Rendell | Die Brautjungfer | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Rendell Die Brautjungfer

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15132-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-15132-4
Verlag: Blanvalet
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Philip Wardmann hasst nichts so sehr wie Gewalt. Nach dem Tod seines Vaters, eines besessenen Spielers und Wettsüchtigen, ist Philip zum Familienoberhaupt geworden. Er arbeitet in einer kleinen Firma und wohnt zusammen mit seinen beiden Schwestern Fee und Cheryl noch immer zu Hause bei seiner Mutter Christine. Doch dann lernt Philip bei Fees Hochzeit Senta Pelham, eine der fünf Brautjungfern, kennen: eine schlanke, bleiche Kindfrau mit fast farblosen Augen. Von Senta geht eine schwer fassbare Faszination aus, und Philip kann es anfangs kaum glauben, dass sie sich ihrerseits zu ihm hingezogen fühlt. Immer tiefer gerät Philip in den Bann seiner neuen Geliebten, doch was als Liebe auf den ersten Blick begann, steigert sich mit jeder Begegnung zu einer fatalen Gratwanderung. Denn Senta, von Philip heiß begehrt, verlangt von diesem einen ganz besonderen Beweis seiner Liebe …

Ruth Rendell wurde 1930 in London geboren und lebte dort bis zu ihrem Tod 2015. Sie arbeitete als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writers' Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell ist auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt.
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1

_____

Ein gewaltsamer Tod fasziniert die Leute. Auf Philip hingegen wirkte Gewalt abstoßend. Er hatte geradezu eine Phobie dagegen. Jedenfalls nannte er es sich selbst gegenüber manchmal so, eine Phobie gegen Mord und Totschlag in jeglicher Form, gegen die willkürliche Vernichtung menschlichen Lebens im Krieg und seine sinnlose Vernichtung durch Unfälle. Physische Gewalt verstörte ihn, in der Realität, auf dem Bildschirm, in Büchern. So empfand er schon, seit er ein kleiner Junge gewesen war und andere Kinder mit Spielzeugpistolen aufeinander gezielt und Totschießen geübt hatten. Wann es begonnen oder was es ausgelöst hatte, das wusste er nicht. Dabei war er seltsamerweise nicht feige oder überempfindlich, und er hatte nicht mehr oder weniger Angst als alle anderen auch. Es war nur so, dass ein unnatürlicher Tod für ihn weder unterhaltsam war, noch einen makabren Reiz hatte. So entzog er sich nach Möglichkeit derlei Dingen, in welcher Form auch immer. Er wusste, dass das ungewöhnlich war. Und so verbarg er seine Phobie oder versuchte es wenigstens.

Wenn die anderen fernsahen, saß er dabei, ohne die Augen zu schließen. Auch zog er nicht über Zeitungen und Romane her. Aber alle kannten seine Gefühle, auch wenn sie keinen besonderen Respekt davor hatten. Sie sprachen dennoch über Rebecca Neave.

Philip selbst hätte sich für ihr Verschwinden nicht interessiert und noch viel weniger Spekulationen darüber angestellt. Er hätte den Apparat abgeschaltet. Wahrscheinlich hätte er ihn schon zehn Minuten vorher abgeschaltet, um sich Nordirland, den Iran, Angola und das Zugunglück in Frankreich genauso zu ersparen wie das Mädchen, das verschwunden war. Er hätte sich niemals das Foto ihres hübschen Gesichts angesehen, den lächelnden Mund, die im grellen Sonnenlicht zusammengekniffenen Augen, das im Wind wehende Haar.

Rebecca Neave war an einem Herbstnachmittag gegen drei Uhr verschwunden. Ihre Schwester hatte an jenem Mittwochvormittag mit ihr telefoniert, und ein Mann, der seit kurzem mit ihr befreundet und gerade viermal mit ihr ausgegangen war, hatte sie an diesem Tag mittags angerufen. Das war das letzte Mal gewesen, dass jemand ihre Stimme hörte. Eine Nachbarin hatte gesehen, wie sie den Wohnblock verließ, in dem sie lebte. Sie trug einen hellgrünen Trainingsanzug aus Samt und weiße Turnschuhe. Das war das letzte Mal, dass jemand sie zu Gesicht bekommen hatte.

