Roth | Die Geschichte der Dunkelheit | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Roth Die Geschichte der Dunkelheit

Ein Bericht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-490329-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Bericht

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-10-490329-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gerhard Roths bewegender Bericht vom Leben des Walter Berger - Band 6 des Zyklus »Die Archive des Schweigens« - erzählt von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts am Beispiel eines konkreten Schicksals: Walter Berger wächst in der Wiener Leopoldstadt auf und fühlt sich eher als Österreicher denn als Jude. Aber bereits in den frühen dreißiger Jahren machen sich antisemitische Ressentiments in der Stadt bemerkbar, und mit Sorge beobachtet Berger den unheilvollen Aufstieg der Nationalsozialisten im benachbarten Deutschen Reich. 1938, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, emigriert er als Achtzehnjähriger nach London, tritt in England in die tschechische Exilarmee ein und nimmt an der Befreiung Deutschlands teil. Als er nach Kriegsende in die Slowakei gelangt, muss er feststellen, dass sein Vater und mehrere andere Familienmitglieder von den Nazis ermordet wurden. Nach Zwischenstationen in anderen Ländern kehrt Berger schließlich 1962 nach Wien zurück. Er findet kaum noch Spuren der einst blühenden jüdisch-österreichischen Kultur, die die Stadt so wesentlich mitgeprägt hatte.

Gerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus »Die Archive des Schweigens« und den nachfolgenden Zyklus »Orkus«. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane »Die Irrfahrt des Michael Aldrian«, »Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier« und »Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe«. Sein nun letzter Roman »Die Imker« ist im Mai 2022 erschienen. Literaturpreise (Auswahl): Preis der »SWF-Bestenliste« Alfred-Döblin-Preis Marie-Luise-Kaschnitz-Preis Preis des Österreichischen Buchhandels Bruno-Kreisky-Preis 2003 Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003 Jakob-Wassermann-Preis 2012 Jeanette-Schocken-Preis 2015 Jean-Paul-Preis 2015 Großer Österreichischer Staatspreis 2016 Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016
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II


