Ritchie / Sherrill | Rückkehr von morgen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 100 Seiten, PB, Gewicht: 128 g

Ritchie / Sherrill Rückkehr von morgen


23. Auflage 1994
ISBN: 978-3-86827-786-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 100 Seiten, PB, Gewicht: 128 g

ISBN: 978-3-86827-786-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Kriegsjahr 1943 stirbt der angehende Armeearzt George Ritchie an den Folgen einer Grippe.
Und kehrt ins Leben zurück.
Seine Reise in die unsichtbare Welt dauert nur wenige Minuten. Doch was er dort sieht und erlebt, revolutioniert sein "zweites Leben": Als lebenshungriger junger Mann, der mit dem christlichen Glauben nichts am Hut hat, steht er Christus gegenüber. Nichts bleibt, wie es war.
Ein Augenzeugenbericht von den "letzten Dingen", die diesen Namen nicht verdienen.
Sie sind der Auftakt zum wahren Leben.

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Kapitel 1

Ich kam frühzeitig in mein Büro. Ich war gern ein paar Minuten allein, bevor der erste Patient kam. Mein flüchtiger Blick glitt durch den leicht verdunkelten Raum: der Schreibtisch, die bequemen Sessel, das gelbe Sofa vor dem Fenster. Als Psychiater war ich mit der Praxis sehr zufrieden. In den vergangenen 13 Jahren hatte ich als praktischer Arzt gearbeitet, und ich hatte oft den Eindruck gehabt, dass ich nur die Einzelteile einer Person behandelte, dass ich es mehr mit Krankheitssymptomen zu tun hatte als mit der Krankheit selbst. Im Krankenhaus von Richmond, Virginia, wo ich praktizierte, hatte ich, wie es in jedem großen modernen Krankenhaus der Fall ist, keine Zeit, meine Patienten als Menschen kennenzulernen; keine Zeit, auf die Fragen zu hören, die im Sprechzimmer unausgesprochen blieben.

Darum ging ich mit 40 Jahren zurück zur Schule. Es war mir nicht leicht gefallen, meine Frau darum zu bitten, Richmond zu verlassen und nach Charlottesville zu ziehen: unsere beiden Kinder mussten die Schule wechseln, ich musste meine Position als Vorsitzender der „Richmond Akademie praktizierender Ärzte“ aufgeben und für mehrere Jahre zurück ins Studium gehen. Aber in den zwölf Jahren, die seit jener Entscheidung vergangen sind, bin ich manches Mal glücklich darüber gewesen und niemals mehr, als in diesem stillen Augenblick am Anfang dieses Tages.

Ich schlug den Terminkalender vor mir auf und sah die Eintragungen des heutigen Tages durch. Mildred Brown. Peter Jones. Jane Martin.* Dort hielt mein Finger an.

Mein erster Patient nach dem Mittagessen war Fred Owen. Ich hatte vergessen, dass er gestern aus der Universitätsklinik entlassen worden war. In der vergangenen Woche hatte ich den Bericht von Freds Arzt per Telefon erhalten – „Lungenkrebs mit Metastasen auf dem Wege zum Gehirn“ –, aber ich hatte es schon gewusst. Fred würde an Lungenkrebs sterben. Ich hatte es schon im September vermutet, vor fünf Monaten, als er mich zum ersten Mal mit Symptomen verschiedener Depressionen aufgesucht hatte. Die Depressionen, der trockene Husten, das Kettenrauchen während der Sprechstunde, all dies ließ mich aufhorchen. Darum hatte ich um einen Termin gebeten, um hier in Charlottesville eine vollständige Untersuchung an der Universitätsklinik von Virginia vornehmen zu lassen.

Doch Fred hatte sich offensichtlich nicht an den Termin gehalten. Als ich vor drei Wochen diesen Verdacht schöpfte, untersuchte ich ihn kurzerhand in meinem Sprechzimmer. Ich hatte zwar nicht alle erforderlichen Instrumente, doch mit dem Stethoskop hatte ich genug gehört. Danach hatte er in der Universitätsklinik eine Serie von Tests und Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Aber all das geschah mehr um Freds willen, als dass es noch irgendeinen Zweifel an dem Befund gab.