Als das Foto des Mädchens auf dem Bildschirm erschien, sagte Fee: »Sie war auf meiner Schule. Der Name kam mir gleich bekannt vor. Rebecca Neave. Ich wusste, dass ich ihn schon mal gehört hatte.«

»Du hast nie erwähnt, dass du eine Freundin hattest, die Rebecca heißt.«

»Wir waren keine Freundinnen, Cheryl. Wir waren dreitausend an dieser Schule. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann einmal mit ihr gesprochen habe.« Fee starrte auf den Bildschirm, während ihr Bruder ebenso angestrengt versuchte, nicht hinzusehen. Er hatte die Zeitung zur Hand genommen und eine Innenseite aufgeschlagen, zu der die Rebecca-Neave-Story nicht vorgedrungen war.

»Die Polizei nimmt sicher an, dass sie ermordet wurde«, sagte Fee.

Rebecca Neaves Mutter erschien auf dem Bildschirm und bat die Zuschauer um Hinweise auf ihre verschollene Tochter. Rebecca war dreiundzwanzig. Sie hatte einen Töpferkurs für Erwachsene gegeben, sich aber zur Aufbesserung ihres Einkommens in einem Inserat als Babysitter und Haushüter angeboten. Es erschien denkbar, dass sich auf ihr Inserat hin jemand telefonisch gemeldet hatte. Rebecca hatte für jenen Abend eine Verabredung getroffen und war dann hingegangen. Jedenfalls nahm ihre Mutter das an.

»Ach, die arme Frau«, sagte Christine, die gerade mit Kaffee auf einem Tablett hereinkam. »Was sie durchmachen muss! Ich kann mir gut vorstellen, wie mir zumute wäre, wenn es um einen von euch ginge.«

»Nun ja, um mich brauchst du keine Angst zu haben«, sagte Philip, der kräftig gebaut, wenn auch mager, und beinahe einen Meter fünfundneunzig groß war. Er sah seine Schwester an. »Kann ich das jetzt abschalten?«

»So was hältst du nicht aus, was?« Cheryl hatte einen finsteren Gesichtsausdruck und gab sich nur selten Mühe, freundlicher dreinzublicken. »Vielleicht ist sie gar nicht ermordet worden. Jedes Jahr verschwinden Hunderte von Leuten.«

»Da steckt sicher mehr dahinter, als wir ahnen«, sagte Fee. »Die würden keinen solchen Wirbel machen, wenn sie nur einfach fortgegangen wäre. Komisch, jetzt fällt mir ein, dass sie im gleichen Werkkurs für die Abschlussprüfung war wie ich. Sie wollte weitermachen und Lehrerin werden, und die anderen fanden das alle komisch, weil sie nichts anderes im Kopf hatten, als zu heiraten. Komm, schalt schon ab, Phil, wenn du willst. Über Rebecca kommt sowieso nichts mehr.«

»Warum können sie eigentlich keine guten Nachrichten bringen?« fragte Christine. »Man sollte denken, die wären genauso sensationell. Es kann doch nicht sein, dass es keine guten Nachrichten gibt, oder?«

»Katastrophen haben eben Nachrichtenwert«, sagte Philip. »Aber vielleicht wäre es keine schlechte Idee, es zur Abwechslung auch mal anders zu versuchen. Etwa mit einer Liste, wer an einem bestimmten Tag alles Glück im Unglück hatte – all die Leute, die vor dem Ertrinken gerettet wurden, all jene, die in einen Autounfall verwickelt waren und überlebt haben.« In einem düsteren Ton setzte er hinzu: »Mit einer Liste von Kindern, die nicht misshandelt wurden, und von Mädchen, die Sittenstrolchen entkommen sind.«

Er schaltete den Apparat ab. Es war eine Wohltat zu sehen, wie das Bild kleiner wurde und rasch verschwand. Fee hatte sich an Rebecca Neaves Verschwinden zwar nicht gerade geweidet, aber darüber zu spekulieren gab ihr offensichtlich viel mehr, als über eine von Christines »guten Nachrichten« zu sprechen. Er machte einen ziemlich angestrengten Versuch, über etwas anderes zu reden.

