Rogers Zehn Finger Hoffnung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86541-632-2
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kapuzineräffchen als Seelenretter
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-86541-632-2
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein schwerer Autounfall hat in Sekundenschnelle aus dem zwanzigjährigen Ned Sullivan einen Querschnittsgelähmten gemacht, dessen Leben buchstäblich am seidenen Faden hängt. Die Kunst der Ärzte rettet sein Leben, die Fürsorge seiner Familie hilft ihm über die ersten Wochen und Monate hinweg – das was kommt dann?
Ned braucht Betreuung rund um die Uhr. Ellen, seine Mutter, ist für ihn da, später verschiedene Pflegekräfte – doch wer kümmert sich um seine Seele. Über die Organisation Helping Hands erfährt Ellen, dass dieser Verein Kapuzineraffen trainiert, die bei Schwerkranken zur Hilfe eingesetzt werden. Von alltäglichen Handreichungen bis zu immer komplizierteren Aufgaben ersetzen diese Affen den Gelähmten die Finger. So kommt Kasey ins Haus. Und wird nicht nur ein Helfer für Ned, sondern auch ein Teil der Familie. Denn neben der praktischen Hilfe kümmert sich Kasey bald auch um Neds Psyche.
Neds Mutter Ellen Rogers hat die bewegende und mutmachende Geschichte, die in den USA ein großer Buchhandelserfolg wurde, aufgeschrieben.
Weitere Infos & Material
Kapitel 6
Natürliche Lebensräume
Maddie und Anna riefen mich am Freitag direkt nach der Schule an. „Erzählt mir alles“, sagte ich. „Mama, der Affe ist so süß! Sie heißt Ayla und sie ist total schlau!“ „Bitte, Mama, können wir einen Affen bekommen? Sie hat all diese Tricks gemacht und dann ist Judi – der Frau von der Organisation Helping Hands – etwas auf den Boden gefallen.“ „Ayla ist sofort hingerannt und hat es aufgehoben. Das war so lieb!“ „Und dann hat Ayla eine Wasserflasche aufgemacht, einen Strohhalm reingesteckt und es Judi zum Trinken hingehalten.“ „Wir müssen einen Affen bekommen. Echt, Mama. Bitte, bitte! Sie ist so toll. Können wir?“ „Bitte Mama, das wäre so cool! Es wäre mega toll. Für Ned, meine ich.“ „Genau, für Ned. Denk mal, was der alles für ihn tun könnte!“ „Mich müsst ihr nicht überreden“, lachte ich. Ich konnte es kaum erwarten, Megan nach den wirklich wichtigen Infos auszufragen, denn sie war mit den Mädchen bei der Veranstaltung gewesen. „Hast du mit ihnen gesprochen?“, fragte ich. „Was haben sie gesagt? Wie war es?“ „Es war erst einmal ziemlich heftig“, sagte Megan. „Einfach so viele Parallelen zu unserer Situation. Für Maddie war es echt hart, als sie über Menschen mit Rückenmarksverletzungen gesprochen haben. Das ist wirklich schwierig, vor allem, wenn es auch noch so offen vor ihren Freunden diskutiert wird.“ Ich zuckte zusammen. „Daran hätte ich denken müssen.“ „Schon okay, Mama“, versicherte mir Megan. „Sie ist für ein paar Minuten rausgegangen und hat sich wieder gefasst. Danach sind wir nach vorne gegangen und konnten den Affen von nahem sehen und ganz persönlich treffen. Mama, dieser Affe ist wirklich liebenswürdig – so intelligent und süß. Für Ned wäre das echt toll.“ Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln. „Weißt du, als ich das als reguläre Ankündigung der Schulaktivitäten gelesen habe – Megan, da bin ich wirklich fast aus den Latschen gekippt. Zufällig besuchen die die Concord Mittelschule? Diese Woche? Und ich denke auch noch ganz zufällig daran?“ „Das ist echt komisch“, gab sie zu. „Ein riesiger Zufall.“ „Zufall, göttliche Intervention, Synchronizität – egal was, ich nehme es an.