E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Rina Limea
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95991-275-4
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Innerer Sturm
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-95991-275-4
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Lächeln auf den Lippen, eine Tasse Tee in der Hand und den Kopf voller Geschichten. Wenn Lin Rina schreibt, träumt sie sich in andere Welten, Zeiten und Universen.Sie begeistert sich ebenfalls für das Zeichnen von Illustrationen und Handlettering und riskiert dabei auch mal farbverschmierte Finger.Im Alltag verbringt sie viel Zeit mit ihren zwei Töchtern zwischen Sandburgen und Papierschnipseln. Sie lebt mit den kleinen Fröschen und ihrem Mann in einem verträumten kleinen Ort umgeben von Wald.Ebenfalls von Lin Rina im Drachenmond Verlag erschienen:Animant Crumbs StaubchronikAnimants Welt - Ein Buch über StaubchronikKhaos - Touching Soul
Autoren/Hrsg.
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Treibgut
Der Morgen war trüb, denn die Nacht war stürmisch gewesen. Das Meer trug mir sein aufgewühltes Rauschen entgegen und in der Luft lag eine fast spürbare Spannung.
Etwas würde heute geschehen. Und es war nichts Gutes.
Aber vielleicht wünschte ich mir das auch nur.
Wut und Frust hatten mich die ganze Nacht wach gehalten und jetzt saß ich hier auf einem Felsen, nahe dem Strand, und ärgerte mich immer noch. Mein Kopf tat weh von der durchwachten Nacht und den Tränen, die ich zu meiner Schande vergossen hatte.
Gestern war einer der schwärzesten Tage meines Lebens gewesen. Dabei hatte er so gut angefangen, mit Sonnenschein und fröhlichen Gedanken.
Aisek und Milla hatten mich damit überrascht, mein ganzes Fenster mit blauen Blumen zu dekorieren. Mutter hatte zur Feier des Tages süßes Brot zum Frühstück gebacken und mir ein neues Tuch ertauscht. Es war aus groben Fasern, in Braun und Grün, sehr schlicht und unauffällig. Typisch für unsere Kaste.
Ich hätte mir ein blaues gewünscht, meine Lieblingsfarbe. Doch so etwas wäre nicht lange in meinem Besitz geblieben, und niemand verlor gern Geburtstagsgeschenke an jemanden aus den oberen Kasten. Sobald sie Gefallen daran fanden, nahmen sie es einem weg. Immer.
Und dieses hinterhältige Miststück Mareika hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, mir genau aus diesem Grund den Tag zu versauen.
Ich war aber auch selten dumm gewesen. Warum hatte ich die silberne Kette mit dem schimmernden Anhänger nur so offen bei mir getragen? Mutter hatte mir gesagt, ich solle sie versteckt halten, so wie sie sie all die Jahre versteckt hatte. Sie gab sie mir im Geheimen, als Milla schon aus dem Haus gewesen war.
Damals hatte sie dieses Schmuckstück von ihrer Mutter zur Mündigkeit bekommen, so wie diese von ihrer. Und nun bekam ich es.
Und hatte es gleich verloren. An Mareika, dieses diebische, nichtsnutzige Scheusal der oberen Kasten.
Ich war eine Schande für meine Familie!
Mein einziger Trost war, dass Mareika nicht über ein einziges Talent verfügte und sicher mit der Mündigkeit ihren Platz in ihrer Kaste verlieren würde. Hoffentlich.
Erschöpft raufte ich mir das Haar. Es brachte ja doch nichts, darüber nachzudenken. Die Silberkette war weg und ich musste mich den Gesetzen beugen.
Aber es ärgerte mich so sehr!
Und damit waren meine Gedanken ein weiteres Mal im Kreis gewandert.
Der Wind frischte auf und blies mir die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er roch salzig und rein.
Bedachtsam erhob ich mich und stellte mich ihm entgegen. Er zog an meinen Armen und Fingern und brachte meine Haut zum Kribbeln. Ich lenkte meine Konzentration nur auf dieses Gefühl, ließ den Wind all die schweren Gedanken mit sich nehmen und konnte endlich aufatmen.
Es war kälter als gestern. Ich konnte es deutlich spüren.
Der Sommer neigte sich unweigerlich dem Ende zu. Der Herbst stand bevor. Bald würden die kalten Stürme die Insel erreichen und dann kam der Winter.
Ich freute mich auf den Winter. Die eisige Jahreszeit brachte meine Fähigkeiten so klar zum Vorschein wie keine andere.
Dieses Jahr würde ich es allen zeigen, denn ich war nun mündig, und der Rat würde mich beobachten.
Doch Angst hatte ich keine. Ich würde jagen wie eine Meisterin, die Kälte und die schlechte Sicht zu meinem Vorteil nutzen, Spuren lesen, aber keine hinterlassen.
Der Rat könnte dann sehen, dass ich von Wert war und meine Leistungen mehr entsprachen als einem Platz in den mittleren Kasten. Und bald darauf würde ich aufsteigen und bekommen, was ich verdiente, was ich mir mit Schweiß und Blut erarbeitet hatte.
Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, mit den Fingern streifte ich den Ring in meinem rechten Ohr, der hoffentlich bald durch zwei weitere ergänzt werden würde, und mein Herz schlug schneller und leichter als noch vor einigen Augenblicken.
Übermütig sprang ich vom Felsen hinunter in den weißen Sand und trat näher an die schäumenden Wellen des unendlichen Meeres.
Die Morgendämmerung war fortgeschritten und auch meine Gedanken hellten sich auf.
Vielleicht würde der Tag doch nicht so schlecht werden.
