Rick | Ladies, Lust und Leidenschaft | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Rick Ladies, Lust und Leidenschaft

Erzählungen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-88769-693-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-88769-693-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mal romantisch leidenschaftlich, dann hinreißend schräg werden queere Lebenswelten durcheinandergewirbelt. Flughäfen und Filmsets, Gärten und Hotels, Bars und der wilde Westen sind Schauplätze der Erzählungen. Aus einem heißen Sexnachmittag beim „Making of“ entwickeln sich Slapstick-artige Szenen, die voyeuristische Gier genauso genüsslich aufs Korn nehmen wie das chaotische, sexuell aufgeladene Treiben bei Filmdreharbeiten. Düster und melancholisch romantisch entwickelt sich die Liebesgeschichte „Platzflimmern“. „Ride, Sally, Ride“ entwirft in musikalisch-poetischen Bildern die Sehnsucht nach unberührter Natur und endet in Momenten ungezügelter Lust ...
Es ist Sprachkunst, wie Rick innige Gefühle schildert und sie mit sexuellen Begegnungen verschränkt, verschiedene Ebenen in den Texten aufschimmern lässt. Ein genauer Blick und scharfer Humor kommen hinzu.
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Ride, Sally, Ride

Das Sonnenlicht gießt in langen Bahnen flüssigen, goldgelben Honig über die Flanken der Vulkane. Das Meer schiebt Wellen mit blitzweißen Schaumkronen an den Strand. Kompromisslos und ohne Zwischentöne sind die Farben, ohne ineinanderlaufende, abschwächende Abstufungen. Blau ist Blau, doch der Himmel, ermattet von der Nacht, färbt sich rosa am Horizont. Der Wagen folgt dem gewundenen Straßenverlauf durch die Kakteenfelder Richtung Flughafen. Der Abschied fällt mir jedes Mal schwer. Ich weiß nie, wie ich die Insel das nächste Mal wiederfinde. Sie ist ein modernes Atlantis. Langsam ist es im Versinken begriffen. Es verschwindet nicht im Meer, zischend in der Gischt, nach einem Vulkanausbruch, sondern in grauen, zähflüssigen Massen aus Beton und Fliesenkleber, die Tag für Tag in hartnäckiger Betriebsamkeit an Hunderten Orten angemischt, gerührt und schließlich verteilt werden, um immer gleiche Wohnkäfige zu schaffen. Sie überziehen das Land wie eine harte, weißgetünchte, großporige Haut. Gangränös kriechen sie über die letzten unberührten Flecken. Apartments, Hotels, umgeben von Mauern und Garagen, ragen als dicke Pickel heraus und vermehren sich wie eine Schimmelschicht. Viele verrotten schneller, als sie bewohnt und dann saniert werden können. Manche werden nicht fertiggestellt, weil die Baugenehmigung mangels Bestechungsgeldern fehlt. Löchrige Betongerippe stehen als gottverlassene Mahnmale der Gier an den schönsten Plätzen der Insel. ›Nobel geht die Welt zugrunde‹, sagt man. Der Untergang von diesem Atlantis jedoch kennt keinen Glanz. Keine prunkvolle Architektur ist es, die hier in sich zusammenfällt, sondern Billigzement zieht sich wie Kaugummi über Millionen Jahre altes Gestein. Keine in der Auflösung ihrer Traditionen begriffene Gesellschaft tanzt hier frenetisch bis zur Selbstaufgabe, aller Regeln spottend auf dem Vulkan. Nein. Stumm sitzen vom Leben ermattete Ehepaare aus Festlandeuropa einander in Billigbodegas gegenüber und warten auf das Ende des Urlaubs. Zu träge für Auflehnung und Protest. Der Hauch des Todes liegt über den Kneipen, dringt in die versulzten Körper, die gleich dem Beton der Häuser zur Unbeweglichkeit erstarrt sind.   