E-Book, Deutsch, Band 7, 340 Seiten
Reihe: Bielefelder KK11
Rommel Abgrund aus Schweigen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95441-713-1
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman aus Bielefeld
E-Book, Deutsch, Band 7, 340 Seiten
Reihe: Bielefelder KK11
ISBN: 978-3-95441-713-1
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heike Rommel, geb. 1962 in Olpe, hat Psychologie und Visuelle Kommunikation studiert und lebt seit über 40 Jahren in Bielefeld. Sie arbeitet seit über fünfundzwanzig Jahren in verschiedenen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Ihre ersten Schreib-erfahrungen machte sie beim Verfassen eines Fantasy-Romans, bevor sie zum Krimi-Genre wechselte, das ihr als leidenschaftlicher Krimileserin und Tochter eines Kriminalbeamten und einer Polizeiangestellten naheliegt. »Abgrund aus Schweigen« ist bereits der siebte Kriminalroman um Kommissar Dominik Domeyer und sein Bielefelder Ermittlerteam. www.heike-rommel.de
Autoren/Hrsg.
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Freitag, 17. Januar 2014
Das jungfräuliche Weiß des Schnees im Kunsthallenpark, der sich an diesem Morgen wie eine gnädige Decke über das grau-braun-schwarze Winterelend gelegt hatte, war bereits befleckt von Hundekot, matschigen Spuren, Brötchentüten und anderem Müll. Mark entdeckte sogar ein gebrauchtes Kondom. Seine teuren Lederschuhe wiesen – jetzt, am Ende seiner Mittagspause – Salzränder auf. Er fluchte, vergrub die Hände in den Taschen seines Wollmantels und stemmte sich gegen den eisigen Wind. Normalerweise zog er sich Outdoor-Boots an, wenn er bei diesem Wetter vom Parkplatz hinter der Kunsthalle zum Mittagessen ins Kachelhaus marschierte. Vergessen.
Split knirschte unter seinen Sohlen, und ihn drückte ein Steinchen, das sich im Schuh verirrt hatte. So wie das verdammte Video, das es längst nicht mehr geben sollte, sich am Vormittag zurück in sein Leben verirrt hatte!
Mark stapfte am Eingang der Kunsthalle vorbei, und eine Frau kam ihm entgegen – mit grün gefärbten Haaren und ausladenden Hüften, über denen sich ihre Leggings unter der kurzen Daunenjacke spannte. Ihre Schenkel rieben beim Gehen aneinander. Unfassbar, wie der Pöbel rumlief. Besser gleich löschen, was, Mark? So lautete die Nachricht, die mit dem Scheiß-Film auf seinem Handy angekommen war. Egal, wie lange er darüber grübelte, er konnte sich das nicht erklären. Es sei denn, dieser verdammte Versager war derjenige, der die Kamera mit dem Video gestohlen hatte …
Auf dem Parkplatz hinter der Kunsthalle wartete der Angestellte der Waschanlage mit dem BMW auf ihn. Wortlos schnappte er sich den Schlüssel. Er stieg ein und fand auf dem Beifahrersitz ein langes, blondes Haar. Er pflückte das Corpus Delicti vom Polster, fuhr das Fenster herunter und warf es hinaus. Gründlich sauber machen, hatte er gesagt, oder etwa nicht?! Mark wurde heiß, er hämmerte aufs Armaturenbrett und stieß einen Schrei aus. Aussteigen und den Typen zur Sau machen? Der verschwand gerade um die Ecke der Kunsthalle. Arbeitete heutzutage eigentlich noch jemand für sein Geld? Er stöhnte. Natürlich hatte er das Video sofort gelöscht. Was vermutlich sinnlos war. Wetten, da kam noch etwas?
Er begegnete seinem Blick im Rückspiegel, fuhr durch seine mit Gel gestylte Kurzhaarfrisur, pulte ein Stückchen Salat aus den Zähnen und schob das Kinn vor. Für seine 38 Jahre sah er passabel aus. Breiter Kiefer, das erste dezente Grau in den aschblonden Haaren, die ersten Lachfältchen um die Augen. Du schaffst das! Bald wird es nur noch eine unangenehme Erinnerung sein. Er lächelte seinem Spiegelbild zu und sah, dass sein Lächeln mehr einer Grimasse glich. Es gab nichts zu beschönigen – und ja, es fiel ihm schwer, an etwas anderes zu denken als dieses Video! Alles, was ihm blieb, war abzuwarten. Er hasste das.
