Röthemeyer | Nach dem Sintfeuer | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 460 Seiten

Röthemeyer Nach dem Sintfeuer

Roman einer Zukunft
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1446-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman einer Zukunft

E-Book, Deutsch, 460 Seiten

ISBN: 978-3-7412-1446-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Überbevölkerung, Ressourcenverknappung und religiöser Fanatismus führen zum Sintfeuer: atomar entfacht. Eine Folge: Winter, hunderte von Tagen. Schockwellen teuflischer Schuld durchziehen das Denken der wenigen Überlebenden. Sie pflanzen sich über viele, viele Generationen in den Köpfen fort. Wie Gottesfürchtige der Ersten Menschheit die Sintflut überlebten, so überleben auch Gerechte der darauf folgenden Zweiten Menschheit das Sintfeuer. Sie werden zu Urahnen der Dritten Menschheit. Ihr stehen, wie im Mittelalter, nur regenerative Energien zur Verfügung. Die geringe Bevölkerungsdichte ermöglicht der Dritten Menschheit aber einen auskömmlichen Lebensstandard. Getragen von einem tief verwurzelten messianischen Glauben wächst mit den Kindern immer wieder neue Zukunftshoffnung heran. Das Wiederaufleben typischer Charaktereigenschaften der Zweiten Menschheit führt zu neuen Verbrechen, als nukleare Hinterlassenschaften entdeckt werden. Gerechte erkennen das Ziel ihres messianischen Glaubens als eigene Aufgabe: Egoismus, Verblendung und Bosheit, und folglich auch religiösen Fanatismus, dauerhaft ihren Einfluss auf menschliches Denken und Handeln zu nehmen.

Für Helmut Röthemeyer standen Sicherheitsfragen der nuklearen Entsorgung als Abteilungsleiter in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und als Fachbereichsleiter im Bundesamt für Strahlenschutz im Mittelpunkt seines Berufslebens. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse sind in Büchern dargelegt: Als Herausgeber und Koautor in dem Buch 'Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wegweiser für eine verantwortungsbewusste Entsorgung in der Industriegesellschaft' 1991 und als Koautor, zusammen mit Prof. A. G. Herrmann, in 'Langfristig sichere Deponien. Situation, Grundlagen, Realisierung' 1998. Die Arbeiten fußen auf einer langfristigen Bewertung zukünftiger Entwicklungen. Dies hat den Autor angeregt, in dem Roman 'Nach dem Sintfeuer. Roman einer Zukunft' auch eine Entwicklungsmöglichkeit der Menschheit darzulegen.
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Die Waldenser haben den Namen von ihrem Stifter Petrus Waldensis. Er entstammte einer wohlhabenden Familie, gab jedoch allen seinen Besitz an die Armen, und wurde zum Prediger eines apostolischen Lebens in der Nachfolge Christi. Aus einem Streitgespräch mit der offiziellen Kirche sind uns einige der als Ketzerei angesehenen Überzeugungen der Waldenser anklagend überliefert: Nach christlicher Lehre muss man Gott (unserem ) mehr gehorchen als den Menschen. Sie verweigern daher der Autorität des Papstes und der Prälaten den bedingungslosen Gehorsam. Alle Christen, auch Frauen, haben das Recht zu predigen. Das im Bette, in einem Zimmer oder in einem Stalle gesprochene Gebet ist dem in der Kirche ebenbürtig.

Solche Überzeugungen, für uns selbstverständlich, stellten jedoch das Selbstverständnis der damaligen Kirche und die Grundlagen ihrer weltlichen Macht in Frage. Dies wird noch deutlicher darin, dass die auf Christus zurückgehende Binde- und Lösegewalt durch die Beichte, das Fundament kirchlicher Macht, allen zugesprochen wurde, die ein Leben im Sinne der Apostel führten. Kultushandlungen sündiger hielten sie für unwirksam. Gehorsam war nur gegenüber mit christlichem Lebenswandel geboten. Fünf Jahrhunderte später wurden diese Lehren zum Allgemeingut eines großen Teils der Christenheit. Sie nannten sich Protestanten. Im damals Deutschland genannten Gebiet kam es jedoch zu einem dreißigjährigen Religionskrieg; er kostete etwa zehn Millionen Menschen das Leben und halbierte die damalige Bevölkerung des Landes.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die durch politische Unterstützung siegreichen Protestanten, ehemals selbst verfolgt und verbrannt, das erwähnte geschichtliche Grundverhalten ebenfalls an den Tag legten. Auch sie verfolgten die angebliche Hexensekte und verbrannten ihre Mitglieder.

