Reitzer Wir Erben
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99027-115-5
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-99027-115-5
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
geboren 1971 in Graz, studierte Germanistik in Salzburg und Berlin und lebt heute als Schriftstellerin in Wien.Zahlreiche Auszeichnungen, u.?a. Hermann-Lenz-Stipendium 2007, Reinhard-Priessnitz-Preis 2008, Literaturpreis des Landes Steiermark 2014, Outstanding Artist Award für Literatur 2016.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Wände
Mitten im Meer eine kleine Insel, von hohen Wellen umbrandet. Er und sie sind in dem Haus, das die Insel ausfüllt und in dem eine Matratze liegt, die so groß ist wie das Haus. Wellen schlagen gegen die Hausmauern, Felsen ragen aus dem Wasser, in die unverputzten Ziegelwände hinein. Vor der Abfahrt mussten sie genau angeben, was sie essen werden, Mahlzeit für Mahlzeit, und die genauen Mengen. Ihr gesamter Lebensmittelvorrat, der zum Teil aus fertigen Speisen bestand, war in zwei Kartons verpackt, für die Nacht und den darauffolgenden Tag. Die Mengen deuteten auf länger hin. Zwei Kartons, als gehörten sie nicht zusammen, als wären sie zwei zufällig miteinander Reisende. An Essen erinnert sich Marianne nicht, aber an die hohen Wellen, die gegen die Wände schlagen. Fest und sehr hart. … Aber was hat das mit Krankenschwestern zu tun? Marianne fällt noch einmal in den Schlaf zurück und weiß, dass sie von der Hitze nur träumt. Sie liegt zwischen Decken und Polstern und unter Daunen, ihr Zimmer ist nicht geheizt. Was sie als Kind hasste, muss jetzt sein. Schlafwarm ist sie, aber der Schweiß rinnt nicht wie im Traum in Bächen an ihr hinunter. Sie greift sich zwischen die Brüste.
Es ist dunkel, Marianne erkennt die grünen Ziffern des Radioweckers, der in ihren Traum hineinrauscht, sodass er sich scheppernd davonmacht und entschwindet. Sie hört von einem iranischen CIA-Agenten, dass es sich um eine Hinrichtung handelt, bekommt sie nicht mit. Sie träumt meistens von – Aber wieso Rauschen? Und wer war der Mann in ihrem Bett auf dieser Insel? Marianne hört das Ticken ihrer Armbanduhr, die am Nachttisch liegt. Wie lange es her ist, dass sie einen hatte. Erst als sie diese Worte denkt, erinnert sie sich tatsächlich an das Geträumte. Das Rauschen aus dem Radio hat sich in ihrem Kopf festgesetzt, die Bewegung, die eine gemeinsame Bewegung ist, ein Stoßen vielleicht, könnte in eine Welle, die eine harte Welle ist, übergegangen sein. Ein Schlag eigentlich. Wie lange ist es her, dass sie mit Eric geschlafen hat? Sie zieht die Decke bis unters Kinn. Die dumpfen Schläge der Wellen, das betäubte Echo davon in ihrem Kopf. Wenn sie am Lautstärkeregler des Radioweckers dreht, kann sie das Rauschen zurückdrehen, aber es verschwindet nicht. Sie drückt den Knopf am Radio, sie schaltet die Nachttischlampe ein. Kurz knistert die Glühbirne, das Ticken der Uhr vergisst sie.
Draußen ist es dunkel, im Haus ist es still.
Bevor sie sich anzieht, sitzt sie ein paar Minuten auf dem Hocker im Badezimmer. Neben dem Wäschekorb liegt verschlungen eine Strumpfhose auf dem Fliesenboden, die ihre Mutter vergessen haben wird. Zwischen Mariannes Handtüchern hängt eines, knallgelb, das sie zur Schmutzwäsche gibt, auch die Strumpfhose lässt sie in den Wäschekorb fallen. Marianne geht ins andere Zimmer und stellt die Heizung ab. Die Bettwäsche liegt auf dem Fußboden, auf dem Sekretär stapeln sich Bücher, die in die Regale auf der Galerie gehören. Mariannes kleiner Fernsehapparat steht auf dem Nachtkästchen. Viel zu nahe, denkt sie, und dass das schädlich ist für die Augen. Sobald ihre Mutter Johanna das Elternhaus betritt, wird sie zum Kind, um das sich alle zu kümmern haben. Sie ist unersättlich, Marianne ist froh, dass sie abgereist ist. Sie ist froh und erleichtert, dass alle abgefahren sind. Wie meistens weiß sie nicht mehr, was sie vorhin im Radio gehört hat. Nach den Nachrichten Musik, ja, aber welche? Zuerst will sie Obstbäume veredeln, dann wird sie mit Lukas ins Einkaufszentrum fahren, um ihm Hosen und eine Winterjacke zu kaufen. Seine ist schäbig. Ihr Sohn wirkt so erwachsen, seit er studiert. Spätestens morgen ist auch er wieder weg.
Das Jahr ist vorüber.
Marianne genießt die Stille, die nicht in ein, zwei Stunden wieder vorbei ist, sondern den ganzen Tag anhalten wird. Wie immer, wenn sie alleine ist, geht Marianne die Treppe hinunter, ohne das große Licht anzumachen. Nur an einem der Bücherkästen auf der Galerie brennt Licht. In der Küche macht sie Handgriffe, die nur für sie bestimmt sind, die nicht in Dienstleistungen übergehen. Man hört den feinen Strahl des Wassers, dann das Glucksen der Kaffeemaschine.
