E-Book, Deutsch, Band 162012, 144 Seiten
Reihe: Julia
Rice Kleine Lügen, große Liebe
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86494-200-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 162012, 144 Seiten
Reihe: Julia
ISBN: 978-3-86494-200-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Den Wind im duftigen Haar und die Arme fest um Nicks Schultern geschlungen: So rast Eva auf einem Motorrad in den Sonnenuntergang. Eigentlich sollte die Ermittlerin Nick eine Botschaft seiner ungeliebten Familie überbringen, aber sein Sex Appeal raubt ihr den Atem. Sie kann und will den erfolgreichen Drehbuchautor nicht auf seine dunkle Herkunft ansprechen, nicht nachdem sie die aufregendsten Stunden ihres Lebens mit ihm verbracht hat. Doch schneller als erwartet kommt alles ans Licht: Nick erfährt von Evas wahrer Mission - und ihre Liebeslüge hat bittersüße Folgen ...
Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt - mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie und ihre beste Freundin lassen dann Männer und Kinder zu Hause und fahren quer durch die nordamerikanische Landschaft. Besonders oft haben sie schon das Monument Valley, den Nantahala Forest, einen riesigen Nationalpark in North Carolina, die Hafenstadt St. Michaels in Maryland und New Orleans besucht. Heidi sieht gerne Filme (am liebsten isst sie dabei Schokolade); sie war auch zehn Jahre lang Filmkritikerin. Vor zwei Jahren beschloss sie allerdings, Romances zu schreiben und dadurch noch mehr Spannung in ihr Leben zu bringen. Irgendwann möchte sie noch lernen, wirklich gut französisch zu sprechen, immerhin hat die Familie ihres Ehemanns französische Wurzeln.
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1. KAPITEL
„Schau dich nicht um. Er steht nämlich genau hinter uns.“
Eva Redmond schlug das Herz bis zum Hals, als das verschwörerische Flüstern von Tess, ihrer alten Freundin aus Collegetagen, durch das Stimmengewirr und das Klingen der Champagnergläser in der angesagten Kunstgalerie an ihr Ohr drang. „Bist du sicher?“
Tess schaute über Evas rechte Schulter. „Schlank und groß? Stimmt!“ Sie nickte. Dunkelhaarig? Stimmt! Gut aussehend? Exakt! Der einzige Mann, der keinen Anzug trägt? Treffer!“ Sie warf Eva ein verschmitztes Grinsen zu. „Ja, es ist definitiv dein rebellischer Schriftsteller.“ Wieder schaute sie an Eva vorbei. „Und du hast Glück. Er ist nicht nur allein. In natura sieht er sogar noch schärfer aus als auf dem Foto.“
Eva starrte auf das zwei Quadratmeter große Bild mit dem Titel „Die Explosion der Sinne“, ohne etwas wahrzunehmen. Ihrem ungeschulten Auge erschien es mehr wie eine Explosion in einer Farbenfabrik. Dabei versuchte sie den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuschlucken, der ihr seit dem Abflug von Heathrow an diesem Morgen zu schaffen machte.
Um diesen Mann zu treffen, war sie fünftausend Meilen weit geflogen. Und jetzt stand er nur ein paar Meter von ihr entfernt. Der Kloß in ihrem Hals wurde zu einem Felsbrocken.
„Oje“, murmelte sie.
Lachend versetzte Tess ihr einen Rippenstoß. „Bremse deinen Enthusiasmus!“
„Warum sollte ich enthusiastisch sein?“, flüsterte Eva zurück. Sollte dieser Nick Delisantro tatsächlich so ein heißer Typ sein, war die Begegnung mit ihm bestimmt nicht gut für sie. Davon war sie überzeugt. Wäre er doch bloß ein weltfremder Akademiker! Freilich – immer nur mit Leuten zu tun zu haben, die man kannte, war auf Dauer langweilig. Aber Langeweile hatte auch ihre Vorteile.
„Warum nicht?“, erwiderte Tess. „Einem fantastisch aussehenden Mann die frohe Botschaft zu überbringen, dass ein gigantisches Erbe in Italien auf ihn wartet, würde ich als Win-Win-Situation bezeichnen.“
Es kostete Eva einige Mühe, sich nicht zu ihm umzudrehen. „Ja, aber ich bin nicht du“, erwiderte sie trocken, während sie versuchte, so gelassen wie möglich zu sein.