Zurück zur Ketzerei der Waldenser. Sie wurde von Kirche und Staat mit grausamer Verfolgung und Tod bestraft. Die Vorgehensweise gegen die aus unserer Sicht unschuldigen, ja wegen ihres Glaubensmutes bewunderungswürdigen, Waldenser zeigt typische Verhaltensweisen der Zweiten Menschheit auf, weshalb wir sie als charakterisieren: Die Waldenser, sowie alle anderen von der Kirche als Ketzer Verurteilten, mussten z.B. ihre Heimat in einem Fürstentum verlassen. Jeder, der sich mit ihnen einließ oder sie aus Mitleid unterstützte, wurde als Verräter gebrandmarkt und seiner Besitztümer beraubt. Wer der Ausweisungsanordnung nicht fristgerecht Folge leistete, konnte straffrei ausgeplündert und misshandelt werden. Als letzte Zwangsmaßnahme war der Scheiterhaufen vorgesehen. Die Waldenser folgten ihrem Herren, dem vom erleuchteten Christus, in Wort und Tat. Wie jener seiner Überzeugung bis zum Kreuz treu blieb, so ertrugen sie zu Tausenden lieber die Qualen der Gefängnisse, der Folterkammern und der Scheiterhaufen, als zu einem Glauben zurückzukehren, von dessen Verderbtheit sie überzeugt waren.“

Ingott hielt hier in ihrem Vortrag inne, um die Wirkung dieser Worte auf ihre Zuhörer zu erkennen. Die Dritte Menschheit hielt es für eine ihrer herausragenden Tugenden zu eigenen Überzeugungen ohne Rücksicht auf persönliche Folgen zu stehen; es sei denn, sie konnten widerlegt werden. Sie hatte mit ihrer Aussage ein Tabu gebrochen, indem sie die Ethik der Waldenser – also Angehörigen der Zweiten Menschheit – mit einer Grundüberzeugung der Dritten verglichen hatte. Die Festgemeinde verhielt sich jedoch völlig still. Offensichtlich mussten die Zuhörer diese ungewohnt differenzierte Bewertung eines Teils der Zweiten Menschheit erst verarbeiten.

Da die befürchteten Proteste ausblieben, fühlte sich Ingott in ihrem Vortragskonzept bestätigt. Sie fuhr ermutigt fort: „Verehrte Festgemeinde! Ich möchte mich nun den Katharern zuwenden. Unsere geschichtlichen Kenntnisse geben uns hier einen vertieften Einblick in die verruchten Methoden der Inquisition.

Der Name Katharer war der damaligen griechischen Sprache entnommen und bedeutet . Als Folge ihrer Aufspaltung und des Einflusses über eineinhalb Jahrtausende älterer Religionen auf ihre als christlich angesehenen Vorstellungen, ist ihre Lehre nicht von der eindeutigen Klarheit wie die der Waldenser. Wesentliche Elemente ihrer Lehre und ihres Lebens sind: Nicht Gott, sondern der Teufel ist der Schöpfer der Welt. Da daher alles Irdische böse ist, hat Christus keinen irdischen Leib. Ihm kommt nur eine traumhafte Bedeutung zu. Seine irdische Erscheinung soll den teuflischen Menschen erlösen. Bis die Vollkommenheit der Seele erreicht ist, kann es zu vielen Wiedergeburten in menschlicher und tierischer Gestalt kommen. Daraus ergibt sich ein Tötungsverbot. Da nicht Gott, sondern der Teufel der Weltenschöpfer ist, werden auch die Kirche und ihre Hierarchie, die Sakramente und der Eid verworfen. Die Katharer waren überzeugt, das Böse durch Askese überwinden zu können. ihrer Kirche lebten daher in Armut und im Zölibat und enthielten sich des Fleisch- und Weingenusses.

