E-Book, Deutsch, Band 129, 100 Seiten
Reihe: Sophienlust Extra
Rothberg Geboren für eine fremde Mutter
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98936-702-9
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sophienlust Extra 129 - Familienroman
E-Book, Deutsch, Band 129, 100 Seiten
Reihe: Sophienlust Extra
ISBN: 978-3-98936-702-9
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Name Gert Rothberg steht für Spitzenqualität im Bereich des guten Unterhaltungsromans. Die Schriftstellerin Gert Rothberg hat dem Liebes- und dem Schicksalsroman ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Sie schildert zu Herzen gehende, dramatische Handlungspassagen meisterhaft und zieht ihre Leserinnen und Leser von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann. Die Lektüre ihrer Romane ist ein einzigartiges Erlebnis. Nach zahlreichen Verwicklungen versteht es Gert Rothberg, ein brillantes, überzeugendes Happy End zu gestalten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einer der beiden roten Schulbusse fuhr vor dem Herrenhaus von Sophienlust vor. Ausnahmsweise saßen darin sowohl die Schüler des Maibacher Gymnasiums als auch die Schüler der Grundschule in Wildmoos.
Nick stieß seinen Bruder Henrik an. »Sieh mal, Mutti wartet auf uns. Das ist prima. Dann essen wir heute hier in Sophienlust.«
Henrik blieb gleichgültig. »Hm«, machte er nur.
»Hm, hm, hm«, äffte Nick ihn belustigt nach. »Die ganze Fahrt geht es so. Du bist wohl zu fein, um mit uns zu sprechen, was?«
Die anderen Kinder lachten. Es war ja auch zu komisch, wie Henrik sich benahm. Dabei stand seine Mutter, Denise von Schoenecker, da vorn und strahlte in ihrem weißen Sommerkostüm mit der Sonne um die Wette.
Dann wurde Henrik aber doch gesprächig. Er reckte sich ein wenig, um seine Mutti flüchtig zu umarmen, und verkündete: »Wir haben eine Neue in der Klasse, Mutti. Ein Mädchen mit einem tollen Namen. Jenny heißt sie. Ist das nicht ein schöner Name?«
»Sehr schön«, bestätigte Denise.
Fabian Schöller schien jedoch anderer Meinung zu sein. »Jenny?«, fragte er grinsend. »O wie schön, wie schön, lass mich einmal Jenny seh’n …«
Die Kinder, die noch immer auf dem Hof standen, antworteten mit einem schallenden Gelächter. Aber aus dem Herrenhaus erklang jetzt der Gong, der alle zum Essen rief. Es war Mittagszeit, und die Kinder rannten nun alle los, um sich vor dem Essen noch schnell die Hände zu waschen.
Als Magda, die Köchin, die erste dampfende Schüssel hereintrug, begann Fabian noch einmal: »Warum heißt die schöne Neue bei euch denn Jenny? Kommt sie aus Amerika?«
Einen Moment schien es, als schenke Henrik den leckeren Knackwürstchen auf seinem Teller mehr Aufmerksamkeit als Fabians Frage.
Aber dann antwortete er doch: »Eigentlich heißt sie Johanna. Aber sie will Jenny genannt werden, weil das richtig schick ist.«
Denise und Schwester Regine wechselten heimlich einen belustigten Blick.
»Ist sie selbst denn auch schick?«, erkundigte sich Pünktchen. Für die Zwölfjährige wurde es ja auch von Tag zu Tag wichtiger, schick zu sein. Besonders dann, wenn sie Nick imponieren wollte.
»Ja, sehr«, antwortete Henrik. Seine Augen strahlten dabei. »Sie heißt Johanna Barwig, wird aber Jenny genannt und jeden Tag mit einem großen Wagen von der Schule abgeholt.«
»Was hat das mit schick zu tun?«, wollte Nick wissen, der das Wort sowieso verabscheute, wenn es im Zusammenhang mit kleinen Mädchen benutzt wurde.