»Um welche Zeit sollen wir uns morgen auf den Weg machen?«

»Aha, Themawechsel! Wie ähnlich dir das sieht, Phil.«

»Er hat gesagt, wir sollen gegen sechs bei ihm sein.« Christine blickte ziemlich schüchtern ihre Töchter und dann Philip an. »Könnt ihr alle bitte mal auf einen Sprung mit in den Garten hinauskommen? Wollt ihr? Ich hätte gern euren Rat.«

Es war ein kleiner, armseliger Garten, der noch am besten um diese Tageszeit wirkte, wenn die Sonne unterging und die Schatten lang waren. Eine Reihe Leylandzypressen machte es den Nachbarn unmöglich, über den Zaun am anderen Ende zu blicken. In der Mitte des Rasens war eine runde Betonplatte zu sehen, auf der nebeneinander ein Vogelbad und eine Statue standen. Die Platte war zwar nicht mit Moos bewachsen, doch durch einen Spalt unter dem Vogelbad drängte sich Unkraut hervor. Christine legte eine Hand auf den Kopf der Statue und streichelte ihn leicht, so wie sie vielleicht ein Kind liebkost hätte. Dabei sah sie ihre Kinder auf ihre besorgte Art an, halb schüchtern, halb tapfer.

»Was würdet ihr dazu sagen, wenn ich ihm Flora schenken würde?«

Fee zögerte selten, hatte immer entschiedene Ansichten. »Man kann jemand doch keine Statue schenken.«

»Warum nicht, wenn sie ihm gefällt?« sagte Christine.

»Er hat gesagt, sie gefällt ihm, und sie würde sich in seinem Garten nett ausnehmen. Angeblich erinnert sie ihn an mich.«

Als hätte ihre Mutter kein Wort von sich gegeben, sagte Fee: »Man schenkt jemand Pralinen oder eine Flasche Wein.«

»Er hat mir Wein mitgebracht.« Christine sagte es in einem staunenden, hocherfreuten Ton, als wäre es besonders aufmerksam und großzügig, eine Flasche Wein mitzubringen, wenn man bei einer Frau zum Abendessen eingeladen ist. Sie fuhr mit der Hand über Floras Marmorschulter. »Sie hat mich immer an eine Brautjungfer erinnert. Wohl wegen der Blumen.«

Philip hatte das Mädchen aus Marmor noch nie genauer betrachtet. Flora, das war einfach die Statue, die bei ihnen neben dem Teich im Garten stand, solange er zurückdenken konnte. Sein Vater, so war ihm gesagt worden, hatte sie auf der Hochzeitsreise mit Christine gekauft. Sie war gut einen Meter groß, die Miniaturkopie einer römischen Statue. In der linken Hand hielt sie einen Blumenstrauß, mit der andern griff sie nach dem Saum ihres Gewands und hob ihn über den rechten Fußknöchel. Sie stand zwar mit beiden Füßen auf dem Boden, schien aber in einem gemessenen Rhythmus zu gehen oder zu tanzen. Doch besonders schön an ihr war das Gesicht. Während Philip sie ansah, wurde ihm bewusst, dass er die Gesichter antiker Statuen, griechischer wie römischer, im Allgemeinen nicht sonderlich attraktiv fand. Die schweren Unterkiefer und die langen, gerade in die Stirn übergehenden Nasen gaben ihnen einen abweisenden Ausdruck. Vielleicht hatten sich die Schönheitsideale eben geändert. Vielleicht sprach ihn auch etwas Zarteres mehr an. Doch Flora hatte ein Gesicht, wie es ein schönes Mädchen von heute hätte haben können: die ausgeprägten Wangenknochen, die kurze Oberlippe und der Mund, die reizendste Vereinigung zart geschürzter Lippen. Ihr Gesicht war wie das eines lebendigen Mädchens, wenn man von Floras Augen absah. Sie standen extrem weit auseinander und schienen mit...


Rendell, Ruth
Ruth Rendell wurde 1930 in London geboren und lebte dort bis zu ihrem Tod 2015. Sie arbeitete als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writers' Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell ist auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt.



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