E-Book, Deutsch, Band 5, 403 Seiten
Reihe: Die große Alaska-Saga
Ross Gefangen im ewigen Eis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-513-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Die große Alaska-Saga 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 403 Seiten
Reihe: Die große Alaska-Saga
ISBN: 978-3-98952-513-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christopher Ross gilt als Meister des romantischen Abenteuerromans. Es ist das Pseudonym des Autors Thomas Jeier, der in Frankfurt am Main aufwuchs, heute in München und »on the road« in den USA und Kanada lebt. Seit seiner Jugend zieht es ihn nach Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern, die er in seinen Romanen verarbeitet, mit den bevorzugten Schauplätzen Kanada und Alaska. Seine über 2100 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Der Autor im Internet: jeier.de/christopher-ross facebook.com/thomas.jeier Bei dotbooks erscheint Christophers Ross' GROSSE ALASKA-SAGA mit sechs Bänden. Unter Thomas Jeier veröffentlichte er bei dotbooks zahlreiche weitere Romane.
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Kapitel 1
Etwas Bedrohliches schien in der Luft zu liegen, als Clarissa ihr Fuhrwerk zum Fluss hinunterlenkte. In der Wildnis hatte sie einen siebten Sinn für unbestimmte Gefahren entwickelt, ein Bauchgefühl, das sie selten im Stich gelassen und schon mehr als einmal vor einem Unglück bewahrt hatte. Auch jetzt mahnte es sie wieder zur Vorsicht. Beinahe widerwillig trieb sie die beiden Zugpferde über die neue Holzbrücke, die nach einer Flutkatastrophe und der Sprengung der alten Brücke über den Chena River nach Fairbanks führte.
Sie mochte die Stadt nicht besonders. Seit beinahe fünfzehn Jahren lebte sie mit ihrem Mann in einer einsamen Blockhütte in der Wildnis, weit genug von dem Trubel entfernt, den der jahrelange Goldrausch nach Fairbanks gebracht hatte. Sie hatte erlebt, wie aus dem Handelsposten eine geschäftige Boomtown geworden war, die von den Goldminen in der näheren Umgebung profitierte. Der gesunkene Goldpreis und die seltener werdenden Goldfunde hatten viele Einwohner gezwungen, die Gegend zu verlassen, aber es lebten immer noch über fünftausend Menschen in der Stadt, und ständig war etwas los, vor allem in den zwölf Saloons und Etablissements des Rotlichtviertels.
Nur zögernd hatten Alex und sie zugestimmt, dass ihre Tochter die letzten beiden Jahre der Highschool in Fairbanks absolvierte. Die ersten Jahre hatte Clarissa sie zu Hause unterrichtet, aber inzwischen war ihre Tochter vierzehn, und es fiel ihr selbst schwer, die Aufgaben zu lösen. Miss Rodgers, die neue Lehrerin, kam aus Seattle und besaß die nötige Erfahrung und das Wissen, um Emily einen guten Abschluss zu ermöglichen. Obwohl für Emily längst feststand, später ihrer Mutter bei der Huskyzucht zu helfen und selbst einmal Schlittenhunde aufzuziehen, vielleicht sogar an Rennen teilzunehmen, wollte sie nicht wie ein dummes Mädchen dastehen. »Wer sagt denn, dass wir Frauen nur geboren werden, um einen Mann zu heiraten und ihm den Haushalt zu führen?«, fragte sie oft vorwurfsvoll. »Wir können mehr, viel mehr.«
Mit beiden Händen lenkte sie das Fuhrwerk über die Brücke. Jenseits des Chena River standen die Häuser der First Avenue, eine Ansammlung von einfachen Holzhäusern, deren falsche Front oftmals ein zweites Stockwerk andeutete, das gar nicht existierte. Ein Gemischtwarenladen, ein Schuhgeschäft, ein Hotel, das Arcade Café, ein Saloon. Ein Automobil bahnte sich mühsam einen Weg durch den tiefen Schlamm und blieb mit qualmendem Motor stecken. Es hatte während der letzten Tage heftig geregnet, auch ein Grund dafür, warum Clarissa unterwegs von Moskitos zerstochen worden war. Sie hatte nie ein wirksames Mittel gegen die Plagegeister gefunden.
