E-Book, Deutsch, 641 Seiten
Reiter Die Töchter Irlands
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-796-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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E-Book, Deutsch, 641 Seiten
ISBN: 978-3-98690-796-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Bereich. Neben dem Schreiben malt und fotografiert sie leidenschaftlich gerne. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Tirol. Die Website der Autorin: www.bettina-reiter-autorin.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Bettina Reiter ihre »White Manor«-Saga mit den Romanen »Die Töchter von White Manor - Schicksalsjahre« und »Die Töchter von White Manor - Sturmwellen« sowie ihre irische Saga mit den Romanen »Die Rebellinnen - Sturm über Irland« und »Die Rebellinnen - Hoffnung für Irland«, die auch im Doppelband »Die Töchter Irlands« erhältlich ist.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Kingstown, Juni 1910
Jeden Tag um dieselbe Zeit saß Catherines Vater nach dem Mittagessen in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda und las die Zeitung. Danach faltete er sie sorgsam zusammen und blickte meistens gedankenverloren auf die Irische See. Sobald Catherine ihrer Mutter in der Küche geholfen hatte, lief sie zu ihm, damit sie diese Momente gemeinsam mit ihm erleben konnte. Momente, die nur ihr gehörten. Leider schafften es ihre dämlichen Brüder Thomas und George jedoch laufend, dass dieses Vergnügen nur von kurzer Dauer war. Auch heute war es nicht anders!
»Gehst du mit uns angeln, Vater?« Thomas faltete die Hände wie zum Gebet. Die dreckumrandeten Fingernägel schrien geradezu danach, geschnitten zu werden. Bis zum Nagelbett. Himmel, Catherine hätte ihn zum Mond schießen können. Besonders, da er ihr die Zunge herausstreckte, als der Vater zu George blickte, der aus dem Haus geschossen kam. Bewaffnet mit drei Fliegenruten in der prallen Hand. Die Brüder setzten wie üblich voraus, dass ihnen der Vater diesen Wunsch nicht abschlagen würde, womit sie richtig lagen. Ehe Catherine sich’s versah, schob der Vater sie von seinem Schoß, griff zur Brille auf dem Rattan-Tisch und setzte sie umständlich auf. Das silberne Gestell war verbogen, weil er sich einige Male daraufgesetzt hatte. Gottlob war das Glas nie zu Bruch gegangen, da eine Reparatur nicht billig war.
»Glaubt ihr, dass wir diesmal mehr Glück haben als letzte Woche?«, fragte der Vater augenzwinkernd und nahm die graue Anzugjacke von der abgeblätterten Sessellehne. Angeln gehörte zu seiner liebsten Beschäftigung, wozu er Sonntage wie heute nutzte.
Catherines Hand umspannte die Verandabrüstung. Sie blickte zu ihrem vierzigjährigen Vater hoch, während er die Jacke überstreifte. Liebenswürdigkeit umgab ihn. Wie einen Kamin, der Wärme verbreitete. Obwohl seine Gutmütigkeit auch Grenzen hatte. Ab und zu konnte man heiße Ohren bekommen, wenn er schimpfte. Im Gegensatz zur Mutter wurde er allerdings nur selten wütend und erhob niemals die Hand gegen seine Kinder. Meistens war er nachgiebig und verständnisvoll. Trotzdem forderte er einiges von ihnen ein. Jedes Kind erhielt mit zunehmendem Alter mehr Aufgaben.
»Nichts ist schlimmer, als unvorbereitet ins Leben geschubst zu werden«, war einer seiner Leitsätze. Meistens sagte er dies in Gegenwart ihrer Brüder, die ziemlich faul und träge waren. Ihre Figur war das beste Indiz dafür. Beide sausten pummelig durchs Leben, hatten braune Augen, fleischige Pausbacken, Sommersprossen auf den Knollennasen und feuerrotes schulterlanges Lockenhaar. Das hatten sie vom Vater geerbt, der es allerdings über die Sommermonate hinweg kurzgeschoren trug. Ansonsten war ihr Vater von großer Statur, worin Catherineihm ähnelte. Schon jetzt mit elf war sie größer als Thomas, obwohl er um ein Jahr älter war.