Henrik sah ihn einen Moment verdutzt an. Das ist wieder einmal typisch Nick, dachte er. Immer bringt er mich aus dem Konzept. Doch dann fing er sich und erklärte: »Aber sie ist wirklich schick. Sie hat glänzende braune Haare mit einer Spange, und außerdem hat sie immer weiße Strumpfhosen an.«
Nick, Pünktchen und Irmela Groote warfen sich verstohlen Blicke zu. Sie fanden, Henriks Beschreibung war wirklich nicht dazu angetan, ihnen dieses Mädchen sympathisch zu machen. Aber was ging sie das an, solange diese Jenny oder Johanna mit ihrem glänzenden Haar und den empfindlichen Strumpfhosen nicht in Sophienlust auftauchte?
»Hast du dich denn schon ordentlich an sie herangemacht?« Fabian hatte sich diese Frage nicht verkneifen können.
»Du bist blöd!«, antwortete Henrik abwehrend, schickte aber zugleich einen Hilfe suchenden Blick zu seiner Mutter.
Denise verstand ihn sofort. »Wir wissen ja alle, dass die Bekanntschaft noch nicht alt sein kann. Morgen wird Henrik die kleine Jenny näher kennenlernen. Dann werden wir bestimmt noch mehr von ihr erfahren. Übrigens«, sie sandte einen Blick in die fröhliche Runde, »gibt es denn sonst gar nichts Neues?«
Ein betretenes Schweigen war die Antwort, denn ein jedes Kind hatte begriffen, dass es nicht schön war, so hartnäckig auf Henriks Thema herumzuhacken.
»Doch«, sagte Nick schließlich übermütig. »Henrik ist verliebt.«
Denise beteiligte sich nicht an dem Gelächter, das nun von Neuem losbrach. Sie sah, dass Henrik sich verlegen über seinen Teller beugte, und hätte ihn am liebsten getröstet. Aber er musste wie alle lernen, kleine Niederlagen einzustecken. Das war nichts anderes als eine Vorübung auf das spätere Leben.
Das Gelächter ebbte langsam ab. Zugleich hatte Nick begriffen, dass er eine Spur zu weit gegangen war. Er bemühte sich nun selbst um ein neues Thema. Und daran bestand in Sophienlust kein Mangel.
*
Die Schule in Wildmoos war nicht besonders groß. Aber das Gebäude war modern und sehr gut ausgestattet. In den Klassenräumen für die jüngeren Jahrgänge gab es kleine Tische mit leichten Stahlrohrstühlen, die sich besonders bequem und lautlos auf dem Boden hin- und herschieben ließen.
»Du«, flüsterte Henrik über den Gang zwischen den Tischreihen hinweg der braunen Jenny zu, »wenn du willst, bekommst du meinen Apfel in der Pause. Es ist ein Cox Orange. Wir haben davon große Mengen in Sophienlust.«
Die tolle Jenny zog ihr Näschen kraus. Dann machte sie »Ph!« und hob die Schultern wie eine Diva.
Mit offenem Mund beobachtete der Junge sie. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Das war wirklich schick, wie diese Jenny sich bewegte und »Ph!«, sagte. Bestimmt deshalb, weil sie sich schon riesig auf den Apfel freute.
Als es klingelte und die Kinder alle auf den Schulhof liefen, trat Henrik sofort wieder an Jennys Seite. Er hatte den Apfel vorher noch ordentlich an seiner Hose blank gerieben und hielt ihn ihr jetzt hin.
Aber Johanna Barwig, die viel lieber Jenny heißen wollte, schob seine Hand beiseite. »Ich will deinen Apfel gar nicht. Ich habe heute Schokolade dabei. Zu Hause brauche ich nie Äpfel mit der Schale zu essen. Sie werden von den Dienstboten geschält, in kleine Häppchen geschnitten und mir dann auf einem Tablett serviert.«
»Bist du denn krank?«, fragte Henrik teilnahmsvoll. Er konnte sich nicht vorstellen, warum sonst einem Kind ein Apfel auf einem Tablett serviert werden sollte.
Jennys Augen maßen ihn mit einem so arroganten Blick, dass einem Erwachsenen dabei heiß und kalt geworden wäre. Aber Henrik störte das nicht. Er hörte Jenny sogar aufmerksam zu, als sie weiterprahlte: »Ich finde eure Dorfschule richtig blöd, Henrik. Und du mit deinem Coci … Coschi …«
»Cox«, belehrte er sie mit verkniffenem Mund.
