E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Ritzel Die 150 Tage des Markus Morgart
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-23497-3
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-23497-3
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Gesichter und Gestalten, überall. Als Kind habe ich sie zuerst im Muster der verblichenen Tapete über meinem Bett entdeckt, später im Wolkenhimmel. Gerne spähen sie aus dem noch kahlen Apfelbaum und tückisch aus den Weiden unten am Fluss. Zuweilen sind es keine Menschengesichter, sondern Tiergestalten. An einem verregneten Spätnachmittag, wenn ich ans Fenster trete und in eine Welt blicke, in der nicht Tag ist und nicht Nacht und in der es keine Farbe mehr gibt, sondern nur graue Bleistiftschraffur – da kann es geschehen, dass die Schraffur mir an einigen Stellen etwas heller zu sein scheint, als seien dort Silhouetten mehr angedeutet als ausgespart. Zum Beispiel die Silhouette eines Mannes, der gebückt auf einer Bank hockt. Oder ich glaube ein Tier zu erkennen, nein, nicht einfach ein Tier …
Es ist Hexe, die Hündin des alten Rektors Haeberlin, und sie will, dass ich mit ihr spazieren gehe. Da ist nichts weiter dabei, es muss nicht immer solche Komplikationen geben wie an jenem Abend Anfang März … muss ich die Jahreszahl angeben? Nein, sie wird sich von selbst erschließen. Ich hatte den ganzen Nachmittag und auch den Abend an einem Text gearbeitet, der von mir handelt und keine Bedeutung hat. Es muss den Tag über geregnet haben, aber als ich endlich aufstand, meinen Mantel anzog und hinüber zu Haeberlin ging, war die Regenfront weitergezogen. Dafür stieg Nebel auf. Kaum hatte ich geklingelt, öffnete der alte Rektor und Hexe drängte sich an ihm vorbei, so dass ich Mühe hatte, sie anzuleinen. Und erst, als wir das Grundstück verlassen hatten, hörte sie auf, mich hinter sich her zu zerren. Außer dem Hund und mir war niemand unterwegs, das Licht der Straßenlampen spiegelte sich auf dem nassen Asphalt, argwöhnisch folgten uns die Bewegungsmelder, bis wir schließlich das letzte Haus hinter uns ließen und auf den Weg einbogen, der zum Galgenbuck führt.
Dort ließ ich Hexe von der Leine. Im Wald gab es Stellen, an denen sie schon einmal eine Maus gefangen haben muss, und für alle Zeit ihres Hundelebens würden das die Plätze bleiben, an denen es Mäuse gibt. Und während sie ihr Revier durchsuchte, konnte ich für mich gehen, ohne von ihr hierhin gerissen zu werden oder dorthin. Das ist auch der Grund, warum ich Hexe so spät ausführte – um diese Zeit waren keine Jogger mehr zu befürchten und auch keine Spaziergänger, die mich zurechtweisen, der Hund gehöre an die Leine! Der Wanderweg verläuft nahe an einem steilen Abhang, der von schnellwachsendem Gehölz überwuchert ist. Nur ein einzelner Aussichtspunkt bietet freien Blick auf die Stadt Bruggfelden, zu der die Siedlung gehört, in der ich seit ein paar Jahren lebe.
Bruggfelden ist – oder war – eine kleine freundliche Stadt, man wollte dort nichts oder fast nichts von mir, außer meiner Steuererklärung. Am Tag konnte man vom Aussichtspunkt das Treiben auf der Hauptstraße beobachten, wer wo einparkte und wie lange er dazu brauchte, wer über die Straße zur Apotheke ging oder in den Laden für Haushaltswaren. Im Nebel, der die Lichter verschwimmen ließ, sah die Stadt mit ihren Türmen und spitzgiebligen Dächern an diesem Abend so weichgezeichnet aus, als wäre man dort geborgen.
Ein Windstoß fuhr durch den Wald und platschte mir Wassertropfen ins Gesicht. Ich holte die Mütze aus meiner Manteltasche und zog sie mir über den Kopf. Einige Meter vor mir schnürte die Hündin aus dem Unterholz und lief mir auf dem Weg voran, ohne sich nach mir umzusehen, ein kleiner gedrungener dunkler Schatten zwischen hohen kahlen Bäumen, deren Stämme sich schwarz gegen graue Nebelschwaden abzeichneten. Ich folgte ihr, wohl in Gedanken versunken, was immer das heißt, vermutlich ging mir der Text nach, an dem ich gearbeitet hatte.
Drohendes Knurren ließ mich aufschrecken. Der Hund? Das Knurren schlug in zorniges Gebell um. Fuß! schrie ich, hierher! Lauter sinnloses Zeug; wenn Hexe am Kläffen war, hielt sie nichts mehr, also rannte ich ihr nach und entdeckte sie vor einer der Sitzbänke, die der Fremdenverkehrsverein aufgestellt hatte, als es dort noch eine Aussicht gab und nicht nur wucherndes Gebüsch.
Auf der Bank saß eine einzelne Gestalt – ein Mann, soviel erkannte ich, dunkler Mantel, dunkler Hut, näher mochte ich ihn gar nicht betrachten, ich packte Hexe am Halsband, zog sie weg, leinte sie wieder an und entschuldigte mich wortreich, ich habe Sie leider nicht gesehen! Der Hund ist eher ängstlich und nicht wirklich gefährlich! Lauter dummes Zeug, das ich nur deshalb notiere, weil es so dumm ist, wie ich mich – auch im Rückblick – selber fühle. Warum zum Teufel ließ ich ein Tier frei laufen, das mir nicht gehorcht?
