E-Book, Deutsch, 922 Seiten
Retcliffe Nena Sahib
1. Auflage 2018
ISBN: 978-83-8148-454-1
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 922 Seiten
ISBN: 978-83-8148-454-1
Verlag: Ktoczyta.pl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sir John Retcliffe, eigentlich Hermann Ottomar Friedrich Goedsche (1815-1878), war ein deutscher Schriftsteller. Er benutzte auch das Pseudonym Theodor Armin. Die 'Historisch-politischen Romane aus der Gegenwart' von Sir John Retcliffe sind mit Abenteuern angereicherte Tendenzromane, die das gesamte politische Geschehen seiner Zeit zum Inhalt haben. Der indische Aufstand war ein Medienereignis, über das 1857 weltweit berichtet wurde. Indien wird einerseits als tropisches Paradies, andererseits als ein höllischer Ort blutrünstiger Menschenopfer dargestellt. Zum Rückfall Nena Sahibs kommt es, als ein britischer Major seine Frau vergewaltigt. Er wird der Agent der Vergeltung, indem er eine Mörderbande in den Kampf gegen die Kolonialherren führt. Retcliffes Roman orientalisiert die Rebellen zu unbeherrschten Gewalttätern, deren angeblich essenziell rachsüchtige und sadistische Natur in der Revolte durchbricht. Nena Sahib mutiert zum radikalen Terroristen, der antikoloniale Aufstand wird auf einen Ausbruch der wilden Natur gegen die Zivilisation reduziert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die indische Universität. In der Cleveland-Street zu London steht ein Haus, gegen die englische Gewohnheit ziemlich geräumig und etwas von der Straßenfront zurückgebaut, so daß hierdurch eine kurze Auffahrt gewonnen worden, die nach der Straße zu ein eisernes Gitter abschließt. Der Ein- und Ausgang dieses Gitters stand an dem Vormittag, an dem unsere Erzählung beginnt – am 20. Juni 1851 – geöffnet und ebenso die Haustür, an deren Pfosten ein Diener von trägem, anmaßendem Aussehen lehnte, nur hin und wieder ein Wort mit einem jungen Mann von schlauem, aber bleichem Antlitz redend, das alle Spuren dürftig nährender und angestrengter Arbeit an den Aktentischen trug. Der junge Mensch, etwa 19 Jahre alt und in einer abgeschabten, aber reinlichen Kleidung steckend, hatte einen Sack mit Papieren in der Hand, der ihn für jeden mit englischen Sitten Bekannten als einen Advokatenschreiber bezeichnet hätte. Der Bediente blickte eifrig die Straße hinauf, als erwarte er die Ankunft einer oder der anderen Person, und ließ zuweilen ein Goddam! zwischen den Zähnen hören. »Ist es wahr,« bemerkte der Schreiber schüchtern, »daß der Nabob, Ihr Herr, so gefährlich erkrankt ist, daß man keine Hoffnung für seine Genesung mehr hegt?« »Es muß jeder einmal sterben,« erwiderte sein Gesellschafter gleichgültig, indem er fortfuhr, die Straße hinaufzustarren. »Man sagt, er sei ein Mann noch in seinen besten Jahren,« fuhr der andere fort. »Es muß schlimm sein zu sterben, wenn man so reich ist, wie es von Sir David Dyce heißt!« Ein »Hm!« war die bloße Antwort. »Wie alt mag der Nabob doch jetzt sein!« wiederholte der junge Mann seine Frage. »Er ist dreiundvierzig Jahre. – Warum nennen Sie Sir David den Nabob?« »Ei, mein Gott, ist er es denn nicht? Das Bureau meines Herrn befindet sich zwar nicht in dieser Stadtgegend, und es ist das erste Mal, daß wir einen Akt für ihn vollziehen; indes wer hätte in ganz London nicht von Sir David Ochterlony Dyce Sombre sprechen hören und von seinen unglücklichen Schicksalen, wie von seinen großen indischen Reichtümern. Sind Sie schon lange in seinem Dienst, wenn ich fragen darf?