»Wartet hier, Jungs. Ich ziehe mich schnell um.« Der Vater wollte an den Brüdern vorbei, als er auf einmal innehielt. »Oder wie wäre es mit einer Runde Hurling?« Thomas und George maulten wie Esel, die partout nicht aus dem Stall wollten. »Beim Angeln fehlt euch die Bewegung. Ihr liegt ohnehin rum wie braches Fleisch.«
Catherine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der achtjährige George zeigte ihr die Faust. Thomas warf ihr einen grimmigen Blick zu und steckte die Hände in die Hosentaschen. Der Ausbeulung zufolge ballte auch er seine Hände.
»Hör auf, so dämlich zu grinsen, Schwester«, zischte Thomas ihr zu, als der Vater achselzuckend im Haus verschwunden war, »du Bohnenstange.«
Flugs packte Catherine ihn beim Kragen und zog ihn nahe zu sich. Er roch nach gebratenem Speck. »Hüte deine Zunge, Thomas Griffith. Ansonsten verabreiche ich dir erneut eine Tracht Prügel, dass dir Hören und Sehen vergeht.«
»Du bist nicht besser als Mutter!«
Catherines Zorn wuchs. »Im Gegensatz zu ihr habe ich wenigstens einen triftigen Grund, dir eine runterzuhauen.«
Thomas’ Augen weiteten sich. Er nahm die Hände aus den Taschen und hob sie beschwichtigend in die Höhe. »Schon gut.«
»Schon gut … was?«
»Äh, entschuldige.« Sie ließ ihren Bruder los, aber nicht aus den Augen. Mit finsterer Miene richtete er sich den ockerfarbenen Pullover, auf dem Flecken von mindestens zwei Wochen klebten. Man hätte ohne Mühe an ihnen ablesen können, was Thomas gegessen hatte. Mit der Sauberkeit hatte besonders er Probleme.
»Du hättest ein Junge werden sollen«, meldete sich Georgie mutig zu Wort, trat allerdings ein paar Schritte zurück. »Du ziehst dich nicht nur an wie einer, sondern haust auch zu wie unsereins.«
»Dass ich aussehe wie ein Junge, habe ich euch Blödmännern zu verdanken. Und was heißt: wie unsereins?«, höhnte Catherine und setzte sich in den Schaukelstuhl. »Selbst der Leprechaun ist stärker als ihr beiden zusammen, obwohl er ein Zwerg ist.«
Georgie verzog das Gesicht. »Rede nicht über ihn, sonst kann ich nicht schlafen.«
Thomas’ Ellenbogen traf ihn in die Rippen. »Glaubst du im Ernst, dass es den gibt, Bruder? Unsere blöde Schwester will dir nur Angst machen.«
»Du nimmst den Mund ziemlich voll, Thomas.« Catherines Schaukeln wurde heftiger. Ständig fühlte sie sich von ihren Brüdern provoziert. Seit jeher machten sie sich einen Spaß daraus, ihre Schwester Johanna und sie aufzuziehen. Aber Torf in den Schuhen, Ameisen im Bett oder Regenwürmer im Essen waren nichts gegen das, was sie sich vor zwei Wochen geleistet hatten: Mitten in der Nacht schnitten sie ihr das lange tizianrote Lockenhaar ab. Sie sah aus, als hätte sie ein Vogelnest auf dem Kopf, über das ein Orkan gefegt war. Ihre Mutter hatte versucht, dem Schlachtfeld Herr zu werden, gab schließlich auf und schleppte sie zum Friseur. Bei ihrem Anblick hatte Mister Doodley die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ihr anschließend einen Bubikopf verpasst.
Bubikopf! Der Name sagte alles!