Erster Bericht


Die Vorfahren

Mein Urgroßvater mütterlicherseits hieß Jakob Edelmarin. Er saß im hohen Alter zumeist auf einer Bank in einer Allee vor dem Augarten in Wien. Er war fein gekleidet, trug einen Kaftan aus Seide und einen eleganten schwarzen Hut. Ich erinnere mich besonders an seinen weißen Bart. Zumeist unterhielt er sich mit zufällig vorbeikommenden Bekannten. Ursprünglich besaß er in der Nähe von Sarajewo ein Gut und ein Wirtshaus, in dem die Soldaten der Garnison verkehrten. Eine seiner Töchter verliebte sich in einen Offizier, der nicht jüdischer Abstammung war, und als Jakob ihm die Erlaubnis verweigerte, seine Tochter zu heiraten, erschoß der Offizier seine Geliebte und dann sich selbst. Jakobs erste Frau war darüber so verzweifelt, daß sie sich in der Drina ertränkte. Er selbst wurde damals orthodox. Zeitlebens trug er die Kippa, die runde, flache Kopfbedeckung (auch unter dem Hut). Später gründete er in Wien, wohin er nach dem Tod der Tochter und dem Selbstmord seiner Frau gezogen war, ein Bethaus am Karmelitermarkt, das »Machsikei Hadas« (»Festhalten am Glauben«) hieß. Nachdem er ein kleines Antiquitätengeschäft aufgemacht hatte, heiratete er ein zweites Mal, und zwar die Witwe Käthe Bienenfeld, die zwei Söhne in die Ehe mitbrachte, Jacques und Joseph. Diese erlangten, nachdem sie nach Frankreich ausgewandert waren, eine zweifelhafte Berühmtheit in monarchistischen Kreisen Österreichs. Sie kauften den Schmuck des abgedankten und in Not geratenen Österreichischen Kaiserpaares Karl und Zita auf, waren aber nur bereit, den reinen Gold- und Edelsteinwert dafür zu bezahlen. (Jacques und Joseph waren keine gläubigen Juden.) Sie wurden später angeklagt, daß sie die Not des Kaiserpaares ausgenutzt hätten, gingen aber frei aus und wurden sehr reich. Innerhalb der Familie blieben sie allerdings geächtet, bis Adolf Hitler an die Macht kam. Dann erst versöhnten sich die Familienmitglieder. Besonders mein Großvater Simon Venetianer, der die einzige Tochter aus Jakobs zweiter Ehe, Dorothea Edelmann heiratete, wollte von Jacques und Joseph Bienenfeld nichts wissen. Er war österreichischer Monarchist. Seine Eltern besaßen etwas Wald und ein Sägewerk in der Slowakei. Vermutlich wäre mein Großvater dort geblieben, hätte ihn nicht ein betrunkener slowakischer Verwalter als Juden beschimpft und tätlich angegriffen. Simon setzte sich zur Wehr und tötete ihn. Daraufhin floh er nach Wien und weiter nach Budapest. (Er wechselte seinen Wohnsitz im Laufe seines Lebens ständig zwischen beiden Städten.) Nachdem Gras über die Sache gewachsen war, machte er in Wien am Franz Josefs-Kai eine Kistenfabrik auf. Später verkaufte er sie wieder, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Mein Großvater war ein gebildeter Mann, er sprach Lateinisch und Altgriechisch und schrieb unter dem Pseudonym Vineta für den »Pester Lloyd«, eine deutschsprachige Zeitung in Budapest. Außerdem hielt er Vorträge in der »Scholle«, wo auch Karl Kraus auftrat. Er war das schwarze Schaf in der Familie, trat aus der jüdischen Gemeinde aus und wurde Freidenker. Das Schriftstellerdasein war für ihn wenig profitabel. Er lebte vom Geld, das er durch den Verkauf der Fabrik erlangt hatte und von seiner Erbschaft. Als Mitglied des Vereins »verkühle dich täglich« schwamm er mehrmals im Winter über die Donau – er eiferte dem »mens sana in corpore sano« (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) der alten Römer nach. Gina Venetianer, meine Mutter, war das einzige Kind aus seiner Ehe mit Dorothea Edelmann. Simon war kein guter Vater. Er behandelte seine Tochter schlecht. Zur Strafe ließ er sie nicht selten auf Erbsen knien, einmal sogar als der österreichische Schriftsteller Franz Karl Ginzkey, mit dem er gerne Schach spielte und nächtelang diskutierte, auf Besuch in seine Wohnung kam. Simon hatte sich einen Sohn gewünscht und konnte nicht verwinden, daß es eine Tochter wurde. Er hat hingegen seine Frau Dorothea das ganze Leben lang verehrt, obwohl er sich von ihr scheiden ließ, nachdem er im Ersten Weltkrieg Kriegsanleihen für die Habsburgermonarchie gezeichnet und sogar sein Haus eingesetzt hatte. Da er alles verlor, konnte er seine Familie nicht mehr ernähren. Er blieb Dorothea aber bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden. Im Ersten Weltkrieg lernte er den k.u.k. Leutnant Adolf Berger, meinen späteren Vater, kennen und lud ihn zu sich nach Hause ein. Adolf Berger stammte aus einer Gegend der Tatra. Mikloš, in der Slowakei. Er war der jüngste einer nicht sehr wohlhabenden Familie von neun Brüdern und einer Schwester. Im Laufe der Zeit wurden ihre Mitglieder über die ganze Welt verstreut, nach Budapest. Wien und sogar Amerika. Mein Vater war Vertreter bei Bernhard-Altmann-Strickwaren und betreute den Wiener Raum. Er war tüchtig und korrekt, und man beneidete ihn um seine Stelle. Selbst in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, als die Arbeitslosigkeit am größten war, behielt er seinen Posten. Wie gut sein Ruf war, geht daraus hervor, daß Bernhard Altmann mir nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Schweiz zehn Pfund schickte, um die ich ihn gebeten hatte, als ich das Geld für die Erlangung der englischen Staatsbürgerschaft brauchte.

Adolf Berger heiratete meine Mutter Gina, als sie 18 Jahre alt war und hatte mit ihr außerdem eine Tochter Edith, Ditta genannt. Sie ist heute verwitwet und lebt in Marienbad.

Kindheit

Ich wurde am 27. Jänner 1919 in Wien geboren. Meine frühesten Erinnerungen sind bruchstückhaft und allgemeiner Natur.

Im Sommer fuhr ich mit meinen Eltern zu den Verwandten meines Vaters in die Slowakei. Dort lebten sogenannte »Landjuden« und betreuten kleine Bauernhöfe. In allen slowakischen Orten hat es damals jüdische Gemeinden gegeben. Man zog vor allem Hühner und Gänse; ich erinnere mich noch daran, wie man sie schoppte. Auch an die Sprachvielfalt erinnere ich mich: man hörte Deutsch, Slowakisch und Ungarisch. Die Juden waren zum Großteil frommer als jene in Wien. Sie besuchten regelmäßig den Tempel und hielten sich strenger an die Glaubensvorschriften. Mein Vater war nach dem Ersten Weltkrieg, als die Monarchie zerbrach, tschechoslowakischer Staatsbürger geworden und auch geblieben. Wir Kinder waren ebenfalls tschechoslowakische Staatsangehörige, wie übrigens viele Juden, die in Wien lebten.

Unsere Wohnung war klein. Sie bestand aus einem Zimmer, Kabinett, Vorzimmer, Küche und Toilette. Da kein Bad vorgesehen war, gingen wir wöchentlich ins »Tröpferlbad«, ein privates, öffentliches Duschenbad. Manchmal nahm mich mein Onkel auch in ein Dampfbad mit.

Mein Vater war sehr streng. Die Zeiten waren schwer, und er war nervlich nicht stark genug, um den Alltag zu bestehen.

