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E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Ross Spirit Lake

Die Legende des Wendigo
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2383-2
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Legende des Wendigo

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-7325-2383-2
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Spirit Lake ist der Name des Indianerortes, in dem Allie McCormick nach einem Flugzeugabsturz strandet. Schnell merkt sie, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht: Leute verschwinden, die Bewohner benehmen sich seltsam und im Internet existiert der Ort nicht.

Als Allie durch den Indianerjungen Chris von der Legende des Wendigo erfährt, wird klar, dass sie es mit einem übermächtigen Gegner zu tun haben. Denn dieses Wesen hat ein Herz aus Eis, das nichts als Feuer fürchtet ...



Christopher Ross wuchs in Frankfurt/Main auf und lebt heute bei München und "on the road" in den USA und Kanada. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern. Für seine Bücher wurde er u.a. mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, etliche davon sind Bestseller.
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1


Allie lief über das Flugfeld, den Kragen ihres Anoraks gegen den kühlen Wind hochgeschlagen, und hatte schon beinahe die einmotorige Maschine erreicht, als sich eine unsichtbare Hand auf ihre Wange legte. Eisige Kälte durchströmte ihren Körper, als wäre sie von einem Toten berührt worden. Sie blieb wie angewurzelt stehen, war sekundenlang zu keiner Bewegung fähig, brachte nicht einmal einen Schrei über ihre Lippen. Doch schon im nächsten Augenblick ließ die schmerzhafte Berührung nach, und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück.

»Was ist denn?«, rief ihr Vater. »Hast du plötzlich Angst vorm Fliegen?«

»Ich komme!« Allie folgte ihm zögernd, immer noch benommen und ein wenig atemlos, und holte tief Luft, bevor sie in die Maschine kletterte. Erschöpft ließ sie sich neben ihren Vater auf einen der hinteren Sitze fallen. Sie schüttelte sich, als könnte sie die unheimliche Berührung damit vergessen machen, und lehnte sich in dem etwas ramponierten Ledersitz zurück. »Alles okay«, erwiderte sie. Ihre Stimme zitterte. »Ich hab keine Angst, weißt du doch.«

»Bist du sicher? Du siehst blass aus.«

»Nein, nein … alles okay.« Sie legte ihrem Vater eine Hand auf die Schultern und bemühte sich um ein Lächeln. »Ich hab mich nur erschreckt.«

Allie war gerade achtzehn geworden. Sie galt als hübsch, vor allem wegen ihrer strahlenden Augen, und war eher der sportliche Typ. Sie war eine gute Läuferin und bei den Leichtathletikmeisterschaften ihrer Highschool auf einem der vorderen Plätze gelandet. Umso erstaunlicher, dass sie sich geweigert hatte, bei den Cheerleadern mitzumachen. »Ich hab keine Lust, mich jede Woche wie ein Clown zurechtzumachen!«, hatte sie erklärt. Sie ging lieber joggen oder segeln.

Allie hatte die dunkelblonden Haare zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie trug verwaschene Jeans, ein dunkelblaues Sweatshirt, weiße Laufschuhe und einen weinroten Anorak, nicht gerade die neueste Mode, aber locker und bequem genug für die lange Reise in eine neue Zukunft.

Ihr Vater schloss den Sicherheitsgurt und blickte auf den Piloten, der sich bereits die Kopfhörer aufgesetzt hatte und seine Checkliste durchging. »Mir geht’s auch nicht besonders«, erwiderte er. Er hatte die gleichen blauen Augen wie seine Tochter und wirkte ein wenig blass nach der aufregenden Gerichtsverhandlung vor wenigen Tagen. »Ich komm mir vor wie in einem Film. Oder wie jemand, der neu geboren wird … oder aus dem Koma erwacht. Irgendwie erschreckend, der Gedanke.«

US-Marshal Alexis Blair kletterte auf den Kopiloten-Sitz. Sie war eine sportliche Lady um die dreißig mit markanten Wangenknochen und dunklen Augen. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Indianisches Blut, vermutete Allie. Der Tarnung wegen war sie in Zivil und trug Jeans und einen dunkelblauen Anorak ohne Aufschrift und ohne Abzeichen.

