Ross Schottendisco
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17828-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Schottland Trilogie
ISBN: 978-3-641-17828-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Jungs in der schottischen Provinz in den Achtzigern. Kein Plan, keine Perspektive. Was machen? Wie wäre es mit einer mobilen Disco? Gute Popmusik, die gibt es. Und die beiden kennen sich aus. Also wird eine kleine Anlage geliehen, und bald gibt es die ersten Geburtstagspartys. Und das erste Geld. Dumm nur, dass die beiden eines nicht wissen: Die Gegend wird von einem Partyveranstalter kontrolliert, der keinen Spaß versteht, wenn ihm jemand die Aufträge streitig macht.
David F. Ross wurde 1964 in Glasgow geboren. Nach diversen Gelegenheitsjobs ist er heute Design Director bei einem der größten Architekturbüros Schottlands und hält weltweit Vorträge. Nach Schottendisco und Schottenrock ist Schotten dicht der Abschluss seiner großen Schottland-Trilogie. Mit Frau und zwei Kindern lebt er in Kilmarnock.
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1
EIN MANN AM RANDE DES ABGRUNDS
24. Januar 1982: 10.23 Uhr
»Bobby Cassidy lebte sein Leben am Rande des Abgrunds. Monaco war eine Stadt nach seinem Geschmack …«
Verglichen mit anderen Erfahrungen, war das hier höchst ungewöhnlich. Er hatte sich immer vorgestellt, in irrwitzigem Tempo durch die Nouvelle Chicane zu brettern, im linken Seitenspiegel James Hunt, im rechten Gilles Villeneuve, die beide nicht an ihm vorbeikamen. Aber als es nun tatsächlich passierte, verlieh Sean Connerys Kommentar – Wo kam der überhaupt her? – dem Ganzen ein seltsames und eindeutig surreales Flair. Und es wurde noch sonderbarer. Während er versuchte, sich auf den engen gewundenen Kurs mit all seinen wahnwitzigen Haarnadelkurven und diversen urbanen Ablenkungen zu konzentrieren – War das wirklich Sally McLoy aus Hurlford, die ihm vom Balkon des Grand Hotel aus zuwinkte, oben ohne mit ihren Riesentitten, die wackelten wie Götterspeise bei einem Erdbeben? –, bereitete ihm die Tatsache Sorgen, dass er sich nicht erinnern konnte, wie er hierhergekommen war.
Wie war er bei drei Millionen Arbeitslosen, deren Zahl täglich stieg, überhaupt Rennfahrer geworden? Er konnte sich nicht erinnern, bei einem Vorstellungsgespräch gewesen zu sein oder auch nur ein Bewerbungsformular ausgefüllt zu haben. Wie viele Rennen war er schon gefahren? War er von Murray Walker interviewt worden? Wohnte er noch in dem zweistöckigen Haus in der Almond Avenue 13, in einer Sozialsiedlung in Kilmarnock, Schottland, Europa, Welt, Universum (Schulhefte, alte Gewohnheiten …), mit seiner Mum, seinem Dad, seiner Schwester Heather und dem verlorenen älteren Bruder Gary? Und, die beunruhigendste Frage von allen, warum hatte er auf einmal drei Arme?
»Garantiert irgendein Fehler …« Allmählich ging 007 Bobby echt auf die Nerven.
»Halt die Klappe, Sean. Ich versuche hier zu fahren.«
Als sie um die enge Portier-Kurve kamen und mit 290 Stundenkilometern auf den berühmten Tunnel zurasten, sah Bobby in den gläsernen Barrieren, mit denen der Kurs abgesperrt war, für einen Moment sein Spiegelbild. Der rotweiße McLaren sah aus wie eine riesige Zigarettenpackung auf Rädern. Eine waagerechte Reihe blendender Scheinwerfer ließ ihn eine Hand vom Lenkrad nehmen, um die Augen abzuschirmen. Als er seinen Kopf berührte, dämmerten ihm zwei Dinge gleichzeitig: Erstens trug er keinen Helm, und zweitens war der dritte Arm nicht seiner. Er gehörte zu einer Frau, die auf dem Schalensitz hinter ihm saß. Und das war nicht irgendeine Frau; dieser Arm war der rechte Arm der hinreißenden Sally James aus der Kindersendung Tiswas, und der fing an, seinen Schwanz zu streicheln.
