Rohr | Alles trägt den einen Namen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Rohr Alles trägt den einen Namen

Die Wiederentdeckung des universalen Christus
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-24876-5
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Wiederentdeckung des universalen Christus

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-24876-5
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was wäre, wenn der Name „Christus“ die transzendente Wirklichkeit in allen Dingen bezeichnete? Wenn dieser Name den Horizont benennt, in dem wir sind und auf den wir uns zubewegen? Wenn er eine Erkenntnis zum Ausdruck bringt, in dem alle Dualismen, Bewertungen und Unterscheidungen überwunden sind und der Mensch zur Einheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Schöpfung findet? Was wäre, wenn der Name „Christus“ eine lebensverwandelnde Wahrheit für alle Menschen - ob religiös oder nicht – benennt?

In diesem Buch erschließt Richard Rohr auf eine völlig neue Weise, was es heißt, von Jesus als dem Christus zu sprechen. In der Geschichte des Christentums und der Welt, im Gespräch mit Psychologen und spirituellen Lehrern vieler Traditionen und – vor allem – in der Bibel entdeckt der berühmte spirituelle Lehrer die Gründe, die ihn zu einem neuen Verständnis der Bedeutung des Jesus von Nazareth führen.

Ein Buch, das das Christentum in einer nachchristlichen Welt neu begründet als eine Religion für alle, die sich nach einer besseren Welt sehnen und danach handeln wollen.

Richard Rohr, geb. 1943 in Kansas/USA, ist Franziskanerpater, international bekannter Redner und Exerzitienmeister, Gründer des „Center for Action and Contemplation“/New Mexiko. Der Bestseller-Autor gilt als eine der zentralen Erneuerungsfiguren einer zeitgemäßen christlichen Spiritualität. Er ist bekannt für seine Initiationsseminare und -rituale für Männer, für die er regelmäßig auch Europa und den deutschsprachigen Raum bereist.

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BEVOR WIR BEGINNEN

Caryll Houselander, eine englische Mystikerin1 des 20. Jahrhunderts, beschreibt in ihrer Autobiografie A Rocking-Horse Catholic, wie sich eine ganz gewöhnliche Metro-Fahrt in London in eine Vision wandelte, die ihr Leben verändert hat. Ich gebe Houselanders Beschreibung dieses umwälzenden Erlebnisses im Wortlaut wieder, weil es auf den Punkt bringt, was ich das Christusgeheimnis nennen werde, nämlich die Einwohnung der Göttlichen Gegenwart in allen und allem seit Anbeginn der Zeit, wie wir sie kennen.

Ich befand mich in einer Metro, in einem vollen Zug, in dem alle Sorten von Leuten zusammengepfercht waren, dasaßen oder an Haltegriffen hingen – Berufstätige jeder Branche auf dem Nachhauseweg am Feierabend. Ganz plötzlich sah ich vor meinem geistigen Auge, aber so lebensnah wie auf einem wundervollen Gemälde, in ihnen allen Christus. Aber ich sah noch mehr als das; nicht nur war Christus in jeder dieser Personen, lebte in ihnen, starb in ihnen, jubelte in ihnen, trauerte in ihnen –
sondern weil Er in ihnen war und weil sie hier waren, war auch die gesamte Welt hier, hier in dieser Metro; nicht nur die Welt, wie sie in jenem Moment war, nicht nur alle Menschen in allen Ländern der Welt, sondern all jene Menschen, die in der Vergangenheit gelebt hatten, und alle, die noch kommen würden.

Ich gelangte auf die Straße und lief lange Zeit inmitten der Menge. Es war dasselbe hier, auf allen Seiten, in jedem Passanten, überall – Christus.

Mich hatte schon lange die russische Vorstellung des erniedrigten Christus verfolgt, des lahmen Christus, der durch Russland hinkt und um Sein Brot bettelt; des Christus, der zu allen Zeitaltern auf die Erde zurückkehrt und sogar bei Sündern einkehrt, um durch seine Not ihr Mitgefühl zu wecken. Jetzt wusste ich im Bruchteil einer Sekunde, dass dieser Traum eine Tatsache ist; kein Traum, keine Fantasie oder Legende eines frommen Volkes, kein Vorrecht der Russen, sondern Christus im Menschen …

