Ritter In Adelskreisen - Folge 44
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0230-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Tränen der reichen Braut
E-Book, Deutsch, Band 44, 64 Seiten
Reihe: In Adelskreisen
ISBN: 978-3-7325-0230-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'Wir brauchen kein Hochzeitsmenü, die Hochzeit mit Leonhard von Sassenau findet nicht statt!' Kühl und unpersönlich kommen diese Worte über Ricarda Hellers Lippen, und doch - wie viel Kummer und Tränen verbergen sich dahinter! Gewiss, Ricarda ist schön und reich, die Besitzerin des Grandhotels, aber gerade das macht sie so angreifbar und verletzlich. Mit den Jahren hat Ricarda einen Schutzwall um sich errichtet, den die Menschen ihrer Umgebung schlicht als Hochmut bezeichnen. Dabei sehnt sich ihr so oft enttäuschtes Herz nach einem Menschen, der sie uneigennützig um ihrer selbst willen liebt ...
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»Herein!«, rief Ricarda Heller und hob den Kopf von den Papieren, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen. »Guten Morgen«, wünschte Oberkellner Frank Behlmer und verneigte sich devot. »Guten Morgen«, gab die entzückende junge Dame zurück und unterschrieb einen Brief. »Was wollen Sie?« »Es handelt sich um das Menü, gnädiges Fräulein.« Der Oberkellner war ein Mann, den so leicht nichts aus der Ruhe brachte, aber vor seiner jungen Chefin fühlte er sich klein und befangen. Dabei war sie alles andere als einschüchternd, die Besitzerin des Grandhotels. Nur wenn sie jemanden anschaute mit ihrem kühlen, unpersönlichen Blick, dann allerdings wirkte sie einschüchternd. »Was für ein Menü?« Ricarda Heller trommelte mit den Fingerspitzen ungeduldig auf den Schreibtisch. Sie hasste Umständlichkeit, denn ihre Zeit war kostbar. »Ihr Hochzeitsmenü, gnädiges Fräulein.« Ricarda schaute den Oberkellner einen Moment an, als wisse sie gar nicht, wovon er sprach. »Wir brauchen kein Hochzeitsmenü«, erwiderte sie dann knapp. »Die Hochzeit findet nicht statt.« »Aber …« Unwillkürlich schüttelte Frank Behlmer den Kopf. Die junge Chefin hatte ihnen schon einiges geboten, aber das hier ging entschieden zu weit. »Aber die Gäste … die Einladungen sind verschickt …« Die junge Dame lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme. »Ich habe alles abgesagt, lieber Behlmer.« »Wie gnädiges Fräulein wünschen«, stammelte der Mann. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Seit Wochen war die bevorstehende Hochzeit der jungen Dame mit Arno von Korten nicht nur Thema eins im Grandhotel, sondern die ganze Stadt nahm Anteil an diesem Ereignis. Und fast einstimmig war man der Ansicht, es würde auch allerhöchste Zeit, dass Fräulein Heller unter die Haube kam. Sie brauchte einen Mann, der ihren Hochmut zügelte und ihr ab und zu einen kleinen Dämpfer aufsetzte. Ihr Reichtum war ihr zu Kopf gestiegen, das war die einhellige Meinung aller Menschen, die Ricarda Heller nicht gut kannten. Und es gab kaum einen Menschen, der Ricarda Heller gut kannte. Sie ließ niemanden an sich heran, blieb stets reserviert, und es schien nichts zu geben, was sie innerlich berührte. »Es tut mir leid, gnädiges Fräulein«, murmelte Behlmer. Wahrscheinlich hatte Herr von Korten sich im letzten Moment zurückgezogen. Übelnehmen konnte man es ihm nicht, fand Frank Behlmer. Ricarda Heller war zwar eine ungewöhnlich aparte Erscheinung, in die jeder Mann sich auf Anhieb verliebte. Aber bei keinem Mann hielt dieses Gefühl an, wenn er sie näher kennengelernt hatte. Ricarda Heller hatte kein Herz. »Danke«, gab die junge Dame zurück. »War sonst noch etwas, Behlmer?