E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: HarperCollins
Römer Wellenwinter
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7499-5087-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-7499-5087-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wärmend wie ein Becher Weihnachtspunsch in der kalten Jahreszeit
Sanftes Wellenrauschen, glitzernde Schneeflocken und funkelnde Lichter. Auf Norderney hofft Marie nach einer Trennung Abstand von ihrem Leben daheim zu gewinnen. Als sie von einer kleinen Glasmanufaktur erfährt, erkennt die gelernte Glasbläserin, wie sehr der Beruf, den sie vor Jahren aufgeben musste, ihre Leidenschaft geblieben ist. Dass in der Manufaktur dringend Hilfe gebraucht wird, ist für Marie das größte Glück. Ganz in ihrem Element, kreiert sie filigrane Kunstwerke. Und auch in ihr Liebesleben kommt frischer Wind, als sie den attraktiven Arne kennenlernt. Doch die Begegnungen mit ihm verlaufen stürmisch. Kann sich Marie dennoch all ihre Träume auf der idyllischen Nordseeinsel erfüllen?
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Es war herrlich still hier draußen im Wald. Marie schaute sich um. Weiß, wohin sie schaute. In den letzten Jahren hatte die Landschaft um diese Zeit immer eher graugrün und trostlos ausgesehen. Dieses Mal allerdings versprach der Dezember eine wirklich stimmungsvolle Vorweihnachtszeit. Der Schnee knirschte unter Maries dicken Winterstiefeln. Sie hatte sich den roten Schal bis zur Nase hochgezogen, war in eine warme Daunenjacke gehüllt, trug weiche Wollhandschuhe und auf dem Kopf eine Pudelmütze. Die Zweige der Bäume wurden von der dicken Schneeschicht nach unten gedrückt, sodass der Weg ein wenig wie ein weißer Tunnel wirkte. Noch immer schneite es, und glitzernde große Flocken fielen lautlos zu Boden. Marie atmete die klare Winterluft tief ein – wunderbar! Sie nahm sich vor, heute noch den Adventskranz aufzubauen und ein paar ihrer Weihnachtskugeln ins Wohnzimmerfenster zu hängen. Sie hatte sie damals während ihrer Ausbildung zur Glasbläserin selbst geblasen und hielt sie in Ehren. Dieses Jahr war Marie auch ziemlich spät mit der Weihnachtsdeko dran, denn der erste Advent näherte sich schon. Dabei liebte Marie die Vorweihnachtszeit, und dass es sogar geschneit hatte, war wie die Kirsche auf der Sahnehaube ihrer ganz persönlichen Weihnachtstorte. Nach dem erfolgreichen Schmücken abends würde sie sich einen Glühwein mit frischen Orangen sowie lecker duftenden Zimtstangen kochen und sich dann auf dem Sofa einkuscheln. Ihr Geheimnis war eine Prise gemahlener Nelken. Die gaben dem Glühwein immer sein besonderes Aroma.
Marie streckte die Hand aus, und eine große Schneeflocke landete auf ihrer Handfläche, wo sie sofort zu einem feuchten Nichts schmolz. Niemand sonst war unterwegs. So früh am Morgen gehörte dieses Winterwunderland Marie ganz allein. Der See lag da wie ein Spiegel, ganz glatt. Die Stille, die über der Szenerie lag, gab es nur, wenn es so stark schneite wie in diesen Augenblicken, weil der Schnee jedes Geräusch schluckte. Marie liebte diese einzigartigen Momente, in denen die Natur scheinbar vollständig zur Ruhe kam.
Wo war eigentlich King Lui?
Suchend drehte Marie sich um. Der schokobraune Labrador trottete gelassen hinter ihr her. Ja, mittlerweile sah man ihm sein Alter an, es ließ sich nicht mehr leugnen. Er wurde behäbig, und aus dem wilden, verspielten Weggefährten war ein besonnener, gemütlicher Begleiter geworden.
»Na, komm, mein Großer!« Als Lui hörte, dass er angesprochen wurde, hob er den Kopf und wedelte mit dem Schwanz, um dann mit der exakt gleichen Behäbigkeit weiterzulaufen wie schon zuvor. Nachdem er Marie erreichte, drückte er seine Flanke gegen ihr Bein – eine klare Aufforderung dafür, dass es einer Kuscheleinheit bedurfte.