In ihrem eisblauen schulterfreien Kleid und den hochhackigen Designerschuhen wirkte Tess ausgesprochen elegant und selbstbewusst. Außerdem schien sie sich auf der Eröffnung dieser Galerie, die in der Nähe des Union Square mitten in San Francisco lag, wie zu Hause zu fühlen. Das lag gewiss daran, dass Tess sich in den vergangenen drei Jahren in ganz Amerika einen ausgezeichneten Ruf als Event-Veranstalterin erarbeitet hatte. Mit Evas Selbstbewusstsein war es dagegen nicht so weit her. Seit ihrem Universitätsabschluss in Cambridge hatte sie ihre Nase die meiste Zeit in verstaubte Dokumente gesteckt oder lange Recherchen im Internet vorgenommen. Niemals hätte sie PR machen können – und inmitten all dieser schönen Leute, die den belanglosen Small Talk zu einer Kunst veredelt hatten, fühlte sie sich ausgesprochen unwohl.
Der Gedanke wirbelte einige Erinnerungen an das Gefühl von Einsamkeit in ihr hoch. Deshalb verjagte sie ihn schnell. Sie war nicht einsam. Ihr Leben war genau so, wie sie es immer gewollt hatte. Vorhersehbar, risikolos, beschaulich. Bis vor zwei Tagen, als ihr Chef von ihr verlangt hatte, um die halbe Welt zu reisen und mit einem – wahrscheinlich – ziemlich halsstarrigen Menschen in Kontakt zu treten.
„Es ist ja nicht so, als bräuchte ich ihm bloß mitzuteilen, dass er der Enkel des Duca D’Alegria sein könnte. Ich muss ihm auch erzählen, dass der Mann, den er bisher für seinen leiblichen Vater gehalten hatte, genau das nicht ist.“ Eva wurde ganz mulmig zumute, als sie daran dachte, sich mit einem Wildfremden über derart persönliche Dinge unterhalten zu müssen. Ein Wildfremder, der sich fast einen Monat lang hartnäckig ihren Versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen, widersetzt hatte. „Ich hätte mich von dir nicht zu einem Treffen überreden lassen dürfen. Nicht hier. Es passt einfach nicht.“
Tess zuckte mit den Schultern. „Fall einfach nicht mit der Tür ins Haus. Flirte erst ein bisschen mit ihm. Dann wird er viel zugänglicher sein. Garantiert.“
Eva bezweifelte es. Im Gegensatz zu ihr verstand sich dieser Mann meisterhaft auf die Kunst des Flirtens, wie sie bei den gründlichen Nachforschungen über den derzeit berühmtesten Klienten der Firma Roots Registry herausgefunden hatte. Es war eine der wenigen Informationen über diesen nur schwer zu fassenden Niccolo Carmine Delisantro, derer sie sich sicher sein konnte. Höchstwahrscheinlich war er der illegitime Enkel von Don Vincenzo Palatino Vittorio Savargo De Rossi, Duca D’Alegria. Um ihn zu finden, hatte der Adlige ein kleines Vermögen ausgegeben.
Aus den knappen Fakten über Delisantros Leben hatte sie nur wenig über den Menschen selbst erfahren – ein Junge von den Straßen im Norden Londons, der ein erfolgreicher Hollywood-Drehbuchschreiber geworden war und vor fünf Jahren den größten Box-Office-Erfolg des Jahrzehnts landen konnte. Inzwischen lebte er in San Francisco, kam bei Frauen sehr gut an und schirmte sein Privatleben hermetisch vor der Öffentlichkeit ab.
„Jetzt kannst du dich umdrehen und dir anschauen, auf was du dich da eingelassen hast.“ Tess deutete mit ihrem Champagnerglas in seine Richtung. „Im Moment wird er von Kate Elmsly belagert.“ Sie war die umtriebige Galeristin, die sie beide zuvor überschwänglich begrüßt hatte.
Eva holte tief Luft und drehte sich um. Prompt stockte ihr der Atem. Ihre Nackenhaare richteten sich auf. Hastig nahm sie einen Schluck von ihrem Champagner. Das war schlimmer, als sie befürchtet hatte.