“ Ich erlaubte mir ein Lächeln. „Hattest du die Gelegenheit, ihnen von unserer Geschichte zu erzählen?“ „Hatte ich. Ich habe alle nötigen Kontaktdaten. Ich bin dran.“ Ich atmete dankbar aus. „Das ist meine Tochter.“ Das Programm „Prävention von Rückenmarksverletzung“ – kurz SCIPP – der Organisation Helping Hands hält nicht nur Vorträge darüber, wie Affen Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen assistieren können, sondern wird jährlich auch Tausenden von Schülerinnen und Schülern in allen Teilen des Landes präsentiert. Während ich mich durch die Webseite von Helping Hands klickte, versuchte ich mich zu erinnern, was wir eigentlich vor dem Internet gemacht haben. Das SCIPP-Programm klärt auf, wie man Rückenmarksverletzungen vorbeugen kann, schafft Bewusstsein für Behinderungen und setzt sich für ein enges Verhältnis zwischen Tier und Mensch ein. Die Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen richten sich besonders an Kinder in jungem Alter, denn die meisten Rückenmarksverletzungen passieren im Alter zwischen 16 und 26. Ich schaute mir die Fotogalerie an und staunte, wozu die cleveren, geschickten Affen fähig waren: CDs in CD-Spieler legen, juckende Stellen kratzen, Buchseiten umschlagen – tausende banale Handlungen, die für uns selbstverständlich sind. So lange jedenfalls, bis wir sie nicht mehr können. Ich konnte mir den praktischen Unterschied, den so etwas in Neds Leben bedeuten würde, bildlich vorstellen. Ganz zu schweigen vom kameradschaftlichen Aspekt. Es machte mich unendlich traurig, Ned so einsam zu sehen, sogar, wenn er unter Leuten war. Ich wollte nicht voreilig sein und ermahnte mich zu Pragmatismus. Dennoch konnte ich es kaum abwarten, am nächsten Morgen zum Shepherd zu kommen und all diese Informationen mit Ned zu teilen. Er hörte es sich an und überlegte eine ganze Weile. Mr. Cool. „Ein Affe… anstelle eines Hundes“, sagte er endlich. „Vielleicht.“ In einem anderen Hotel in einer anderen Zeitzone kroch Megan Talbert ins Bett und schaltete das Licht aus. Kasey kroch unter die Bettdecke und klammerte sich an das Bein ihrer Trainerin wie an einen Baumstamm. Dort blieb sie bis zum nächsten Morgen. „Zuerst hatte ich Sorge, sie könne da drunter nicht atmen, aber sie mag es eben, so zu schlafen“, sagte mir Megan Jahre später. „Kasey war ein Engel, wenn wir auf Reisen waren. Sie war der erste und einzige Affe, mit dem ich jemals ohne extra Käfig gereist bin, denn sie war vertrauenswürdig genug, um mit mir in einem Bett zu schlafen.“ Das leuchtete mir ein. Ich hatte genug erlebt, um zu wissen, dass man dort zu Hause ist, wo die Familie ist. Ein natürlicher Lebensraum ist immer dort, wo du dich wohl fühlst und ganz du selbst sein kannst. Nachdem Kasey ihren Abschluss an der Affenschule gemacht hatte, wurde sie einer Frau in Texas zugeteilt. Sie schien sich gut einzugewöhnen, doch am dritten Tag geschah etwas Merkwürdiges. „Sie bekam seltsame Blasen an Händen und Füßen“, erzählte Megan. „Es sah aus wie eine Kontaktreaktion, also war unsere erste Vermutung, dass Kasey eine Allergie gegen etwas in ihrem neuen Zuhause hatte.