E-Book, Deutsch, 195 Seiten
Riecker Pimp My Sermon
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7584-5297-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sechs Inputs für inspirierende PREDI.GT
E-Book, Deutsch, 195 Seiten
ISBN: 978-3-7584-5297-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
https://etfleuven.academia.edu/SiegbertRiecker Dr. Siegbert Riecker ist Dozent für Systematische Theologie an der Bibelschule Kirchberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Altes Testament der ETF Leuven. 2000-2006 war er Pastor in der EfG Nordhausen. Neben zahlreichen Veröffentlichungen zum Alten Testament hat er ein praktisches Lehrbuch zur Predigt (Pimp My Sermon), sowie drei Serendipity-Kleingruppenhilfen verfasst.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Wer hört schon gerne jemandem zu,
der nicht echt ist?
Erik Flügge und der Jargon der Betroffenheit
»Wollen die leeren Worte kein Ende haben?
Oder was reizt dich, so zu reden?«
Hiob 16,3
»Ich glaube, dass es eine Sünde ist,
Menschen mit der Bibel zu langweilen.«
Rick Warren4
Der Unterhaltungswert – ein geistlicher Faktor?
Unterhaltung – mehr noch das englische Gegenstück Entertainment – steht bei ernsthaften Theologen nicht hoch im Kurs. Unterhaltung ist seicht, nein das wollen wir nicht. Seriös muss es sein, mit gehobenem Anspruch. Doch woher kommt diese Abneigung?
Wer an Unterhaltung denkt, hat gewöhnlich drei Dinge vor Augen:
- Die Aufmerksamkeit eines Menschen gewinnen und halten.
- Freude und Vergnügen.
- Oberflächlichkeit und Gehaltlosigkeit.
Das dritte Element ist zweifellos verantwortlich für den schlechten Ruf von Entertainment. Im Sinn einer Definition greift diese Liste jedoch zu kurz.5 Entertainment an sich heißt nicht Oberflächlichkeit. Der Unterhaltungswert hat mit dem Gehalt einer Botschaft absolut nichts zu tun. Es gibt unterhaltsame, gehaltvolle Predigten – genauso wie es langweilige, gehaltlose Predigten gibt.
Unterhaltung hat oft sehr ernsthafte (auch religiöse!) Absichten. Die Spiritualität von Hollywood beschäftigt Theologen seit langem. Wer genauer hinblickt, erkennt: in vielen Fällen geht es darum, auf dem Weg der Unterhaltung Einsichten und Wissen zu vermitteln.
Es gibt kein wirkungsvolleres Klima für Lernen und Wachstum,
als die Kombination von Aufmerksamkeit und Freude.
Eine langweilige Predigt dagegen ist ein geistliches Problem:
Wenn Gottes Wort uninteressant vermittelt wird, dann denken die Menschen nicht einfach, dass der Prediger langweilig ist, sondern sie denken, Gott sei langweilig! Wir bringen Gottes Charakter in Verruf, wenn wir in einem geistlosen Stil oder ermüdenden Tonfall predigen.6
Der amerikanische Pastor und Bestseller-Autor Rick Warren sagt hier nichts Neues. Vor ihm haben bereits Prediger wie Howard Hendricks und Jim Rayburn7 ähnlich geurteilt. Diese Idee ist der Predigtlehre seit langem vertraut.
Für Rudolf Bohren, einen der großen deutschen Praktischen Theologen der Nachkriegszeit, ist die Langeweile eine der sieben Laster oder Untugenden eines Predigers. Er nennt:8
- Korrektheit: »dem Prediger ist es wichtiger, richtig zu predigen, als daß Menschen zur Freiheit kommen und über dem Evangelium froh werden.«9 Das Gegenteil von Korrektheit ist in diesem Sinn nicht Schlampigkeit, sondern Freiheit. Es sind Predigten ohne befreiende Kraft, die aus dem Evangelium ein Gesetz machen.
- Mutlosigkeit: Mutlose Predigten sind harmlos, haben keine Kraft, die Angst zu überwinden und zur Freude zu gelangen. »Der Mutlose vermag nie zu sagen, was Gott jetzt und hier tut.«10
- Langeweile: »Wenn es eine Intoleranz gibt, die christlich ist, dann die gegen die Langeweile.«11 Wenn der Prediger nichts zu sagen hat und doch reden muss, dann wird er zum Langweiler. Bohren empfiehlt als Gegenmaßnahme, fleißig »am richtigen Ort das Richtige für seine Predigt zu stehlen«,12 sich also positiv formuliert von den Ideen anderer inspirieren zu lassen.
- Bequemlichkeit oder Faulheit äußert sich üblicherweise in scheinbarer Überbeschäftigung, »Hast und Unrast« (vgl. Spr 13,4), die die notwendige Zeit für Meditation und Ruhe bei der Predigtvorbereitung raubt.
- Geschwätzigkeit: »Wer sich nicht die Zeit nimmt für das Wort, wird wortreich.«13
- Selbstgefälligkeit: Der Hochmütige und der Feige haben eines gemeinsam: ihnen ist die Gottesfurcht abhanden gekommen. »Echte Demut verdrängt das Selbstbewußtsein nicht, stellt es aber unter die Gnade.«14
- Gefallsucht, der Hang, den Menschen gefallen zu wollen. Der Prediger dient nicht Jesus, sondern verkauft sich selbst an den Zuhörer (vgl. Gal 1,10; 1.Thess 2,4).