»Sean, Alter, wir sind nicht mehr im beschissenen Kansas …«
Er wachte gerade noch rechtzeitig auf. Es war nicht Sally, die seinen Steifen gepackt hielt. Der dritte Arm gehörte zu Bobbys älterem Bruder Gary. Die beiden lagen auf dem Bett nebeneinander, Kopf an Fuß, als hätten sie sich vorher darauf geeinigt oder wären von jemandem mit mehr Umsicht so arrangiert worden. Auch wenn Bobbys Fähigkeit, seine Umgebung zu begreifen und Schlussfolgerungen zu ziehen, zurzeit stark eingeschränkt war, fand er das zweite Szenario nur unwesentlich tröstlicher als das erste.
Bei dem Gedanken musste er würgen. Er zuckte instinktiv zurück. Gary rührte sich erstaunlicherweise nicht. Wenn Bobby vorsichtig und gefasst vorging, konnte er sich vielleicht noch mit intakter Würde aus dieser Situation herauswinden. Nachdem der Traum von der Weltmeisterschaft für eine weitere Saison ausgeträumt war, löste er rasch, aber behutsam die Hand seines Bruders von seinem Schwanz und rutschte von seinem Einzelbett auf den Haufen Kleidung auf dem Boden. Gary stöhnte leise, wachte jedoch nicht auf. Bobby hatte alle Mühe, seinen Magen am Versuch zu hindern, sich an Ort und Stelle zu entleeren. Er öffnete seine Zimmertür einen Spaltbreit und machte sich – unter Höchstleistung von Arschbacken und Schließmuskel – auf den Weg den drei Meter langen Flur hinunter zur Toilette.
Als er in dem kleinen Badezimmer Zuflucht gefunden hatte, setzte eine neue und ähnlich unangenehme Sinneswahrnehmung ein. Motörhead hatten ihr Equipment in seinem Kopf aufgebaut und begannen mit den Proben zu ihrer anstehenden Tour.
»Lasst uns die beschissenen Amps bis elf aufreißen, Jungs«, sagte Lemmy, »und diesen blöden Wichser richtig wecken.«
Davon bekam Bobby sofort Kopfschmerzen, wie er sie noch nie erlebt hatte. Schlimmer als damals, als er mit acht im Gartenzaun der alten Doris Peters stecken geblieben war, nachdem er sich zunächst hindurchgezwängt hatte, um Äpfel von ihrem Baum zu stehlen. Sein Kopf auf dem Rückweg stecken geblieben. Er hatte sich nur zwanzig Minuten in dem Garten aufgehalten, aber entweder war er während des Diebstahls gewachsen, oder er hatte versucht, den Tatort durch eine Öffnung wieder zu verlassen, die kleiner war als die, durch die Gary und seine Arschloch-Freunde ihn zuvor gezwängt hatten. Nachdem Gary ihn schließlich an den Beinen hatte herausziehen müssen, hatte sein Kopf eine Woche lang wehgetan.
Er hockte sich auf die Toilettenschüssel wie die berühmte Skulptur von Rodin und grübelte ungefähr zwanzig Minuten lang. Wie kann man nur so beschissen enden, dachte er. Er hatte sich nicht bewegt, seit er in weiser Voraussicht das kleine Klappfenster geöffnet hatte, kurz bevor die Sturzflut begann. Seine Beine waren wegen mangelnder Durchblutung aufgrund vorherigen heftigen Arschbackenzusammenkneifens taub. Danach hatte er gedacht, Scheiß drauf. Es klang zwar, als würde sich die Brighouse & Rastrick Blaskapelle einstimmen, aber es war trotzdem weniger anstrengend, die Schleusentore einfach geöffnet zu halten.
