E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Rost Der unsterbliche Zando
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7472-0665-2
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7472-0665-2
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MARTIN ROST, geboren 1990, wuchs als Sohn einer Wirtin und eines Lokomotiv-Ingenieurs in einem kleinen Ort nahe Kassel auf. Er studierte Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule und absolvierte ein journalistisches Volontariat in Bremerhaven. Heute lebt und arbeitet er in Kassel.
Autoren/Hrsg.
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Vor dem Aufstehen bleibe ich oft noch eine Weile liegen und hänge meinen Träumen nach, meistens nicht länger als ein oder zwei Stunden. Aber heute hab ich nicht einmal geschlafen, und das lag an Toni.
Um kurz nach acht klingelte ihr Wecker, und obwohl ich die ganze Nacht auf den Beinen war und sie ihn sofort wieder ausstellte, hatte sich das mit dem Schlafen für mich erledigt.
Ich sah ihr dabei zu, wie sie sich ihren Hoodie überzog und auf ihren nackten Füßen hinüber zur Küchenzeile schlich. Dann stand ich auf und ging ihr hinterher, und während sie ein bisschen Obst zerkleinerte und auf zwei Schüsseln mit Müsli und Joghurt verteilte, machte ich uns einen Kaffee.
Wir frühstückten auf dem Teppich, gleich vor dem Bett, und betrachteten die Leute, die draußen am Fenster vorbeiliefen. Dann ging sie rüber ins Bad und zog sich fertig an. Sie müsse zum Arzt, etwas abklären. Kurz darauf verließ sie unser Loft.
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Ich sage »Loft«, aber es ist eigentlich eine Wohnung, eine Kellerwohnung mit nur einem Zimmer, und die Fenster sind nichts als schmale Lichtschächte unter der Decke, die von den Passanten draußen kaum mehr zeigen als ihre Füße. Meistens die Füße von Kindern, die auf ihrem Schul- oder Nachhauseweg bei uns vorbeikommen. Und wir wohnen auch nicht zusammen, Toni und ich, nicht richtig jedenfalls. Wir kennen uns von früher, und nachdem sie neulich aus Australien zurückgekehrt ist und wenig später bei mir vor der Tür stand, hat es sich irgendwie so ergeben, dass sie fürs Erste bei mir unterkommt. Ich hab ihr gleich gesagt, dass ich nur ein Bett und wenig Platz habe, aber sie meinte, sie sei Schlimmeres gewohnt, und dann fiel mir auch kein Grund mehr ein, sie nicht bei mir schlafen zu lassen; ich meine, die meiste Zeit bin ich eh nicht richtig da.
Und dennoch. Ich frage mich, wie es angehen kann, dass du nach drei Jahren im Ausland, zehntausend Kilometer entfernt, zurück in die Heimat kommst, ohne dir vorher einen Kopf gemacht zu haben, wo du pennst – und dann bei einem bleibst, den du zuletzt als Teenager gesehen hast. Wir haben zwar ein paarmal hin und her geschrieben, und vor einem Monat hätten Maik und ich es auch beinahe zusammen bis nach Darwin geschafft und sie besucht, aber ein bisschen seltsam ist es trotzdem. Ich meine, wie kann sie wissen, dass ich kein herzloses Monster geworden bin?
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Vermutlich hänge ich deshalb meinen Träumen nach, weil ich hin und wieder nicht genau sagen kann, ob meine Erin-nerungen der Realität oder einem Traum entspringen. Es sind Kleinigkeiten. Ich sehe oder höre was, und dann fällt mir etwas dazu ein, nur kann ich es nicht sofort zuordnen, und dann ist es auch schon wieder weg, weil irgendwer oder irgendwas meine Aufmerksamkeit verlangt. Zum Beispiel vor ein paar Tagen.
Toni und ich hatten es uns auf dem Teppich bequem gemacht, aßen Pizza und tranken Tee, den sie aus frischen Kräutern und ein paar Gewürzen zubereitet hatte. Und da erzählte sie irgendwann von ihrer verstorbenen Tante, die es angeblich hingekriegt hat, einer Amsel das Sprechen beizubringen. Es sei weniger ausgeprägt gewesen als bei einem Papagei, aber den ein oder anderen Satz habe der Vogel grammatikalisch einwandfrei gesprochen. Und wäh-rend sie die Standardsätze der Amsel mit krächzender Stimme imitierte, hatte ich mit einem Mal das Bild dieses Falken vor Augen.
Hoch über der Straße kam er angeflogen und sank anmutig herunter auf den Ast einer knorrigen Eiche. Dort saß er eine Weile, blickte von oben herab und ließ sich dann in die Tiefe fallen, um in einer sanften Kurve zum nächsten Baum zu gleiten. Die Flügel zu voller Spannweite ausgebreitet, der Körper schief in der Luft, dass man seinen weißen weichen Bauch sehen konnte, segelte er über die Land-straße dahin, als ein Lastwagen ihn hinterrücks erwischte. Die Flügel um den schlanken Bauch gewickelt, kullerte er durch die Luft. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde er sich wieder fangen; er breitete die Flügel aus und zog sich mit schweren Schwingen hinauf. Doch dann, einige Hundert Meter weiter, stürzte er leblos in den Wald.
»Eigentlich ist das die Stelle, an der immer alle lachen!« Toni stupste mich an, und ich schob ein Lachen nach, als hätte ich es absichtlich zurückgehalten, um sie auf den Arm zu nehmen.