Und nun, um 13 Uhr, würde er erscheinen. Wie konnte ich ihm helfen, der furchtbaren Tatsache seines eigenen Todes entgegenzusehen? In den vergangenen Monaten hatte er beachtliche Fortschritte gemacht, aber er hatte noch solch einen langen Weg der Erkenntnis vor sich. Was er eigentlich dringend brauchte, war Zeit. Und genau die hatte Fred nicht mehr.

Und nach alldem, was er im Leben erreicht hatte, würde er als Mitte-Vierziger die Nachricht vom unheilbaren Krebs als ein absolutes Nein dazu empfinden. Die Diagnose würde genau das unterstreichen, was er als Neurotiker stets behauptete; nämlich, dass diese Welt und jedermann in ihr sich seit seiner Geburt gegen ihn verschworen hatten. Das Problem war, diese seine Sicht war noch nicht einmal so verkehrt. Angefangen bei einer Mutter, die ihn abgelehnt hatte, über eine Reihe unbeständiger Pflegeeltern bis hin zu einer Anzahl Vorgesetzter, die ihn ausgenutzt hatten, und eine unglückliche Ehe; er hatte kaum etwas anderes kennengelernt als kranke Verhältnisse. Die Entdeckung gesunder Menschen war unser Ziel gewesen. Mit einem Vorschuss an Vertrauen in meine Person hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben nach einer echten Freundschaft ausgestreckt. Und jetzt sollte er sterben! Der letzte Vertrauensbruch stand vor der Tür, der abschließende Beweis dafür, dass das Leben von Anfang an gegen ihn gespielt hatte.

An jenem Morgen kehrten meine Gedanken zwischen den anderen Sprechstundenbesuchen immer wieder zu Fred zurück. Zur Mittagszeit hatte ich mir ein Sandwich auf mein Zimmer bestellt und aß es in Eile am Schreibtisch, für den Fall, dass er früher kommen sollte. Es wurde 13 Uhr, und es wurde 13.15 Uhr, ohne dass Fred erschien. Es wurde schließlich 13.35 Uhr, und zum ersten Mal in fünf Monaten kam er zu spät zur Sprechstunde.

„Ich werde Sie nicht mehr bezahlen können“, sagte er, noch bevor er sich setzte. „Ich habe heute Morgen gekündigt. Diesen Halsabschneidern habe ich in aller Deutlichkeit gezeigt, was ich von ihnen halte! Sie wollten, dass ich bleibe, bis sie für mich Ersatz gefunden haben, aber warum sollte ich noch irgendetwas für sie tun?“

„Vier Monate geben mir die Ärzte noch!“, fuhr er fort und warf sich mit einem Ton in den Sessel, der wohl wie ein Lachen klingen sollte. „Welch ein Witz, ha, Doktor? All das Wühlen in der Vergangenheit, damit ich es in der Zukunft besser habe – nur, ich werde keine Zukunft mehr erleben. Besprechen Sie die Probleme mit meiner Mutter, reden Sie mit meiner Frau – alles andere ist jetzt reine Zeitverschwendung, ha!?“

„Im Gegenteil“, sagte ich zu ihm. „Jetzt ist es dringlicher als je zuvor. Ihre Zukunft hängt mit der Klärung Ihrer Verhältnisse zusammen. Mehr als Sie vermuten.“

Er starrte mich an. Seine wunden Augen waren schrecklich anzusehen. „Meine Zukunft?“, wiederholte er. „Ich sagte Ihnen doch gerade, sie geben mir vier Monate, und das bedeutet womöglich vier Wochen, denn die Ärzte lügen doch, wie alle anderen auch. Offen gesagt, ich glaube nicht, dass es das alles wert ist.“

„Ich spreche nicht über vier Monate oder vier Wochen oder 40 Jahre. Ich spreche über die Zukunft, für die es kein Maß gibt.“

Vor seinen weit geöffneten Augen ging ein Rollladen herunter. „Meinen Sie ,Himmel und Hölle‘ oder diesen Kram? Lassen Sie sich was Besseres einfallen, Doktor!“

Er versuchte, seinen bewussten „Der-Teufel-kann-mich-mal“-Ton durchzuhalten, aber ich konnte feststellen, dass ich ihn verärgert hatte. Unser Verhältnis zueinander war über Wochen langsam aufgebaut worden mit dem Zugeständnis, dass ich ihm nichts vormachen würde. Das war von größter Bedeutung. Er sagte oft, dass ich der erste Mensch sei, der niemals versuche, ihn zu betrügen.