Doch kann man wirklich behaupten, dass langweiliges Predigen Sünde ist? Oder andersherum gefragt: Ist der Unterhaltungswert ein geistlicher Faktor? Ist diese Behauptung von Rick Warren nicht vielmehr ein typisches Kind der modernen Unterhaltungsindustrie, wo alles spannend, interessant und außergewöhnlich sein muss, wenn es überhaupt noch gehört werden will?
Die Bibel hat zu dieser Frage auf den ersten Blick recht wenig zu sagen. Am nächsten kommt der Frage nach dem Unterhaltungswert vielleicht noch die Aufforderung in Kolosser 4,6: »Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt«. Allerdings geht es hier nicht um das Predigen, sondern um das christliche Zeugnis im Gespräch: »...dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt«. Auch muss nicht unbedingt eine würzende Note im Blick sein (das Gegenteil von »fade«, Mt 5,13). Salz wurde damals auch als Konservierungsmittel verwendet (das Gegenteil von »faulig«, Eph 4,29).15 Die Neue Genfer Übersetzung bringt das Salz sogar mit Weisheit in Verbindung: »Eure Worte sollen immer freundlich und mit dem Salz ´der Weisheit` [ergänzt] gewürzt sein«.
Der Apostel Paulus bezeichnet seine Predigt in Korinth rückblickend als ein Produkt aus Schwachheit und Furcht. Er verzichtet bewusst auf rhetorische Techniken der Überredungskunst:
Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft (1.Kor 2,3f).
Dennoch ist seine Predigt alles andere als langweilig, sie ist geisterfüllt und kraftvoll. Um die Frage nach dem Unterhaltungswert zu verstehen, lohnt es sich, ein Stück tiefer bei den Motiven des Predigers anzusetzen.
Eine ansprechende Predigt ist in erster Linie das Ergebnis von Liebe, von Liebe zu Gott, seinem Wort und zum Hörer.16 Helge Stadelmann, Autor eines der meistgelesenen zeitgenössischen Lehrbücher zur Predigtlehre in deutscher Sprache,17 verwendet hier den Begriff der Liebes-Mühe. »Liebesmühe« drängt dazu, »das biblische Wort anschaulich, dynamisch und lebensnah zu kommunizieren«.18 Wer liebt, der gibt sich Mühe. Liebe ohne Mühe ist leere Gefühlsduselei. Mühe ohne Liebe ist kaltherzige Streberei. Jeder Prediger braucht auch ein gesundes Maß an Eigenliebe. Doch entscheidend ist die Liebe zu seinen Zuhörern:
Weil ich mich selbst liebe,...
werde ich immer versucht sein, so zu predigen, dass ich mich nicht überfordern oder verbiegen muss. Ich tendiere dazu, mich nicht mit mehr Mühe zu belasten als wirklich nötig. Auch möchte ich mit Vorliebe über das reden, was ich selbst interessant finde.
Weil ich meine Zuhörer liebe,...
werde ich versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Ich gebe mir Mühe, damit sie zuhören. Warum? Das Hören ist ein absolut entscheidender Faktor, wenn es um die Rettung geht! »Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?« (Röm 10,14). Ob der Hörer zuhört, das ist zum Teil seine eigene Entscheidung. Zu Teilen liegt es aber auch in meiner Verantwortung als Redner. Es macht Mühe, sich in den Zuhörer hineinzudenken. Es macht Mühe, so zu reden, dass es das Interesse weckt. Doch ohne diese Mühe geht es nicht. Eine langweilige Rede hat zur Folge, dass der Hörer nicht hört. Die Gedanken schweifen ab, der Hörer schaltet ab. Das ist nicht das Ziel der Botschaft. Die Predigt ist wirkungslos vorübergezogen, der Auftrag ist nicht erfüllt.19
Der Jargon der Betroffenheit
Am 19. April 2015 verfasst der Strategieberater Erik Flügge einen Blogbeitrag unter dem Titel »Die Kirche verreckt an ihrer Sprache«. Flügge ist kein Gegner der Kirche, im Gegenteil: er war jahrelang in der katholischen Jugendarbeit tätig und fühlt sich innerlich eng mit seiner Kirche verbunden. Aus dem Blogbeitrag entsteht ein Buch, welches es immerhin zwei Wochen lang auf die Bestsellerliste »Paperback Sachbücher« des Spiegel schafft.20 Blog und Buch beginnen mit den Worten:
Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will. Ständig diese in den Achtzigern hängen gebliebenen Fragen nach dem Sein und dem Sinn, nach dem wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war. Hä? – Ach bitte, lasst mich doch mit so was in Ruhe.21
Es ist interessant, dass Flügge mit seiner Kritik in erster Linie nicht die sogenannte »Sprache Kanaans« angreift, einen u.a. durch die Luther-Übersetzung der Bibel geprägten Sprachstil.
Exkurs zur Sprache Kanaans
Vor der »Sprache Kanaans« wird heute in fast jedem Lehrbuch zur Predigt an irgendeiner Stelle gewarnt. Der langjährige Journalist Gerd Rumler verfasste sogar ein fast 100seitiges Synonym-Wörterbuch, um »altverbrauchte christliche Klischees« loszuwerden.22 Der Rhetorik-Dozent Eberhard Wagner untersucht die Ursachen für die Entstehung der Sprache Kanaans und gibt einige Beispiele:
Es ist Gott ein Kleines, ...
Der Herr hat Gnade dazu gegeben.
Er hat die Welt wieder...