« Er verneigte sich eckig und ging rasch hinaus. Erst auf dem Flur atmete er tief durch, weil er den Eindruck hatte, in Gegenwart seiner Chefin einfach nicht genügend Luft bekommen zu haben. Und dann grinste er, als er richtig begriff, was geschehen war. Fräulein Heller war sitzen gelassen worden, und er gönnte es ihr, gönnte es ihr von ganzem Herzen. Es würde diesem hochmütigen Ding eine Lehre sein, und vielleicht kam sie jetzt auch ein bisschen von ihrem hohen Ross herunter. Viel Hoffnung hatte Behlmer allerdings nicht. Die junge Dame, von der hier die Rede war, saß hinter ihrem Schreibtisch, aber sie arbeitete nicht. Nur wenn sie allein war und sich unbeobachtet wusste, zeigte sie ihr wahres Gesicht. Es war das Gesicht einer müden jungen Frau, der die Verantwortung für die übernommene Aufgabe manchmal einfach zu viel wurde. Ricarda schaute vor sich hin, und obwohl ihr Blick dabei auf dem Angebot einer Besteckfirma ruhte, sah sie nichts. Nicht einmal das Gesicht des Mannes, den sie in drei Wochen hatte heiraten wollen. Arno von Korten … Ein Name für sie, nicht viel mehr. Und doch eine weitere Enttäuschung in ihrem an Enttäuschung nicht gerade armen Leben. »Einen wunderschönen guten Morgen.« Die Tür zu Ricardas Zimmer wurde schwungvoll geöffnet. Der junge Mann warf sie ebenso achtlos hinter sich zu und eilte durch den Raum, die Hände vorgestreckt. »Und mein armer kleiner Liebling sitzt hier und muss bei dem herrlichen Wetter arbeiten!« Er packte Ricardas Oberarme und zog die junge Dame vom Stuhl hoch. »Den ganzen Vormittag habe ich mich darauf gefreut, dich zu sehen«, gestand er mit vibrierender Stimme. »Wie schön du wieder aussiehst! Hast du meine sehnsüchtigen Gedanken gespürt? Ich kann es gar nicht mehr abwarten, dass du mir endlich ganz gehörst.« Er wollte Ricarda küssen, aber die junge Dame bog den Kopf zur Seite, sodass seine Lippen nur ihre Wange trafen. Der Mann war nicht gekränkt, sondern lachte nur verhalten. »Wie scheu du bist«, sagte er leise. »Hör auf mit dem Theater!« Ricardas Stimme klang sehr kühl und fast gleichgültig. »Wir werden nicht heiraten! Ich habe die Hochzeit abgesagt.« »Was hast du?« Der Mann schüttelte den Kopf. »Deine Scherze entbehren jeglichen Humors. Nun lach schon!« Erneut versuchte er, sie an sich zu ziehen. Er wusste, was er als Mann wert war. Die Frauen hatten es ihm oft genug gesagt. Allerdings seine künftige Frau noch nicht. Ricarda war von Anfang an kühl und zurückhaltend gewesen, und eine ganze Weile hatte Arno von Korten ihre Haltung imponiert. »Ich habe die Hochzeit abgesagt«, wiederholte Ricarda geduldig, und beim Sprechen nistete sich wieder dieses überhebliche Lächeln um ihre Mundwinkel ein. »Verstehst du plötzlich kein Deutsch mehr?« »Ich verstehe dich nicht«, knurrte der Mann. »Was soll der Unsinn?« »Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass du nicht der richtige Mann für mich bist, das ist alles. Die Absagekarten habe ich in Druck geben lassen. Sie werden heute Nachmittag geliefert. Du brauchst dich um nichts zu kümmern, mein Büro erledigt alles.