E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Rhodes Eismädchen
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8437-1195-1
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-1195-1
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Rhodes wurde 1964 in London geboren. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und lehrte jahrelang an amerikanischen und britischen Universitäten. Für ihre Lyrik wird sie von der Presse hoch gelobt und erhält regelmäßig Preise. Sie lebt in Cambridge, am Ufer des Flusses, für dessen Erkundung sie sich extra ein Kanu zugelegt hat. Ihre Serie um die Kriminalpsychologin Alice Quentin ist eine der größten Entdeckungen im englischen Kriminalroman.
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1
Die Kälte überfiel mich in dem Augenblick, als ich meinen Wagen verließ. Ich wünschte mir, ich hätte einen dickeren Mantel angezogen, doch zumindest lenkte mich mein Zittern von den Katastrophenmeldungen im Radio ab – die Meteorologen sagten noch mehr Schnee voraus, der Zugverkehr stand still, und schon wieder suchte man nach einem Mädchen aus Nordlondon, das spurlos verschwunden war.
Auf meinem Weg über den hoffnungslos vereisten Bürgersteig blieb ich kurz stehen und bewunderte das alte Northwood in der winterlichen Pracht. Reihen dunkler Wohnhäuser aus viktorianischer Zeit stemmten sich gegen den Wind. Meine Kollegen im Guy’s Hospital in London waren der festen Überzeugung, dass ich den Verstand verloren hatte. Denn freiwillig tauschte ihrer Meinung nach kein Mensch sein Londoner Apartment und eine bequeme Psychologenstelle an einem der Krankenhäuser dort gegen ein halbjähriges Sabbatjahr in der größten Forensik Englands. Doch ich wusste, dass meine Entscheidung richtig war. Der britische Psychologenverband hatte mich eingeladen, eine Studie über das Laurels durchzuführen, das die Heimstatt einiger der übelsten Gewaltverbrecher unseres Landes war. Die Arbeit wäre faszinierend, und im Anschluss könnte ich ein Buch zu diesem Thema schreiben, doch vor allem wollte ich mir beweisen, dass ich die Gesellschaft von gewalttätigen Serienvergewaltigern und Massenmördern über eine so lange Zeit ertrug. Dass ich über das grässliche Leiden und die grauenhaften Todesfälle, deren Zeugin ich im Engel-Fall geworden war, endgültig hinweggekommen war. Mein Apartment konnte ich glücklicherweise untervermieten, so dass es mir nach meiner Rückkehr wieder zur Verfügung stehen würde.
Mein Herz klopfte wild vor Neugier und Furcht. Bei jedem Schritt entdeckte ich ein neues Warnsignal – Gitter vor den Fenstern, Suchscheinwerfer, Stacheldraht. Dutzende von Hinweisen, die mich daran erinnern sollten, dass in dem Gefängnis und der angeschlossenen Klinik lauter geisteskranke Straftäter versammelt waren.
Die beiden Frauen am Empfang sahen mich mit einem vorsichtigen Lächeln an. Sie waren beide um die 50, eine groß und eine klein, und keine von den beiden schien besonders glücklich über ihren Job zu sein.
»Eisig draußen, nicht wahr?«, fragte mich die Größere der beiden, und die andere setzte ein erneutes, dieses Mal entschuldigendes Lächeln auf, bevor sie meine Handtasche ergriff, sie umdrehte und kräftig schüttelte.
Kugelschreiber, Lippenstifte sowie eine Reihe alter Quittungen ergossen sich auf ihrem Tisch.
»Ich fürchte, Handys sind hier drinnen nicht gestattet«, sagte sie.
»Tut mir leid, das hatte ich vergessen.«
»Sie würden nicht glauben, wenn ich Ihnen sagen würde, was die Leute schon alles in das Gebäude schmuggeln wollten. Drogen, Klappmesser und alles, was man sich nur vorstellen kann.«
Diese Offenbarung musste ich erst mal verdauen. Wer käme wohl auf die Idee, Waffen in ein Haus voll Psychopathen mitzubringen? Höchstens irgendjemand mit einem ausgeprägten eigenen Todeswunsch.
