Reitzer | Frauen in Vasen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Reitzer Frauen in Vasen

Prosa
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7492-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Prosa

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7492-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit das sogenannte Leben der Protagonistinnen in Angelika Reitzers Erzählungen begonnen hat, seit man von ihnen erwartet, dass sie erwachsen geworden sind - seither will das Unterwegssein nicht mehr enden, scheint das Mögliche unerreichbar. Gerade noch in einem Zimmer in Berlin, dann auf einem Markt in Tanger und schon wieder unterwegs, von einem Kontinent zum anderen, von einer schillernden Möglichkeit zur nächsten. Filmischen Sequenzen gleich folgt der Leser diesen Szenen eines Lebens, das dem ständigen Wandel unterworfen und doch nur das Bild unserer Zeit ist zwischen Freelancing und Sicherheit, Patchwork und Zweisamkeit, Selbstbestätigung und Ausbeutung. Angelika Reitzer versteht es, in konzentrierter wie leichter Sprache ihre Geschichten poetisch auszuleuchten und eine tiefe Ahnung zu vermitteln, wie Leben ist und immer wieder sein könnte.

Angelika Reitzer geboren 1971 in Graz, Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin; verschiedene Arbeiten im Kunst- und Kulturbereich, lebt in Wien. Schreibt Prosa, Lyrik und dramatische Texte. Veröffentlichungen bislang in Literaturzeitschriften und Anthologien; österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Manuskripte-Literaturförderungspreis, Hermann-Lenz-Stipendium 2007 u.a. Taghelle Gegend ist Reitzers Debütroman, für den sie für den aspekte-Literaturpreis 2007 nominiert wurde. Der Text, den sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008 gelesen hat, ist im Prosaband Frauen in Vasen erschienen.
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Super-8


sie stand unter Alberts Balkon (traute sich nicht, nach ihm zu rufen), in einem vollgeräumten Garten: irgendwann würde er herauskommen. Es blühten Sträucher und Stauden, kaum ein Wiesenfleck war frei, hohe Gräser wuchsen da und Gartenmöbel, die niemand benutzte, Fahrräder und -anhänger, ein Leiterwagen. Die Bewohner ließen dem Garten seinen Schlaf, den schien er sich verdient zu haben. Sie kam von einem Abendessen, bei dem die Leute so Sachen sagten wie: meine Kunst ist meine Arbeit ist meine Aussage zu dieser Welt. Sie hätte wirklich mit jemandem reden müssen. (Wie macht ihr das eigentlich: die Sache mit dem Arbeitsamt und dem Überleben und dann noch guter Wein?) Aber sie hatte sich davongeschlichen, bevor die anderen sehen konnten, was für eine sie jetzt war.

sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum sie so sehr an ihm hing, Albert redete kaum; die Möbel in seinen Zimmern wirkten wie verkleinerte Nachbildungen echter Möbel. Kein Staub fand sich auf den Regalen mit den alten Büchern, nirgends ein Haar. (Ein paar Mal badeten sie zusammen und einmal hatte sie ihm die Haare gewaschen. Seine feinen Haare, die nur aus Spitzen bestanden, waren immer sofort wieder trocken. Gerade so, als wäre er gar nie untergetaucht.) Sie ging immer wieder hin, stand unter seinem Balkon.