« »Du sprichst, als meintest du es ernst«, murmelte Arno von Korten. »Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Ich liebe dich.« »Du brauchst es nicht mehr zu sagen, ich glaube dir doch nicht.« »Warum nicht?«, fragte der Mann naiv. »Weil ich weiß, dass ich dir nichts bedeute. Müssen wir wirklich darüber sprechen?« »O ja, allerdings. Ich habe ein Recht darauf, deine Gründe zu erfahren. Was wirfst du mir vor?« Ricarda zuckte die Schultern. »Wenn du darauf bestehst … Ich hatte allerdings gehofft, du würdest dir und mir die Peinlichkeit einer unnötigen Auseinandersetzung ersparen. Du betrügst mich.« »Wer behauptet das?«, knirschte der Mann. Er ballte die Hände zu Fäusten. »Nenne mir den Namen – ich werde den Schuft zur Rechenschaft ziehen.« Ricarda betrachtete ihn interessiert. Und dann lächelte sie amüsiert. »Hör doch endlich auf, Theater zu spielen! Wir wollen keine Tragödie daraus machen. Ich bin nun einmal nicht bereit, einen Mann mit anderen Frauen zu teilen. Das ist sehr unmodern, ich weiß, aber ich kann einfach nicht aus meiner Haut heraus.« »Aber das ist doch alles Lüge und Verleumdung. Ich liebe dich, Ricarda, auch wenn du aus Eis zu bestehen scheinst. Ich werde das Eis schon schmelzen. Warte nur, bis wir verheiratet sind. Du hättest mir schon vorher erlauben sollen …« »Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe«, erklärte sie gelassen. »Sie heißt Betty. Ich kann dir auch sagen, wo sie wohnt, aber das weißt du besser als ich. Glaube nicht, ich sei eifersüchtig. Meinetwegen kannst du tun und lassen, was du willst. Du musst nur verstehen, dass ich nicht bereit bin, einen Mann zu heiraten, der mich schon vor der Ehe betrügt.« »Wäre es dir lieber, ich hätte damit bis nach der Hochzeit gewartet?«, knurrte Arno. »Die Geschichte mit Betty – gut, ich gebe zu, dass … aber sie hat überhaupt nichts zu bedeuten. Sie ist ein kleines, dummes Ding – überhaupt nicht mit dir zu vergleichen. Ehrlich, du hast ein ganz anderes Format, du bist wer.« »Nun, diese Dame scheint immerhin ihre Qualitäten zu besitzen, sonst hättest du sie nicht mit deiner Gunst beehrt«, meinte Ricarda mit feinem Lächeln. Der Mann zog ein Taschentuch und tupfte sich den Schweiß vom Gesicht. »Du bist eifersüchtig«, sagte er dann. »Also, das hätte ich nicht für möglich gehalten, Kleines. Und dann noch auf solch ein unbedeutendes Geschöpf wie Betty.« Er glaubt tatsächlich, was er sagt, schoss es Ricarda durch den Kopf. Viel fehlte nicht und sie hätte laut gelacht. »Ich verspreche dir, mit Betty Schluss zu machen. Ich wollte sie sowieso nicht wiedersehen. Du musst verstehen, dass ich … ich bin nun einmal ein Mann, Ricarda. Und wärest du nicht so spröde gewesen …« »Du wolltest nicht auf mich warten. Die paar Monate waren dir zu viel. Und das nennst du Liebe? Es tut mir leid, Arno, aber wir passen einfach nicht zusammen. Ich muss dich um Entschuldigung bitten, dass ich es erst jetzt bemerkt habe. Gott sei Dank ist es noch nicht zu spät.« »Du willst mich abschieben. Aber bilde dir nicht ein, du könntest mich so billig loswerden. Wofür hältst du dich eigentlich? Glaubst du, du wärest etwas ganz Besonderes?« Ricarda schaute auf den kostbaren Teppich. »O nein«, gestand sie leise, »das glaube ich nicht. Ich habe...