Ristikivi | Die Nacht der Seelen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 370 Seiten

Ristikivi Die Nacht der Seelen


Erste Auflage
ISBN: 978-3-945370-90-2
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 370 Seiten

ISBN: 978-3-945370-90-2
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Karl Ristikivi (1912-1977) ist einer von Tausenden Esten, die 1944 vor den Sowjets in den Westen flohen. Bis zu seinem Tod lebte er in Stockholm. 'Die Nacht der Seelen' erschien 1953, ein existenzialistischer Exilroman mit surrealistischen Zügen, der seine persönliche Lebenssituation aufgreift. Der Ich-Erzähler, Ristikivis Alter Ego, betritt in der Silvesternacht ein offenstehendes Haus aus Neugier und in der Erwartung, dort Gesellschaft und Unterhaltung zu finden. Schnell wird aber klar, dass der Weg immer tiefer in das Haus hinein auch ein Weg in das eigene Innere, in die eigene Geschichte ist. Plötzlich fällt der Strom aus - es muss ein Verbrechen passiert sein. Der Prozess, der anschließend abgehalten wird, fokussiert aber gar nicht so sehr das mögliche Verbrechen, sondern richtet den Blick vielmehr auf das Menschenleben an sich und die Verfehlungen des Ich-Erzählers im Besonderen. Meisterhaft versteht es Ristikivi, uns Leser mit Spannung und einer existenziellen Verunsicherung wie den Protagonisten immer tiefer in das Buch hineinzuführen. Von Raum zu Raum, von Szenerie zu Szenerie, von Begegnung zu Begegnung wandeln wir durch das rätselhafte Haus und kommen doch nur bei uns selbst an. 'Die Nacht der Seelen' ist ein widerspenstiger und tiefgreifender Roman über eine existenzielle Einsamkeit, aber auch ein Buch über das Schreiben, die Kunst und über die Schöpfungskraft der Phantasie. Maximilian Murmanns Übersetzung legt mit klarer und präziser Sprache den Blick auf einen Text frei, der alles zeigt und freimütig erzählt und der uns Leser dennoch wie ein scharfkantig funkelnder Spiegel auf uns selbst zurückwirft.

Karl Ristikivi (1912-1977) wurde als Sohn einer Dienstmagd in Uue-Varbla, Livland, geboren. Nach der Grundschule in Varbla besuchte er bis 1930 eine Handelsschule in Tallinn (damals Reval) und studierte anschließend Geographie an der Universität in Tartu. Nebenbei schrieb er Geschichten und Erzählungen, die in estnischen Zeitungen veröffentlicht wurden. Bekannt wurde er durch seine Kinderbücher und Familienromane, die als 'Tallinner Trilogie' zusammengefasst werden können. Während der zweiten sowjetischen Besetzung 1944 floh Ristikivi aus seinem Heimatland nach Schweden und lebte dort als Exilschriftsteller bis zu seinem Tod 1977. Er schrieb weiterhin Prosa und Romane und schloss mit dem 1953 erschienenen Roman 'Die Nacht der Seelen' an die literarische westliche Moderne an.
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Christian Morgenstern

Ich fürchte, mein Blick war eher erschrocken als überrascht, denn es erschien mir wie ein böses Omen, dass hier jemand meinen Namen kannte. Doch es war lediglich der ältere Herr mit den grauen Haaren, den ich vorhin am Tisch gesehen hatte, wo er während des Abendessens nur Milch und Baguette zu sich genommen hatte. Ich hatte mich also nicht getäuscht, dass er mir zugenickt hatte.

»Ich habe Sie gerade gesucht. Ich dachte, dass Sie vielleicht Interesse hätten, Pastor Roth zu treffen.«

Pastor Roth? Der Name war mir fremd, aber ich hatte dennoch das Gefühl, dass mir die Person irgendwie bekannt vorkam. Der ältere Herr nahm meinen angespannten Gesichtsausdruck zur Kenntnis und lieferte umgehend eine Erklärung.

»Sie haben sicher gelesen?«

»Ich habe es durchgeblättert.« Was soll ein Mensch mit all den Büchern machen, die einem so freundlich empfohlen und manchmal sogar ausgeliehen werden, die er aber aus dem einen oder anderen Grund nie zu lesen schafft?