Die Wohnung meiner Eltern lag im ersten Stock, das heißt über dem Parterre und dem Mezzanin (eine Wiener Spezialität, die angeblich aus der Umgehung einer alten Bauvorschrift stammt: Da die Behörden im 18. Jahrhundert nur vierstöckige Häuser im Stadtbereich zuließen, heißt es, erfanden die Bauherren, die von der Vermietung lebten, den »Halbstock« unter dem ersten Stock, wodurch die Häuser den Plänen nach zwar vierstöckig, in Wirklichkeit aber fünfstöckig waren). Die Gasse, in der fast nur Juden wohnten, gehörte dem Baron Schoeller, einem reichen Bankier. Die Gegend würde heute als »lower middleclass« bezeichnet. Wir benutzten die Gasse als Spielplatz, denn es gab so gut wie keinen Verkehr. Vor allem spielten wir Fußball, den Spitzendoppler, bei dem »zwei gegen zwei« antraten.

Vor dem Jahr 1934 nahm mich mein Vater jeden Sonntag zum Fußballmatch des jüdischen Klubs »Hakoah« (Kraft) mit. Ich kann mich noch an einige Spieler erinnern, den Katz, den Löwi, den Scheuer, den Mausner und den Dornenfeld. Im Tor stand der gewandte Oppenheimer. Natürlich gab es antisemitische Ausrufe aus dem Publikum, besonders wenn Hakoah gegen den Wiener Sportklub spielte. Orthodoxe Juden sind allerdings nie zu einem Fußballmatch gegangen.

Als ich noch kleiner war, spielten wir gerne »Tempelhüpfen«. Es bestand aus acht Feldern, die mit Kreide auf den geteerten oder gepflasterten Boden gezeichnet wurden oder bereits in ihm eingeritzt waren. Die beiden obersten Felder hießen »Himmel« und »Hölle«. Der erste Spieler warf einen kleinen Stein auf Feld eins und übersprang es auf einem Bein. Vom zweiten Feld aus durchhüpfte er alle übrigen. Natürlich war die »Hölle« zu überspringen, während man im Himmel auf beiden Beinen stehen durfte. Hatte man alle Felder durchhüpft, warf man den Stein auf Feld zwei und sprang vom Start auf Feld drei, beim nächsten Mal warf man den Stein auf Feld drei und versuchte auf Feld vier zu hüpfen, und so weiter. Machte man einen Fehler, kam der nächste an die Reihe. Das Spielfeld sah so aus:

Auch alle alten Kreisspiele spielten wir: »Laß den Räuber durchmarschieren, durch die goldene Brücke. Wo kommt er her, vom Schwarzen Meer. Warum seid ihr so schwarz?« – »Ist die schwarze Köchin da?« – »Häslein in der Grube«. Beim Spiel »Ist die schwarze Köchin da?«, gingen wir singend im Kreis. Ein Kind lief in entgegengesetzter Richtung außerhalb des Kreises herum. Bei: »Komm mit!« berührte es ein im Kreis gehendes anderes Kind, das ihm folgen mußte. Das Spiel dauerte so lange, bis nur noch ein Kind übrig blieb. Die anderen umtanzten es und sangen:

»Ist die schwarze Köchin da?

Nein, nein, nein!

Dreimal muß ich rummarschieren,

s'vierte Mal den Kopf verlieren.

s'fünfte Mal komm mit!

Ist die schwarze Köchin da?

Ja, ja, ja!

Da steht sie ja, da steht sie...


Roth, Gerhard
Gerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus 'Die Archive des Schweigens' und den nachfolgenden Zyklus 'Orkus'. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane 'Die Irrfahrt des Michael Aldrian', 'Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier' und 'Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe'. Sein nun letzter Roman 'Die Imker' ist für Mai 2022 geplant.Literaturpreise (Auswahl):

Preis der 'SWF-Bestenliste'
Alfred-Döblin-Preis
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Preis des Österreichischen Buchhandels
Bruno-Kreisky-Preis 2003
Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003
Jakob-Wassermann-Preis 2012
Jeanette-Schocken-Preis 2015
Jean-Paul-Preis 2015
Großer Österreichischer Staatspreis 2016
Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016

Gerhard RothGerhard Roth, geboren 1942 in Graz und gestorben im Februar 2022, war einer der wichtigsten österreichischen Autoren. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke, darunter den 1991 abgeschlossenen siebenbändigen Zyklus 'Die Archive des Schweigens' und den nachfolgenden Zyklus 'Orkus'. Zuletzt erschienen die drei Venedig-Romane 'Die Irrfahrt des Michael Aldrian', 'Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier' und 'Es gibt keinen böseren Engel als die Liebe'. Sein nun letzter Roman 'Die Imker' ist für Mai 2022 geplant.Literaturpreise (Auswahl):

Preis der 'SWF-Bestenliste'
Alfred-Döblin-Preis
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis
Preis des Österreichischen Buchhandels
Bruno-Kreisky-Preis 2003
Großes Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien 2003
Jakob-Wassermann-Preis 2012
Jeanette-Schocken-Preis 2015
Jean-Paul-Preis 2015
Großer Österreichischer Staatspreis 2016
Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2016



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