Auch wir sehen teuflische Eigenschaften der Zweiten Menschheit. Aber aus unserer Sicht ist schwer verständlich, weshalb gerade diese Religion mit ihrer teuflischen Weltsicht so viele Anhänger fand. Scharfsinnigen Geistern musste es auch schwer fallen, nur Christus eine traumhafte Bedeutung beizumessen. Dieser Gedanke ist der buddhistischen Vorstellungswelt entnommen. Dort wird aber allem, was uns als Realität erscheint, keine größere Bedeutung als einem Traum beigemessen. Buddhas ‚‘ ist durchaus im Einklang mit der bereits zitierten, über zweitausend Jahre später wissenschaftlich begründeten Erkenntnis Kants: Der Mensch kann das nicht erkennen. Auch Menschen voll Sinnen- und Lebensfreude muss dieser Glaube mehr abgestoßen als angezogen haben. Vielleicht war es die allgemeine Verderbnis und Bedrückung seitens der Kirche, die diesen Glauben zu einer ernsthaften Gefahr für das etablierte Christentum werden ließ. Im Glauben an die Worte Christi ‚‘ starben auf unserem Kontinent mehr Katharer als Märtyrer für andere Religionen. Zum Beispiel ließen sich – um das Jahr eintausend christlicher Zeitrechnung – im damaligen Goslar am Harz – Katharer lieber hängen als auch nur ein Huhn zu töten.

Die Katharer wurden verdammt und aus der Kirche ausgestoßen. Den weltlichen Obrigkeiten wurde befohlen, nicht nur gegen sie, sondern auch ihre Unterstützer vorzugehen. Die Verfolger glaubten dabei wahngewiss, wie auch bei allen anderen Ketzern, zum Wohl des Seelenheils der Verfolgten zu handeln. Da sich der Glaube trotzdem in ganz Europa ausbreitete, wurden erstmals Kreuzzüge nicht zur Befreiung des Heiligen Landes – dem Geburtsland des Religionsstifters Christus – von den , sondern auch zur Vernichtung von Menschen durchgeführt, die sich zu Christus bekannten.

Alle Täter standen unter dem Schutz der Kirche. Ein zweijähriger Ablass von allen Sünden wurde zugesagt und gefallenen Kriegern die ewige Seligkeit versprochen. Die Straflosigkeit zog natürlich auch Menschen an, die sich durch Raub, Plünderung und Betrug bereichern wollten. Ein Kreuzfahrer, der wegen Schulden verhaftet worden war, musste auf Geheiß der Kirche freigelassen werden. Die Verhaftung wurde als Angriff auf die Immunität der Kreuzfahrer durch Exkommunikation der verantwortlichen Obrigkeit und durch Gottesdienstverbot für ihr ganzes Land geahndet.

So war es kein Wunder, dass ein riesiges Kreuzfahrerheer zusammenkam, um die Stadt Bézieres von Ketzern zu befreien. Bevor ein für damalige Verhältnisse ungeheuerliches Blutbad angerichtet wurde, hatte der Bischof der Stadt vom päpstlichen Legaten die Erlaubnis erhalten, bei Auslieferung der namentlich bekannten Ketzer die Stadt zu verschonen. Katholiken und Katharer waren jedoch so freundschaftlich miteinander verbunden, dass solch ein Verrat abgelehnt wurde. Rasend vor Wut schwor der Legat, die Stadt mit Feuer und Schwert zu vernichten. Dieser Schwur ging in Erfüllung: Vom Kind in der Wiege bis zum Greis wurde nicht einer verschont. Tausende sollen allein in der Kirche Maria Magdalena umgekommen sein. Der Legat selbst gab die Zahl der Ermordeten insgesamt mit zwanzigtausend an. Andere Quellen sprechen von weit höheren Opfern.

Diese beispielhaft dargestellte Schandtat schien die Weltsicht der Katharer zu bestätigen. Für die Kirche war die Unterdrückung der katharischen Lehren letztlich der einzige Erfolg der Inquisition. Uns ist heute jedoch klar: Dieser Erfolg hätte sich bei einer Toleranz und Nächstenliebe praktizierenden Kirche von selbst eingestellt, da diese Lehre in solch einem Umfeld nicht hätte gedeihen können.

Aufgabe der Inquisition war die Unterdrückung jeglicher Ketzerei, auch diejenige von Einzelpersonen. Uns ist hierzu ein Dokument überliefert:



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