E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Renz Ich träume von einer Kirche der Hoffnung
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82205-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-451-82205-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Enttäuschung hat sich breitgemacht in der Kirche. Wo bleibt die Sehnsucht, wo bleiben die Träume? Monika Renz wagt genau dies: von einer Kirche der Hoffnung zu träumen. Einer Kirche auch, die den unmittelbar erfahrbaren Gott wieder in unsere Mitte holt. In diesem sehr persönlichen Buch spricht die bekannte Autorin darüber, wie man wieder Nähe gewinnt zu Jesus, dem Mystiker, und zu den Menschen. Wie wieder Begeisterung entfesselt, wie das Wesentliche in uns neu entdeckt wird und wie damit Wege aus der Krise gefunden werden können. Genau das, was die Urkirche ausmachte: Sammlung, Zentrierung und Hoffnung, das hilft uns heute. Monika Renz erzählt von einer Kirche, die wieder aus der Hoffnung lebt – und wie wir die Hoffnung darauf lebendig halten. So wurde Kirchenreform noch nie gedacht! Für eine Kirche nach der Krise!
Autoren/Hrsg.
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2. Eine Kirche, die von Jesus her Antwort gibt
In diesem Kapitel versuche ich meinen Traum in Berührung zu bringen mit vier aktuellen Herausforderungen des westlichen Kulturkreises. Alle vier kreisen um das Spannungsfeld zwischen exzessivem Wohlstand und dem damit einhergehenden Glücksanspruch einerseits und dem menschlichen Leiden andererseits. Kirche darf hier nicht mutlos schweigen. Sie hat mit Jesus ein ausgezeichnetes Vorbild, um auf jede dieser Herausforderungen zu antworten. 2.1. Mystik statt eine beliebig gewordene Spiritualität
Eine erste Herausforderung kommt uns heute entgegen in einer Spannung zwischen religiöser Vielfalt oder spiritueller Beliebigkeit einerseits und einer tiefen Sehnsucht andererseits. Die Sehnsucht ist im Letzten religiöser Art und doch als solche schwer einzufangen. Meist unerkannt, ist sie irgendwie »da«, erkennbar darin, dass etwas im Menschen wie nicht abgeholt ist. Spiritualität ist im Trend, immer noch. In Diskussionen geht es aber oft gar nicht mehr um Gott oder das Heilige, sondern – am Numinosen und Letztlichen vorbei – um eine Atmosphäre des Wohlbefindens bis hin zum Wellness-Kult. Im Kontext von Palliative Care beispielsweise wird Spiritualität bisweilen gar als »Familiesein«6 definiert, um ja nicht Worte wie Transzendenz oder Gott verwenden zu müssen. Spiritualität war demgegenüber ursprünglich Begriff für die Erfahrung mit dem unmittelbaren Gott (griechisch: pneumatikos, lateinisch: spiritualis). Inzwischen findet man das Wort häufig als Ersatzbegriff für das Religiöse. Derart beliebig interpretiert, driftet Spiritualität aber oft an der tieferen Sehnsucht des Menschen vorbei. Gibt es diese überhaupt? Sehnsucht nach einem Sein-dürfen anderer Art? Etwas von dieser Sehnsucht, nämlich jene nach Entgrenzung, spüre ich in der heutigen Eventflut. Doch wem gilt da unsere Verehrung, unser »Lobpreis«? Ein anderer Aspekt, die Sehnsucht nach Verbunden-sein, kommt mir entgegen in der Handykultur der Jungen. Und auch dort, wo Erwachsene den Jungen nacheifern. Das Handy steht für »Verbindung schlechthin«: Ich bin online, am Netz, mit dabei. Hier ist Sehnsucht längst zur Sucht geworden. Keiner ahnt mehr, wonach er sich im Eigentlichen seiner selbst sehnt. Das Phänomen Sehnsucht hat zu tun mit der Suche nach etwas Verlorenem, wovon ich doch entfernt irgendwie »weiß«. Süchtig suchend bin ich dort, wo mir emotional