Rellstab | 1812 - Ein historischer Roman | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 823 Seiten

Rellstab 1812 - Ein historischer Roman


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3364-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 823 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3364-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Als Napoleon I. im Jahre 1812 seine Truppen gegen Rußland führte und das Glück des übermütigen Korsen in den Flammen Moskaus und auf den russischen Schneefeldern zuschanden wurde, war Ludwig Rellstab, der Verfasser des Romans '1812', bald dreizehn Jahre alt. Seine Jugend fällt demnach in eine der stürmischsten Epochen der deutschen Geschichte. Bis zu seinem sechzehnten Jahre hat er die Welt fast nur in Waffen gesehen, und das Hauptwerk des spätern Schriftstellers wuchs wie kein anderes aus den gewaltigen Eindrücken seiner Jugend empor. Die Schilderung des französischen Feldzuges nach Rußland und die Rückkehr des aufgelösten Heeres als mächtiger Hintergrund des Romans '1812' ist daher Rellstabs Meisterwerk geworden.

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Erstes Kapitel.

An einem lauen Aprilabende des Jahres 1812 traf Ludwig Rosen, ein junger Deutscher, eben mit der sinkenden Sonne vor dem Städtchen Duomo d'Ossola am Abhang des Simplon ein. Er war zu Fuß von Baveno am Lago Maggiore ausgegangen, und daher ziemlich ermüdet, wiewohl seine Wanderung durch dieses reizende Gartengelände, das die hohe Mauer der Alpen stets vor dem rauhen Nordwinde schützt, nichts weniger als beschwerlich gewesen war, sondern ihn auf jedem Schritte mit neuen Freuden und Genüssen überrascht hatte. Er würde diese noch lebhafter empfunden haben, wenn er nicht aus dem südlichern Italien gekommen wäre, nachdem er den Winter teils in Sizilien und Neapel, teils in Rom zugebracht hatte. Gern hätte er länger in diesem schönen Lande der Freude geweilt, das selbst, während das ganze Festland von furchtbaren Stürmen des Krieges erschüttert wurde, seinen Charakter einer durch den nächsten Schutz der Götter behüteten, heitern Zufluchtsstätte der Künste wenigstens für den Fremden zu bewahren gewußt hatte; allein eben jene gewaltigen Begebenheiten, welche die beiden Hälften des übrigen Europa gegeneinander in Waffen riefen, forderten auch ihn zu einer beschleunigten Rückkehr auf. Seine Mutter und Schwester lebten in Dresden in weiblicher Stille und Zurückgezogenheit; mehr aus Neigung als durch die Umstände dazu gezwungen, da das Vermögen der Mutter ihr eine unabhängige, wenngleich nicht glänzende Lage gewährte. Den Vater hatte Ludwig schon in seiner Kindheit verloren. Wie, wußte er selbst nicht, denn die Mutter hatte zwar bisweilen einige Andeutungen von dem unglücklichen Schicksale desselben gegeben, sich aber niemals näher darüber erklärt. – Die vier letzten Jahre waren, wiewohl traurig genug, doch wenigstens so ruhig für Norddeutschland gewesen, daß zwei einzelne Frauen sich auch ohne besondern männlichen Schutz den Ereignissen des Lebens gewachsen fühlen konnten. Jetzt aber rückten die Kolonnen der französischen Heere wieder auf allen Landstraßen vor; Deutschland war mit dem beginnenden Frühling aufs neue in ein Feldlager verwandelt. Deshalb kehrte Ludwig zurück, denn sein Herz trieb ihn an, in so bedenklicher Zeit der Mutter, die überdies, wie ihm die Schwester schrieb, an einem besorglichen Brustübel kränkelte, ratend und schützend zur Seite zu stehen. Er gehorchte dieser Stimme der Pflicht, obgleich mit schwerem Herzen. Nicht daß Italien ihn so unwiderstehlich gefesselt hätte, sondern weil ihm bangte, sein unglückliches, entwürdigtes Vaterland zu betreten, in dem er tiefere und schwerer zu heilende Wunden entdeckte, als das Schwert der Franken demselben geschlagen hatte. Ludwig befand sich in dem für Glück und Schmerzen empfänglichsten Alter; er war dreiundzwanzig Jahre alt. Seine Seele neigte sich früh zum Ernst, denn sie reifte unter ernsten Geschicken. Die Jahre der Studien, welche andere in sorglosester Heiterkeit zuzubringen, sich höchstens bei den Büchern einigermaßen zu sammeln pflegen, waren für ihn eine Zeit strenger Schule gewesen. Denn kaum an dem Trost der Wissenschaften vermochten damals deutsche Jünglinge von ernsterm Gemüte sich einigermaßen freudig emporzurichten, so niederschlagend war der Blick auf die Gegenwart, war die Aussicht auf die Zukunft. Ein Jahr lang hatte er nun sein Vaterland nicht betreten, seit zwei Jahren Mutter und Schwester nicht gesehen; denn von Heidelberg aus, wo er das letzte Jahr seiner Studien zubrachte, hatte er seine Reise angetreten. Jetzt stand er wieder vor der schneebedeckten, riesigen Grenzmauer, welche die ernste deutsche Erde von den Fluren des heitern Italien scheidet. Ach, wie schlug ihm das Herz nach allem, was er jenseit der Alpen liebte und verehrte, wie drängte es ihn nach den lieben Armen der Seinigen, nach den Heiligtümern des vaterländischen Herdes! Aber was er liebte, war in Trauer eingehüllt, was er verehrte, schmachvoll entweiht! Darum scheute sich sein Fuß vor der Heimat, zu der doch das ganze Herz ihn sehnend hinzog.