Isa und ich halten uns zumeist im wilden, unwegsamen Norden auf. Hier dehnen sich Lavafelder aus, in die sich bislang nur einzelne Häuser geschlichen haben. Das Meer donnert an die Felsen, und die Gischt wird vom Wind verweht. Aber es gelingt auch uns nicht, die Touristenorte ganz zu meiden. Unweigerlich zieht es uns hie und da doch an die Costa. Ein berühmter Architekt hat dort ein künstliches Pueblo Marinero gebaut. Darin befinden sich Restaurants, Souvenirläden und Pubs. Nichts Originelles. Auch hier spiegeln sich Ödnis und Leere in den Gesichtern der Menschen, die schweigend hinter ihren neongrellen Cocktails sitzen.   Touristische Tristesse. Doch einmal gab es einen Abend, der anders war. Wir streiften wieder einmal an den Lokalen vorbei. Da war plötzlich bunte, lustige Akkordeonmusik zu hören. Auch eine Flöte wirbelte frech in hohe Tonlagen hinauf. Eine Frauenstimme jubilierte. Leute klatschten. Wir blieben stehen. The Irish Fiddler stand in verblassten, grünen Lettern auf der gekalkten Außenwand geschrieben. Es schien mir, als hätte ich dieses Pub noch nie gesehen, es stand wie aus dem Nichts gekommen plötzlich da. War da nicht immer ein Shop mit Designerklamotten gewesen, genau an diesem Eck? Während ich noch herumrätselte, sagte Isa: »Da gehen wir jetzt rein« und stupste mich vorwärts. Durch die niedrige Tür kamen wir in einen verrauchten Saal mit einer langen Bar aus dunklem Holz. Die Gäste schwelgten zu den Klängen keltischer Volksmusik. Unerwartet fröhlich. Die zwei Musikantinnen auf dem improvisierten Podest hatten ihr Publikum gut im Griff. Sie schienen mit ihren Instrumenten und miteinander verschmolzen. »Die zwei sind lesbisch«, flüsterte mir Isa zu. »Und wie! Hardcore«, gab ich zurück. »Wenn nicht die, dann keine.« Isa grinste wissend. Wir stellten uns an die Bar, bestellten ein Guinness und ließen uns von der musikalischen Heimeligkeit treiben. Aus Touristen waren plötzlich Individuen geworden. Die Musikerinnen riefen manchmal jemanden aus dem Publikum zu sich, der, von ihnen begleitet, das eine oder andere Lied zum Besten gab. Zumeist waren dies knochige, ältere Männer, die bescheiden auftraten und schwermütige Folksongs mit tiefer Stimme sangen.   Nach dem zweiten Guinness begann Isa mitzusingen, mit ihrer hohen, nachdrücklich lauten Stimme. Niemand fühlte sich belästigt, aber zwei Ehepaare, die neben der Bühne saßen, drehten sich zu uns um. Eine der Frauen deutete auf einen freien Stuhl neben ihnen, einer der Männer stand auf und schleppte einen zweiten heran. Wir schlängelten uns durch die Menge, bedankten uns und setzten uns dazu. Sie nickten freundlich. Wohl seit Jahrzehnten verheiratet und ebenso lang miteinander befreundet. Ihre Gesichter und ihr Gehabe waren derb, ihre Kleidung billige Konfektion. Die Männer entglitten meinem Interesse, die Frauen jedoch, dachte ich, hatten Haare auf den Zähnen. Sie trugen eine schäbige Coolness zur Schau, die äußerst anziehend wirkte und grinsten einander immer wieder verschwörerisch, wie mir schien, an. »Vielleicht schicken die ihre Ehemänner manchmal abends ins Pub, damit sie sturmfreie Bude haben«, flüsterte ich Isa zu, die lauthals weitersang. Da wurden gerade diese beiden Frauen von den Musikerinnen auf die Bühne gerufen. Zuerst widerstrebend, dann doch irgendwie lässig, stiegen sie hinauf und stellten sich links und rechts vom Mikro auf, die Zigaretten immer noch zwischen den Fingern. Die Musikerinnen intonierten eine Art Country Rock, den der ganze Saal zu kennen schien, weil alle mitsangen. Der Refrain klang nach »Ride Along Sally, Ride, Sally, Ride« in einem geilen, schleppenden Rhythmus. Da standen sie also, die beiden Ehefrauen in fortgeschrittenem Alter aus vermutlich Blackpool, mit ihren dünnen Hemdchen auf sonnengegerbter Haut