»Er ist der wahre Autor des Buches. Er schreibt selbstverständlich unter Pseudonym, was nur einem kleinen literarischen Kreis bekannt ist. Doch diese Vorsicht ist natürlich vollkommen unnötig, denn die Zeiten sind längst vorbei, in denen die Schafsherde in Panik geriet, wenn ihr Hirte solche Bücher schrieb.«

»Ich weiß nicht, ob das Buch etwas Besonderes ist. Mir kam es eher zu gewöhnlich vor. Selbst dass der Autor ein Pastor ist, dürfte heute nichts Besonderes mehr sein.«

»Haben Sie denn etwas Besonderes erwartet?«, fragte er, wie mir schien, spöttisch. Aber es konnte kein böswilliger Spott sein, denn im nächsten Moment nahm er mich väterlich am Arm und führte mich zur nächsten Tür. Der Raum, den wir betraten, erinnerte an einen Klubraum nach einer langen Nacht, voller Qualm und verbrauchter Luft. Eine Gesellschaft von rund zwanzig Menschen hatte sich um einen Herrn mittleren Alters auf einem massiven Stuhl versammelt, dem einzigen im gesamten Raum, und seine hohe Rückenlehne war mit Holzschnitzereien verziert. Die anderen saßen entweder auf der Tischkante, auf Hockern oder standen herum. Sie waren derart in die Diskussion vertieft, dass sie unser Eintreten gar nicht bemerkten. Der ältere Herr blieb mit dem Rücken an die Tür gelehnt stehen, so als wären keine weiteren Gäste zu erwarten gewesen, und ich stellte mich neben ihn an die Wand, wo zu meiner Linken ein großgewachsener und äußerst schlaksiger junger Mann mit Brille stand.

Ich erkannte Pastor Roth sofort – sofern er es war, der auf jenem mittelalterlichen Thron saß. Es war der gleiche Mann, der während des Konzerts neben mir gesessen hatte, der ungelenke und spröde Herr im Smoking. Sein kahles, scharf konturiertes Haupt ließ mich an eine kolossale Tonsur denken, es glänzte und hatte eine gelbliche Farbe, wie altes Elfenbein. Sein Gesicht war von zahllosen Falten durchzogen, sodass die eigentlichen Gesichtszüge in dem Dickicht untergingen. Dabei konnte er nicht besonders alt gewesen sein. Ich habe einmal während eines Traumesmein eigenes Gesicht auf diese Weise im Spiegel gesehen, aber ich kann dennoch nicht sagen, dass Pastor Roth mir deshalb sympathisch gewesen wäre.

Pastor Roth führte gerade das Wort. Seine Stimme war klanglos, aber stark und irgendwie mechanisch, seine Bewegungen waren steif und trotzdem bedacht, beinahe französisch. Es war allein schon seine Stimme, die zum Widerspruch herausforderte.

»Aber wie können Sie sich so sicher zu etwas äußern, von dem Sie selbst zugeben, nichts zu wissen.«

Das Lachen, das darauf folgte, war weder zustimmend noch besonders anerkennend. Ein recht junger Mann, der zu seinem grauen, zerschlissenen Anzug einen schwarzen, fleckigen Bart und ein feuerrotes Seidenhemd trug, sagte mit unerwartet sanfter Stimme:

»Das ist lediglich ein sophistischer Trick. Schon Sokrates sagte: Ich weiß, dass ich nichts weiß, und Sie wollen doch nicht behaupten, dass er Unsinn redete.«

»Nein. Denn er wusste tatsächlich nichts. Soll heißen, er wusste so viel, wie man zu jener Zeit wissen konnte, über das Diesseits. Aber er wusste nichts über das Jenseits, er konnte es auch nicht wissen.«

»Aber Sokrates …«, setzte ein anderer junger Mann an, ein äußerst eleganter mit Locken, der auf der Tischkante saß, als würde er für eine Fotografie posieren.

»Hören wir auf mit Sokrates – Sokrates ist bloß eine historische Figur, die aus irgendeinem Grund kindisch überschätzt wird, so als hätte er auch unserer Zeit etwas zu sagen. Genauso wie Aristoteles, der glaubte, dass Frösche aus Schlamm entstehen.«

»Ist die Schöpfungsgeschichte der Bibel besser?«, fragte der junge Mann mit Bart.