“ Helping Hands brachte Kasey zurück nach Boston und versuchte es erneut mit einem anderen Affen, der denselben schwierigen Start hatte, jedoch lange Jahre in dem Haus blieb. Schließlich entdeckte man die Ursache: die Ausdünstungen aus einem ionischen Luftfilter. (Mittlerweile fragen die Vermittlungsteams nach diesen Reinigern und deaktivieren sie, bevor sie ins Haus kommen.) Ein anderer positiver Effekt: Während Kasey darauf wartete, jemand anderem zugeteilt zu werden, übernahm sie die Rolle der Helping Hand-Botschafterin. Sie reiste durch die gesamten Vereinigten Staaten und verzauberte das Publikum an Universitäten, bei Geschäftsessen, Präventions-Programmen und anderen Veranstaltungen. Kasey hatte ihre Berufung gefunden. Sie war der Mittelpunkt jeder Party und mochte besonders Wohltätigkeitsveranstaltungen, auf denen die Damen kostbaren Schmuck trugen. Kasey war auf alles scharf, was glitzerte. Sie liebte Armbänder, Ketten und Ohrringe – je ausgefallener, desto besser – und konnte flink Schnallen, Spangen und Verschlüsse öffnen. Sie tauchte ihre Hand geschickt in die Taschen von potentiellen Spendern. Ob Hemden, Shorts, Hosen und Jacken – alles war ihr recht. Sie suchte nach einer Belohnung, war dabei aber so gewitzt, süß und umgänglich, dass rasch Scheckbücher aus den Taschen kamen mit den nötigen Spenden für immer mehr Programme von Helping Hands. Die Leute waren glücklich, wenn sie Kaseys gewinnende Art erleben konnten. Bevor sie es ahnten, hatte Kasey sie um den Finger gewickelt. All diese wunderbaren Eigenschaften, die Kasey zu der machte, die sie war, hatten jedoch, genau wie bei Ned, auch eine Kehrseite. Die Hartnäckigkeit von beiden hatte einen äußerst sturen Zug. Zu hoch angesetzter Enthusiasmus endete immer wieder in frustrierenden Rückschlägen. Sie konnten beide geduldig sein, aber nur, wenn ihnen gerade danach war. Blinder Gehorsam war keinem der beiden zu eigen, doch beide wollten unbedingt und immer das Richtige tun. Und wenn es um die Menschen ging, die sie liebten, dann taten sie es vollen Herzens. Gemeinsam waren Kasey und Ned auch eine gewisse Durchtriebenheit. Diese kleinen teuflischen Aktionen gehen einer Mutter beizeiten auf die Nerven, aber ich musste mir oft die Hand vor den Mund halten, damit Ned mich nicht lachen sehen konnte. Er war nie wirklich böse, aber er reizte einen immer wieder bis aufs Äußerste, um zu sehen, wie weit er gehen konnte. Kasey war genauso. Wie Ned liebte sie es, an der frischen Luft zu sein und schwang sich von einem Bücherregal herunter wie Ned über eine selbst gebaute Skateboard-Rampe. Und dann drehte sie sich voller Spott zu ihrem aufgeschreckten Publikum um und sagte mit ihren Blicken: „Warum habt ihr euch überhaupt Sorgen gemacht?“ Ned war genauso gewesen. Man stelle sich das bei einem edlen Essen oder einer formellen Wohltätigkeits-Gala mit Champagner und Kronleuchtern vor. Selbstverständlich fanden die Teilnehmer sie unwiderstehlich. Während der Jahre auf Reisen mit Megan wurde Kasey zum Stammgast in der Talbert Familie. In den Ferien und an langen Wochenenden reiste sie mit Megan nach Hause, wo die Partylöwin Kasey ihre weichere Seite zeigte. Megan hat ein herrliches Foto von Kasey, wie sie an Thanksgiving im Kordanzug ihrer Mutter umhergetragen wird. „Als meine Mutter sich von einer schweren OP erholte“, erzählte mir Megan, „fuhr ich für einen Besuch nach Hause und nahm Kasey mit. Wir gingen in Mamas Zimmer und Kasey kroch sehr behutsam und sachte auf ihr Bett, hockte sich auf Mamas Kissen und begann, ihre Haare zu streicheln. Dann rollte sie sich ein und schmiegte sich an sie – das süßeste, liebenswerteste Äffchen…“ An diesem Tag, so Megan, sah sie zum ersten Mal die Fähigkeit Kaseys, einem Menschen mit Schmerzen instinktiv Liebe und Mitgefühl zu schenken. Sie wusste, dass es dort draußen jemanden gab, der Kasey mehr brauchte als die Veranstaltungsreisen. ...