„Von allen anderen hätte ich das erwartet, aber nicht von Ihnen! Wenn ich etwas über den Quatsch hören wollte, dass der Tod nicht das Ende ist, dann wäre ich zu einem Priester gegangen. Sie versprechen einem Flügel und eine Harfe und was man sonst noch wünscht, wenn die Spende groß genug ist.“

Ich holte tief Luft und rang nach den richtigen Worten – oder wenigstens nicht nach den falschen. Ich wusste genug über Freds frühere Lebensgeschichten, um zu verstehen, dass alles annähernd Religiöse kein Thema für ihn war. Die schlimmsten der drei Pflegeeltern, bei denen er gelebt hatte, waren fromme Kirchgänger gewesen, die daran glaubten, dass sie die Widerspenstigkeit aus dem zurückgezogenen kleinen Jungen herausschlagen könnten.

„Ich weiß nichts von Harfen und Flügeln“, erwiderte ich. „Ich kann Ihnen nur erzählen, was ich persönlich beobachtet habe, nachdem ich ...“

Hier brach ich ab aus Angst vor dem gefährlichen Wort, das eine Brücke des Vertrauens abreißen konnte, die zwischen uns entstanden war. „Nachdem ich gestorben war“ – das war’s, was ich hatte sagen wollen. Aber hier saß ein Mann, der oft belogen worden war. Wie konnte ich ihn an dem Wendepunkt meines Lebens teilhaben lassen, ohne dass ich ihm wie der größte Lügner von allen vorkam?

„Fred“, begann ich zögernd, „die Ärzte hatten mich auch einmal aufgegeben. Ich wurde für tot erklärt – das Betttuch wurde über meinen Kopf gezogen. Die Tatsache, dass ich nach zehn Minuten oder so ins Leben zurückkam, um noch eine Zeit auf dieser Erde zu sein, ist für mich nur ein Nebenprodukt einer viel größeren Geschichte. Es ist diese großartige Geschichte, Fred, die ich Ihnen gern erzählen möchte.“

Fred nahm eine neue Schachtel Zigaretten heraus und zündete sich mit zitternder Hand eine davon an. „Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen glaube, Sie hätten in eine Art zukünftiges Leben hineinsehen können? Das wollen Sie mir doch damit sagen, oder? Ist doch nicht schlimm, dass dieses Leben ein elender Schwindel ist, im nächsten wird dann alles rosig sein?“

„Ich erwarte nicht, dass Sie etwas glauben. Ich möchte Ihnen nur ganz einfach erzählen, was ich glaube. Und ich habe keine Ahnung, wie das nächste Leben sein wird. Was ich auch immer sah, es war sozusagen von der Türschwelle aus. Aber es war genug, um mich von diesem Augenblick an ganz und gar von zwei Tatsachen zu überzeugen. Erstens, dass unser Bewusstsein mit dem körperlichen Tod nicht aufhört, dass es in Wirklichkeit schärfer und noch bewusster als je zuvor wird. Zweitens, dass es ungeheuer wichtig ist, viel mehr, als wir annehmen, wie wir unsere Zeit auf der Erde zubringen und welche menschlichen Beziehungen wir aufbauen.“

Einige Minuten war Fred zu wütend, um mir ins Gesicht zu sehen.

„Wenn Sie so krank waren, wie Sie behaupten“, fragte er, die Augen auf den grünbraunen Teppich gerichtet, „woher wollen Sie dann wissen, dass Sie nicht im Delirium waren?“

...



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