das Holz liegt im Wasser, als wären manche Boote noch gar nicht fertiggebaut oder als wären sie schon wieder auseinandergenommen. Albert redete über Boote, sie schauten in den dunklen Garten hinunter/Gestrüpp. Aber sie hatte nicht recht verstanden, von welcher Stadt er sprach, vielleicht hatte er es nicht erwähnt. Hausboote, ja sicher, und Lastschiffe gibt es auch. Und die Container liegen einfach im Wasser herum. Fakten oder Details hätte sie hören wollen, aber er sagte nur: schon länger her. In meinem letzten Leben war das. Auf einmal war Albert einer, der gereist war, immerhin. Seit sie ihn kannte, wollte er nicht aus der Stadt hinaus. So war das. Jetzt redete er von Siedlungen vor der Stadt auf dem Wasser, von dem Gewirr aus Holz und Blech und Hütten am Wasser und im Wasser und dass Kinder auf den Dächern herumkletterten. Alles wächst immer weiter, ohne dass den anderen etwas weggenommen werden muss. Raum, meine ich. Da war sie die Frau auf seinem Balkon, sie interessierten andere Facetten und er redete endlich von einer Frau, wie sehr er – da wollte sie nichts mehr hören und fragte ihn, ob er sie bezahlt habe dafür, dass sie mit ihm zusammen war. Er sagte: ja, vielleicht; und weil sie nicht weiterwusste, fragte sie ihn, ob er auch Drachenboote gesehen habe und Albert sagte: ach, Drachenboote. Ja, Drachenboote habe er auch gesehen, aber die wären doch uninteressant, und dann redete er von den Startbahnen am Wasser, wie nahe die Riesenmaschinen da in die Höhe stiegen, und da wusste sie endlich, von welcher Stadt er sprach. Sie hatten nie miteinander telefoniert, Albert besaß kein Telefon und sie fragte nie nach der Nummer seiner Freunde, die unten wohnten/ihm den ersten Stock vermieteten. Einmal kam die Frau aus dem Erdgeschoß ans Geländer der Terrasse. Sagte ohne sie anzuschauen: er wohnt nicht mehr da. Das wirst du doch schon mitbekommen haben. Da war sie aus dem verwucherten Garten hinausgegangen und hatte das Gartentor hinter sich zugezogen, es fiel ihr schwer, von dem Haus wegzugehen, sie konnte das gar nicht verstehen.

Albert stellte Kokain auf, das sie zahlte, weil er kein Geld hatte, sie wäre gerne mit ihm zum See, wollte ins Wasser. Sie blieben in der Bar, er sagte: ist es nicht geil, dass man dann trinken kann so viel man will! Sie tanzte und zahlte an der Bar für sie beide, sie durfte ihn nachhause bringen (da bin ich jetzt untergekommen), sie küssten sich lange, gingen nicht gemeinsam nach oben. In einer Zeit, als mehrere Projekte parallel zu betreuen waren, hatte sie ihn in dem Schuppen gesehen, in dem Tequila- und Wodkagläser in einer kleinen Eisenbahn über der Bar im Kreis fuhren.

sie hatte viele Ideen, und die meisten gefielen U. Er hatte ihr ein Diktiergerät gegeben und sie diktierte. Sie war für die Kommunikation zuständig und erstellte auch Budgets, wenn es sein musste. Dann sollte sie einzelne Partner betreuen, was darauf hinauslief, dass sie sich wie eine Studentin an einen Infodesk zu stellen hatte. Wenn sie den zusperrte, drehte im Lokal nebenan der DJ die Regler lauter; sie blieb, sie hängte sich an die Leute von einem der Museen und an die Künstler, ging mit ihnen und der Crew noch woanders hin. Einmal landeten sie draußen in einer Wohnschlafsiedlung; inmitten klebriger Holzvertäfelung Westernmusik oder Country. Albert war wohl mit den Technikern gekommen, das machte ihr nichts. U. hatte sie irritiert, als er sagte: du solltest schon immer erreichbar sein. Zuerst schien es, als sei ihm das egal, wann sie an den Projekten arbeitete, alles ging fließend ineinander über, sie aßen miteinander, er ging gerne spazieren, sie ging mit ihm, hörte seine Monologe und versuchte sich an der Umsetzung. Er zahlte ja nicht ihre Stunden, er bezahlte das Potenzial und den Erfolg. Sie übernahm mehr und mehr auch persönliche Aufgaben, und als die Buchhalterin zu ihr sagte: du bist die Assistenz, da wusste sie nicht, ob das anerkennend gemeint war.

sie setzte sich neben Albert an die Bar. Sie ging mit ihm nachhause und konnte alles sehen. Der war melancholisch, der liebte elektronische Musik, die sich über das ganze Zimmer legte, das war schön, er wollte ein bisschen mit ihr reden, aber nicht zu viel, er kochte Pfefferminztee/high waren sie schon. Jetzt ging sie zu Alberts Haus in der Stadt, manchmal hinterließ sie ein paar Zeilen an der Tür oder wartete auf den steinernen Stufen. Er würde ihr doch sagen, wenn er sie nicht mehr sehen wollte, davon war sie überzeugt.