Mit diesen Gefühlen in der Brust näherte er sich dem freundlichen Städtchen, dem letzten Orte Italiens, der ihm ein Obdach gewähren sollte. Ein Hügel zur Seite des Weges lockte ihn, denselben zu besteigen, um noch einmal, bevor die letzte italienische Sonne ihm unterginge, einen Scheideblick auf das schöne Land zu werfen, das ihm oft so schmeichelnden, süßen Trost für die Schmerzen seiner Seele geboten hatte. Er schritt durch das duftende, frisch aufgeschossene, hohe Gras hindurch, geradeswegs dem Gipfel zu. Von oben sah er mitten in das Städtchen hinein, das, wie stets im Süden, mit der Abendstunde erst recht belebt wurde. Auf den Feldern grünte alles im reichsten, nicht einmal mehr im ersten Schmucke des Lenzes, während jenseits jener hohen Bergkolosse, die hinter der Stadt aufstiegen, vielleicht die Blüten noch im dumpfen Winterschlaf lagen. Hier aber prangten die Ulmen, die Kastanien in der Fülle des Laubes, ein gewürzig duftender Teppich, mit Tausenden von wilden Nelken und Aurikeln besät, dehnte sich über die Wiesen hin; das Getreide war bereits hoch aufgeschossen, ja, selbst die Rebe hatte sich schon mit dem vollen Schmucke ihres breiten Laubes bekleidet und zierte die Giebelseiten der reinlichen Häuser. – Ludwig konnte zur Rechten weithin die Landstraße übersehen, zur Linken lagen Markt und Gassen von Duomo d'Ossola fast zu seinen Füßen. Er sah die fröhlichen, zwanglosen italienischen Mädchen mit ihren breiten Strohhüten auf dem Markte lustwandeln, deutlich konnte er den Kram einer Fruchthändlerin, die ihre Körbe mit Orangen und Feigen vor sich aufgestellt hatte, erkennen, Knaben schlugen den Ballon gewandt in die Lüfte, französische Dragoner, von denen ein Pikett in der Stadt stand, saßen auf einer Bank vor dem Wachthause und schwatzten. Er hörte das fern brausende Getöse der durcheinander schwirrenden Stimmen jubelnder Knaben, lachender Mädchen, ausrufender Verkäufer; ja, sogar einzelne Töne von den Gesängen eines Zitherspielers, der einen großen Kreis von Hörern um sich versammelt hatte, drangen durch die Stille des Abends zu ihm herüber. Dieses kleine, bunte, verworrene Treiben menschlicher Lust und Betriebsamkeit stach wunderbar gegen den majestätischen Ernst, die feierliche Stille des Hochgebirges ab, das sich steil, mächtig, den Fuß und Gürtel in bläuliche Nebel gehüllt, dicht hinter dem Städtchen auftürmte und die Schneehäupter in den Wolken verbarg.