etwas fehlt. Es ist Bekenntnis und doch vielfältige Erfahrung, dass uns im Tiefsten etwas Zentrales verloren ging: eine andere Welt, das Himmelreich, Gott in seiner Unmittelbarkeit und damit verbunden unsere eigene Wesensmitte (vgl. Kap. 2.4). Der Durst gilt tatsächlich einer Connectedness, um das englische Wort einzuführen, das treffender ist als das deutsche Wort Verbunden-sein. Sehnsucht wäre per se eine tief religiöse Kategorie. Technisch ausgedrückt, ist uns irgendwann das Angeschlossen-sein ans Netz des Göttlichen entschwunden. Das Netz oder das Himmelreich wäre stets da, doch der Mensch hat irgendwann, irgendwie den Stecker herausgezogen. Unbemerkt hat er sich von Gott, vom Ganzen abgekoppelt. Wann, wieso? Dies ist zunächst nicht Frage von Schuld, sondern von Angst. Die Kirche sieht sich in dieser Herausforderung ebenso wie die Psychologie vor der Aufgabe, überhaupt erst zu verstehen. Gefragt ist – tiefer noch als die Aufarbeitung menschlicher Schuldgeschichte – jene der menschlichen Angstgeschichte. Warum aber Angst? Welche Angst? Und was hat eine solche mit Spiritualität und mit Gott zu tun? Meine einstige musik- und psychotherapeutische Arbeit mit frühgestörten Menschen und die langjährige Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden haben mich auf ein bewusstseinsfernes Phänomen verwiesen: Angst in ihrer Urform, Urangst. Diese wird insbesondere an den Rändern menschlichen Lebens sichtbar. Urangst ist zu einem Schlüsselbegriff meines Menschenbildes geworden. Sie meint nicht einzelne fassbare Ängste etwa vor Krieg, Einsamkeit oder einem engen Tunnel. Sie ist vielmehr Angsthintergrund und kann verstanden werden als ständige Reaktionsbereitschaft von Angst und Stress. Als solche bewegt sie zur Flucht. Urangst gehört zur menschlichen Prägung: conditio humana. Nicht allein aufgrund unseres Wesens, sondern auch aufgrund von Urangst wurden wir, was wir sind. Unsere individuelle Entwicklung, aber auch alle jahrtausendealte kollektive und kulturelle Bewusstseinsentwicklung wurde von dieser Angst angetrieben – nur je unterschiedlich ausgeprägt. Angst ist die Triebfeder. In unserer Kultur gehe ich von einer verstärkten (Ur-)Angst aus. Sie führte zu vermehrter Betonung der Ratio und der Macht. Das machtvolle Abwürgen, Ablenken oder nur schon das Verdrängen des Unerträglichen wurde hierzulande zur Bewältigungsstrategie. Damit einher geht eine offene oder subtile Machtausübung über andere. Was aber hat diese Prägung der verstärkten Urangst zu tun mit Religion und Spiritualität, ja mit Gott? Ein Blick in die Ursprünge dieser Angst vermag diese Frage zu erhellen: Urangst entstand in der frühesten (individuellen und kollektiven) menschlichen Entwicklung. Damals ging es um den Abschied aus der Ureinheit und um Ich-Werdung. Unter welchen Vorzeichen gelang dieser Entwicklungsschritt? Wie verlässt das werdende Ich den Urzustand des Eins- und Aufgehoben-seins? Und wie geschah dies beim Urmenschen, welcher mehr und mehr sich seiner selbst bewusst wurde und die Welt aus eigener Perspektive sah? Dass es diese Ureinheit als menschliche Ausgangslage gebe, ist vorerst Bekenntnis, aber auch vielfache therapeutische Erfahrung. Tiefer als alle Angst ist Urvertrauen in uns gespeichert. Der Mensch ist letztlich eins mit dem Ganzen, religiös gesprochen: angeschlossen an Gott. Ein Zustand vor aller Zeit und außerhalb! Diese zutiefst heile Befindlichkeit ist Teil von uns und älter als alle Differenzierung. Der Embryo oder das Neugeborene erkennt noch keine Mutter, sondern erlebt nur das Ganze, Eine. Dann, mit