Dann führte mich die Frau zu dem Gerät, das in der Ecke des Empfangsraums stand.
»Die Karte ist einfach ein Ausweis«, meinte sie. »Die Türen gehen entweder mit Schlüsseln oder Fingerabdruck auf.«
Ich drückte meine Zeigefinger auf die Glasabdeckung des Geräts, sah einen grellen Blitz, und dann spuckte die Kiste meinen Ausweis aus. Beinah hätte ich mich auf dem Foto selber nicht erkannt. Ich guckte wie ein Reh, das von Scheinwerfern geblendet mitten auf der Straße stand, und war erschreckend bleich.
Der Ortsplan, den die beiden Frauen mir überließen, stellte sich als völlig nutzlos raus. Schmale Pfade schlängelten sich durch das Labyrinth der Häuser, die auf dem ummauerten Gelände angesiedelt waren. Für ein Maximum an Sicherheit fiel der Blick aus Hunderten von Fenstern auf die engen Wege, über die ich ein ums andere Mal im Kreis lief, bis irgendwann das Laurels vor mir lag. Bei seiner Eröffnung vor fünf Jahren hatten viele Menschen lautstark protestiert, weil Steuergelder in Millionenhöhe auf den Bau verwendet worden war. 36, um genau zu sein. Und tatsächlich wirkte das Gebäude mit der Stahl- und Glasfassade wie ein krasses Denkmal der Architektur, die momentan in Mode war. Als ich durch die Tür trat, fühlte ich mich wie in einem futuristischen Hotel, nur dass dort die Sicherheitskontrollen sicher nicht so streng gewesen wären. Denn kaum hatte ich das Haus betreten, schlossen sich zwei gläserne Türen hinter mir.
Beklommen suchte ich nach dem Büro des Anstaltsleiters, Dr. Aleks Gorski, der als ziemlich furchteinflößend galt. Als ein Gefangener im letzten Jahr von hier geflohen war, hatte er sich rundheraus geweigert, die Verantwortung dafür zu übernehmen, und stattdessen die Regierung attackiert, weil sein Sicherheitsbudget beschnitten worden war. Und kaum dass man den Flüchtling wieder eingefangen hatte, hatte er der Presse eine Reihe wutschnaubender Interviews gewährt. Seine unverblümte Art hatte ihn eine Reihe wichtiger Verbündeter gekostet, und es war ein offenes Geheimnis, dass sich seine Vorgesetzten danach sehnten, jemand anderen auf seinem Stuhl zu sehen.
Offenbar ging gerade wieder mal das Temperament mit Gorski durch, als ich den Raum betrat. Er war um die 40, trug einen etwas eng sitzenden Anzug sowie blank polierte Schuhe, und sein Haar war militärisch kurz geschorenen. Sein Lächeln legte sich zu schnell, um einladend zu sein.
»Ich hatte Sie um neun erwartet, Dr. Quentin.«
»Tut mir leid, aber ein Teil der Autobahn war gesperrt. Haben Sie meine Nachricht nicht bekommen?«
Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und sah mich über die meterlange, dunkelbraune Mahagonifläche hinweg an. »Ihr Abteilungsleiter sagt, dass Sie ein Buch über uns schreiben wollen. Worum soll’s dabei hauptsächlich gehen?« Gorski sprach sehr schnell und eine Spur zu laut mit starkem polnischen Akzent.