»… mit deinem Cox kannst mir auch nicht gefallen. Zu Hause in Baden-Baden haben wir ein riesiges Haus, fast wie ein Schloss.«
»So«, sagte Henrik, für den ein Schloss oder etwas Ähnliches wirklich nicht der Weltuntergang war.
»Ja, weil meine Mutter nämlich eine Komtesse ist. Eine von Rittinghausen war sie, bevor sie meinen Papi geheiratet hat.«
»Ist ja alles prima«, gab er zu. »Aber warum findest du es denn bei uns so blöd? Hier ist es doch schön.«
»Zu Hause habe ich eigene Lehrer, weißt du. Das ist richtig toll. Die müssen kommen, wenn ich will, und nicht umgekehrt.«
Henrik nickte. Diese Vorstellung fand er gar nicht so übel. »Aber warum bist du dann nicht in Baden-Baden geblieben, Jenny? Ich an deiner Stelle hätte das getan.«
Jenny trat mit gezierten Schritten zur Seite, damit ihre weiße Strumpfhose ja nicht von dem Staub des Schulhofs verunziert wurde, und sah ihn seltsam weltentrückt an. »Meine Mami muss sich mal wieder erholen, weißt du. Bei uns zu Hause haben wir viele Gesellschaften. Deswegen hat sie hier ein Haus gemietet. Zum Ausschlafen.«
»Wo denn?«, fragte Henrik. Für ihn gab es ein Haus, nur zum Ausschlafen für eine feine gräfliche Dame, nur im Schlaraffenland.
»Bei Bachenau.«
Die Antwort ernüchterte Henrik so, dass er richtig zornig wurde. »So ein Unsinn. Das ist doch nichts Besonderes. Da wohnt meine Schwester Andrea auch. Aber nicht zum Ausschlafen. Sie hat ein Tierheim, das Heim der glücklichen Tiere Waldi und Co. Kennst du das?«
»Ich mag keine Tiere«, erwiderte Jenny hochnäsig. »Höchstens meinen Collie. Aber den mussten wir in Baden-Baden lassen.«
»Den hätte ich an deiner Stelle aber mitgebracht. Dann könnte er dir vielleicht dein dummes Getue abgewöhnen.«
Henrik hatte die Bemerkung, dass Jenny keine Tiere leiden mochte, von seiner Bewunderung geheilt. Für ihn war das Mädchen jetzt nichts anderes als eine dumme Ziege. Mit einer Entschlossenheit, die an Wut grenzte, biss er jetzt selbst in den verschmähten Apfel.
Jenny war so eingebildet, dass sie Henriks Kritik gar nicht begriffen hatte. »Mein Collie kann nicht herkommen«, plapperte sie weiter und brach mit spitzen Fingern ein Stück von ihrer Schokolade ab. »Meine Mutter braucht viel Ruhe. Nicht nur von den Gesellschaften, sondern auch von den Turnieren.«
»Turnieren?« Henrik hätte sich fast verschluckt.
»Ja, sie ist Weltmeisterin im Tennis. Bevor sie wieder spielt, muss sie sich ausruhen.«
Henrik langweilte das alles. Er hatte zwar gut zugehört, aber er blickte voller Sehnsucht zwei Klassenkameraden nach, die sich um einen kleinen Ball rangelten. Fußball zu spielen war eigentlich auf dem Schulhof verboten, aber gerade das machte es so reizvoll. »He!«, rief er laut, um sich bemerkbar zu machen. »Fritzi zu mir!«
Fritzi nahm die Gelegenheit wahr und schoss Henrik den kleinen Ball zu. Jenny wollte ausweichen, war aber nicht schnell genug. Der Ball prallte auf ihr weißes Strumpfhosenbein. Dort blieb ein grauer, halb mondförmiger großer Schmutzfleck zurück.
»Wenn deine Mutter Weltmeisterin im Tennis ist, werdet ihr ja wohl genug Waschmittel im Haus haben, oder?« Henrik grinste.
Jenny antwortete nicht. Sie rannte heulend davon.
*
Als die Schulkinder am...