Während der Pilot, ein junger Bursche namens Randy, den Anweisungen des Towers folgte und zur Startbahn rollte, dachte Allie an die Worte von Alexis Blair. »Denken Sie immer daran«, hatte sie ihnen eingeschärft. »Sie sind Alison McCormick, genannt Allie, und Robert McCormick aus Philadelphia. Benutzen Sie Ihre alten Namen nicht mehr, auch nicht, wenn Sie allein sind. Sie kommen aus Philadelphia und haben dort einen Drugstore in der Fairmount Avenue geführt. Das Haus wurde abgerissen. Sie haben das College abgebrochen, Allie, und Ihrem Vater im Laden geholfen.« Alle Unterlagen, Zeugnisse und Dokumente waren entsprechend geändert worden. Auf dem neuen Konto lagen sowohl das Startkapital für den neuen Drugstore als auch die Gebühren für das College, das sie an ihrem neuen Wohnort besuchen würde.

Alexis Blair drehte sich zu ihnen um: »Ich hoffe, Sie haben Ihre neuen Biografien genau studiert. Bitte rufen Sie keine Verwandten, Freunde und Bekannten aus Ihrem früheren Leben an, und benutzen Sie keine früheren Internetaccounts und Passwörter mehr. Jeder Versprecher oder Anruf könnte Sie verraten, und ich habe keine Lust, dann noch einmal kreuz und quer mit Ihnen durch die Vereinigten Staaten zu fliegen.« Sie rang sich ein Lächeln ab. »Ich weiß, das alles ist nicht einfach für Sie, aber Sie werden sich rasch an Ihr neues Leben gewöhnen, davon bin ich überzeugt.«

Sie blickte nach vorn und nickte dem Piloten zu, der gerade sein Okay vom Tower bekam. Er steuerte die Cessna auf die Startbahn und ließ den Motor aufheulen. Heftiges Zittern lief durch die Maschine. Allie hielt sich mit den Händen am Sitz fest, als das Flugzeug über die Startbahn rollte und nach oben stieg.

In einer steilen Kurve lenkte der Pilot die Maschine nach Norden. Er sprach in sein Funkmikrofon und sagte etwas zu Alexis Blair, die sich ebenfalls einen Kopfhörer aufgesetzt hatte und über Funk mit ihm sprechen konnte. Allie und ihr Vater blickten aus den Fenstern. Unter ihnen zogen die Vororte der Zwillingsstädte Minneapolis und St. Paul hinweg. Dort waren sie zum sage und schreibe zehnten Mal umgestiegen. Kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten hatte Blair sie geführt. Eine Sicherheitsmaßnahme, wie sie öfter betont hatte.

Allie lehnte ihren Kopf gegen das Fenster und erschrak, als sie den kalten Kunststoff an ihrer Stirn spürte. Die ersten Wolkenfetzen flogen um die Maschine. Unter ihnen gingen die Vororte in scheinbar endlose Wälder über, die sich wie ein dunkler Teppich bis zum Horizont erstreckten, aufgelockert durch zahlreiche Flüsse und Seen. Ihr Wasser glänzte wie Silber in der blassen Sonne. Land der zehntausend Seen nannte man Minnesota auch; eine urwüchsige Wildnis, die sich an der kanadischen Grenze noch genauso wild und ungestüm wie vor mehreren hundert Jahren zeigte. Damals waren Indianer und weiße Fallensteller mit ihren Kanus durch die Flüsse und Seen gepaddelt.