Ich sah zugleich die Ehrfurcht, die jedermann für einen Sünder aufbringen muss; anstatt seine Sünde zu missbilligen, die in Wirklichkeit seine größte Not ist, muss man Christus trösten, der in ihm leidet. Und diese Ehrfurcht muss sogar jenen Sündern erwiesen werden, deren Seelen tot zu sein scheinen, weil es Christus ist, der das Leben der Seele ist, der in ihnen tot ist; sie sind seine Gräber, und Christus im Grab ist keimhaft der auferstandene Christus …

Christus ist überall; in Ihm hat jede Lebensform eine Bedeutung und einen Einfluss auf jede andere Lebensform. Es ist nicht die törichte Sünderin wie ich, die mit Schurken durch die Welt rennt und sich edel vorkommt, die ihnen ganz nah kommt und ihnen Heilung bringt; es ist die Kontemplative in ihrer Zelle, die diese Menschen nie zu Gesicht bekommen hat, aber in der Christus für sie fastet und betet – oder es kann eine Reinigungskraft sein, in der sich Christus erneut zu einem Diener macht, oder ein König, dessen goldene Krone eine Dornenkrone verbirgt. Die Erkenntnis unseres Einsseins in Christus ist die einzige Heilung menschlicher Einsamkeit. Für mich ist sie auch der einzige Letztsinn des Lebens, das einzige, was jedem Leben Zweck und Ziel gibt.

Nach ein paar Tagen verflüchtigte sich die »Vision«. Die Menschen sahen wieder so aus wie früher, es gab nicht mehr jene schockierende Einsicht für mich, wenn ich einem Mitmenschen von Angesicht zu Angesicht begegnete. Christus war wieder verborgen; in den folgenden Jahren musste ich geradezu nach Ihm suchen, und in der Regel fand ich Ihn nur durch einen bewussten und blinden Akt des Glaubens in anderen – und insbesondere in mir selbst.

Für mich – und für uns – stellt sich die Frage: Wer ist dieser »Christus«, den Caryll Houselander als den erkannte, der all ihre Mitfahrerinnen und Mitfahrer durchdrang und von ihnen ausstrahlte? Christus war für sie eindeutig nicht nur Jesus von Nazareth, sondern etwas, dessen Bedeutung viel gewaltiger und sogar kosmisch war. Thema dieses Buches ist, wie das kommt und weshalb das wichtig ist. Sobald wir diese Vision begriffen haben, hat sie meines Erachtens die Kraft, all das radikal zu ändern, was wir glauben, wie wir andere sehen und uns zu ihnen verhalten, wie wir die Größe Gottes erspüren und wie wir verstehen, was der Schöpfer in unserer Welt wirkt.2

Klingt das wie ein Zuviel von Hoffnung? Schauen wir noch einmal die Begriffe an, die Houselander bei ihrem Bemühen verwendet, die schiere Reichweite dessen zu erfassen, was sich für sie nach ihrer Vision verändert hat:

Überall – Christus

Erkenntnis des Einsseins

Ehrfurcht

Jede Art von Leben hat Sinn.

Jedes Leben hat einen Einfluss auf jede andere Lebensform.

Wer würde so etwas nicht erleben wollen? Und wenn uns Houselanders Vision heutzutage irgendwie exotisch vorkommt, dann wäre dies für die frühen Christen gewiss nicht so gewesen. Die Offenbarung, dass der auferstandene Christus allgegenwärtig und ewig ist, wurde in der Heiligen Schrift (Kolosser 1, Epheser 1, Johannes 1, Hebräer 1) und in der frühen Kirche einhellig bestätigt, solange die Euphorie des christlichen Glaubens noch existierte und expandierte. In unserer Zeit jedoch muss man sich dieser tiefen Sicht in einer Art Rückeroberungsprojekt wieder annähern. Als sich die westliche Kirche im Großen Schisma von 1054 vom Osten getrennt hat, verloren wir nach und nach diese profunde Kenntnis darüber, wie Gott von jeher alles, was ist, befreit und liebt. Im Gegenzug haben wir die Göttliche Gegenwart nach und nach auf den individuellen Leib des historischen Jesus reduziert, obwohl sie vielleicht ebenso allgegenwärtig ist wie das Licht selbst – und durch menschliche Schranken nicht abgegrenzt werden kann.

