E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Riedel / Smith Die Zwanzigste Stunde
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7485-5210-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7485-5210-9
Verlag: epubli
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Kapitel 1
Auf einem der abfallenden Eingangswege zur Nordseite der Arena im ›-‹ stand ein junger Mann im Smoking, eine Zigarette zwischen den Lippen, die er anzuzünden vergaß.
Eine auserlesene Menge hatte sich zu der großen Springkonkurrenz eingefunden, die alljährlich im November im Rahmen der ›‹ stattfand. Ein Reiter nach dem anderen setzte im Parcours über die vielfachen Hindernisse, über Erdwälle, Hürden, Mauern, Triplebarren, Wassergräben und Oxer.
»Miss Darlene Newdale, Nummer 43, auf › ‹«, dröhnte die Stimme des Ansagers aus dem Megaphon.
Diese Ankündigung war die Ursache, dass der junge Mann vergaß, seine Zigarette anzuzünden. Seine wasserblauen Augen hingen an dem Mädchen, das einen braunen Wallach in den Ring führte, dessen starke, gut gewinkelte Hinterhand den guten Springer verriet – da deren Knochen so angeordnet waren, dass das Pferd sie gut ziehharmonikaartig zusammenschieben konnte.
Als das Mädchen auf dem Rücken des Wallachs saß, sah es sehr schmal und zierlich aus. Aber die Art, wie seine behandschuhten Hände lässig die Zügel hielten, ließ auf Zähigkeit und Kraft schließen. Die blonden Haare waren unter einen steifen Hut gekämmt. Die Augen blickten kühl und gesammelt.
Der junge Mann hatte seine Hände in die Taschen gesteckt. Er ließ keinen Blick von dem Mädchen, als ›‹ startete. Ohne jedwede Anstrengung flog der Wallach über das erste Hindernis. Sein Stil hatte etwas Vertraueneinflößendes. Darlene Newdales Hände hielten nur losen Kontakt mit seinem Maul.
Weiter ging's, über die Mauern und über die Triplebarren. Die Menge hielt den Atem an, als der Wallach sich auf der Diagonalen dem Wassergraben näherte, bei dem ein Dutzend Konkurrenten den Sprung verweigert hatten. Die Ohren des Pferdes zuckten – aber es zögerte nicht. Ein Murmeln ging durch die Menge. Niemand wagte zu schreien, denn schon kam das nächste Hindernis an die Reihe: Ein Barren von vier Yard Höhe, der beim leichtesten Anrühren hinunterfiel.
In tadellosem Anlauf nahm ›‹ das Hindernis.
Ein einstimmiger Schrei der Begeisterung brauste auf. Der Wallach hatte den Parcours als erstes Pferd an diesem Abend fehlerlos geritten.
Der junge Mann am Eingangsweg zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit übers Gesicht. Als er sich abwandte, sah er sich einem Paar gegenüber, das ebenfalls in Abendkleidung daherkam. »Guten Abend, Merrivell! … Du kennst doch meine Frau, Robert?«
Geistesabwesend begrüßte er die beiden. Seine Stimme war heiser vor Erregung.
»Wahrhaftig«, sagte sein Bekannter, »dieses junge Ding versteht sich aufs Reiten.«
»Allerdings«, erwiderte Robert nickend.
»Ist Darlene nicht Margaret Newdales Schwester?«, erkundigte sich die junge Frau.
»Ja.«
Der Mann zwinkerte ihm zu. »Du hast dich doch mit ihr abgegeben, bevor du anfingst, dich Margaret zu widmen, nicht wahr?«
Roberts Wagenmuskeln zuckten. »Kümmere dich gefälligst um deine eigenen Angelegenheiten«, wies er ihn brüsk zurecht und schritt weiter.
Entgeistert starrte die junge Frau ihm nach, während ihr Mann herzhaft lachte.
*
Nach kurzem Zögern begab sich Robert Merrivell in den Gesellschaftsraum der ›‹, wo an einem Ende einer Bar, die sich längs der Wand erstreckte, einige Gentlemen standen. Robert steuerte auf das andere Ende zu.
»Whisky und einen Spritzer Soda«, sagte er. Er ließ die geschlossenen Hände auf der Mahagoniplatte ruhen, bis der Barmann sein Getränk brachte. Seine Finger hatten sich gerade um das Glas geschlossen, als jemand neben ihn trat.
»Guten Abend, Mr. Straightbolt«, grüßte der Mann hinter dem Tresen. »Was darf es für Sie sein, Sir?«
»Whisky«, erwiderte der Angesprochene mit einer wohllautenden, ruhigen Stimme.
Roberts erhobene Hand stockte auf halbem Wege zum Mund. Für einen Augenblick hielt er sein Glas ganz still. Dann trank er es halb leer, bevor er es wieder absetzte. Er blickte den Mann an seiner Seite an. »Hallo, Dwayne«, murmelte er halblaut.
»Hallo, Robert. Darlene hat ihre Sache wirklich gut gemacht«, meinte der große, breitschultrige Mann, mit den blonden, lockigen Haaren und Backenbart. Dwayne Straightbolt trug einen dunkelgrauen Gehrock und Zylinder. Er zeigte die freundliche Miene des Gesellschaftsmenschen. Einem Reporter gegenüber hätte er ohne Zögern folgende Angaben gemacht: vierzig Jahre alt, Besitzer eines der größten Privatvermögen Englands, erstklassiger Polospieler und Mitglied des ›‹, Eigentümer einer Yacht und begeisterte Wasserratte, noch immer unverheiratet, obwohl unzählige Mütter in ihm die passende Partie für ihre Töchter sahen.