Dass der Vater ihren Brüdern ordentlich die Leviten gelesen hatte – auch, weil ihr Streich ein großes Loch in sein Portemonnaie fraß – war nur ein kleiner Trost gewesen. Zum ersten Mal hatte sich Catherine mit Fäusten gegen die Brüder gewehrt und der Erfolg für sich gesprochen. Nach wie vor prangte ein markanter blauer Fleck auf Thomas’ Wange. Georgie hatte einen seiner strahlend weißen Milchzähne verloren. Natürlich war sie dafür vom Vater getadelt worden, doch das war ihr egal gewesen. Erstens hatte es gutgetan, zweitens wussten ihre Brüder seitdem, dass sie lieber einen Mindestabstand zu ihr einhalten sollten. Die Nachbarskinder würden sich vor Lachen biegen, wenn sie von der Niederlage ihrer Brüder erfuhren.
»Äh, du wirst das nicht rumerzählen, oder?«, erkundigte sich Thomas, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Vor allem Robert nicht.«
Ein Name, der Catherine mit Vorfreude erfüllte. Selbst als ihr Vater und die Brüder das Cottage verlassen hatten, war sie noch in Gedanken bei Robert. Seit Jahren kamen er und seine Eltern jeden Sommer nach Kingstown. Die Familie wohnte ansonsten im County Cork. Ihr Pa und Roberts Vater waren gemeinsam zur Schule gegangen, ehe Jeffrey der Liebe wegen fortzog. Die enge Freundschaft hielt bis heute, obwohl es Roberts Vater zu Geld und Ansehen gebracht hatte. Er besaß sogar ein nagelneues Automobil, frisch aus Amerika importiert. Zumindest hatte Robert davon in seinem letzten Brief geschrieben.
In einer Woche würde er endlich kommen. Catherine konnte es kaum erwarten. Umso mehr schob sie die Erinnerung an die letzten Monate von sich, in denen sie Robert schrecklich vermisst hatte. Obwohl sie sich oft schrieben, konnte nichts seine Gegenwart ersetzen. Wenigstens lenkten sie seine Briefe kurzzeitig ab und verdrängten die Traurigkeit, denn sie fühlte sich mit jedem Tag einsamer. Doch war das ein Wunder?
***
Am späten Nachtmittag half Catherine ihrer Mutter bei der Hausarbeit. Sie bezogen die Betten neu und wuschen Wäsche am nahen Bach. Emma und Johanna halfen mit. Neidisch schaute Catherine auf die langen blonden Haare ihrer Schwestern, die bei jeder Bewegung mit der Sonne spielten, oder umgekehrt.
Jäh stimmte ihre Mutter ein Volkslied an, in das zumindest die Schwestern fröhlich einfielen. Down By The Salley Gardens erschallte es alsbald, wobei Catherine verstohlen ihre Mutter musterte. Sie lachte zunehmend seltener, schlich still und gebeugt durch das Haus. Eine strenge Protestantin mit deutschen Wurzeln, die ihnen viele Verbote erteilte. Zart und klein, dafür umso energischer, mit weizenblondem Haar und blauen Augen. Umarmungen oder Nähe schien sie in den letzten Jahren nicht mehr ertragen zu können. Bloß die vierjährige Emma durfte manchmal auf ihren Schoß. Wenngleich nur kurz.
Was hatte ihre Mutter so verändert? Früher war sie warmherzig gewesen, hatte ihnen Geschichten vorgelesen oder mit ihnen gespielt. Aber das änderte sich von einem Tag auf den anderen. Jegliche Wärme war aus ihren Augen gewichen und oft musterte sie den Vater mit einer unbeschreiblichen Kälte. Als würde sie ihm die Schuld für etwas geben, worunter sie litt. Womit sie grollte, was sie quälte. Mit demselben Blick wurden auch die Geschwister und Catherine bestraft. Ob es an den vier Freundinnen lag, die ihre Mutter regelmäßig besuchten oder zu sich einluden? Reiche Damen, die sich alles leisten konnten. Jedes Mal kehrte ihre Mutter verstimmt heim und schwärmte tagelang von den feudalen Häusern der Frauen. Nein, eigentlich hatte ihre Stimme etwas Vorwurfsvolles, besonders in Gegenwart des Vaters. Es tat weh, wenn er nach jedem ihrer Monologe mit hängenden Schultern den Raum verließ.
»Warum hast du nicht...