»Wir kommen vom Thema ab, wenn wir uns mit allen geistreichen Nebenbemerkungen befassen müssen. Bleiben wir besser bei dem Thema, mit dem das Gespräch begonnen hat – meine Werke, mit denen Sie nicht ganz zufrieden zu sein scheinen.«

»So ist es! In Ihrem Weltbild, so wie es sich in Ihren Werken äußert, ist der Begriff von Gott nur ein Etikett, was zudem das künstlerische Gesamtbild ruiniert. Ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass Sie in der Lage sind, diese Behauptung zu widerlegen.«

»Ihnen ist es auch nicht gelungen, Ihre Behauptung zu beweisen. Mir scheint einfach, dass Sie meine Werke falsch gelesen haben. Sonst hätten Sie bemerkt, dass die Werke selbst ein Etikett sind. Aber das ist nötig, denn ohne Etikett weiß niemand, was im Paket drin ist und interessiert sich auch nicht dafür.«

»Sie müssen aber zugeben, dass er gut schreibt«, flüsterte der ältere Herr neben mir. Er hatte sicher noch etwas anderes gesagt, aber das habe ich nicht gehört. Allerdings war ich nicht der Meinung, dass er gut schrieb, denn er schrieb wie alle anderen.

Nun aber sprach plötzlich der junge Mann, der neben mir stand, und angesichts des Klangs seiner Stimme sowie der Klarheit seiner Diktion hätte man denken können, dass er Schauspieler war.

»Wäre es nicht leichter, wenn Sie Ihren Gott einfach beim richtigen Namen nennen würden? So könnten viele Irrtümer vermieden werden, und die Mehrheit der Zuhörer würde einmütig davongehen. Mir scheint, dass Eros in diesem Fall ein passenderer Name wäre. Ich will nicht auf das zu sprechen kommen, nachdem Sokrates hier in den Giftschrank gesteckt wurde.«

»Wer hat das gemacht?«, fragte der junge, bärtige Mann. »Und Eros – nie und nimmer Eros, dieser rosafarbene Säugling. Das Wort selbst klingt schon nach Volksvermehrungspropaganda.«

»Sei still, Lasse!«, riefen drei junge Frauen wie aus einem Mund. Die drei, die einander verhältnismäßig ähnlich sahen mit ihren offenen, rot gefärbten Haaren, den geschminkten Lippen, aber sonst recht ungepflegten, beinahe ungewaschenen Gesichtern und an Skikleidung erinnernden Kostümen, formten das dekorative Gefolge von Pastor Roth. Aber sie erinnerten weniger an Maria Magdalena als an Genoveva, die sieben Jahre im Wald lebte. »Wenn dem nur so wäre! Niklas hat wenigstens einmal recht.«

»Was bedeuten schon Namen!«, sagte Pastor Roth versöhnlich. »Namen sind nur eine Gedächtnisstütze, sonst nichts. Es gibt Menschen mit einem Zahlengedächtnis, die aus allen Namen Zahlen machen, damit sie sich besser an sie erinnern können. Manch ein Name prägt sich besser im Gedächtnis ein, und so versuchen wir uns und andere davon zu überzeugen, dass dies der richtige Name sei. Aus diesem Grund hat auch Gott so viele Namen. Ich komme Ihnen nicht mit irgendeiner Namensmystik, wir müssen die Dinge oder Personen hinter den Namen sehen. Gott ist Liebe – sagt das nicht alles? Und das steht bereits in der Bibel. Weshalb sollten wir einen Umweg nehmen, um anderswo zu suchen. Weshalb machen wir es uns mit einfachen Dingen schwer, bis wir sie nicht mehr verstehen und zu zweifeln beginnen?«

»Wenn ich Unsinn geredet habe, bitte ich um Entschuldigung«, sagte Niklas. »Ich kenne die Bibel nämlich nicht so gut. Sie schien mir zu kompliziert. Deshalb hat wohl auch Herr Roth angefangen, sie umzuschreiben – einfacher und geradliniger, damit die Zweifler wieder glauben. Sonst wären seine Bücher überflüssig, was aus Höflichkeit aber kein Mensch zu behaupten wagen würde.«

»In der Bibel gibt es viel überflüssige Fracht«, sagte der elegante junge Mann. »Heutzutage hat niemand Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen – sofern er dafür nicht irgendwie entlohnt wird. Ich habe volles Verständnis für die Mission von Pastor Roth und bin fast bereit, sie in vollem Maß zu erfüllen. So wie...



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