Eine ganze Weile stand ich am Strand, die Zehen tief im Sand vergraben, und sah der Sonne beim Aufgehen zu. Ihre Strahlen wärmten meine Haut, kitzelten mich an der Nasenspitze.
Als ihr Schein zu stark wurde, senkte ich den Kopf und blickte den Strand entlang.
Der Sand erstreckte sich in einem weichen Bogen gen Westen und wurde ein ganzes Stück entfernt von etwas Dunklem unterbrochen, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Irritiert sah ich genauer hin und betrachtete das Etwas, das durch die Bewegung der Wellen an den Strand getragen wurde.
War das ein Stück Holz? Nein, es war nicht starr genug für Holz.
Wie von selbst begann ich einen Fuß vor den anderen zu setzen und meiner Neugierde zu folgen. Wenn es ein Fisch war, dann aber ein riesiger. Man könnte ihn gegen ein Schaf tauschen, so groß wäre er.
Umso näher ich kam, desto klarer konnte ich erkennen, was da im Wasser trieb. Ein Mensch. Verdammt!
Getrieben vom Schreck rannte ich hinüber und hielt dann so abrupt an, dass ich das letzte Stück rutschte und Sand in alle Richtungen spritzte.
Vor mir im Wasser lag ein Mann. Vom Hals bis zu den Füßen in Schwarz gekleidet. Er war riesig, größer als jeder Mann, den ich je gesehen hatte. Seine Schultern breit wie die eines Ochsen, die Arme dick wie Baumstämme. Sein Haar hatte die Farbe des Sandes und breitete sich um seinen Kopf wie ein leuchtender Kranz aus.
Ungläubig schüttelte ich den Kopf, wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte.
Er war ein Fremdling, da war ich mir sicher.
Ich hatte mit dem Stamm der Soketen zwar nie viel zu tun gehabt, aber dieser Mann gehörte unmöglich zu ihnen. Er wäre mir aufgefallen. So einen Mann übersah man nicht, und man würde die anderen über ihn reden hören. Er musste ein Fremdling sein.
Wie konnte ein Mann nur so groß sein?
Obwohl er sich nicht rührte, hatte er etwas Gefährliches an sich, wie ein großes Raubtier. Oder ein Kämpfer.
War er tot?
Ich hatte schon einmal eine Wasserleiche gesehen. Vor drei Jahren fand Aisek einen Jungen vom Stamm der Soketen in der Bucht. Dieser wurde schon seit Tagen vermisst und war schrecklich aufgedunsen und blass wie eine Qualle, mit einem Netz aus blauen Adern auf der Haut.
Dieser Mann hier hatte mit dem Jungen damals nichts gemein. Er sah eher wie jemand aus, der in einen Regenschauer geraten war oder am frühen Morgen baden ging.
Bedacht trat ich noch ein paar Schritte näher und kniete mich vorsichtig neben seinen Kopf. Aufmerksam betrachtete ich sein unbewegtes Gesicht, versuchte zu erkennen, ob er noch atmete. Ein grimmiger Zug lag auf seinen Lippen, setzte sich zwischen den hellen Augenbrauen auf der hohen Stirn fort.
Da sein Oberkörper noch halb im Wasser hing, war schwer festzustellen, ob er sich hob und senkte, oder ob es die Brandung war.
Mit einer Hand strich ich mir mein Haar in den Nacken und beugte mich näher an ihn heran. Der Mann zuckte leicht, oder ich hatte mir diese Bewegung auch nur eingebildet. War da ein Atemzug gewesen?
Gerade wollte ich mein Ohr an seinen Mund halten, um mich zu vergewissern, als mir eine Haarsträhne entkam, nach vorne fiel und die Wange des Fremdlings berührte.
Der Mann reagierte so schnell, dass mir nicht einmal Zeit für einen Aufschrei blieb.
Blitzartig fuhren seine Hände nach oben, packten mich an der Schulter und im Nacken und warfen mich nach vorn. Die Welt drehte sich einmal im Kreis und ich wurde brutal in den Sand gedrückt, die riesige schwarze Gestalt des Mannes über mir.
Zappelnd wehrte ich mich, strampelte mit den Beinen, bemühte mich, mit meinen Händen nach seinem Griff in meinem Nacken zu greifen, der mich immer fester auf den nassen Sand presste.
Die Luft blieb mir weg. Panik schwappte in meinen Geist und hinderte mich daran zu schreien. Sand drang mir ins Ohr und in die Nase. Nasser, klebriger Sand.
Doch das alles dauerte nur wenige, endlos wirkende Momente, bis mein Fuß den Oberkörper meines Angreifers traf und er mich daraufhin genauso plötzlich losließ, wie er mich gepackt hatte.
Ich wartete keinen Augenblick, sprang sofort auf die Füße und brachte drei Schritt Abstand zwischen uns. Hastig wischte ich mir den Sand aus dem Gesicht, atmete, um mich wieder zu beruhigen, und ließ den Hünen keinen Moment aus den Augen.
Er kniete halb im Wasser, das Haar klebte ihm im Gesicht, sein Atem ging rasselnd, wie nach einem langen Lauf, und er presste sich krampfhaft die Hände auf die Seite. Sein Kiefer war angespannt. Doch nicht aus Zorn. Eher sah es aus, als hätte er Schmerzen.
Auch wenn mein Fuß ihn getroffen hatte, war ich das sicher nicht gewesen.
Abschätzig starrte er mich aus grauen Augen an, die so klar waren wie ein silberner Schild.
Dann sackte er unvermittelt in sich zusammen, fiel nach vorne, eine Hand in den Sand gestützt, die andere immer noch...