Aber sie spürte wohl, dass es nicht echt war; sie lachte zwar, doch nur für einen kurzen Moment. Dann stieß sie einen Seufzer aus und blickte auf den Boden. »Es ist eigentlich nicht lustig, ich weiß. Aber sobald ich an die Amsel denke, macht mich der Tod meiner Tante nicht mehr ganz so traurig, weißt du?«
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Die ersten Nächte schlief sie auf einer dünnen Matte auf dem Boden, gleich neben ihrem Rucksack, ihrem einzigen Gepäckstück, kaum größer als ein dickes Kind, das lautlos in der Ecke steht.
Als ich sie fragte, ob ihre restlichen Sachen noch in Australien seien, schüttelte sie den Kopf und erklärte mir, in diesem Rucksack sei alles, was sie brauche. Sie sagte es zwar in einem völlig anderen Wortlaut, aber die Art, wie sie es sagte, erinnerte mich doch an Maik, und daran, wie ich ihn vor sechs Wochen auf unserer berühmt-berüchtigten Kneipenstraße wiedergetroffen habe – nachdem ich ihn volle zehn Jahre nicht gesehen hatte.
Nach einem sinnlosen Tag am Laptop hing ich mit einem Bier an der Haltestelle rum, ein bisschen im Schatten, und ließ mich vom Treiben gegenüber berieseln. Ein Besoffener stolperte über seine Füße und knallte wie ein Käfer gegen die Glasfront der Bar mit den aufgeklebten Flammen. Er rappelte sich auf, riss an der Tür und drängte sich in das Gemisch aus Menschen und Musik, beinahe zeitgleich zerschellte vor der Bar nebenan ein Glas in tau-send Stücke. Eine faltige Frau mit blonden Strähnen und Cowboystiefeln maulte herum, es sei noch viel zu früh, man solle es wegmachen, eine Gruppe mit Sprüche-Shirts und einem bemalten Schuhkarton voller Klopfer brüllte vor Lachen. Dann rumpelte die Straßenbahn zwischen das Kneipenpanorama und mich wie ein fetter blauer Wurm und spuckte eine Bande von jungen, lachenden Frauen mit kurzen Röcken heraus, die Handys blickbereit in der Hand, dicht gefolgt von gaffenden Jungs.
Allesamt wussten sie, wohin, ließen sich ziehen von einer unsichtbaren Angel. Und ich?
Ich war ein Telefonstreich.
Eine Lachnummer.
Ein Niemand ohne Job.
Und da entdeckte ich Maik. Keine fünf Meter stand er von mir entfernt, über seiner Schulter eine abgewetzte lederne Tasche mit kurzen Henkeln.
Er hatte mich wohl schon länger beobachtet, so wie er mich ansah. »Fuck, bist du das, Fritz?«
Ich tat so, als wäre ich mir ebenfalls nicht sicher, dabei hatte ich ihn sofort erkannt: die dicken schwarzen Brauen über den dunklen Augen, die glänzende, sichelförmige Narbe auf der Wange.
»Maik? Fuck, ist das lange her!«
»Und doch siehst du genauso aus wie früher.«
Ein paar Sekunden nickten wir uns grinsend an und schüttelten die Hände. Dann deutete ich auf das Geschäft hinter ihm, wo sich das Wort in verschnörkelter Schrift über die gesamte Breite des Schaufensters zog. »Hab noch nie einen gesehen, der sich da was gekauft hat …«
Es stimmte nicht einmal.
Maik wandte sich um und betrachtete den Laden wie einen Kater, der ihm unbemerkt nachgelaufen war. Dann hob er die Schulter mit der Tasche und meinte, das sei doch ein feiner Laden. Man habe ihn dort gut beraten, als er den Rucksack für seinen Trip gekauft hätte.
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Fuck!, er sagte das so, als ginge es nicht um Party irgendwo auf dem Globus, wo Klima oder Architektur oder Landschaft besser oder schöner oder einfach unbedingt anders waren, wo du am Ende deiner Reise an einem Bach in der Mongolei sitzt und dir überlegst, in welcher Reihenfolge du die Leute in deiner Heimat von all der Wahrheit überzeugst, die du endlich begriffen hast, an diesem Bach in der Mongolei.
Auf diesem Berg in Nepal.
Auf dieser Lichtung bei Vancouver.
In diesem einen Tempel Goas.
»Was für ein Trip soll das denn sein?«
Ein Kräuseln zog über seine Lippen. »Du erinnerst dich doch an Toni …«
Ich hatte seit Jahren nicht an sie gedacht, und das erste Bild, das mir an diesem Tag von ihr in den Sinn kam, war Toni mit giftgrüner Brille, wie sie Maik im Sommercamp auf Schritt und Tritt gefolgt war, federnde schwarze Locken über dem runden Gesicht, die eingecremte Haut voller kleiner Pickel. »Brillen-Toni?«
Maik grinste und vollbrachte ein kleines Kunststück, indem er zugleich nickte und den Kopf schüttelte. »Brillen-Toni gibt es nicht mehr. Brillen-Toni ist jetzt Managerin.«
»Dann hat sie es ja weit gebracht.«
»Den ganzen langen Weg bis nach Darwin fucking City!« Er sagte das beinahe triumphierend, als wäre es sein Verdienst gewesen. »Und dreimal darfst du raten, wer ihr bald folgen wird …«
»Der Underdog der Nordstadt?«
Er lächelte und nickte und holte Luft, vielleicht, um sich nach mir zu erkundigen, aber dann fiel sein Blick glücklicherweise auf die nächste Bahn, die gerade...