Mark startete den Wagen. Vom Maklerbüro aus würde er Nikki anrufen. Das würde ihn ablenken.
Während die Stadtbahn vor ihm in Brackwede auf der Hauptstraße zuckelte und an den Haltestellen dick vermummte Fahrgäste ausspuckte, ließ er ein paarmal den Motor aufheulen. Leider konnte er nicht überholen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bog er in eine der Seitenstraßen ab, wo er auf dem reservierten Parkplatz direkt neben der Stadtvilla parkte, in der sein Büro lag. Er stieg aus, schloss die Haustür auf und öffnete die Tür zum Empfangsraum im Erdgeschoss. Stickige Wärme, Kaffeeduft und die Stimme seiner Sekretärin kamen ihm entgegen.
»Ja, ich glaube, er kommt gerade«, flötete sie, lächelte ihn an und stand von ihrem Bürostuhl auf, um hinter den Empfangstresen zu treten.
Fragend schaute er sie an. Ihre Gattin formten ihre Lippen lautlos. Er blies die Backen auf und starrte auf ihre Brüste, die der eng anliegende Angorapullover mehr als nur erahnen ließ. Janka sah mit ihrer Knollennase nicht hübsch aus, aber ihre Oberweite war spektakulär. Sie hielt ihm das Telefon hin, und er winkte ab. Sie schüttelte mit leicht verzweifelter Miene den Kopf. Er verzog den Mund und nahm den Apparat entgegen.
»Was gibt’s, Sabrina?« Er drehte Janka den Rücken zu und setzte sich in einen der Besuchersessel der Sitzgruppe.
»Ich habe den ganzen Morgen lang versucht, dich zu erreichen!« Ihre Stimme klang heute besonders schrill.
»Ich arbeite, schon vergessen? Irgendwer muss das Geld ja ranschaffen, das du zum Fenster rauswirfst.«
»Heute Morgen wollte ich in einer Boutique in der Altstadt mit meiner EC-Karte bezahlen, aber das ging gar nicht! Weißt du, wie peinlich das ist?«
»Falsche PIN?«
»Natürlich nicht! Du hast die Karte sperren lassen, gib’s zu, Mark!« Ihre Stimme überschlug sich. Er hielt das Telefon weiter weg, wandte sich um, begegnete Jankas Blick, die wieder hinter ihrem Schreibtisch saß, und rollte mit den Augen.
»Dann ist die Karte defekt. Kein Wunder, so oft, wie du sie benutzt.«
»Sag mal, Mark, willst du mich verscheißern?«
»Kein Grund, vulgär zu werden. Hör zu, ich bin im Stress, wir reden später darüber.«
Er drückte das Gespräch weg, stand auf und legte das Telefon auf den Tresen, wo es sofort wieder zu klingeln begann. Sabrina gab niemals Ruhe! »Bitte keine Anrufe von meiner Frau durchstellen, ich will nicht gestört werden, ist das klar?«
Janka nickte und stellte das Gerät auf die Ladestation. Er trottete durch den Flur zu seinem Büro und schloss die Tür hinter sich. Dann ließ er sich in seinen breiten Schreibtischstuhl fallen und den Blick über sein in dezenten Weiß- und Grautönen eingerichtetes Büro schweifen, bis er an dem Foto auf dem Schreibtisch hängen blieb. Ein Urlaubsfoto: Sabrina und er am Strand in der Nähe von Palma, wenn er sich recht erinnerte, im Buggy Klein-Elias mit Mützchen. In diesem Mallorca-Urlaub waren sie noch ein leidlich glückliches Paar gewesen, obwohl er schon damals lieber mit seinen Kumpeln auf die Insel geflogen wäre zum Chillen und Abfeiern – so wie früher. Schließlich war er ein hart arbeitender Mann. Der das Geld nicht so schnell verdienen konnte, wie seine anspruchsvolle Ehefrau es ausgab. Das würde bald ein Ende haben!