« fügte der Schreiber hinzu. »Sie scheinen sehr neugierig, Master so und so,« erwiderte ärgerlich der Diener. »Wenn Sie so genau mit dem Stadtgeklatsch vertraut sind, statt sich um Ihre Schreibereien zu kümmern, so werden Sie auch wissen, daß Sir David erst seit drei Jahren sich wieder in England befindet.« »Es ist wahr, ich erinnere mich, in einem Blatte gelesen zu haben, daß er nach seiner Flucht aus Bedlam vier Jahre lang durch ganz Europa gereist ist, um sich von allen berühmten Ärzten untersuchen und sich Zeugnisse seiner geistigen Gesundheit geben zu lassen. Darf ich Sie wohl noch fragen, ob Lady Marie wieder mit ihrem Gatten ausgesöhnt und bei ihm ist? So schön Ihr Haus auch scheint, so muß ich Ihnen gestehen, hätte ich mir doch ein weit prächtigeres Bild von dem Haushalt eines indischen Nabobs gemacht.« Die Neugierde des kleinen Schreibers schien seinen Gefährten eben zu einem Ausbruch heftigen Unwillens gereizt zu haben, und dieser wandte sich ärgerlich gegen ihn, als das Hinzukommen einer dritten Person aus dem Innern des Hauses den Zorn des Bedienten von dem jungen Menschen ab und zugleich alle Neugier des letzteren auf sich wandte. Der Hinzutretende war ein großer, fünfzig Jahre zählender Mann, dessen dunkle Bronzefarbe sofort seine indische Heimat verriet, auch wenn es die Kleidung nicht getan. Ein grauer dichter Bart bedeckte Wangen, Kinn und Oberlippe des Indiers, wohl eine Handlänge auf die Brust herabhängend, so daß kaum die dünnen Lippen des Mundes sichtbar blieben. Er gehörte offenbar einem der kriegerischeren Völker, wahrscheinlich dem Maharattenstamm an, und sein Gesicht, an und für sich schon finster und streng, zeigte in diesem Augenblicke noch den Ausdruck des Kummers und Schmerzes. Der Indier war mit leichten, unhörbaren Schritten die teppichbelegte Treppe herabgekommen, so daß er ganz unerwartet zwischen den beiden stand. Sein dunkles Auge wandte sich zuerst suchend rechts und links und dann auf den Bedienten. »Wo ist der Ferash John, dein Gefährte?« fragte er in leicht gebrochenem Englisch. »Du weißt, daß Radschah David streng befohlen hat, daß keiner seiner Diener heute das Haus verlassen soll.« Der träge Schlingel schien einigermaßen verwirrt, antwortete aber dann: »Was weiß ich, ich habe John nichts zu befehlen, er ist vielleicht nach dem Square gegangen, um zu sehen, wo der Doktor bleibt.« Der Indier sah ihn scharf und drohend an. »Hüte dich!« sagte er ernst, »du weißt, daß Tukallah wachsam ist. Wenn der Arzt kommt, so benachrichtige mich. Ist dieser Dschuckarah der Ferash des Mirza, der bei dem Sahib ist?« Er hatte sich mit der letzten Frage nach dem kleinen Schreiber gewandt, der ihn mit offenem Munde anstarrte, ohne die ihm fremden Ausdrücke zu verstehen. »Ich meine, ob du der Diener des Mannes bist, der für das Gesetz schreibt?« Der junge Mensch begriff. »Wenn Ihr fragt, Sir, ob ich der Sekretär des gelehrten Doktor Duncombe, Notar und Anwalt am Hohen Kanzleihofe, bin, so ist es richtig. Mein Name ist Tom Malwinkle, und ich habe die Ehre...« Der Indier unterbrach ihn mit einer Handbewegung und sagte: »Komm!