Die schon im günstigsten Fall launische Klospülung hatte nach der etwa sechsten Betätigung den Geist aufgegeben. Als Bobby sich endlich hinreichend entleert fühlte, um einen Versuch zum Aufstehen zu unternehmen, lärmten Motörhead immer noch vor sich hin. Er klammerte sich an die Handtuchstange wie ein Rentner im Altersheim, während die Band immerhin beschloss, ein paar Nummern unplugged zu probieren. Bobby erlaubte sich den Anflug eines Lächelns über diese alberne Analogie.
»Danke, Lemmy, altes Warzengesicht«, flüsterte er seinem eigenen Spiegelbild zu, das ihm über dem avocadogrünen Waschbecken entgegenstarrte.
Was war letzte Nacht passiert, Scheiße noch mal? In seiner noch kurzen Laufbahn als »Säufer« war er schon ein paarmal mit einem heftigen Kater aufgewacht, aber das hier war der Wahnsinn. Er konnte sich nicht erinnern, wie er nach Hause gekommen war. Ehrlich gesagt, konnte er sich nicht einmal daran erinnern, das Haus verlassen zu haben. Er wusste nur, dass Gary bestimmt in irgendeiner Weise für seine Amnesie verantwortlich war. Außerdem machte sich ein Schmerz unten an seinem Rücken bemerkbar.
»Verdammt, Alter, komm in die Gänge, ja?« Die barsche, heisere Stimme ließ Bobby hochschrecken. Sie gehörte zu dem Blender, der gerade noch versucht hatte, Bobbys Penis sanft in den Fünften hoch zu schalten, als er auf La Rascasse zugerast war.
»Du glaubst nie, was ich grad geträumt hab«, tönte es herein.
Die Badezimmertür war jetzt so weit geöffnet, wie es die Türkette zuließ. Harry – Bobbys Dad – hatte sie angebracht, nachdem Bobbys Schwester nach ihren ersten beängstigenden Schritten auf dem Weg zum Frausein inständig um ein bisschen Privatsphäre gebeten hatte. Vorher hatte es zehn Jahre gar kein funktionierendes Schloss an der Badezimmertür gegeben. Anstatt die angemessene Verriegelung zu besorgen, hatte Harry in seinem Schuppen herumgekramt und aus einem alten Vorhängeschloss eine provisorische Lösung gebastelt, die nun seit mittlerweile fast vierzehn Monaten unerwünschte Besucher fernhielt.
»Ich war verkleidet«, erklärte Gary, seine wieselartigen Gesichtszüge an den fünf Zentimeter breiten Spalt gepresst wie Jack in The Shining.
»Als Phantom Flan Flinger. Sally James kommt rüber, total schüchtern und so – das Ganze läuft live im Fernsehen, Alter, Samstagvormittag und alles – und sagt: ›Zeit, das Phantom zu demaskieren.‹« Bobby würgte.
Garys Gesicht war jetzt so weit in den Spalt gedrückt, dass es verzerrt aussah – wie ein Picasso mit beiden Augen auf einer Seite.
»Wonach stinkt’n das hier, verdammt? Bist du das, Bob? Scheiße, du bist da drin aber nicht tot umgefallen, oder?« Gary schnupperte ein paarmal die faulig miefende Luft.
»Also, wie gesagt, ich soll live im Fernsehen demaskiert werden. Aber anstatt mir den Umhang abzureißen, steckt Sally eine Hand rein und fängt an, mir einen runterzuholen. Total irre, Mann.« Gary machte eine Kunstpause. Bobby war verblüfft, dass sie beide von derselben Frau geträumt hatten.
»Einer von diesen Träumen, bei denen man sich absolut sicher ist, dass sie in echt passieren.« Gary hielt erneut kurz inne, atmete tief ein und fuhr fort.
»Und dann, als ich gerade kurz davor bin, hört sie einfach auf … und lässt mich hängen.« Eine dritte Pause.
»Mach voran und komm da raus, damit ich’s mir selbst zu Ende besorgen kann.« Weiteres Schnuppern.
»Es sei denn, du willst es machen …«
»Hey, das war bloß ein Witz. Hättest nicht gleich die ganze Tür vollkotzen müssen. No way hätt’ ich dich an meinen Schwanz gelassen. Ist mir scheißegal, dass du eine verdammte Schwuchtel bist … aber das...