und fragwürdigen Minis über ihren kräftigen Hintern, auf der kleinen Bühne und sangen »Ride, Sally, Ride«. Sie berührten einander immer wieder wie unabsichtlich an der Hüfte, das schaute verführerisch aus. Sie sangen, als würden sie heimlich ohnehin nie etwas anderes machen, als in einer düsteren Hafenspelunke in Blackpool mit rauchiger Stimme zu zweit ins Mikro zu krächzen, und sie wirkten dabei verlebt und verrucht. Ihre verhaltenen, schlaksigen Bewegungen waren lasziv, und in ihrer Haltung spürte ich vulgäre Gleichgültigkeit, auch wenn sie sich gut zu amüsieren schienen. Als sie fertig waren und wieder hinabstiegen, klatschten Isa und ich wie alle anderen Anwesenden inbrünstig Beifall. Etwas scheinbar Unmögliches war in diesem Pub geschehen. Das Andere, der Schatten, die Auflösung, die Wirklichkeit, die nicht sein darf, hatten sich kurz erfahrbar gemacht. Die beiden setzten sich wieder hin, doch nicht lange. Unruhe war in ihren Körpern zu spüren, wie eine Grundwelle, die die Oberfläche des Wassers langsam, aber stetig aufzuwühlen begann. Plötzlich erhob sich die eine wieder, die mit den braunen Haaren, die sich wie eine Kappe um ihren Kopf legten, drehte sich zu ihrem Mann um und sagte etwas wie: »Going to the loo, hon’.« »Powder your nose, huh?«, gab der zurück. Das klang wie ein Codewort. »Yeah.« »Good luck, dear. Come back soon.« »Sure.« Sie nickte und gab der anderen, deren blonde Strähnen zu einem Tuff am Kopf zusammengebunden waren und in vereinzelten losen Fransen in die Stirn hingen, einen Klaps auf die Schulter. Die stand ebenfalls auf, und verblüfft beobachteten Isa und ich, wie sich ihre Hintern in den Minis durch die Menge an Stühlen und Menschenleibern vorbeipressten, dabei zur Musik mit den Fingern schnippend, und in der Tür hinter der Bar verschwanden. Die Männer widmeten sich ihren Humpen. Isa und ich schauten einander stirnrunzelnd an. Die verwaisten Stühle der Frauen strahlten unerträgliche Spannung aus. Wir standen ebenfalls auf und schoben uns mit unbeteiligter Miene Richtung Toilette. Und dort sahen wir sie. Wie erwartet, hätte ich beinahe gesagt, aber hatte ich diesen Anblick wirklich vorausgeahnt? Die eine, die Blonde mit dem Tuff am Kopf, lehnte hechelnd mit dem Rücken zur Wand neben dem Waschbecken, die andere klebte an ihr und bearbeitete Hals und Ohren mit Zähnen und Zunge. Ihre Hand wanderte langsam schweißklebrige Oberschenkel hinauf und unter den Rocksaum. Wir erstarrten noch in der offenen Tür. Durch den plötzlichen Luftzug aus der Konzentration gebracht, drehte die Dunkelhaarige sich zu uns um und ließ etwas von der Freundin ab. Wir schauten einander schweigend an. »Hi, I am Chris«, sagte sie schließlich verlegen grinsend, zog ihre Hand unter dem Rock der Blonden hervor und hielt sie mir hin. Linkisch und entschuldigend. Ich schüttelte sie höflich. Isa rückte von der Tür ab, die mit einem satten Knall zuging. Wir waren allein. »I am Susan. Hi«, sagte die Blonde leicht keuchend und schob sich eine Locke aus der Stirn. »Isa, Laura«, stellte ich uns vor. »Nice to meet you«, sagte Chris, lachte kurz auf und dann, zu mir, beiläufig in die Stille...


Rick, Karin
Die Romane und Erzählungen der Wiener Autorin handeln von Liebe, Sex und Macht.
Lehraufenthalte in Belgien, Frankreich und Spanien, sie übersetzte aus dem Französischen u.a. Hélène Cixous. „Rick hat zu einer konsequent durchgehaltenen Sprache über Sex gefunden, deren entspannter, ungekünstelt-natürlicher Tonfall ohne jede süßliche Falschheit mich angenehm überrascht hat.“ (Helga Pankratz, lamda)



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