E-Book, Deutsch, 259 Seiten
Reuter Al
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7565-6660-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 259 Seiten
ISBN: 978-3-7565-6660-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ich bin in Sachsen geboren und aufgewachsen. Dreizehn Jahre lang arbeitete ich als Gemeindepädagoge mit Kindern und Jugendlichen in der Nähe Leipzigs. 1990 wechselte ich zwar nicht meinen Wohnort, wohl aber mein Land. Seit 2000 lebe und arbeite ich in Zwickau als Gymnasiallehrer und Fachberater. Ich schrieb bisher haupstächlich Glossen, Geschichten für Kinder und Rezensionen, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Der vorliegende Text 'Al' ist mein erster Roman.
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1
Ich verlasse den Boden, auf dem mein Schreibtisch steht und das weiße Lesepult. Das Flugzeug streckt neugierig die Nase in den Himmel, wo um alles in der Welt liegt Treusen? Das spießige, konservative, abgestumpfte Treusen.
Rom wird mir helfen, wer sonst? Seltsam, dass ich Mitte fünfzig werden musste, ehe ich erstmals nach Rom reise. Sollte man eher getan haben. Hab ich aber nicht. Hab genügend antike Säulen in diversen Bildbänden gesehen, das reicht für drei Leben. Und der Prunk im Vatikan kann mir gestohlen bleiben. Ich bin Lutheraner. Rom als letzte Chance – eine Bankrotterklärung.
Einfach nur atmen, ein und aus, ein und aus, keine Gedanken zulassen. Ich schwebe zwischen Himmel und Erde, zwischen Dorfweiher und Petersplatz. Ich schließe die Augen, das Flugzeug summt behaglich vor sich hin, ab und zu raschelt eine Stewardess vorbei. So stelle ich mir das Paradies vor. Aber irgendwann muss ich runter, wie immer.
Ciampino Airport. Es funktioniert, ein kleines Wunder. Zu Hause im Fünfhundert-Seelen-Nest Treusen klicke ich dreimal auf meine Tastatur, und fünf Wochen später steht auf dem Römer Flughafen ein mir völlig fremder Mann, der ein Pappschild mit der etwas ungelenken Aufschrift „Signore Beyer“ vor seinem imposanten Bauch hält. Dass so was klappt, erstaunt mich immer wieder. Obwohl man sich irgendwie auch dran gewöhnt. Wir nutzen selbstverständlich Dinge, von denen wir nicht die leiseste Ahnung haben, wie sie funktionieren. Computer, Fernseher oder einfach nur Strom. Wieso bitteschön leuchtet meine Wohnzimmerlampe auf, wenn ich den Schalter neben der Tür drücke? Wie kommt der Tagesschau-Sprecher auf meine Mattscheibe? Genügt wirklich eine lange Reihe von Einsen und Nullen, damit dieser massige Italiener sich zur richtigen Zeit auf den Weg macht, um mich abzuholen?
Er weiß sogar, wohin ich will. Dabei habe ich die Adresse des Hotels säuberlich auf einen Zettel geschrieben, der nun ungenutzt in meiner Jackentasche stecken bleibt. Das Internet macht uns stumm. Klick, Schild, Auto. Ein Kopfnicken zur Begrüßung und eins zur Verabschiedung, mehr nicht.
Dreißig Minuten Stadtverkehr, jetzt weiß ich wieder, warum ich im Leipziger Land wohne. Links, rechts, bremsen, anfahren, rot, grün, fluchen, brummeln. Ich versteh kein Wort, Fremdsprachen sind nicht mein Ding, ich konnte mir noch nie Vokabeln merken. In einer Weltstadt wie Rom werden sie ja wohl Deutsch verstehen. Bin ja nicht der erste Touri hier.
Das Hotel ist traumhaft gelegen, bei dem Preis kann man das aber auch erwarten. Der Vatikan ist um die Ecke, trotzdem ist es erstaunlich ruhig. An der Rezeption probiere ich meine drei Brocken Italienisch. „Bunn Tschorno, Sinnora.“ Die schwarzhaarige rassige Dame hinterm Tresen lächelt freundlich, aber das hätte sie auch getan, wenn ich „Die Kartoffeln haben im Preis aber ordentlich angezogen.“ gesagt hätte.