fortschreitender Entwicklung erlebt sich das anfangshafte Ich im großen Ganzen geborgen »drin« und behütet. Ähnlich erlebten auch die Menschen zu Urzeiten nur das Ganze, Eine und sich selbst zunächst als Teil davon. Und wenig später als darin geborgen. Dieses Ganze wird vom Embryo und vom Säugling, und es wurde vom Menschen zu Urzeiten so lange als das rundum Gute erlebt, als die menschliche Fähigkeit zur Differenzierung nur rudimentär entwickelt ist/war. Nach diesem unhinterfragten Dazugehören und nach dieser ursprünglichen Geborgenheit sehnt sich etwas in uns lebenslänglich. Doch irgendwann kommt/kam ein Bruch: das Ich beginnt/begann als solches zu werden und empfindet/empfand Sorge um sich, es erlebt/erlebte aus eigener Blickrichtung. Urangst kommt/kam auf. Eine Frühform von Existenzangst. Das werdende Ich erlebt/erlebte sich auf seine winzigen Ich-Ansätze wie zurückgeworfen, als hinfällig, fragil, verletzbar. Urangst hat zu tun mit einer sich verändernden Wahrnehmung: weg vom Urzustand und hin zum Ich-sein. Gerade dann, wenn wir die Anfänge menschlichen Werdens als solchermaßen spirituelles Geschehen begreifen, wird verständlich, warum Sehnsucht im Tiefsten eine »religiöse« Kategorie ist. Und warum es bis heute vornehmlich die spirituellen Erfahrungen sind (etwa in Nahtoderfahrungen, im Sterben, in Exerzitien, Meditationen, Therapien), die ganz tief heilen. Punktuell erlebt der Mensch sich dabei nicht mehr als »Ich«, sondern erneut als »Teil des Ganzen« und »seiend«. Manche sprechen von Gott, andere möchten das Geheimnis offenlassen. Karl Rahner (1969, S. 16) redet im Rahmen einer Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks von Gott als dem letzten Wort vor dem Verschweigen. Das Unsagbare ist für das Ich unerreichbar fern und doch mystisch erfahrbar: als ein Sein und Verbunden-sein. Wenn ich vorhin von einer beliebig gewordenen Spiritualität gesprochen habe, so erkenne ich darin eine tiefe Sehnsucht nach diesem geheimnisvoll Anderen bei gleichzeitiger Angst, sich da verbindlich festzulegen. Warum beides? Das ewig Andere, Gott in seiner Unmittelbarkeit, ist zutiefst faszinierend wie auch übersteigend (Tremendum et Faszinosum, wie Rudolf Otto bereits im Jahr 1917 formulierte). Es ist auch Inbegriff des Respekt- und Angstauslösenden. Die unmittelbare Gotteserfahrung erfüllt und erinnert zugleich an die Urangst und den einstigen Bruch. Was kann die Kirche auf die zunehmend beliebig gewordene Spiritualität antworten? Was auf die Sehnsucht nach Verbunden-sein? Die erste Antwort heißt Mystik, die zweite liegt in der Umkehr der Kirche selbst. Die Fragen der Mystik lauten: Wie können wir Menschen wieder an unseren tiefsten Lebensquell angeschlossen werden? Wo in uns drin können wir – wider alle Angst – zu neuem Urvertrauen und zu Ahnungen eines ganz anderen, zutiefst erlaubten Seins finden? Es geschieht über die direkte Erfahrung mit dem Heiligen, Größeren, mit Gott. Genau sie, die uns an den Punkt der Urangst heranführt, kann etwas in uns auch heilen. Warum aber braucht es eine Umkehr auch der Kirche? Ich denke an die jahrhundertelange Erfahrungsscheu der Kirchen. Es wurde versucht, Gott, der stets unmittelbar erfahren wird, (ver-)mittelbar zu machen, kirchlich zu verwalten. Kirche wurde zur Kontrollmacht über das Wichtigste, was unsere Seele braucht: die Beziehung zu Gott (vermehrt katholische Entwicklung). Die unmittelbaren Gotteserfahrungen wurden ferner zugunsten der vernunftgeleiteten Schriftauslegung verdrängt (vermehrt evangelisch-reformierte Entwicklung). Da wie...