Ludwig stand in Gedanken verloren. Plötzlich weckte ihn der Schall eines Posthorns, und munterer Peitschenknall schlug an sein Ohr. Ein mit vier Pferden bespannter offener Reisewagen kam die Landstraße von Baveno daher und rollte dem Städtchen zu. Es saßen zwei Frauen darin. Die eine, ältere, war offenbar eine Dienerin. Die jüngere, deren dunkles Gewand durch ein weißes, leichtes Spitzentuch gehoben wurde, trug über dem Strohhut einen grünen Reiseschleier, den sie eben zurückschlug, so daß er im Luftzug rückwärts flatterte. Dieser Anblick weckte eine lebhafte Erinnerung in Ludwig auf. Gerade bei seinem Eintritt in Italien, als er über den Großen Bernhard in das Tal von Aosta hinabstieg, hatte er ein weibliches Wesen getroffen, dessen Bild ihm nicht verloren gegangen war und für welches er ein ähnliches Zeichen des äußern Erkennens in der Vorstellung trug. Damals nämlich sah er beim Besteigen des Berges, kurz vor dem Hospizium, vor sich eine Karawane, wie es schien, von reisenden Engländern, unter denen ihm eine auf dem Maultiere sitzende schlanke weibliche Gestalt auffiel, die sich das Antlitz, um gegen den blendenden Glanz des Schnees geschützt zu sein, durch einen grünen Schleier verhüllt hatte. Obwohl die Reisenden sich nur wenige hundert Schritte vor ihm befanden, und er, von einem seltsam lebhaften Gefühl getrieben, sich bestrebte, sie einzuholen, so gelang es ihm dennoch nicht, da sie zwar nur durch einen kurzen Raum, aber durch einen mühsam zurückzulegenden Weg von ihm getrennt waren. So blieb der grüne Schleier ihm ein leuchtender Zielpunkt auf den weißen Schneefeldern, bis er in der Pforte des Hospiziums verschwand. Er hoffte, abends an der Tafel den Gegenstand seiner ahnungsvollen Teilnahme kennen zu lernen; doch vergeblich. Nach dem, was er hörte, vermutete er, daß die Unpäßlichkeit einer ältern Dame, wahrscheinlich der Mutter des jungen Mädchens, die Ursache sei, weshalb beide in ihrem Gemache blieben. Am andern Morgen hatten die Reisenden ungewöhnlich frühzeitig ihren Weg fortgesetzt. Ludwig erfuhr es kaum, als ihn ein Gefühl der Sehnsucht nach der Fremden ergriff, das er selbst belächeln mußte, welches ihn aber dennoch mit einem unwiderstehlichen Reiz antrieb, ihr so rasch als möglich zu folgen, obgleich es anfangs seine Absicht gewesen war, einen Tag im Hospizium zu verweilen. Ein junger, rüstiger Wanderer, wie er war, mußte er, zumal abwärts, eine Karawane englischer, mit vielem Gepäck belasteter Reisender bald einholen. In der Tat entdeckte er auch schon nach wenigen Stunden bei einer Wendung des Tales, die einen weiten Blick abwärts gestattete, den grünen Schleier, dieses magisch lockende Zeichen, nach dem sein Auge spähte, tief unter sich, wie er im Sonnenschein aus der Ferne her schimmerte und leuchtete. Nunmehr blieb derselbe das Banner der Hoffnung, unter dem er seinen Einzug in Italiens Fluren hielt; er folgte ihm mit unablässiger Anstrengung; allein der vielfach gewundene Weg rückte ihm das Ziel seines Strebens bei jeder neuen Windung wieder aus dem Auge. Wie glücklich aber war er, wenn er nun die nächste Biegung erreicht hatte und es dann näher vor sich erblickte! So dauerte das neckende Spielwerk fort, bis er in die tiefern Regionen des Berges gelangte, wo der Pfad ebener...



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