Hübsches kleines Appartement mit Wohnzimmer und Bad. Naja, keine Wanne, aber immerhin eine ausreichend große Dusche. Wasserkocher neben dem Fernseher, ein kleiner Korb mit Tütchen. Tee, Trockenmilch, Zucker, und was ist das? Aha, Espresso. Die Italiener trinken ja keinen Kaffee. Im Bad Shampoo und ´ne Art flüssige Seife, in einer Schublade liegt ein Fön. Den brauch ich nicht.
Ich gucke in alle Schränke, inspiziere jede Ecke, brüh mir einen Kaffee auf, also einen Espresso. Muss der so schmecken? Keine Ahnung. Ich öffne das Fenster, stelle die winzige Tasse auf den Sims, hole ein Kissen, lege es neben die Tasse, lehne mich drauf und schaue mir Rom an. Also, was man so sieht von hier aus. Unter mir Rasen mit paar Büschen, dahinter eine schmale Straße, gegenüber ein Brunnen, ein kleiner Park mit paar Bänken. Hoffentlich gibt’s da keinen Radau am Abend. Obdachlose und so. Bin ich von Treusen nicht gewöhnt. Außerdem hab ich einen leichten Schlaf.
In der nächsten halben Stunde quetschen sich Dutzende kleine Fiats durch die enge Straße. Sie hupen pausenlos, parken kreuz und quer, alles belegt, die Seitenspiegel eingeklappt oder abgebrochen, der Leerlauf eingelegt. Einer ist zugeparkt, also schiebt er den kleinen Fiat vor seinem kleinen Fiat und den kleinen Fiat hinter seinem kleinen Fiat so lange hin und her, bis er mit seinem kleinen Fiat rauskommt. Eine halbe Minute später parkt ein neuer kleiner Fiat ein. Wer um alles in der Welt braucht eine Luxuskarosse, wenn er in der Großstadt lebt? Klein ist das neue groß, und über eine Delle regt man sich erst gar nicht auf.
Es wird dämmrig. Ich nehme meinen Rucksack und gehe runter in einen Späti, die gibt es hier scheinbar an jeder Ecke. An der Theke steht ein Algerier oder Tunesier oder so und diskutiert laut mit einem anderen Algerier oder Tunesier oder so. Sie werden auch nicht leiser, als ich eintrete. Ob ich besser wieder gehen sollte, ich will keinen Stress. Einer der beiden spricht mich an, ich zucke die Schultern. „English man?“
„Nein, deutsch man.“
„Ah, tedesco.“ Er wittert wohl ein gutes Geschäft, denn er kommt blitzschnell hinter der Theke hervor, packt mich an der Schulter und führt mich zu den Regalen, von denen er glaubt, dass da Sachen drinliegen, die den Deutschen schmecken. Er hat gar nicht so unrecht. Seine Hand auf meiner Schulter ist mir furchtbar unangenehm, aber ich wage sie nicht abzustreifen. Zehn Minuten später bin ich wieder auf meinem Zimmer, in meinem Rucksack ein Tetrapack Wasser, eine Flasche Wein, französischer, wie ich jetzt merke, dazu zwei Packungen mit Sandwiches, eine Tüte Erdnüsse und eine Tafel Schokolade. Alles total überteuert, aber ich bin froh, ohne Blessuren davon gekommen zu sein. Außerdem hab ich Hunger und lasse es mir schmecken. Ausgiebig duschen, dann fernsehen. Gott sei Dank, es gibt deutsche Programme. Der Sonntagabend ist gerettet.
Italienische Hotels sollen nachts ja so laut sein. Die Italiener kommen nicht zur Ruhe, gackern bis drei, natürlich so rücksichtslos, dass alle anderen Gäste wach gehalten werden. Aber kein Mucks. Ok, die Stadt schläft nicht, aber im Hotel ist es still. Es haben wohl keine Italiener eingecheckt.
