegen die Vertreibung der Adivasis in Kerala auf, 2006 saß sie im Russell-Tribunal über den Irakkrieg und nannte Bush einen Kriegsverbrecher, im selben Jahr auch griff sie Israels ‚Staatsterror‘ an, 2008 griff sie in die Diskussion des Terrorangriffs in Mumbai ein und warnte davor, den Fall isoliert zu betrachten, und schließlich besuchte sie im Jahr 2010 die befreiten Gebiete im sogenannten ‚Roten Korridor‘ Indiens. Darüber veröffentlichte sie ihren glänzenden Essay „Wandern mit den Genossen“, den wir hier wiedergeben. Und da brach das Geheul der käuflichen Medien und der staatlichen Propagandamaschinerie erst richtig los. Dieses erlesene Sortiment von Mafiosi, Gangstern und Verbrechern an der Spitze der Regierung, die sich gegenseitig beweihräuchern, mit Würden, Titeln, Preisen, Nobelpreisen auszeichnen, mit Lametta behängen, untereinander den Reichtum des Volkes verteilen, die zu tausenden Jahren Zuchthaus verurteilt würden, untersuchte man ihre Schandtaten ohne Ansehen der Person, diese haben die Chuzpe, sich über die ‚Gewalt‘ der Unterdrückten zu empören. Und wieder schaltet sich die Wikipedia ein, etwas verhaltener zwar, aber doch mit unrichtigen Behauptungen wie etwa, dass Roy die „Aufständischen Gandhianer“ genannt habe. Sie hat geschrieben „Gandhianer mit einem Gewehr“, plus Fragezeichen. Das ist wohl ein kleiner Unterschied. Sie selbst hat sich ja lange als Gandhi-Anhängerin bezeichnet und ringt nun mit sich selbst darum, in Anbetracht der schrecklichen Wirklichkeit. Fragt sich, welche Alternative diese Unterdrückten denn hätten, nachdem sie jahrzehntelang demokratisch und friedlich protestiert haben, Petitionen geschrieben haben, die Gerichte angerufen haben. Darauf kann sie keine Antwort geben. Diese Menschen sind systematisch in eine Ecke gedrängt worden, in der als einzige Alternative nur bleibt: Untergang oder Verteidigung bis zum Letzten. Da muss jeder Mensch, der nur einen Funken Empathie besitzt, zumindest Verständnis aufbringen können, wenn die Wahl Verteidigung ist. Nun und dafür hat Arundhati Roy einen hohen Preis bezahlen müssen. Überfälle von Rowdies auf ihre Haus, Demonstrationen vor ihrem Haus, Hetze in den Medien. Doch hat sie in Indien auch eine starke Anhängerschaft. Anhänger hat sie gewiss auch im Westen, aber bei uns ist die Situation der Medien wesentlich katastrophaler als in Indien, weil noch stärker monopolisiert. Hier wird sie, die viel gefeierte Schriftstellerin, auf Grund ihrer politischen Stellungnahmen im Wesentlichen totgeschwiegen. Sie kann sich doch damit trösten, dass dies das Schicksal vieler großer Schriftsteller/innen ist, die den Fauxpas begehen, die „rote Linie“ zu überschreiten, will sagen, die sich auf die Seite der Mehrheit des Volkes stellen und Partei gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit ergreifen.
Einar Schlereth Klavreström/Schweden, 2. April 2011