Die Großmutter schläft noch. Zu Weihnachten hat sie ihre Töchter und die Enkelkinder in kleinen Gruppen wie in privater Audienz empfangen. Sie hat kaum ein Wort gesprochen, fotografieren ließ sie sich nicht. Als Marianne aus dem Haus tritt, ist es draußen heller als drinnen. Es ist nicht so kalt, wie es um die Jahreszeit sein sollte. Sie holt die Zeitungen aus dem Zeitungsfach in der Einfahrt, es sind die von vorgestern und heute. Sie schließt die schwere Haustür leise, geht vorsichtig zurück in die Küche. Eine Tasse Kaffee steht auf dem großen Esstisch, die Zuckerdose, ein Tetrapack Milch. Marianne schiebt den Stehkalender zur Seite. Auf solchen Kalendern hat die Großmutter immer alles notiert, Liefertermine, Telefonnummern, Bestellungen. Irgendwann hat Lukas darin Schulskikurse oder Elternsprechtage eingetragen. Jetzt steht da nichts. Mitte Januar wird Marek wiederkommen, und dann sind auch die Betriebsferien zu Ende, ist Mario wieder da und bald die ganze Mannschaft.
Ein schwaches Licht fällt auf die Zeitung in Mariannes Hand. Endlich keine Jahresrückblicke mehr und keine Rankings. Für Vorsätze, denkt Marianne, sind andere zuständig. Sie liest einen Artikel über eine Amerikanerin, die sich an alles erinnern kann, seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr. Wie sie, wenn sie sich langweilt, in ihrem geistigen Tagebuch blättert, das alle Ereignisse in der Erinnerung gleichwertig führt. Katastrophen spielen darin dieselbe Rolle wie Launen, Alltag, einzelne Mahlzeiten oder Mode. Und immer ist dabei die Mutter anwesend. In den vergangenen Jahren hatte Marianne die Selbstverständlichkeit, mit der die Großmutter das Weihnachtsfest und andere Familienfeiern in ihrem Haus inszenierte, ungefragt übernommen. Wenn sie sich an jeden Streit, an jede Auseinandersetzung in der Familie erinnern könnte, würde sie wohl schon lange niemanden mehr einladen. Wenn sich alle daran erinnern könnten, was sie je zueinander gesagt haben, dann wäre doch längst alles explodiert. Aber das war wahrscheinlich in allen Familien so.
Marianne richtet das Frühstück für die Großmutter: zwei Semmeln und eine Kanne Kräutertee. Der Tee muss ganz dünn sein, wird aber kräftig gezuckert. Die Großmutter hat immer Appetit aufs Leben gehabt und sich nicht abspeisen lassen. Die zwei Semmeln kann sie längst nicht mehr aufessen, es ist eine Erinnerung an eine Frau, die es nicht mehr gibt. Marianne stellt das Tablett auf die Kommode im Vorzimmer und verlässt das Haus.
Es ist immer noch fast dunkel. Im Gewächshaus macht sie Licht, sie schaltet das Radio ein und nimmt sich die erste Schachtel mit den Zweigen. Die Reiser zum Veredeln kommen mit der Post, Marianne sucht von den alten Obstbäumen, deren Sortennamen längst vergessen sind, die passenden Unterlagen dazu. Es gibt ein Mutterbeet mit Wurzelteilen, das vor zwölf Jahren gepflanzt wurde. Jedes Jahr werden sie heruntergeschnitten, mit Sägemehl und Erde angehäufelt, das fördert die Wurzelbildung. Im Dezember wird nur der gewachsene Teil mit den kleinen Wurzeln gerodet, die Mutterpflanze bleibt stehen. Im Frühjahr werden die Reihen abgeblasen, damit Licht dazukommt, dann kann sie wieder ausschlagen. Bis zu dreißig Jahre alt kann eine solche Mutterpflanze werden. Durch die Veredelung können Äpfel-, Birnen-, Zwetschken- und Kirschensorten auf Jahre erhalten werden. Außerdem bestimmt die Unterlage die Wuchsstärke, die Größe der Frucht und manchmal auch die Lagerfähigkeit. Marianne mag diese Arbeit, die viel Geschick erfordert. Sie schneidet die Edelreiser auf die entsprechende Länge, putzt die Unterlage mit einem Tuch sauber, dann macht sie mit einem Messer an der Veredelungsunterlage einen diagonalen Schnitt. Sie presst den Reiser und sein Gegenstück aufeinander, bindet sie mit Veredelungsgummi zusammen. Rebwachs auftragen und topfen, das geht so dahin. Ein paar hundert werden im Frühjahr ausgepflanzt. Langsam kommt das Licht, es ist nicht sehr kräftig, aber kräftiger als in den Wochen zuvor.
Als Marianne drei Stunden später ins Haus zurückkommt, steht Lukas’ Rucksack bereits im Stiegenhaus. Er will jetzt schon fahren, aber seine Mutter kann ihn überreden, bis zum Mittagessen zu bleiben. Einkaufen will er nicht. Er braucht keine neue Hose, er will keine neue Winterjacke, hätte stattdessen gerne einen von Mariannes Armeepullovern, die sie trägt, wenn sie draußen oder mit dem Lieferwagen unterwegs ist. Das Tablett steht wieder in der Küche. Lukas hat mit seiner Urgroßmutter gefrühstückt, eine große Schale Milchkaffee und die beiden Semmeln. Er hat die Urgroßmutter gefüttert, sie hat nicht protestiert, aber nach dem dritten Bissen wollte sie nicht mehr. Sie isst nur noch ganz wenig, ein Spatz ist sie wieder geworden. Nein, nicht wieder, seine Urgroßmutter ist nie ein...