Man könnte sagen: Das Tor des Glaubens verschloss sich für jene umfassende und wunderschöne Erkenntnis, die die frühen Christen als »Kundgebung«, Epiphanie oder vor allem als »Menschwerdung« bezeichnet haben – und auch für ihre endgültige Vollgestalt, die wir bis heute »Auferstehung« nennen. Die östlichen und orthodoxen Kirchen hingegen hatten ursprünglich ein wesentlich breiter angelegtes Verständnis von alldem, eine Einsicht, die wir in den westlichen Kirchen, katholisch wie protestantisch, erst jetzt neu zu erahnen beginnen. Das sicherlich ist es, was Johannes gemeint hat, wenn er in seinem Evangelium schrieb: »Das Wort wurde Fleisch« (1, 14) und dabei auf einen universell gängigen Allgemeinbegriff (sarx) zurückgriff, anstatt einen individuellen menschlichen Leib zum Thema zu machen.3 Tatsächlich wird der isolierte Name »Jesus« im gesamten Johannesprolog nirgends erwähnt! Ist das nicht auffällig? Nur der Doppelname »Jesus Christus« taucht am Ende auf, allerdings erst im vorletzten Vers.

Man kann den Schaden gar nicht zu hoch bewerten, der der Botschaft des Evangeliums zugefügt wurde, als sich die östlichen (»griechischen«) und westlichen (»lateinischen«) Kirchen trennten, was mit der gegenseitigen Exkommunikation ihrer Patriarchen im Jahr 1054 anfing. Seit über 1000 Jahren kennen wir die »Eine, Heilige, Ungetrennte« Kirche nicht mehr.

Aber gemeinsam könnten wir mit einem bestimmten Schlüssel jenes uralte Glaubens-Tor wieder öffnen, und dieser Schlüssel ist die angemessene Deutung eines Wortes, das zwar viele von uns häufig verwenden, aber oftmals unreflektiert. Das Wort ist Christus.

Was, wenn Christus ein Name für das Transzendente in jedem »Ding« im Universum ist?

Was, wenn Christus ein Name für die ungeheure Tragweite jeder wahren Liebe ist?

Was, wenn sich Christus auf einen grenzenlosen Horizont bezieht, der uns innerlich anzieht und gleichzeitig vorwärtstreibt?

Was, wenn Christus ein anderer Name für alles ist – in seiner ganzen Fülle?

Ich glaube, genau das versuchte die »Große Tradition« zu sagen, womöglich sogar, ohne es selbst zu wissen. Aber die meisten von uns sind mit dieser Vollen und Großen Tradition nie in Berührung gekommen. Ich verstehe darunter die immerwährende Tradition, die »ewige Philosophie«4, die Weisheit und »Schwarmintelligenz« des gesamten »Leibes Christi« (1. Korinther 12,27) – und speziell für dieses Buch die Zusammenschau der sich gegenseitig korrigierenden Themen, die in der Orthodoxie, im Katholizismus und in den zahllosen Verästelungen des Protestantismus ständig wieder auftauchen und einander befruchten. Ich weiß, dass dies ein gewaltiges Vorhaben ist, aber haben wir derzeit eine andere Wahl? Wenn wir die Kernmerkmale des Glaubens herauskristallisieren wollen, anstatt auf zahllosen Nebenkriegsschauplätzen zu streiten, ist dies letztlich dennoch kein allzu schwieriges Unterfangen.

Wenn man mir gestattet, würde ich auf den folgenden Seiten gern die Rolle eines Reiseleiters einnehmen bei der Erforschung all der Fragen über Christus und über das wahre Wesen der Wirklichkeit, die sich vor uns auftut und ausbreitet. Das ist eine Suchbewegung, die mich seit über fünfzig Jahren fasziniert und inspiriert. Meiner franziskanischen Tradition folgend, will ich ein Gespräch von so gewaltiger Tragweite ganz unten, gleichsam vom Wurzelgrund der Erde her, in Angriff nehmen, so dass wir diesem Diskurs wie einem Pfad aus Brotkrumen folgen können, der uns durch den Wald führt: Er beginnt mit der Natur, passiert ein neugeborenes Kind mit Vater und Mutter in einem schäbigen Stall, führt unter anderem zu einer Frau, die in der Metro...


Rohr, Richard
Richard Rohr, geb. 1943 in Kansas/USA, ist Franziskanerpater, international bekannter Redner und Exerzitienmeister, Gründer des „Center for Action and Contemplation“/New Mexiko. Der Bestseller-Autor gilt als eine der zentralen Erneuerungsfiguren einer zeitgemäßen christlichen Spiritualität. Er ist bekannt für seine Initiationsseminare und -rituale für Männer, für die er regelmäßig auch Europa und den deutschsprachigen Raum bereist.



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