« Er schritt dem jungen Mann voran, ihm bedeutend, so wenig Geräusch als möglich zu machen. James, der Diener, blieb allein am Eingang der Tür zurück, verdrossen vor sich hinmurmelnd: »Ich wollte, ich könnte dem gelben Hunde einmal geigen, was ein geborener Engländer einem solchen ungläubigen Schuft gegenüber zu bedeuten hat. Aber Geduld, ich meine, es hat bald ausgespielt. Wenn nur John zurückkommt, der Doktor hat mir's auf die Seele gebunden, ihm Nachricht zu geben, wenn sich etwas Ungewöhnliches ereignet, und der Besuch des Advokaten... ah, da ist er selbst.« Ein Kabriolett rollte über den Square daher und hielt vor dem Gitter. Ein stattlich aussehender Herr stieg heraus. »Nichts neues, James? Wie geht es deinem Herrn? – ich war verhindert, ihn gestern nachmittag zu besuchen.« »O Sir,« sagte der Diener – »Sie haben also meinen Brief durch die Penny-Post nicht erhalten?« »Welchen Brief? – ich mußte heute morgen zeitig zu Lady Windham, um zum erstenmal einen Versuch mit Chloroform bei ihrer Entbindung zu machen. Geschwind, ist etwas Wichtiges vorgefallen? Warum kamst du nicht selbst?« »Es war unmöglich, Sir. Dieser gelbe Teufel scheint Mißtrauen gegen uns gefaßt zu haben und beobachtet unsere Gänge. Das Befinden Sir David Dyces war unverändert, und er fragte nur mehrmals, ob keine Briefe vom Kapitän Ochterlony aus Dublin angekommen wären. Gegen abend aber erschien ein Besuch, der sich nicht abweisen ließ: da der Indier gerade dazu kam, so gelangte er bis ins Krankenzimmer und blieb wohl zwei Stunden lang bei dem Herrn. Nachher war dieser sichtlich aufgeregt, verbot aber, Sie zu beunruhigen.« »Wer war der Besuch? Doch nicht Mistreß Troup oder ihr Mann?« »Nein, Sir, – es war ein Fremder, ein Ausländer, den ich noch nicht gesehen. Ein junger Mann noch; hier ist seine Karte, die ich wegstibitzt. Der Herr schien ihn erwartet und große Freude zu haben, ihn zu sehen.« Der Doktor nahm die Karte und las: Friedrich Walding, Doktor der Medizin und Naturwissenschaften. »Ein deutscher Gelehrter, offenbar eine Bekanntschaft von den letzten Reisen auf dem Kontinent. Ist das alles, James?« »Nein, Sir! das Wichtigste kommt noch. Heute morgen ist der Fremde wiedergekommen und hat einen Notar von Doktor Commons mitgebracht, Master Duncombe, ich erfuhr es von dem Schreiber, den sie eben hinaufgeholt. Der Notar befindet sich seit länger als einer Stunde oben.« Eine grobe Verwünschung entfuhr dem Munde des Doktors. »Alle Teufel – das hat ganz das Ansehn eines bösen Streiches, und ich muß eilen, ihm vorzubeugen.« Er warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt seines Taschenbuchs, faltete dieses und gab es dem Diener. »Trage dies sogleich zu Lord St. Paul, James; er oder Lady Mary mögen es lesen. Du hast doch hoffentlich noch niemand von der Sache Nachricht gegeben?« »Auf meine Ehre nicht, Sir! Sie bezahlen mich, und ich diene Ihnen allein. Aber ich darf nicht fort – John ist nicht zu Hause.« »Ich sehe,« sagte Doktor Jennys unwillig, »die Baronin Savelli ist besser bedient als ich. Du bist ein herzlich einfältiger Schurke, Master James, und wenn du nicht irgendein Mittel findest, dies Billett binnen zehn Minuten in die Hände des Marquis St. Paul oder deiner rechtmäßigen Herrin zu bringen, so ziehe ich meine Hand von dir.« Damit sprang er die Treppe hinauf, durchschritt einen kurzen Korridor, auf den Kokosmatten des Fußbodens sorgfältig alles Geräusch seiner...