Er holte sein Handy aus der Hosentasche und rief Nikki an. »Hallo«, hörte er ihre helle Stimme. »Hier ist die Mobilbox von Nikole Jäger, bitte sprechen Sie nach dem Piepton.« Piep.
»Nikki – Schatz, geh ran!« Er seufzte. »Na gut, okay, ich wollte nur … ich wollte fragen, ob dein Ex dir immer noch Stress macht. Ach ja, und ich habe einen Notartermin gemacht. Beim Anwalt war ich auch schon. Super, oder? Nicht mehr lange, Schatz, ich gehe jetzt in die Offensive. Ähm … wann sehen wir uns? Morgen? Heute Abend kann ich leider nicht, schade, oder? Äh … ja, ich wollte …« Piep.
Der Nachmittag zog sich, die frühe Dunkelheit machte es nicht besser. Janka verabschiedete sich pünktlich um 16 Uhr. Er arbeitete eher unkonzentriert an Objektpräsentationen und dachte zwischendurch immer wieder an den Film. Und daran, dass er ausgerechnet heute Abend, an einem Freitag, um 19 Uhr noch einen späten Makler-Termin haben musste! Aber so wurde er diese zugige Bruchbude hoffentlich endlich los. Der Eigentümer hatte völlig unrealistische Vorstellungen, für welchen Betrag er den heruntergekommenen, umgebauten, alten Hof, dessen Energieausweis die allerschlechteste Energieeffizienzklasse auswies, verkaufen konnte, und er rückte nicht ein Jota davon ab. Beratungsresistent. Für ihn lag der Grund dafür, dass er das Haus noch nicht für einen guten Preis an den Mann gebracht hatte, an Marks angeblich mangelhaftem Engagement.
Die »naturnahe Immobilie für Liebhaber, mit Charme und Charakter«, wie er sie seit fast einem Jahr anpries, erinnerte ihn an ein verwinkeltes Spukhaus, das zu der Schnalle passte, die sich ihrer Aussage zufolge seeeehr dafür interessierte. Seltsame Type. Stark geschminkt, blass, mit langen Haaren, die in einem satten, künstlich wirkenden Rotton glänzten. Sie hätte mit ihren ebenmäßigen Gesichtszügen attraktiv sein können, aber er bevorzugte Frauen mit Kurven an den richtigen Stellen. Davon abgesehen strahlte sie etwas Unangenehmes aus, ohne dass er den Finger drauf hätte legen können, was es war. Und irgendetwas an ihr kam ihm bekannt vor. Nur erinnerte er sich nicht daran, ihr jemals begegnet zu sein.
Für dieses Weibsstück musste er seinen Freitagabend opfern. Und das, obwohl Sabrina am Nachmittag mit einer Freundin zu einem Wellnesswochenende gefahren war und Elias das Wochenende bei den Großeltern verbrachte. Dieser Abend hätte ihm und Nikki gehören sollen!
Es war schon lange dunkel und nasskalt, als er in seinen BMW stieg. Die Adresse lag am Stadtrand in Ubbedissen. Sein Navi führte ihn über die Bodelschwinghstraße den Kamm des Teutoburger Waldes hinauf. Ein heftiger Schauer überraschte ihn am höchsten Punkt. Die Scheibenwischer wedelten hektisch, er hatte Mühe, den Straßenverlauf zu erkennen, und orientierte sich an den Rückleuchten des Wagens vor ihm. Nachdem er in die Detmolder Straße stadtauswärts eingebogen war, ließ der Regen nach. Dafür wurde es zunehmend nebeliger. Er überholte die Straßenbahn, musste aber nach einiger Zeit das Tempo drosseln, weil die Sicht sich verschlechterte.
Am liebsten hätte er den Termin abgesagt, doch das war die letzte Chance, den renovierungsbedürftigen Kasten zu verticken. Er hielt sich rechts und fuhr die alte Detmolder Straße entlang durch Ubbedissen. Er passierte einen Kreisel, in dessen Mitte eine Skulptur zu sehen war, die aus einem rostigen Schaufelrad...