»Nichts Neues, nehme ich an«, sagte Robert.
Dwayne Straightbolts Gesicht bewölkte sich. »Nicht den Schatten einer Neuigkeit. Ich gebe mich geschlagen, Robert. Ich war in jedem Lokal, das Margaret aufzusuchen pflegt. Niemand hat etwas von ihr gesehen … seit Mittwochabend.«
»Das war am Abend, wo ich sie in die ›‹ ins Café ›‹ mitnahm«, bestätigte Robert. »Es ist zum Verrücktwerden. Darlene ist derart beunruhigt, dass ich fürchtete, sie würde beim Parcours versagen.«
»Darlene ist nicht nur deshalb beunruhigt, Robert.«
»Vielleicht ist es ja meine Schuld … das mit Margaret, meine ich. Immerhin hatten wir eine kleine Auseinandersetzung, und sie ließ mich einfach stehen.«
»Das ist doch ihre bevorzugte Technik. Dafür kennen wir sie doch«, erwiderte Dwayne. »Aber drei Tage sind auch bei ihr eine ungewöhnlich lange Frist, um schmollend einfach fortzubleiben.«
»Du hast keinen Streit mit ihr gehabt, oder doch?«
»N …nein«, antwortete Dwayne.
Robert blickte ihn an. »Weißt du, Dwayne, ich hatte eigentlich erwartet, dass du mir den Kopf zurechtrücken würdest.«
»Warum?«
»Lass' uns doch mal ehrlich miteinander sein, Dwayne. Du bist mit Margaret so gut wie verlobt. Dann platze ich dazwischen und belege sie mit Beschlag. Ich an deiner Stelle …« Er brach ab.
Dwayne schnippte die Asche von seiner Zigarette. »Wenn ich dir den Kopf zurechtrücken würde, dann ganz sicher nicht deshalb.«
»Ich weiß«, entgegnete Robert bitter. »Wenn es nicht ein zu lausiger Ausweg wäre, würde ich ins Wasser gehen.«
Dwayne zögerte, als wollte er sicher sein, dass er die richtigen Worte wählte. »Margaret ist ein erstaunliches Geschöpf. Sie hat es faustdick hinter den Ohren«, sagte er schließlich. »Niemand kann dir daraus einen Vorwurf machen, dass du den Kopf verloren hast. Aber Darlene ist auch nicht ohne.«
Robert seufzte auf. »Als ob ich das nicht wüsste.«
»Weißt du auch, dass sie eine von jenen Frauen ist, die nur einmal im Leben lieben? Und lass' dir sagen: Sie liebt dich über alles, Robert. Ich glaube nicht, dass du daran etwas ändern kannst.« Dwaynes Ton war trocken. »Wenn ich sie wäre, würde ich dich zum Teufel schicken. Aber so ist sie nicht.«
Robert blickte ihm unverwandt ins Gesicht. »Du meinst also, es bestünde immer noch die Aussicht, dass sie …, dass sie vielleicht …«
»Zweifellos. Was sie in dir eigentlich sieht, weiß ich nicht. Aber immerhin …«
»Ach, scher' dich zum Teufel!«, schimpfte Robert Merrivell und stürzte davon.
»Hallo, Mr. Merrivell! Ihre Zeche! Sir!«, rief ihm der Barmann hinterher.
»Lassen Sie nur«, lächelte Straightbolt säuerlich, während er sein Glas an die Lippen führte. »Ich erledige das schon.«
*
Während der achttägigen ›‹ bot der ›-‹ stets ein äußerst farbenreiches Bild. Die Ställe und Geschirrbaracken waren mit farbigen Bändern geschmückt, vergangenen und gegenwärtigen Trophäen, und die Metallteile der Geschirre funkeln. Von morgens bis nachts drängte sich hier eine dichte Menge, hemdsärmeliger Stallknechte, Reiter im Reitkostüm, Damen in Schneiderkleidern, Offiziere im Waffenrock, Mitglieder der Jury und Zuschauer, die nach der aktuellsten Mode gekleidet waren.
Durch diese Menge bahnte sich Robert Merrivell seinen Weg. Nach einer Weile erblickte er sein Ziel: die Ställe der Familie Newdale. Schnell hatte er Darlene ausgemacht.
Sie war von lauter Leuten umgeben, die sie beglückwünschten und ihr die Hand drückten. Unvermittelt schüttelte sie ihre Bewunderer ab und schritt auf den Ankleideraum zu.
Robert stellte sich ihr so plötzlich in den Weg, dass sie mit ihm zusammenstieß.
»Oh, Entschuldigung!«, murmelte Darlene. Erst jetzt, wo sie aufblickte, sah sie, mit wem sie zusammengestoßen war. »Ach, Robert, du bist das!« Beschwörend schaute sie ihm ins Gesicht. »Hast du Margaret gefunden?«
»Nein«, erwiderte er, kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Er beobachtete, wie der Glanz aus ihrem Antlitz verschwand. »Zum Teufel mit Margaret!«, meinte er dann. »Sie kann selber auf sich achtgeben. Ich brauche einen...




