E-Book, Deutsch, 382 Seiten
Roth Die Schatten meiner Ahnen
3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-6162-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Beziehung gelingen kann
E-Book, Deutsch, 382 Seiten
ISBN: 978-3-7519-6162-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christa Roth Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnosetherapeutin. Leiterin für Systemische Aufstellungen (Familienstellen). 1992 gründete sie ihre Praxis als Lebensberaterin, Coach und Leiterin für Selbsterfahrungsgruppen. Seit 2014 wendet sie ihr Wissen auch therapeutisch in Einzel- und Gruppenarbeit an. Sie empfindet ihren Beruf als Berufung. "Dieses Buch zu schreiben lag mir am Herzen. Ich freue mich, wenn es dazu beiträgt, dass Paare eine erfüllte Beziehung auf Augenhöhe leben können."
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Abschied
Endlich sind alle Möbel verpackt, und der Umzugswagen fährt vom Hof. Wieder einmal muss ich Abschied nehmen, dieser erscheint mir schwerer als alle anderen zuvor. Allein stehe ich auf dem großen Bauernhof, den ich fast so liebe wie seinen Besitzer. Alles wirkt ruhig und friedlich an diesem schönen Sommertag. Die Vögel zwitschern auf den Bäumen des kleinen Eichenwalds, der dem Hof kühlenden Schatten spendet. Gelegentlich ist ein zufriedenes Schnauben der grasenden Pferde zu hören. In der Ferne tuckert der Motor eines Treckers. Das wird wohl Markus sein, er wollte heute „Sibirien“ umpflügen, so nennt er das Feld, das am weitesten vom Hof entfernt liegt. Dass er es ausgerechnet heute pflügt, passt zum Zustand unserer Beziehung, denn Sibirien ist das Feld, auf dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind.
Diese Erinnerungen treiben mir sofort wieder Tränen in die Augen. Es hatte so gut angefangen auf diesem fruchtbaren Acker, aber nun ist alles aus und vorbei. Ein letztes Mal setze ich mich auf die Bank vor der Eingangstür des großen Bauernhauses und erinnere mich an unser Kennenlernen vor fünf Jahren.
Es begann fast märchenhaft, nur dass der Prinz ein Bauer war und nicht auf einem Schimmel, sondern auf einem Trecker saß und ich keine verwunschene Prinzessin, sondern eine bodenständige Lehrerin mit einer neunjährigen Tochter.
Wir trafen uns auf einem brachliegenden Feld, mitten im Wald. Der Bauer pflügte auf der einen Seite des Feldes die Erde um, und ich pflückte auf der anderen die wilden Kräuter. Stetig arbeiteten wir uns vor, und irgendwann waren wir nur noch wenige Meter voneinander entfernt, der Prinz-Bauer stieg vom Trecker, ging auf mich zu und fragte mich, was ich denn dort von seinem Acker pflücke.
„Kräuter für Tee, diese wilden Stiefmütterchen sind besonders gut für das Herz“, antwortete ich, während ich mich aufrichtete und ihm die Herzkräuter unter die Nase hielt.
„Na, den Tee möchte ich gern mal probieren, fürs Herz könnte ich auch etwas gebrauchen“, entgegnete er und stellte sich mit Markus von Altenbek vor.
Ich konnte gerade noch meinen Namen nennen, bevor er weitersprach. Er beschrieb mir die Lage und Größe seines Hofes und dass er neben dem Ackerbau eine kleine Trakehnerzucht, mit einem eigenen Zuchthengst, betreibe.
„Die Pferde, ein paar Katzen, Enten und Gänse sind, außer mir, die einzigen Lebewesen auf meinem Hof.“ „Haben Sie denn keine Familie?“, fragte ich „Doch, bis vor vier Jahren haben meine Eltern noch auf dem Hof gelebt. Sie wohnen jetzt im Nachbardorf und das ist auch gut so, denn mit meiner Mutter gab es immer nur Ärger“, fügte er mit Nachdruck hinzu. „Und vor neun Monaten hat sich plötzlich meine Lebensgefährtin mit unseren beiden Töchtern vom Acker gemacht. Und das nach fünfzehnjähriger Partnerschaft. Seitdem bin ich der einzige Mensch auf dem Hof. Dabei habe ich mit 340 m2 reiner Wohnfläche, genug Platz für drei Familien“, sagte der Bauer mit bitterem Tonfall.
Fast erschlagen von der Menge an Informationen, dachte ich, der ist ja vertraulich gesprächig, hat wohl lange niemanden zum Reden gehabt. Doch es kam noch besser, denn Markus von Altenbek sagte nicht ohne Stolz, dass er kein armer Bauer sei und zu seinem Hof noch weiteres Land hinzugepachtet habe.
„Ich habe aber keinen guten Ruf im Dorf, meine Nachbarn sind wohl neidisch auf meinen Besitz, doch das kümmert mich nicht. Do wat du wullt, de Lüüt snackt doch.“
Na, das scheint dich doch ein bisschen zu ärgern, sonst würdest du es mir wohl nicht so ausführlich erzählen, du armer, reicher Bauer, dachte ich bei mir.
Der Bauer von Altenbek erzählte noch dies und das und nach ungefähr einer Stunde fragte er mich, wo ich denn wohne.
„In Ohlenhausen, auf dem Mühlenhof“, konnte ich gerade noch antworten, bevor er wieder das Wort ergriff.
„Ach, den Hof kenne ich gut, von dem Nachbarn kaufe ich manchmal Heu für meine Pferde. Da kann ich Sie also finden“, sagte er interessiert und sah mir das erste Mal direkt in die Augen. Dann verabredeten wir uns noch „auf irgendwann mal”, auf einen „Herztee von Sibirien“, und verabschiedeten uns.