Der Mann auf der Sitzbank allerdings hob nur die Hand – abwinkend oder beruhigend – und murmelte etwas, das sich nach »Schon gut« anhörte, mir aber in den Ohren klang, als seien meine Entschuldigungsversuche diesem Menschen mindestens ebenso lästig wie das Hundegekläff.
Ich dankte für das Verständnis, das vermutlich keines war, und wünschte einen guten Abend, tatsächlich wünschte ich das, und ging weiter, die Hündin an der Leine, ärgerlich sowohl über den Vorfall als auch über den Stachel, den sich meine Gedanken beim Anblick des Mannes auf der Bank eingefangen hatten. Was hat dieser Mensch zu nachtschlafender Zeit auf einer regennassen Bank zu sitzen? Ein Schwächeanfall? Die Stimme hatte – nun ja, nicht gerade fest oder dröhnend geklungen, gleichgültig eben, man trompetet das ja nicht, dieses: .
Ich ging weiter, kehrte dann aber bald um, wobei ich es vermied, noch einmal an der Bank mit dem Mann im dunklen Mantel vorbeizukommen, und lieferte die Hexe schließlich wieder ab, alles halb in Gedanken, und halb in Gedanken nahm ich für diesmal auch des Rektors Einladung auf ein Glas Wein an. Was tust du da?, fragte ich mich, als ich dem kurzatmigen kugeligen Mann folgte, der barfuß in Filzpantoffeln vor mir her watschelte, aber ich wusste mir keine Antwort. Sein Wohnzimmer war ein von einer Deckenlampe wartesaalmäßig erleuchteter Raum, an dessen Wände bunte Kinderbilder gepinnt waren, fröhlich wie aufgespießte Schmetterlinge. Ich müsse seinen legeren Anzug entschuldigen, sagte Haeberlin und wies auf die gerade knielangen Hosen – seine geschwollenen Beine bräuchten es luftig! Wenn es nur irgendwann wieder besser würde mit den Beinen, dann könnte er auch wieder selbst den Hund ausführen!
Er war in der Küche verschwunden, ich sah mir die Bilder und Zeichnungen an der Wand an, eines in auffällig großem Format war offenbar eine Gemeinschaftsarbeit gewesen und zeigte eine gewaltige Kinderschar, die einem rundlichen Mann nachwinkt, der gerade das Schulgelände verlässt und der Sonne entgegen geht. »Das haben mir die Kinder zu meinem Abschied geschenkt«, sagte der Alte, als er mit Weinflasche, zwei Gläsern und einer Schachtel Chips zurückgekommen war. Vor zwölf Jahren sei das gewesen … Er entkorkte die Flasche und erklärte, es sei ein Rotwein aus der Region, gekeltert von einem seiner Schüler, der mit vierzig Jahren beschlossen habe, das einfache Leben eines Winzers zu wählen. Er schenkte ein, wir stießen an und wünschten uns Gesundheit, der Wein war eher herb und schmeckte – ach, ich bin kein Weinkenner, aber ich stellte mir vor, er komme aus einer kargen, sonnenverbrannten Landschaft.
»Respekt!«, sagte ich. »Aber glauben Sie wirklich, dass das Leben eines Winzers einfach ist? Erst recht, wenn einer das von Grund auf neu lernen muss.«
»Oh!«, meinte Haeberlin, »da hatte ich keine Sorge, nicht für Pascal – der hat sich immer sorgfältig vorbereitet. Das ist einer der unschätzbaren Vorteile, die man von einem gutbürgerlichen Elternhaus mitbringen kann, wenn ich das so sagen darf. Er hat dann auch ein brillantes Abitur hingelegt, auch wenn ich als sein alter Lehrer so etwas« – fast entschuldigend hob er die kleine, etwas wulstige Hand – »nicht gar zu sehr rühmen sollte! Aber brillant war es nun einmal, und alle waren wir gespannt, welche Karriere er einschlagen würde … Und was tut der junge Mann? Er wird Priester!«
»Also ein Arbeiter im Weinberg des Herrn?«, fragte ich und hielt das Weinglas gegen das Licht, als verstünde ich etwas davon. »Das passt doch!«
»Er war noch keine dreißig«, fuhr Haeberlin fort, »als er auf einen Lehrstuhl für dogmatische Theologie berufen wurde, stellen Sie sich das mal vor! Damals dachte ich, es dauert nicht lange, und wir sehen ihn im Vatikan oder als Bischof in Herrenmünster … Was haben Sie?«
»Nichts«, sagte ich. Mir war nur die Frage durch den Kopf gegangen, ob denn bereits die Zeit gekommen sei, in der ein Pascal in der katholischen Hierarchie würde aufsteigen können.
»Nun, nichts davon trat ein, von einem Tag zum anderen warf dieser junge Mann alles hin, das Ordinariat, seinen Glauben, trat aus der Kirche aus und schrieb atheistische Bücher, Gott sei tot und solches Zeug … Und als ihm auch das zu langweilig wurde, hat er sich auf den Weinbau verlegt … Aber warten Sie!«
Er erhob sich mühsam und ging zu einem altersschwarzen Bücherregal, wo er sich schnaufend zu schaffen machte und schließlich mit einem Stapel Fotoalben zurückkehrte. Die Alben enthielten Fotos ganzer Generationen von Schulkindern, zu Klassenaufnahmen zusammengetrieben oder auf Ausflügen und in Schullandheimen abgelichtet. Unter den Bildern waren in sorgfältiger Handschrift Klasse, Jahrgang und der Anlass vermerkt. Eine bereits leicht ausgebleichte Farbfotografie, auf die der Rektor deutete, stammte aus einer Zeit, in der die Buben lange Haare tragen durften und das auch taten, unter ihnen das blonde wohlfrisierte Oberklassenkind Pascal, das in der letzten Reihe der...