Marie kraulte ihm den Kopf. »Du bist mein Bester!«
Das Schwanzwedeln verstärkte sich noch. Lui schaute zu Marie auf. Seinem treuherzigen Blick hatte Marie noch nie etwas entgegensetzen können. Sie lächelte und streichelte ihn erneut.
»Na, komm«, wiederholte Marie und ging langsam weiter. Wenn man zu lange stand, wurde einem nur kalt. Es schneite nun mehr. Auf Luis braunem Rücken blieben die ersten Flocken liegen. Sicher sah Marie auch schon ein wenig aus wie ein Schneemann. Sie bückte sich und formte einen Schneeball.
»Schau, Lui! Möchtest du das Bällchen haben, hm?« Sie zeigte den Ball ihrem Hund, dann warf sie ihn zwischen die Bäume in den kleinen Wald, den sie gerade durchquerten. Lui schaute hinterher, bewegte sich aber kein Stück in die Richtung, in die Marie den Ball geschleudert hatte. Marie seufzte.
»Komm, ein bisschen gehen wir noch«, meinte Marie. Früher waren sie kilometerweit gelaufen – und das nicht nur im Flachen. King Lui war ein toller Bergsteiger gewesen, kein Gipfel war vor ihm sicher. Marie hatte ihn nach seiner Welpenzeit überallhin mitgenommen. Doch mit zwölf Jahren schienen diese Tage vorbei zu sein. Das war durchaus ein ordentliches Alter für einen Labrador. Trotzdem fiel es ihr schwer mit anzusehen, dass Lui langsam alt wurde.
Entspannt spazierte Marie weiter durch die zauberhafte Winterlandschaft und genoss die Ruhe, die das Schneegestöber mit sich brachte. Zu Hause würde es damit eh vorbei sein. Sie schaute auf die Uhr. Ein paar Minuten hatte sie noch, bevor sie und Lui umkehren mussten. Das war der Vorteil an ihrer Arbeit im Büro von Chris, ihrem langjährigen Lebenspartner: Es kam nicht darauf an, exakt pünktlich zu sein. Hauptsache, die Aufgaben waren am Ende des Tages erledigt. Für Marie war es wichtig, sich an den Vorteilen ihres Jobs festzuhalten, denn sie war fürwahr kein Papiertiger. Aber was tat man nicht alles für die Liebe? Deshalb saß sie in dem Zimmer über der Werkstatt, schrieb Rechnungen und Kostenvoranschläge, telefonierte mit den Kunden von Chris’ Schreinereibetrieb und kümmerte sich um die Lohnzahlung für seine drei Angestellten. Es war nicht ihr Traumjob, doch es war praktisch – und King Lui konnte immer mit.
Wieder blickte Marie sich nach ihrem Hund um. Der war mitten auf dem Weg stehen geblieben und schaute hinter ihr her. »Lui?«
Als Antwort bellte er kurz. Nur ein einziger kleiner Kläffer, doch Marie kannte ihren Hund gut genug, um zu wissen, dass er beschlossen hatte, den Spaziergang zu beenden. Sie seufzte und ging zu ihm zurück. »Was ist denn?«
Lui jaulte leise und schüttelte sich. Schneeflocken stoben nach allen Seiten davon.
»Sollen wir zurück zum Auto?«
Es war, als hätte Lui jedes von Maries Worten verstanden. Er drehte sich um und trottete los. Nicht gerade euphorisch, das nicht, aber zielsicher lief er den Weg entlang, den sie gekommen waren. Während sie auf den Wagen zugingen, konnte Marie ihre Fußspuren von vorhin kaum noch erkennen. Der Schnee breitete sich wie eine Decke über der Landschaft aus – auch auf die Windschutzscheibe von Chris’ Auto hatte sich schon eine dicke Schicht des zauberhaften Weiß gelegt.