Von der Anlegestelle drang laute Musik herüber. Sie war ohnehin zu früh dran, parkte ihr Fuhrwerk jenseits der Brücke am Straßenrand und folgte den patriotischen Klängen. »America the Beautiful«, ein Lied, das gleich nach der Nationalhymne kam. »America! America! God shed His grace on thee!«, sang ein Chor. »Amerika! Amerika! Gott schenke dir seine Gnade!« Schon von Weitem beobachtete sie die zahlreichen Schaulustigen an der Anlegestelle, die amerikanische Fähnchen und Schilder mit patriotischen Sprüchen in die Höhe hoben und mehrere Hundert, meist junge Männer feierten, die sich unter den feierlichen Klängen auf zwei Raddampfer verteilten. Die Dampfer waren mit rot-weiß-blauen Girlanden geschmückt, und von der Reling hing ein großes Transparent mit der Aufschrift: »Unsere Männer für Frieden und Freiheit!«
Junge Männer auf dem Weg ins ferne Europa. Seitdem deutsche U-Boote auch Jagd auf englische Handelsschiffe machten, fühlte sich Amerika verpflichtet, seinen europäischen Verbündeten zu helfen, und war in den Großen Krieg eingetreten. In Frankreich, so hieß es, sollten amerikanische Soldaten helfen, die Deutschen in ihre Schranken zu weisen. Clarissa hatte wenig Ahnung von Politik, sie bezog ihr spärliches Wissen aus den Artikeln des Daily News-Miner, befürchtete aber, dass zu viele der Männer, die gerade voller Begeisterung an Bord der beiden Raddampfer gingen, in diesem Krieg sterben würden. Nicht umsonst nannte man ihn den »Großen Krieg«. Die halbe Welt kämpfte in Europa, und sie hätte nicht einmal sagen können, wofür.
Der Chor stimmte die »Battle Hymn of the Republic« an und schmetterte das »Glory, Glory, Hallelujah« mit voller Inbrunst über die Anlegestelle hinweg. Clarissa war inzwischen nahe genug herangekommen, gerade noch rechtzeitig, um die letzten Männer an Bord gehen zu sehen. Junge Burschen, die keine Ahnung hatten, was sie in Europa erwartete, wahrscheinlich wussten sie nicht einmal, wo Frankreich lag. Sie hatte selbst in einem Atlas nachsehen müssen. Warum waren sie nur so begierig darauf, ihr Leben zu riskieren? Aus Liebe zu ihrem Land, wie es auf den Transparenten stand? Aus jugendlichem Übermut? Weil sie als dekorierte Helden nach Hause zurückkehren wollten?
Sie stieg zu einigen anderen Schaulustigen auf eine Mauer, um besser sehen zu können, und sah, wie einige der Männer sich von ihren Verwandten oder Freundinnen verabschiedeten. Ein junger Mann in einem schwarzen Mantel umarmte seine Freundin so fest, dass man ihre Gesichter erst wieder sah, als sie sich voneinander lösten. »Betty-Sue!«, flüsterte Clarissa. Betty-Sue arbeitete im Krankenhaus von Doc Boone und hatte zu Beginn des Goldrausches für einen handfesten Skandal in Fairbanks gesorgt, als sie sich in einen Indianer verliebt hatte und von Glück sagen konnte, dass sie nur für ein paar Monate von ihrem Posten enthoben worden war. Als Angestellte des Civil Service war sie an strenge Auflagen gebunden. Der Indianer war schon lange tot und sie bereits Ende dreißig, was sie anscheinend nicht daran hinderte, eine neue Dummheit zu begehen. Ihr neuer Freund war ungefähr zehn Jahre jünger.