»Ich interessiere mich für die Behandlung ausgeprägter und gefährlicher Persönlichkeitsstörungen und die Rehabilitation Gefangener, bevor man sie entlässt.«
»Kaum einer unserer Männer kommt hier jemals wieder raus, aber natürlich sind Sie für das Studium psychischer Störungen genau am rechten Ort. Unsere Insassen sind einzig deshalb hier, weil das Gefängnissystem sie ausgespien hat.« Er unterzog mich einer kühlen Musterung. »Wissen Sie, wie lange unsere weiblichen Angestellten hier normalerweise durchhalten?«
»Ein Jahr?«
»Vier Monate. Nur eine Handvoll hält auf Dauer durch, und diese Frauen teilen wir in zwei Gruppen auf – die Löwenbändigerinnen und die, die mit den Männern flirten wollen. Weil die eine Hälfte was beweisen muss und sich die andere zu gewaltbereiten Männern hingezogen fühlt. Zu welcher dieser beiden Gruppen Sie gehören, weiß ich natürlich noch nicht.«
Ich starrte ihn verwundert an. Solche Sätze waren doch sicher schon seit einer Ewigkeit verboten? »Das spielt keine Rolle, Dr. Gorski. Ich bin hier, weil ich etwas über das Wohlergehen Ihrer Patienten lernen will.«
»Sie sollten sich vor allem über Ihr eigenes Wohlergehen Gedanken machen. Letzten Sommer hat ein Insasse eine der Schwestern so heftig attackiert, dass sie eine Woche auf der Intensivstation gelegen hat. Diese Männer werden Ihnen etwas antun, wenn Sie sich nicht vorsehen. Ist Ihnen das klar?«
»Natürlich.«
Gorski nickte knapp. »Gut, dann führe ich Sie erst einmal herum.«
Inzwischen sehnte mich schmerzlich nach meinem normalen Boss im Guy’s. Er war so cool, dass er wie ein Beruhigungsmittel auf die Menschen wirkte, die er traf. Wohingegen Gorski sprunghaft wie seine Patienten war. Auf der Psychopathie-Checkliste von Hare würde er auf jeden Fall sämtliche Aggressionspunkte sowie die Höchstpunktzahl für den Mangel an Respekt vor sozialen Grenzen erreichen.
Auf dem Weg über den Flur sog ich den Geruch des Hauses ein. Wie in jedem andern Krankenhaus roch es auch hier nach Raumluftspray, Desinfektionsmittel und irgendetwas Unbestimmtem, das irgendwo in einer fernen Küche auf dem Herd zu brutzeln schien. Zwei Pfleger führten einen adipösen, jungen Mann an uns vorbei, und ein dritter lief mit einem solchen Abstand hinter ihnen her, als träte der Patient im nächsten Augenblick nach hinten aus.
»Was für ein Personal-Patienten-Verhältnis haben Sie?«, erkundigte ich mich.
»Im Augenblick sind wir unterbesetzt, aber normalerweise drei zu eins.«
»Ist dieser hohe Personalschlüssel zu allen Zeiten nötig?«
Gorski nickte nachdrücklich. »Weil es andauernd zu irgendwelchen Streitereien kommt. Erst gestern wurde einem Insassen der Hals mit einer zerbrochenen CD-Hülle so grässlich aufgeschlitzt, dass man ihn mit zwanzig Stichen nähen musste.«
Während er dies sagte, trat er vor mir durch die Tür des Tagesraums. Hier war die Atmosphäre auf den ersten Blick völlig entspannt und friedlich. Aus der Ferne erschienen mir die grauhaarigen Männer, die in Jogginganzug oder Jeans bequem in Sesseln saßen, Tee tranken und einen alten Spielfilm schauten, wie ein Grüppchen sanftmütiger Opas. Frauen bekamen sie hier offensichtlich kaum zu sehen, denn sie alle drehten sich verwundert zu mir um.
An der Decke hing uralter Weihnachtsschmuck, doch alles andere, was ich zu Gesicht bekam – die Rudergeräte und die Laufbänder im Fitnessstudio, der Projektor im hauseigenen Kino, die Tischtennisplatte und der Billardtisch im Spielzimmer –, war offenbar brandneu.
Und auch...