»Na, komm. Du darfst ausnahmsweise neben mir sitzen. Aber wir verraten es nicht dem Herrchen, ja?« Der Wagen war ohnehin – als Handwerkerauto – nicht supersauber. Dennoch mochte Chris es nicht besonders, wenn der Hund vorn saß. Angeblich konnte er das riechen, allerdings nur in den Fällen, wo er definitiv wusste, dass Lui auf dem Beifahrersitz gethront hatte. Jenseits dieser Gelegenheiten war seine Nase deutlich unsensibler, vor allem wenn Marie noch ein Handtuch auf den Sitz legte – und das würde sie heute tun. Zum Glück hatte sie daran gedacht, sonst wären sie zu Hause leicht von den nassen Pfotenspuren zu überführen gewesen, und das wollte Marie vermeiden. Gewusst wie, dachte sie und grinste, während sie die Beifahrertür öffnete, das dicke Handtuch vom Boden im Fußraum nahm und auf dem Polster ausbreitete. Eigentlich müsste King Lui hinten in seiner Box Platz nehmen, doch die Fahrt dauerte nur ein paar Minuten, und er hasste die Hundebox wie die Pest. Noch dazu hatte Marie das Gefühl, dass ihm die Kälte überhaupt nicht bekam. Sobald sie die Heizung voll aufgedreht hätte, würde Lui bestimmt schnell warm werden.
»Hopp!« Marie klopfte mit der flachen Hand auf den Sitz. Schwerfällig hob Lui die Vorderpfoten, setzte zu einem kleinen Sprung an und verlor dabei das Gleichgewicht. Beherzt griff Marie zu und half ihrem Labrador hoch, der ihr dankbar über die Hand schleckte. Heute war wohl wirklich nicht sein bester Tag, stellte sie besorgt fest und strich ihm erneut über den Kopf. Morgen würde es sicher wieder besser sein, in letzter Zeit war öfter deutlich geworden, dass der Hund an körperlichen Einschränkungen litt. Es war aber dann immer wieder aufwärts gegangen.
Vorsichtig schloss Marie die Beifahrertür und stieg dann selbst ins Auto. Sie genoss einen weiteren Blick in Richtung des Sees, über dem das Flockenmeer fröhlich tanzte. Demnächst würde sie in die Berge gehen, beschloss sie. Es war wunderbar, in einer Almhütte am Kachelofen zu sitzen und dem Schneetreiben vor dem Fenster zuzuschauen. Laut Wetterbericht würde es noch die ganze Woche immer wieder schneien. Da hatte sie gute Chancen, sich mal ein paar Stunden nach Feierabend freizuschaufeln. Es war egal, wenn es dann dunkel wurde. Schlittenfahren machte auch am Abend noch Spaß. Das würde sie Chris nachher sofort vorschlagen. Wann hatten sie zuletzt zusammen etwas unternommen? In den letzten Wochen fanden sie neben der Arbeit und Chris’ Verpflichtungen als Fußballtrainer kaum noch Zeit für sich als Paar. Klar war Marie froh, dass die Schreinerei brummte und Chris mit seiner eigenen Werkstatt ordentlich verdiente. Aber die gute Auftragslage hatte zur Folge, dass Chris viel mehr Stunden in der Werkstatt verbrachte als sonst – und wenn er dann nach Hause kam, fiel er total erschöpft aufs Sofa. Sie vermisste die Phasen, in denen sie zumindest die Wochenenden freihatten und gemeinsame Stunden genießen konnten.
Doch womöglich, dachte Marie bei sich, war das nach so vielen Jahren auch normal. Jeder ging seiner Wege, man wurde selbstverständlich füreinander. Es war auch nicht so, dass sie überhaupt keine Zeit miteinander verbrachten. Schließlich sahen sie sich in der Arbeit und schliefen auch jede Nacht im selben Bett. Es waren viel mehr die Genussmomente, die ihr fehlten. Zum Glück hatte sie Lui und ihre Bücherwelten, in die sie floh, sonst hätte sie sich häufig einsam gefühlt.
Nach den Feiertagen, hatte Chris gesagt, würde es wieder besser werden. Im Augenblick arbeitete Chris an einem riesigen Bücherschrank mit Glastüren und sogar kleinen Schnitzereien für einen Kunden, der den Schrank seiner Frau zu Weihnachten schenken wollte. Hier im Chiemgau war das gar nicht ungewöhnlich. Es gab viele Kunden, die bereit...