Ihre Heimat in Maine war dieser Wildnis ganz ähnlich, auch dort gab es endlose Wälder und zahlreiche Seen, und doch hatte Allie Tränen in den Augen, als sie sich immer weiter von der Ostküste entfernten. Der Gedanke, dass man einen Teil ihres Lebens durch ein paar Federstriche und Computerklicks gelöscht und durch eine erfundene Biografie ersetzt hatte, machte ihr schwer zu schaffen. Dies war mehr als ein unfreiwilliger Umzug, es war ein schmerzhafter Abschied von ihrem bisherigen Leben. Man hatte ihr alles genommen und durch eine ungewisse Zukunft ersetzt, über tausend Meilen von ihrem Heimatort und ihren Freundinnen an der Camden-Rockport Highschool entfernt. Verloren für immer der vertraute Anblick des Hafens, verstummt das Donnern des Atlantiks gegen die felsige Küste. Nie mehr würde sie die freundliche Lady in der Bücherei begrüßen und den Hummerfischern beim Leeren ihrer Fallen helfen. Verkauft ihr Haus am Stadtrand, das seit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren so seltsam leer gewesen war. Nicht einmal ihr Grab würden sie jetzt noch besuchen können, vielleicht das größte Opfer, das Allie und ihr Vater bringen mussten.

Wie die meisten Männer in Camden hatte Robert McCormick jahrelang als Fischer gearbeitet, bevor die gesetzlichen Auflagen strenger geworden waren und sich die Fischerei immer weniger gelohnt hatte. Der Souvenirladen, den er zusammen mit seiner Frau eröffnet hatte, war wesentlich ertragreicher gewesen, doch nach ihrem Tod war der Umsatz zurückgegangen, und Allie musste nach der Highschool den Laden schmeißen. So würde sie es auch in dem Drugstore halten, den ihnen das FBI eingerichtet hatte. Zumindest in der ersten Zeit. Danach wollte Allie Betriebswirtschaft studieren. Sie konnte schon jetzt besser mit Zahlen umgehen als ihr Vater. Mit dem Grundkapital, das ihnen die Regierung überwiesen hatte, ließ sich einiges bewerkstelligen.

Ihr Vater hatte lange überlegt, ob er seiner Tochter und sich selbst diesen Neuanfang zumuten sollte. Auch für ihn war es nicht einfach, die Heimat im Stich zu lassen und von der Küste wegzuziehen. Kein Mensch hätte es ihm übel genommen, wenn er vor den Mafiabossen in die Knie gegangen wäre und die Aussage verweigert hätte. Es war reiner Zufall gewesen, dass er sie bei der Übernahme der Drogenlieferung in der Penobscot Bay überrascht hatte. Er war mit seinem Boot unterwegs gewesen, und niemand hatte ihn kommen sehen. Mit der Taschenlampe hatte er dem berüchtigten Tony Gattuzzo direkt ins Gesicht geleuchtet. Dessen Männer hatten sofort das Feuer eröffnet und das Boot ihres Vaters versenkt, aber er war rechtzeitig über Bord gesprungen und wenig später von einem Hummerfischer aus dem Wasser gezogen worden. Ein Wunder, dass er überlebt hatte. Eine »neue Identität« für ihn und seine Tochter hatte ihm das FBI versprochen, wenn er gegen den Gangsterboss aussagte, und er hatte sich auf den Deal eingelassen.

Die Cessna flog durch dichte Wolken und geriet in leichte Turbulenzen. Allie hatte keine Flugangst, sie war oft genug bei rauem Seegang auf dem Meer gewesen und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Aus unerklärlichen Gründen wurde sie dennoch nervös. Von den Wolkenfetzen, die vor den Fenstern der Cessna vorbeiflogen, ging etwas Bedrohliches aus – als gehörten sie zu einem lebendigen Wesen, das in der Lage war, die kleine Maschine zu umklammern und in die Tiefe zu reißen. Einen Augenblick hatte sie das Gefühl, die unsichtbare Hand würde erneut nach ihrer Wange greifen und eisige Kälte durch ihren Körper jagen.

Unwillkürlich wich sie vor dem vermeintlichen Ungeheuer zurück und wurde nur durch den Sicherheitsgurt daran gehindert, auf den Sitz ihres Vaters zu rutschen. Was war bloß mit ihr los? Sie stellte sich doch sonst nicht so an. Ohne den Vater anzublicken, rückte sie ans Fenster zurück. Draußen türmten sich die Wolken wie...



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