dann (wieder) kletterte sie hinter Albert die Stufen zur Beleuchtung ganz nach oben. Es gab alles in diesem Sommer: Oper, Drama, ganz unglaubliche Musik; das Licht veränderte die Töne, stellte die Redner aus, zeigte ihr die Figuren, die sie vorher nicht gekannt hatte, in ihrem gleißenden Dasein, verdunkelte einiges. Sie liebte die Stimmung der Stücke, sie mochte Alberts Kollegen, die sie manchmal nur fragend anschauten. Einmal redete einer hinter seinem Rücken über ihn wie über einen, der nicht mehr lange da sein würde. Dann fehlte er und sie sah sich die Vorstellung ohne ihn an, kam sich vor wie eine Verräterin. Sie suchte ihn die halbe Nacht. Half ihm dann die Stiegen zur Wohnung hinauf, sie wollten miteinander schlafen, er kippte vom Sofa, da, wo sie dann lag; alles war nass. Sie brauchte eine Weile, bis sie verstand. Später einmal würde alles sich klären. Sie hing an ihm, ja. Sie konnte nicht ohne ihn. Sie wollte ihn in jedem Zustand. Manchmal fühlte sie sich in dem Wollen so entgrenzt, dass sie nicht weiterwusste. Diese Sachen spürte sie immer/darum war sie von der Richtigkeit ihres Gefühls überzeugt: Sonnenstrahlen wollten ins Zimmer, die schweren dunklen Vorhänge hielten die meisten davon ab. Eine Schicht von ihm lag über allem. Das Zimmer bewohnte seine Schwester, die sie sich groß und schlank vorstellte. Gütig und schön wie Albert; war er doch. Sie konnte nur mit seiner Trauer nicht umgehen. Auf dem Boden lagen und standen Flaschen herum, aus der Abwasch schaute Geschirr heraus, es roch nicht gut. Zuerst, halb verschlafen noch, versuchte sie sich nicht zu bewegen, sie wollte die Nässe nicht am Körper spüren, es war längst zu spät. Da ist gar nichts, dachte sie, während sie die schweren Lider auf- und zumachte. Hier würde sie liegen bleiben, bis er aufwachte und dann könnte er sie wegschicken, dann würde sie oder er einen Schlussstrich ziehen, aber der Gedanke konnte ihr nicht gefallen. Albert hatte ihr nicht erzählt, warum er nicht mehr zur Arbeit ging, es schien endgültig für ihn zu sein. Sie hatte ihm gesagt, was seine Kollegen über ihn redeten, dass Geld fehlte, sie wollte ihn trösten, er hatte sie zur Seite geschoben. Als wäre sie ihm lästig. Immer noch sah sie etwas Freies in ihm oder an ihm. Er war ein Freier.

sie hielt das aus. Sie hielt ihn aus. Wie sich ihre Körper gebogen hatten, er war die Kontur, die sie nachziehen wollte mit ihren Gliedern, sich so sehr strecken, dass die Klarheit wiederkam. Sie wollte, aber er half ihr nicht. Das Gewicht der letzten langen Nacht lastete auf dem Schlafenden, was unterschied ihn noch von einem Bewusstlosen, der sich an seine vergangenen Tage nicht mehr erinnern konnte, wieso sah sie immer wieder diesen hellgrauen sterilen Raum um ihn herum, als hätte sie den Dreck hereingebracht?

sie sollte ihn schlafen lassen, sie sollte ihm die Ruhe lassen, die er haben möchte. Brauchte. Auch jetzt, mitten in seinen Abfällen, sie war die Last. Sie sollte in ihrer eigenen Wohnung sein, Wasser über ihre Schultern rinnen lassen, über ihren Bauch, die Beine hinab und es war immer noch warm; sie könnte sich waschen wie jeden Morgen, sie roch das Shampoo, sie seifte sich ein, wickelte sich in ein großes Handtuch und legte sich in ihr Bett oder ging hinaus in den Tag, der doch jetzt anfangen sollte. Und dann. Ihn konnte sie nicht wegwischen oder wegwaschen. Sie spürte etwas, sie fühlte den Boden, die kalte Flüssigkeit um sie herum, ihre verdorbene Haut. Ihn verlor sie nicht, wenn sie sich hinlegte...


Angelika Reitzer geboren 1971 in Graz, Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin; verschiedene Arbeiten im Kunst- und Kulturbereich, lebt in Wien. Schreibt Prosa, Lyrik und dramatische Texte. Veröffentlichungen bislang in Literaturzeitschriften und Anthologien; österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Manuskripte-Literaturförderungspreis, Hermann-Lenz-Stipendium 2007 u.a. Taghelle Gegend ist Reitzers Debütroman, für den sie für den aspekte-Literaturpreis 2007 nominiert wurde. Der Text, den sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008 gelesen hat, ist im Prosaband Frauen in Vasen erschienen.



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