Ich bin nicht oft in Hotels, aber was ich am meisten daran liebe, ist das Frühstück. Obwohl ich regelmäßig enttäuscht werde. Letztlich immer derselbe Papps. Zwei Sorten Wurst, zwei Sorten Käse, gekochte Eier, drei Sorten Marmelade, drei Sorten Saft, vier Sorten Joghurt, paar Bananen und Apfelsinen. Bei dem Preis hier könnte man durchaus bisschen mehr auffahren. Ok, hat man auch. Zum Einheitssortiment gibt es außerdem Schoko- und Mandelkuchen, Spiegeleier, gebratenen Bauchspeck, fetttriefende Würstchen und Bruschetta. Das weiß ich, weil es dran steht. Die Treusener sagen dazu Tomatensalat.
Trotz der ordentlichen Auswahl fülle ich meinen Teller mit denselben Leckereien wie in einem billigen Hotel: Weißbrot mit Butter, eine Scheibe Fleischwurst, eine Ecke Camembert, ein warmes Ei, Kirschkonfitüre und Honig im Minipack, Himbeerjoghurt mit Cornflakes, Kaffee und Orangensaft. Das schmeckt mir halt, ist jahrzehntelang erprobt. Reichlich freie Tische gibt es, klar, die Italiener schlafen noch. Italiener nerven in der Nacht, Deutsche beim Frühstück. Immer aufgedreht, immer mit dem falschen westdeutschen Dialekt. Ruhrpott oder Friesland oder Schwaben. Nichts Vertrautes. Links eine plärrige Familie, er in Shorts, mitten im Herbst, dicke Waden mit hundert Mückenstichen, sie im ärmellosen, geblümten Hängerchen, Winkefleisch mit blau-lila Flecken. Guten Appetit. Zwei Teenager, die noch am wenigsten Radau verursachen, sondern die Fresse einhängen. Also steuere nach rechts. Ich bin froh, dass ich allein reise.
Ich suche mir einen Tisch am Fenster, Blick auf den Petersdom. Genüsslich arrangiere ich mein Frühstück vor mir, Kaffee nordöstlich, Saft nordwestlich vom Teller, strecke die Füße unter dem Tisch, drehe den Henkel der Kaffeetasse akkurat neunzig Grad nach rechts, gähne ausgiebig, nippe am Orangensaft, wickle die Butter aus.
„Entschuldigung, darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Ich bin perplex, hab wohl den Mund offen stehen. Mann meines Alters, deutlich schlanker als ich, kaum größer, kurze schwarze Haare, Jeans und brauner Pullover, in der linken Hand der Teller, in der rechten ein Glas mit irgendwas. Er steht leicht nach vorn gebeugt, wartet auf meine Erlaubnis, legt den Kopf schief, als ich nicht gleich reagiere. Was soll das? Ringsum leere Tische, er soll mich in Ruhe frühstücken lassen.
„Ääh“, erwidere ich.
„Oh Verzeihung, wenn Sie lieber ungestört sein wollen, suche ich mir natürlich einen anderen Platz.“ Und schon dreht er sich entschuldigend lächelnd weg. Jetzt nicht rückfällig werden, Christian, zieh die Sache durch! Lass dein schlechtes Gewissen gar nicht erst Morgenluft schnuppern.
„Tut mir leid, aber ich würde doch gern allein… Hat nichts mit Ihnen zu tun.“
„Kein Problem.“ Er dreht sich nochmal kurz zu mir um. „Mein Fehler.“
Rasch entfernt er sich, geht zu einem Tisch in der hinteren Ecke, setzt sich mit dem Rücken zu mir. Das Frühstück ist mir verleidet. Mensch Christian. Du bist ein herzloser Egoist, ein Einzelgänger, eine Spaßbremse. Willst immer deine Ruhe, fühlst dich immer gleich gestört. Vielleicht wäre es ja ein nettes Geplauder geworden. Was war das überhaupt für ein Dialekt? Kann ich nicht zuordnen. Wäre ein gelungener Gesprächseinstieg gewesen: „Man hört Ihnen...