Clarissa drängelte sich zu ihrer Freundin vor und wartete, bis der junge Mann an Bord gegangen war. Beinahe mütterlich legte sie Betty-Sue einen Arm um die Schultern. »Er kommt bald wieder«, sagte sie. »In der Zeitung steht, dass der Krieg höchstens noch drei Monate dauert. Ihm passiert nichts.«
Betty-Sue lehnte weinend den Kopf an ihre Schulter. »Er hat sich freiwillig gemeldet. Stell dir das vor. Er sagt, es sei seine Pflicht, sich in einer schweren Zeit wie dieser für sein Vaterland einzusetzen.« Sie schluchzte hemmungslos. »Er ist noch so jung, Clarissa. Mitte zwanzig. Er war ...« Sie schniefte, kramte ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche und schnäuzte sich geräuschvoll. »Er war als Pfleger bei uns, wollte aber unbedingt noch studieren und Arzt werden. Doktor Paul Merriman ...« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Mr und Mrs Paul Merriman ... wir wollten heiraten, Clarissa, an Weihnachten.«
»Das könnt ihr doch immer noch«, sagte Clarissa. »Vielleicht nicht an Weihnachten, aber bis Ostern ist er sicher wieder hier.« Sie hoffte, dass ihre Stimme einigermaßen überzeugend klang. »Du wirst sehen, bevor du dich versiehst, legt der Dampfer wieder an, und Paul kehrt gesund und munter zurück. Du hast genug Pech im Leben gehabt, Betty-Sue. Diesmal gibt es ein Happy End. Und Ostern feiern wir die tollste Hochzeit, die Alaska jemals erlebt hat. Dagegen war Dollys und Jerrys Hochzeit eine müde Gesellschaft.«
»Meinst du wirklich?« Betty-Sue steckte ihr Taschentuch weg und brachte sogar ein Lächeln zustande. Die fröhliche Party, die Clarissas langjährige Freundin und ihr irischer Haudegen vor vielen Jahren gefeiert hatten, war längst von einem Mythos umgeben. »Aber nur, wenn du meine Trauzeugin wirst. Du und Alex. Ihr sollt dabei sein, wenn ich ihm das Jawort gebe.«
So feierlich und sentimental, wie Betty-Sue sich gab, ging es auch an der Anlegestelle zu, als die Matrosen die Leinen lösten und die beiden Dampfschiffe auf ihre lange Reise nach St. Michael gingen. An der Mündung des Yukon River würden die Männer auf einen großen Überseedampfer umsteigen. Beim Abschied standen alle an der Reling und winkten ihren Angehörigen zu, während der Chor die amerikanische Nationalhymne anstimmte und sich die Schiffe immer weiter vom Ufer entfernten. Betty-Sue hatte sich von Clarissa gelöst und schon wieder Tränen in den Augen. Verzweifelt winkte sie dem jungen Doktor zu, der etwas verloren an der Reling stand und mit seiner schmächtigen Gestalt und seinem blassen kindlichen Gesicht nicht wie jemand aussah, der mit aufgepflanztem Bajonett gegen den Feind zog.
Als die Schiffe die Flussmitte erreicht hatten und in dunkle Rauchwolken gehüllt nach Westen dampften, verließen die ersten Schaulustigen die Anlegestelle. Der Chor der Public School lief in Zweierreihen zur Schule zurück. Betty-Sue gehörte zu den Frauen, die selbst dann noch winkten, als die Dampfer längst um die Biegung verschwunden waren und nur noch Rauchschwaden von ihnen zu sehen waren. Clarissa ließ sie in Ruhe, wartete geduldig, bis sie ihre Tränen getrocknet hatte, und spürte plötzlich wieder diese Unruhe, die sie schon auf der Fahrt über die Brücke befallen hatte. Das Gefühl, bedroht zu werden, so wie vor fünfzehn Jahren, als ihr Frank Whittler und sein Vater auf den Fersen gewesen waren und ihr gefährliche Killer auf den Hals gehetzt hatten. Thomas Whittler war inzwischen gestorben, und sein Sohn saß noch immer hinter Gittern. Er hatte lebenslänglich bekommen und würde das Gefängnis erst verlassen, wenn er tot war.
Sie blickte sich nervös um und entdeckte einen hageren Mann, dessen schmaler Oberlippenbart ihn noch strenger aussehen ließ, als er wirklich war. Er trug einen langen Mantel, wie er längst aus der Mode war, und eine abgetragene Schiebermütze. Sein Blick war auf sie gerichtet und schweifte rasch zur Seite, als er merkte, dass sie ihn beobachtete.
Alles nur Zufall? Ein einsamer...