Während sie den Mann betrachtete, der ungefähr drei Meter von ihr entfernt stand, hatte sie das Gefühl, dass ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Tess hatte recht. Das grobkörnige Foto, das sie von Nick Delisanto im Internet entdeckt hatte, wurde ihm überhaupt nicht gerecht.
Kein Mensch sollte so gut aussehen. Seine dichten braunen Locken fielen ihm auf den Kragen einer abgewetzten schwarzen Fliegerjacke, die zu seinem dünnen Pullover und den Jeans passte. Scharf geschnittene Wangenknochen mit einem Anflug von Dreitagebart, dunkel gebräunte Haut, ein muskulöser Körper, knapp ein Meter neunzig groß, dazu ein distinguiertes Äußeres, das ihn aus der Menge der nichtssagenden lokalen Berühmtheiten und Honoratioren heraushob. Sein grüblerisches Wesen, verbunden mit einer maskulinen Schönheit, zog die Blicke aller Frauen auf sich – auch Evas. Die lässige Art, mit der er an der Säule lehnte, während die Galeristin auf ihn einredete, ließ ihn noch unnahbarer erscheinen. Selbstsicher, sexy, geradezu magnetisch und auf unangestrengte Weise erfolgreich als Jäger und Sammler: Nick Delisantro war der perfekte männliche Prototyp, um das Überleben seiner Spezies zu sichern.
Eva dagegen war der weibliche Prototyp, der sein Aussterben garantierte. Eine Akademikerin, deren Kenntnisse über Männer sich auf ein paar Knutschereien als Studentin und eine heimliche Leidenschaft für schwülstige historische Liebesromane beschränkten, auf deren Buchumschläge halb nackte Männer mit stattlichen Oberkörpern abgebildet waren.
Sie konzentrierte sich wieder auf die „Explosion der Sinne“, während ihre eigenen implodierten, als sie an sich herabschaute und das Designerkleid begutachtete, das Tess ihr geliehen hatte. „Das wird nicht funktionieren“, murmelte sie. „Ich sehe lächerlich aus.“
Die blutrote Samtkreation mit dem geschlitzten Rock und dem tiefen Ausschnitt hätte bei ihrer Freundin sensationell ausgesehen. Leider war Eva fünf Zentimeter kleiner und hatte den überflüssigen Stoff an der Taille gerafft. Als sie es vor einer Stunde überstreifte, hatte sie sich zunächst großartig gefühlt. Jetzt kam sie sich mehr wie eine Hochstaplerin vor.
Sie gehörte nicht zu den umwerfend aussehenden Frauen, die über genügend Selbstbewusstsein verfügten, um einen vagabundierenden Piratenkapitän in die Knie zu zwingen. Sie war eine Intellektuelle, die jedem Risiko aus dem Weg ging und in deren Kleiderschrank nur gedeckte Farben zu finden waren. Technisch gesprochen war sie noch Jungfrau – und das im reifen Alter von vierundzwanzig Jahren!
Tröstend legte Tess die Hand auf Evas Arm. „Du siehst nicht lächerlich aus. Sondern umwerfend.“
Eva verschränkte die Arme vor der Brust. „Mit diesem Ausschnitt sollte ich ihn besser nicht überfallen“, beschloss sie. Von Minute zu Minute fühlte sie sich unbehaglicher. „Ich gehe morgen zu seinem Agenten und mache einen Termin.“ Das wäre die klügere und sicherere Variante. So hatte sie es von vornherein geplant – bis Tess dank ihrer zahlreichen Kontakte herausfand, dass Nick Delisantro an diesem Abend an der Vernissage teilnehmen würde. Im Handumdrehen hatte sie sich zwei Einladungen verschafft.
„Ein Ausschnitt ist nie fehl am Platz, wenn es um Männer geht“, widersprach Tess. „Hast du nicht selbst gesagt, dass es sich um eine wichtige Angelegenheit handelt? Wenn dieser Agent dich nun abwimmelt – was willst du dann deinem Chef erzählen?“
Darauf wusste Eva keine Antwort. Von Mr Crenshawe war ihr unmissverständlich klargemacht worden, dass der De-Rossi-Auftrag oberste Priorität hatte, und wenn Eva den vermissten Erben dingfest machen konnte, ehe es einem der Konkurrenzunternehmen gelang, die der Duca...