Seltsame Begegnung, dachte ich, als ich mit meinem gefüllten Kräuterbeutel auf mein Fahrrad stieg und dem gesprächigen Bauern von Altenbek zum Abschied zuwinkte. Wie der wohl zu seinem adligen Namen gekommen ist? Vielleicht so wie mein Opa, der Vater meiner Mutter, dessen Ahnen sollen Raubritter gewesen sein und sich den Namen „von der Heide“ gleich mit dem zugehörigen Bauernhof einverleibt haben.
Vier Wochen später, ich hatte die Begegnung schon unter ferner liefen abgeschrieben, stand der adelige Bauer plötzlich vor meiner Tür. Wir tranken den locker verabredeten „Sibirischen Herztee“, dessen Wirkung sofort spürbar war. Ohne jegliches Zeitgefühl verbrachten wir wie im Rausch den ganzen Tag miteinander. Auch in den folgenden Wochen hielt die Wirkung an, bald kam es zum ersten Kuss, und dann folgte alles, was dazu gehört, wenn die Hormone über den Verstand regieren. Damals war ich mir ganz sicher, den liebe ich und möchte den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. Markus. Obwohl ich inzwischen wusste, dass Markus meine Vorgängerin nie heiraten wollte, weil er Angst hatte, dass eine Scheidung seinen Besitz schmälern könnte, zog ich mit meiner 9-jährigen Tochter Larissa sechs Monate später zu ihm.
Als dann unser Sohn Mark eineinhalb Jahre danach geboren wurde, dachte ich, nun sind wir eine vollständige Familie, und Markus würde mich bitten, seine Frau zu werden. Doch er formulierte es ganz anders, denn kurz nach Marks Geburt sagte er mit seinem speziellen Reibeisencharme: „Jetzt habe ich endlich meinen Hoferben, nun muss ich die Frau wohl heiraten.“
Das war für mich wie ein Schlag mitten ins Herz. So hatte unromantisch hatte ich mir seinen Heiratsantrag nicht vorgestellt. Ich wollte aus Liebe geheiratet werden und nicht, weil ich im seinen Hoferben geliefert hatte.
Markus konnte aber auch ganz charmant sein, und wenn er sein Herz geöffnet hatte, war er sehr liebevoll. Das geschah meistens weit entfernt vom Hof, dann war er frei von seinen Pflichten, und die Angst um seinen Besitz war in den Hintergrund getreten. Besonders im Urlaub verstanden wir uns gut, wir lachten viel miteinander und liebten uns fast täglich heiß und innig. In diesen Momenten sprach Markus von Liebe und Heirat, aber spätestens wenn der Alltag wieder eintrat, vergaß er sein Versprechen, und obendrein zweifelte er immer wieder unsere Beziehung an, wenn er sich unverstanden fühlte oder eine andere Meinung hatte als ich.
Nach gut vier Jahren konnte dieses Hin und Her nicht mehr ertragen und wollte von ihm ein klares Ja, aber Markus blieb bei seinem Vielleicht. Lieber würde er mich mit den Kindern gehen lassen, als sich ganz für mich zu entscheiden. Da wurde mir klar, dass er mit mir genauso verfahren wird wie mit meiner Vorgängerin, er wird auch zu mir nie ganz ja sagen, denn Markus kann sich einfach nicht für eine Frau entscheiden. Irgendetwas hat er immer an seinen Partnerinnen auszusetzen, er will sich nicht festlegen und riskiert es, seine Kinder und in unserem Fall sogar seinen selbsternannten Hoferben, zu verlieren.
So entschied ich mich für ein Nein, auch wenn ich diesen Mann immer noch liebte. Obwohl Markus mich sehr enttäuscht hatte, tat es mir leid, ihn allein auf dem Hof zurückzulassen. Ich finde, dass er ein sehr einsamer Mann ist, ein Mensch, der niemandem vertraut, alles kontrollieren muss und der eine Heidenangst davor hat, seinen Besitz zu verlieren. Doch dann frage ich mich, wieso tut er dir leid? Das hat er sich doch selbst eingebrockt, dieser egoistische Blödmann, ihm scheinen ja die Gefühle von mir und den Kindern gleichgültig zu sein, denn er macht keinen Versuch, mich von diesem Entschluss wieder abzubringen. So wenig scheinen wir ihm wert zu sein, dabei habe ich mich in den fünf Jahren unserer Beziehung auf sein schwieriges Bauernleben total eingestellt, seine vielen Macken lächelnd umschifft, ihn bekocht, immer wieder Verständnis für ihn gehabt und ihm einen wunderbaren Sohn geschenkt.
Auch den verwilderten Bauerngarten habe ich mit viel Einsatz und Liebe neu gestaltet, und sogar beim Bäumefällen in seinem Wald mitgearbeitet. Dort habe ich die abgeschlagenen Äste der Tannen zum Trecker gezogen, was körperlich sehr anstrengend war, aber ich habe das alles gerne getan, weil ich einfach mit Markus zusammen sein und ihm mit meinem Einsatz zeigen wollte, dass ich ihn liebe. Trotzdem weiß er bis heute nicht, ob ich die Richtige für ihn bin.
Selbst während der Schwangerschaft mit Mark hat er mehrfach unsere Beziehung infrage gestellt und sich obendrein noch nach anderen jüngeren und schlanken Frauen den Hals verdreht. Oh, diese Erinnerungen machen mich so wütend, ich möchte ihm am liebsten auch so viel Schmerz zufügen, wie er es mit mir getan hat, damit er endlich spürt, wie sich das anfühlt.
Ganz besonders Markus' herzloses Verhalten während meiner zweiten...




